Stille Wasser sind tief

In der vergangenen Woche war ich auf einer tollen Kunstausstellung. Einer der Künstler war mein Favorit. Seine Bilder waren expressiv und eigensinnig, beeindruckend und farbenfroh. Ich stand lange davor und schaute und schaute. Das Gespräch mit dem Künstler war überraschend offen. Überraschend weil er ein Introvertierter ist, der mich nicht immer an seinem Innenleben teilhaben lässt. Aber hier, mit seiner Kunst im Rücken, begann er zu glänzen und wagte sich eine kleine Öffnung in sein schönes Wesen. Überaus bezaubernd.

Zeit, sich einmal einen introvertierten Menschen genau anzusehen.

Als der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung die Unterscheidung zwischen introvertiert und extrovertiert erstmals klinisch geprägt hat, war seine Leitfrage: Wohin geht die Energie? Zwischen Intro- und Extrovertierten lassen sich da grosse Unterschiede feststellen. Introvertierte nehmen ihre Umwelt als anstrengender wahr als Extrovertierte, weil Extrovertierte ihre Energie aus der Umwelt beziehen, vergleichbar mit Windrädern.

Introvertierte geben dagegen viel Energie in die Umwelt ab. Je mehr Stimulationen die Umwelt bietet, umso anstrengender wird es für eine introvertierte Person. Je mehr Ruhe und Sicherheit sie hat, umso besser kann sie beispielsweise kreative Arbeit erledigen. Eine extrovertierte Person ist tendenziell eher risikobereit und strebt stärker nach «Belohnung». Als Jung die Unterschiede zwischen den Menschentypen beschrieben hat, wusste man noch nichts von den physiologischen Unterschieden im Gehirn, in dem je nach Ausprägung der Persönlichkeit manche Bereiche stärker erregt werden. Dies können wir heute im Brainscan erkennen. Bei einem sicherheitsbedürftigen Menschen ist beispielsweise die Amygdala hochaktiv, der Teil des limbischen Systems, in dem die Entstehung von Angstgefühlen verankert ist.

Es handelt sich also bei Extro- und Introversion nicht um Stärken oder Schwächen, sondern um Eigenschaften, die im Gehirn codiert sind.

Bevor Jung diese Termini einführte, hatte der Psychologe William James die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen „tough-minded“ und „tender-minded“ (zähen und zarten) Menschen gelenkt – also zwischen solchen, die sich nach aussen wenden und solchen, die sich nach innen wenden. Der Extravertierte, sagt Jung, wird beherrscht, durch die Aussenwelt und die soziale Realität; der Introvertierte nähert sich der Welt in subjektiver Weise – ihm ist die Relevanz für sich selbst wichtig.

Ich kenne den introvertierten Künstler (s)ein Leben lang und habe erst spät verstanden, wie vorsichtig man mit solchen Menschen umgehen muss. Sie sind gefühlsmässig scheu und gehen schnell in den Rückzug. Ihre Distanz kann missverstanden und als kühl empfunden werden. Im Umgang mit Extravertierten (wie mir) schrecken sie schnell zurück und es wird ihnen zu viel. Wenn also der Extravertierte es nicht schafft, die feine Sprache des zarten Menschen zu verstehen, dann geht sehr viel Geschirr kaputt. Aber die gute Nachricht: Auch das nimmt der Introvertierte nicht allzu lange übel. Er zieht sich einfach wieder in sein Alleinsein und die damit einhergehende Ruhe zurück. Sie brauchen diese Zeit, um sich wieder aufzutanken und in den eigenen stillen Kern zurück zu kehren. Erst dann ist die nächste Bewegung nach aussen möglich.

In einer Kunstausstellung kann man dann den ganzen Schatz sehen, der da verborgen liegt: Eine reiche Innenwelt, Phantasie, Spürsinn, Tiefe und – Schönheit.

Ach, hatte ich erwähnt dass der Künstler mein Sohn ist?

Und ich bin seine Glücksschwein-Mama.

Da, wo man das Leben spüren kann, da ist es auch: C’est la vie.

Herbstzeit

In den vergangenen Tagen ist es auf einmal blitzartig Herbst geworden. Die Blätter fielen in riesigen Mengen von den Bäumen, der Himmel verfärbt sich zweimal täglich in den wunderschönsten Farben und es duftet nach Erde, Nebel, Laub und Kastanienfeuern.
Niemand hat den Herbst so stimmungsvoll verdichtet wie Rainer Maria Rilke.

Im „Buch der Bilder“ beschreibt er:


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Magst Du das – das Loslassen? Lässt Du gut los?

Oder hältst Du fest? Tut es Dir gut, Dingen, Situationen, alten Ideen und Plänen einen Platz einzuräumen, den sie behalten dürfen?

Ich habe immer wieder in diesem Blog geschrieben, wie gut es tut, Dinge loszulassen, wenn man zu viele davon hat. Und dann sehe ich, dass es auch ein paar Dinge gibt, die ich nicht loslassen kann oder will. Allen voran mein Auto, zu dem ich schon immer eine emotionale Bindung habe. Als ich einmal einen Monat einen Führerschein Entzug hatte habe ich mich jeden Tag in mein Auto gesetzt und bin nicht gefahren, habe aber im Auto gesessen und genossen, das ich es habe. Auto ist und war – Freiheit.

Vielleicht ist es leichter loszulassen, wenn man dem, was man hat, ein Thema geben kann. Und vorher bestimmt, welches Thema wir beschützen möchten. Und dann fragt man sich: Dient das — meiner Liebe, meiner Freiheit, meiner Leidenschaft, meinem Genuss, meiner Lebensfreude, meiner süssen Erinnerung an glückliche Tage? Wenn es so ist: Behalten. Wenn ein Ding kein Thema hat, dann leichten Herzens eine sanfte Trennung aussprechen. Weitergeben oder entsorgen. Sich er-leichtern. Neuen Raum gewinnen.

Gestern haben eine Freundin und ich ein paar Dinge geräumt. Es ging nicht um viel, wir baden beide nicht in einer Fülle von Sachen. Ich beobachtete sie, wie sie ihre Gewürze und Lebensmittelvorräte aufräumte und dabei murmelte: Davon habe ich viel zu viel, das mag ich eigentlich gar nicht so gern, das verwende ich eigentlich nie. Ich konnte sehen wie sie losliess. Der Abfallsack war nachher tonnenschwer, auch von meinen Sachen. Aber wie schön, dass nachher wieder ein bisschen mehr Raum entstand!

Nicht (mehr) festhalten ist fein.

Und festhalten ist auch fein. In meinem Fall: Ich habe jemandem seine Hände fest gehalten. Weil er Schmerz fühlte und ich ihm sagen wollte: Ich bin hier. Ich bin bei Dir. Ich fühle mit Dir. Ich gebe dir meine Hand. Ich lasse Dich nicht los. Ich bleibe mit Dir in diesem Moment.

Oder auch: Sich lange umarmen. Nicht nur drück drück schnell schnell. Sich Zeit lassen für einen oder mehrere gemeinsame Atemzüge. Zeigen: Ich bin da. Immer noch hier. Bei Dir. Weil es gerade gut ist. So lange, bis wir uns wieder loslassen aber immer noch die gemeinsame Wärme spüren. Die bleibt, auch nicht physisch. Eine schöne Erinnerung, die kein Festhalten braucht.

Alles zu seiner Zeit.

Der Herbst hat wunderschöne Farben, Düfte, Rituale, goldenes Licht, Einkehr und auch eine gewisse Eindringlichkeit. Wie wunderbar, wenn sich unser Leben wieder nach innen lenkt. Natürlich birgt das eine gewisse Melancholie. Aber auch: Schönheit. Wenn wir im Aussen loslassen können und im Innen die reiche Ernte geniessen dürfen. Das volle Herz, mit Erinnerungen und Schätzen angefüllt, ausgefüllt mit dem, um was es wirklich geht.

Magst Du mit mir feiern? Den Herbst?

Bist Du bereit, mutig loszulassen was Dir nicht mehr gut tut? Und gleichzeitig zu feiern, was Du behalten willst und kannst?

Lass Dich verzaubern. Auch nochmals von Rilke.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Aus: Das Buch der Bilder, Rilke

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

Das Ende der Welt

In der vergangenen, wunderschönen Woche habe ich meinen grossartigen Adler von Jersey verabschiedet und den Tag darauf meine Siebensachen gepackt und das Schiff nach St.Malo genommen. Nach einer herrlichen stürmischen Atlantiknacht bin ich am nächsten Tag in die Finistère gefahren. Es liegt im Nordwesten des Landes in der Bretagne und ist das westlichste kontinentale Département Frankreichs.

Ich hatte mir für drei freie Tage einen Ort ausgewählt, an den ich schon lange reisen wollte, den ich auf der Karte und in meinem Reiseführer schon studiert hatte und von dem ich glaubte, es müsse ein herrlicher Ort sein. Nach einer kurzen regnerischen Anreise landete ich schliesslich in einer etwas grauen Hafenstadt, die sich mittelalterlich und eng, düster und verwinkelt präsentierte. Als ich das Auto am Hafen abstellte spürte ich – nichts. Die sonst so liebliche Atmosphäre der Bretagne entfaltete sich nicht. Es roch nicht gut. Mein Blick fiel auf nichts, was ich sehen wollte. Ich lief ein bisschen durch die Gassen, schaute hier und da hin, ver-suchte den Zauber zu finden, den ich erwartet hatte.

Ich bin nicht nur ein Glücksschwein, sondern durchaus auch ein Trüffelschwein. Ich finde immer etwas Kostbares, wenn ich mich darauf einstelle. Und doch fand ich dann in dieser kleinen Stadt, die mit ihren engen und pittoresken Gassen den Flair des 19.Jahrhunderts spiegelt – nichts! das mein Herz begehrte. In einer der vielen kleine Crêperien ass ich eine Galette mit ganz besonderen Zwiebeln aus diesem Ort. Lecker, aber leider konnte das meine Enttäuschung über den Ort nicht gut machen.

Ich schlenderte in den Hafen, noch immer auf der Suche nach etwas. Dort kam ich mit einem Fischer ins Gespräch, der gerade seine gewaltigen Netze auseinander knüpfte und mir erzählte, wie man mit Schleppleinen den weissen Thunfisch fängt, den es nur in der Bretagne gibt. Mein Blick fiel auf die Netze, auf Leinen und Seile und Taue und in weisse Plastikwannen. Ich musste weiter.

Nach zwei Stunden wusste ich, dass dies nicht der Ort ist, an dem ich eine längere Zeit verweilen könnte. Ich fühlte mich dort gefangen, wie einer der Thunfische, verloren in einer Zeit, die ich nicht mochte und in einer Enge, die ich nicht ertrage.
Gleich am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg in die nächsten Buchten. Richtung Brest sollte es gehen, immer dem Meer – oder der Nase – entlang. Ich fuhr erst mit dem Navi, aber irgendwann ging es nicht mehr weiter, viele Strassen waren gesperrt, das Ding „Route barrée“, das mir schon im Frühling so viele Wege versperrt hatte, begegnete mir wieder. Die Umleitungen in Frankreich sind äusserst verwirrend und nicht selten landet man schliesslich im Nirgendwo. Ich musste schmunzeln und liess mich vom Gefühl leiten.

Wie ich dort hinkam, wo es mich hinleitete, weiss ich nicht mehr. Aber schliesslich fand ich einen grossen Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Ein ganz und gar unspektakulärer Ort. Aber: ich sah einen dieser typischen Dünenzugänge ans Meer. Folgte den vielen Spuren von Menschen und Hunden. Kam über eine kleine Dünenlandschaft und – da war es: Mein Schatz.

Vor mir eröffnete sich ein wunderschöner Strand. Die Sonne brach gerade durch die dichten Wolken und die Flut donnerte schon heran. Überall blau-blau-blau in unendlich vielen Nuancen. Und dazu die Wolkenbilder und Sonnenspiegelungen in den spiegelglatten Flächen am Strand. Ein Bild wie gemalt. Das Licht! Das Licht! Genau so kenne ich die Bretagne. Bezaubernd. Wunderschön! Einzigartig! Traumhaft! Der Atlantik! Wild und eigensinnig, stark und zauberhaft.

Ich war sehr lange an dem Strand. Faltete meinen Klappstuhl auf und sass dort stundenlang und schaute und schaute. Jedes Zeitgefühl ging verloren. Ich konnte eintauchen und da-sein und ankommen und atmen. Unbeschreiblich. Mich satt sehen, mich visuell betrinken an diesem wunderschönen Ort. Und ja, die Bretonen! Sie gingen einzeln und zusammen spazieren, mit Hunden und Freunden und sie plauderten und viele sprachen mich auch an. Ein fantastischer, ein glücklicher Tag. Ich wurde sehr sehr reich beschenkt.

In diesem Blog möchte ich vor allem Bilder sprechen lassen, weil es nicht möglich ist, die richtigen Worte zu finden für meinen Ort in der Finistère. Übersetzt: Fisterra (galic.), abgeleitet von lat. finis terrae (‚Ende der Welt/des Festlandes‘), also: Das Ende der Welt.

Der allerschönste Tag am allerschönsten Ort für mich. Das Trüffelschwein war mal wieder ganz in seinem (ganz eigenen) Element.

Ach, und dann wäre ja noch: Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!

Der Schöne und das Glück

Vor vielen Jahren hatte ich diesen herrlichen Mann bei mir im Coaching, der mit Nachnamen „Schön“ hiess. Und er war tatsächlich auch eine Augenweide. Zudem sehr sehr klug, ein Doktor der Experimentalphysik. Auf den ersten Blick hatte er alles, was ein Herz begehren kann. Ich blickte ihm gerne in sein schönes Gesicht, beobachtete seine geschmeidige Körpersprache und mochte seine absolut umwerfend geschliffene und wohl klingende Wortwahl.

Nur, dem Herrn Schön waren seine Gefühle abhanden gekommen. Er hatte sie mit dem Streben nach oben verwechselt. Mit viel Fleiss und Aufwand hatte er seinen nimmermüden Geist gefüttert, sich in die schwindelnden Höhen der Intelligenz entwickelt und – ja, perfektioniert. Keine Frage, dass es ein grosses Vergnügen war, mit ihm zu arbeiten. Aber – er fühlte nichts, so sagte er es mir.

Ich erinnere mich, dass unser erstes Gespräch zum Anfang des Winters stattfand. Es hatte eine kleine Lage pudrigen Schnee auf den Wegen, als ich mit ihm über eine Halbinsel lief, um seinen Coachingwünschen auf den Grund zu kommen. Irgendwann war es etwas steil und ich trug wie immer mein Markenzeichen, spiegelglatte Sneaker. Ich bat ihn, mich an ihm festhalten zu dürfen, hakte mich bei ihm unter und wir schlitterten gemeinsam nach unten. Noch nie hatte ich mich bei jemandem festgehalten, der so stocksteif und unberührbar war.

Im Laufe seines sehr herausfordernden Coachings habe ich ihn genau da gepackt: An seiner Unberührbarkeit. Einmal nahm ich die Bandagen meines Pferdes mit und band zwei unserer Beine aneinander. So mussten wir dreibeinig durch den Wald laufen. Ich übergab ihm die Verantwortung, dass wir nicht zu Boden gingen. Er versuchte es mit militärischen Befehlen, mit einem angeleiteten Marsch. Schon bald brach er in Schweiss aus. Denn: Es ging einfach nicht, ohne sich den Oberkörper zu stabilisieren indem man sich umarmt. Ein riesiger Stress für ihn.

Irgendwie erkannte ich intuitiv, dass er mehr von diesem Stress brauchte, er musste aus seiner Komfortzone heraus. Ich gab ihm viele unglaublich peinliche Herausforderungen zu meistern. Zusammen laut singen in einem offenen Auto, auf einem Hügel sitzen und Töne machen, sich breitbeinig auseinander stellen und anschreien. Ich engagierte eine liebe schauspielernde Freundin, die er küssen sollte, er musste mit einer wildfremden Person in der „Blinden Kuh“ (einem Restaurant, das in totaler Dunkelheit von blinden Menschen serviert wird) essen gehen und Körpersprache anwenden. Er liess sich ein. Stück für Stück brachte ich seine mentale Intelligenz, von der er so reich beschenkt worden war, zum Schweigen. Es gab Raum. Er taute auf. Das Ganze gipfelte darin, dass ich ihn zu einem Abendessen zu mir einlud, bei dem mein Herzensbruder Georg seine wunderschöne Harfe spielte.

Georgs Harfe (Google: Georg Baum) und sein feines Spiel bringt selbst Steine zum Weinen und so passierte es auch mit meinem schönen Coachee. Nach nur wenigen Tönen brach er fast in Tränen aus. Sein so mühsam zugemauertes Herz konnte den vielen Rissen, die es im Coaching schon bekommen hatte, nicht mehr stand halten und seine Gefühle brachen aus ihm heraus.

Leonard Cohen singt: „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack, a crack in everything. That’s were the light gets in“

und diesen Songtext habe ich auch in den letzten Tagen hier auf Jersey, bei meinem allerletzten, wunderschönen Adler, wieder gebraucht. Auch sein Herz: Tonnenschwer und verklebt von dem Versuch, das perfekte Leben, den Plänen über seine Laufbahn, seiner Idee, wie man(n) zu sein hat zu folgen. Und dabei hatte er diese Pläne nicht einmal selbst gemacht. Es wurde von ihm erwartet, wie er zu sein hat. Und er wurde demoralisiert, seine eigenen Ambitionen und Gefühlen keinen Raum geschenkt, er wurde zu vielem gezwungen, die Schule, die Uni, die Gesellschaft hatten ihn immer mehr in einen Concon gezwungen, in dem es keinen Platz für Feinheit mehr geben durfte. Das Herz – von ihm auf Leben und Tod beschützt – verhungerte allmählich.

Warum hatten der kluge Herr Schön und der schöne Eliteadler sich so sehr auf ihren scharfen Verstand verlassen? Weil Fühlen lebensgefährlich erscheint in einer Welt, die von uns Haltung verlangt, Ratio, Gehorchen, Mitspielen und Anpassung.

Wie glücklich bin ich, wenn ich jetzt zurück denke an den Herrn Schön, der lieben konnte, als sein Herz „gecrackt“ war. An den älteren Holländer, der vor vielen Jahren bei mir war und seine Liebe frei äussern lernte, an die wunderbare Frau, die hier ihre lebenslange Kontrolle in Flammen aufgehen liess und ihre Arme öffnete um das Leben zu umarmen.

Und jetzt, der grossartige Adler mit dem feinen Herz, der sich öffnen, öffnen und öffnen kann, wenn er auf dieses edle Herz hört und sich der Welt schenkt, statt nur seinen Verstand zu servieren.

Ich bin reich beschenkt worden in den vielen Coachingjahren. Mit Geschichten, mit Durchbrüchen uns Ausbrüchen und Aufbrüchen, mit Entfaltungen und Entwicklungen und Menschen, die sich mir vertrauensvoll öffnen konnten um sich dann den schönsten Seiten der Welt zu widmen. Was für ein Geschenk!

So viele haben ihr Glück gefunden, die meisten hier auf Jersey, wenn sie die Arme öffneten und frei flogen, sich fallen liessen in die Gefühle und das wirkliche, echte Leben. Und wie sehr habe ich mit ihnen gelitten, wenn der starke Verstand sie nicht aus dem eisernen Griff lassen wollte. Wie sehr habe ich mit ihnen gejubelt und gefeiert, wenn die verrostete und tonnenschwere Herzenstür sich öffnete und sie das Leben endlich, endlich – lieben und umarmen konnten.

Was für ein unglaubliches Geschenk, dass ich das initiieren, begleiten, provozieren und herauslocken durfte.

Ich muss ein Glücksschwein sein! Und diese fantastischen Menschen auch.

Heute darf ich Dich mal wieder fragen:

Öffnest Du Dein Herz jeden Tag? Liebst Du das Leben? Bist Du bereit, Dein Bestes zu geben? Schenkst Du Dich?

Darum – und nur darum geht es.

Denn: Da, wo Du das Leben fühlen kannst, da ist es auch.

C’est la vie!

Royal Eagle

In der vergangenen Woche kam eine wahrlich royale Adlerin zu mir nach Jersey. Gleich zu Beginn des Coachings sagte sie mir, sie wisse gar nicht so recht, um was es geht. Von den Adlern hatte sie gar keine Ahnung. Sie hatte schlichtweg niemals meine Homepage gelesen und sich auch bei mir nicht erkundigt, welche Inhalte das Coaching hat. Sie war einfach bereits so beflügelt nach dem Phönix Prozess, dass sie weiter wollte. Die Masterclass war schon das Mindeste, was sie absolvieren wollte.

Dabei war sie mitnichten eine Streberin im klassischen Sinne. Das Wort „Streberin“ hatte sie als Kind oft gehört. Es bezeichnet einen Menschen, der zielstrebig und angeblich „zu viel“ nach Erfolg und Anerkennung in seiner Laufbahn „strebt“. In den asiatischen Ländern heissen diese Menschen einfach „Bücherwürmer“. Warum ist das so negativ behaftet? Warum ist es gesellschaftlich fragwürdig, wenn ein Mensch strebt?

Ich muss schmunzeln. Was ist denn aus denen geworden, die nicht gestrebt haben? Die, sie im Stillstand blieben und sich nicht weiter entwickelten, die, die meinten das reicht schon so, es braucht ja nicht jeder eine Extrameile laufen? Nun, die Antwort kannst Du Dir selber geben.

Ent-wicklung ist ein sehr wichtiger Akt. Man muss sich ent-wickeln, die schützende Hülle abarbeiten und zu seinem innersten Kern eindringen. Damit man irgendwann das Juwel offenbaren kann, das man ist – ohne Masken, ohne Konditionierungen und ohne oft zweifelhafte Muster, werden kann.

Werde, der Du bist.

Ein Titel vieler Bücher und Coachingleitlinien. Und so wahr.

In uns allen steckt ein ganz und gar wertvoller Kern. Etwas, das einzigartig ist. Etwas, das nur Dir gehört, das nur Du kannst, das nur Du bist.
In den letzten Jahren habe ich auf Jersey so viel innere Schönheit gesehen, dass ich bisweilen ganz betrunken davon war. Was hat sich mir alles offenbart. Wie sehr habe ich gejubelt mit jedem einzelnen Coachee, der hier war und sich ent-wickelt hat, um schliesslich ganz bei sich, ganz in seinem eigenen Glanz, ganz in seiner eigenen grossartigen, intimen Wahrheit zu sein.

Unvergesslich mein Südtiroler Adler, der hier seine ersten Schreie in das eigene Leben gemacht hat. Wild entschlossen, sich der Welt zu zeigen wie er wirklich ist. Oder die wunderbare Frau aus Bayern, die radikal eine schützende Hülle, ihr Schicksal abgelegt hat – sie hat es beendet, das Leid, das sonst noch ewig nachgehallt hätte. Ist aufgebrochen in ein freies und selbstbestimmtes Leben, hat sich der Sonne zugewandt…

So viele Adler waren es hier, so viele Geschichten, so viele Menschen, die sich mir anvertraut haben, die mit dem einzigartigen Flow der Insel gingen, die sich einlassen konnten und wollten auf einen radikalen und mutigen Prozess. Ich bin reich beschenkt worden, weil ich Zeugin sein durfte bei

Ent – wicklungen

und Neugeburten und Neubeginnen. Beim Umkehren und Kreieren, beim Schreien und Lachen und Weinen und dem ganz grossen Sprung in eine innere Freiheit. Mein Herz ist voll mit Dankbarkeit und Glück.

Auch für diese royale und goldene Adlerin, die letzte Woche hier ihren Abflug gemacht hat. Sie, die gar nicht wusste, auf was sie sich einliess. Und doch intuitiv wusste, dass das wertvoll werden würde. Vom ersten Tag an hat sie ihre schönen Augen aufgerissen und alles aufgenommen und absorbiert.

Sie ist gesprungen, getanzt, gerannt, sie hat sich und den Prozess gefeiert, bei beinahe 80 km/h dem Wind entgegen gestemmt und der Flut zu gejubelt. Ist mit mir in den eiskalten Ozean gesprungen, hat sich eingelassen und hingegeben.

Schliesslich stand sie auf der Absprungklippe. Über 60 Meter hoch ragen hier die Felsen der Insel aus dem wilden Atlantik. Sie hat sich aufgerichtet und der Welt gezeigt, dass ab sofort mit ihr gerechnet werden muss.


Sie war meine „Royal Eagle“ Expertin. Diese spezielle Adlerart hat einen goldenen (Feder) Ring um ihren Hals. Weil sie eben schon immer royal, erhaben, goldig und majestätisch sind. Die Royalen müssen sich nicht anstrengen, sondern nur zeigen. Jede(r) weiss dass mit ihnen zu rechnen ist. Jede(r) sieht ihren Glanz.

Ihre Freundin hat mir geschrieben, sie glaube, diese schöne Adlerin würde am höchsten fliegen. Aber das wird sie nicht. Sie wird mit allen anderen Adlern hier über der kleinen Insel im grossen Meer fliegen. Sich zeigen. Sich ausbreiten und ihren Raum einnehmen. Und uns anderen zulächeln. Eine eingeschworene Gemeinschaft von Menschen, die sich wagen nackt und echt zu sein. Und ihr Herz sprechen zu lassen.

Ach. Hatte ich erwähnt? Einer kommt noch.

Man sagt ja so schön: Das Beste kommt zum Schluss.

Ich bin gespannt, was sich da ent-wickelt.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich nicht nur eine Adlerin, sondern auch ein Glücksschwein bin?

Da, wo Du, (wo Ihr), das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la Vie!

Wenn der Wind sich dreht…

In der vergangenen Woche hatte ich eine sehr schöne zarte Frau im Coaching bei mir auf Jersey. Jeder Coachee bekommt von mir eine Hymne, einen Song, der ihn an die Zeit im Adlercoaching erinnern soll. So auch diese Elfe. Sie bekam einen Song von Rosenstolz, indem es heisst:

„Weil der Wind sich jetzt dreht * Es wird ein stürmischer Tag * Unser Leben wird wahr“

Stürmisch war es in meiner Coachee’s Seele. Es galt, alte Muster loszulassen und sich dazu zu entscheiden, vollkommen aus dem Herz authentisch zu leben. Gar nicht so einfach, wenn sich Rollenbilder und Gewohnheiten über Jahrzehnte eingebrannt haben. Wir alle verstecken unsere schönste Version von uns selbst mitunter in Schutzstrategien, um nicht verwundbar zu sein.

Authentisches Leben ist nicht einfach. Viel zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, ein Spiel zu spielen, um etwas zu bekommen. Wir haben alle gelernt uns anzupassen, mitunter sogar über-anzupassen, um zu gefallen, Anerkennung, Liebe und Respekt zu bekommen. Und dann gibt es natürlich auch noch unsere Widerstände, die aus Angst, Ausflüchten und Frustration entstehen.

Ganz schön anstrengend, dieses innere „Schauspiel“ aus Ausweichen und sich verstellen, um nur nicht angreifbar zu sein. Und leider verlieren wir uns in diesen Strategien zunehmend und werden immer weniger echt.

Das geschieht absolut nicht aus freiem Willen, es ist die Umgebung, unsere Erziehung, die Gesellschaft, die uns zwingt, Rollen einzunehmen und uns so zu benehmen, wie es von uns erwartet wird. Und viele von uns fallen auch in die „Opferrolle“ statt das eigene Leben fest in die eigenen Hände zu nehmen und nach dem Herzen zu gestalten.

Wie wunderbar wäre es, wenn wir uns wieder auf menschlicher Ebene begegnen könnten und unsere innere Schönheit zeigen könnten. Das macht uns letztlich doch wirklich aus. Der Mensch ist vom Kern her im Grunde ein schönes, feines Wesen. Mit einem liebenden Herz. Mit einer echten Seele. In naher Zukunft wird uns dieses „unschuldige Menschsein“ irgendwann noch von der künstlichen Intelligenz unterscheiden.

Einer der Wege, wie man zu sich selbst zurück finden kann, ist, den Lärm auszuschalten, der in unserem Kopf statt findet. Nicht mehr der Stimme des Verstands – und schon gar nicht den Stimmen der anderen – zu lauschen, sondern sich zu fragen: Was fühle ich jetzt? Wie fühle ich mich gerade? Was sagt mein Herz? Was sagt mein Bauchgefühl?

Bezaubernd, wenn man dann sehen kann, was geschieht: Kommen wir ins Gefühl, dann treffen sich manche Entscheidungen ganz leicht. Und plötzlich wird alles ganz schwerelos, ganz echt, liebevoll und ganz ehrlich

Also los, sprechen wir doch mehr über unsere Gefühle. Lassen wir unsere Umgebung teilhaben an dem, was sich in uns regt. Das heisst keineswegs, dass alles rosarot und friedlich wird. Wenn wir uns überwältigt fühlen, dürfen wir uns auch einmal zurückziehen und neu sortieren. Oder einem Zustand ein Ende setzen, weil es uns nicht (mehr) gut tut.

Aber wir könnten auch einem anderen sagen, was er/sie uns bedeutet. Und wertschätzen was und wer uns gut tut. Dankbarkeit zeigen und ausdrücken. Öfters jemanden anlächeln, etwas Freundliches schenken, aus dem Herzen direkt mit-teilen was gerade schön ist.

Es gibt keinen Grund sich zu verstecken oder in einen Panzer aus Härte und Abweisung zu gehen. Das Leben ist gut! Es IST GUT. Fühle das, nimm Dir Zeit, in Dich zu gehen, bevor Du handelst, sprichst, in die Welt gehst. Mit dieser Haltung wirst Du ganz von alleine schon weich. Und wir sind alle weich und anschmiegsam, wohlwollend und freundlich, ganz tief im Inneren.

Schau Dich um: Wer umgibt Dich? Was umgibt Dich? Kannst Du mit Deinem feinen und empfindsamen Herz in die Welt gehen? Bei Dir selbst in Frieden bleiben?

Wenn es nicht geht, dann ist es der falsche Weg.

Wenn Menschen Dich umgeben, wo Du lieben kannst – dann ist es der richtige Weg.

Dann ist das Leben wahr. Dann kannst Du Dich in Deine Authentizität ausruhen. Keine Spiele mehr, kein Ablenken, kein Taxieren – einfach wahr sein. Dann kann das Leben wahr sein, dann bist Du authentisch.

So einfach, so klar.

Der Wind dreht sich. Der Herbst kommt, die Stürme, der lange dunkel Winter.

Lasst uns zusammen rücken.


Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la Vie.

Aufbruch

In den vergangenen Tagen habe ich von allen Seiten und auch aus mir heraus das Thema Abschied und Neubeginn erlebt. Es ist eine Umbruch- und Aufbruchszeit und ich sehe einmal mehr, wie schwer es ist, gewohntes Terrain zu verlassen und einen grossen Schritt in eine neue Welt zu machen. Das vermeintlich Sichere zu verlassen ist ein grosses Wagnis.

Unsere Gewohnheiten sind es, die uns mitunter (fest)halten. Und sie fühlen sich geborgen an, wir sind verankert. Wir bewegen uns alle in Rollen oder Positionen, die wir uns einmal erschaffen haben. Diese Haut abzustreifen bedeutet letztlich, wieder nackt und verwundbar zu sein. Die meisten Menschen versuchen das unter allen Umständen zu vermeiden. Ich habe das auch lange getan.

Was wird das Neue bringen? Werden wir da glücklicher sein? Wird es hoffentlich besser sein? Was wird es mit mir machen?

Ich habe dieses Zitat von C.G. Jung schon öfters erwähnt und einmal mehr trifft es den Punkt:

„Wenn man einmal den Ruf seines Herzens gehört hat, dann kann man nicht anders, dann muss man ihm gehorchen.“

Ja, aber wie schwer ist es oft, das zu tun. Die Umgebung will uns nicht hergeben, wir sind auch im Leben von anderen eine „sichere Nummer“. Wenn wir unsere Rolle eingenommen haben, dann sind wir immer auch im Leben anderer eine Sicherheit, ein Garant für Glück, Wärme und Geborgenheit.

Loslassen war für mich persönlich nie besonders schwer. Aber weg gehen… Und etwas, jemanden, verlassen, sich anderen entziehen das war schwer, sehr oft.

Ein Neuanfang ist immer auch eine Ent-scheidung. Wir verlassen, müssen etwas verlassen um an einen neuen Punkt zu kommen. Dieser Schritt hinaus in eine neue Welt ist unumstösslich und die Wenn’s und Aber’s von unserem sicherheitsliebenden Kopf und den Menschen, die uns vertrauen und vertraut sind, sind schmerzhaft und laut.

In der vergangenen Woche also spüre ich die Melancholie des Abschieds. Plötzlich gibt es Dinge, die man jetzt „ein letztes Mal“ macht, man plant vielleicht Abschiedsbesuche und entfernt sich jeden Tag ein bisschen mehr.

Was ich oft höre: Ich werde Dich vermissen.

Aber – wir gehen ja nicht ganz. Nur einen neuen Weg. Nur ein anderes Kapitel wird geschrieben. Nur eine andere Sicht, eine neue Perspektive wird sich eröffnen.

Was mich dann tröstet: Alle meine engsten Freunde sind schon jahrzehntelang an meiner Seite, egal wo ich gerade bin, was ich gerade tue. Ein paar kleine Ankerpunkte gibt es ja und die Flügel sind trotzdem offen. Man muss sich dem Leben (noch mal) anvertrauen.

Wie schön ist da das Bild des Adlers, um es wieder einmal zu erwähnen. Wenn Aufwind herrscht (in diesem Sinne unsere innere Sehnsucht, die uns zum Absprung gebracht hat) dann lässt sich der Adler scheinbar ins Nichts fallen. Aber: Er hat einen Aufwind gesehen. Er geht zwar in den freien Fall, fällt aber auch in eine grosse Kraft, in den Aufwind/Wirbel, die ihn anstrengungslos nach oben tragen wird. Jetzt muss der Adler nur noch die Flügel stellen und die Kapriolen werden ihn nach oben tragen. Die Sehnsucht des Adlers trägt ihn schliesslich dahin, wohin er wollte: In den weiten freien Himmel. Schon bald hat er den sicheren Boden verlassen und alles Vertraute sieht er aus weiter Ferne.

Was werden wir finden im Neuen?

Vielleicht wieder etwas, das immer da ist, so lange wir leben: Uns selbst.

Also auf, also los. Alles im Leben ist ein Geschenk. Das Leben selbst ist ein Geschenk. Freuen wir uns auf Abenteuer, die gelebt werden können.

Da, wo Du das Leben spüren kannst (und das pochende Herz) – da ist es auch. C’est la vie!

Beseelt

In der vergangenen Woche hatte ich eine wunderschöne Begegnung mit einem Freund aus Jugendtagen, den ich für einige Jahrzehnte ein bisschen aus meiner Nähe verloren hatte. Es war auf eine bezaubernde Art schön, sich jetzt mit Falten und reifem Aussehen wieder zu sehen. Es war nichts verloren gegangen von dem jungen Menschen, der in meiner Erinnerung war. Sein Gang war der selbe, die Gestik, seine Aufmerksamkeit und sein ganzes schönes Wesen.

Vor allem aber: Höchst erstaunlich… wir konnten wieder anknüpfen da, wo wir damals waren – und besser noch: Es war tiefer, berührender, wie wir ohne irgendwelche Umwege in ein tiefes Gespräch fanden.

Im Nachgang habe ich die Wärme noch lange gespürt, die unsere Verbindung von damals in unser heutiges Zusammensein hinein weben konnte. Wie wertvoll!

Das ist wohl das Schönste am Älterwerden: Die Früchte von dem zu sehen, was aus den Dingen, den Verbindungen, den Freundschaften, den Inspirationen von damals gewachsen ist. Im Laufe des Lebens geht ja manches verloren. Auch unsere Ambitionen, unsere unumstösslichen Wahrheiten, die Ziele die wir einst verfolgten und die irgendwann unwichtig wurden.

Ich muss ein bisschen schmunzeln wenn ich an mein altes Ich denke. Ich war super revolutionär und gierig auf das Leben jenseits der Gewöhnlichkeit. Das führte mich in viele Kapriolen. Und nicht alle waren durchdacht und klug gewählt. Ich erinnere mich jetzt kichernd an meine Sammlung von Mercedes Sternen, die ich in einer Schuhschachtel unter meinem Bett hatte. Eines Tages stiess mein Stiefvater, ein Polizist, mit dem Fuss daran. Es schepperte und es offenbarte sich meine „dark side of the moon“. Niemand hatte mir das zugetraut. Für mich war es immer leicht über jede Grenze, auch die des Anstands zu gehen. Was war ich nur für ein wildes Ding. Ohne Ahnung davon, was wild überhaupt bedeuten konnte.

Heute gibt es diesen Satz über mein Coaching:

Das Gegenteil von wild ist nicht kultiviert. Es ist gefesselt.

Denke ich nun also an die Begegnung mit meinem lieben Freund aus alten Tagen dann sehe ich vor allem das: Dass wir nicht mehr gefesselt sind, sondern einfach und und real, ungeschminkt und pur über das sprechen können, was in uns gereift ist. Dass vieles natürlich und klar ist, dass wir nicht mehr spielen müssen, keine Masken tragen, dass wir befreit sind von alten Bildern und Vor-stellungen. Dass Gesten und Augen-Blicke intuitiv und nah sind, ohne Zurück-Haltung und ohne Plan, was damit erreicht werden soll.

Ach, es ist schön und echt und wertvoll, jenseits aller Masken, einfach DA zu sein wo wir sind und die Zeit zu erleben, abzutauchen und anzukommen.

Nach unserer Begegnung schrieb er mir, er sei noch immer beseelt von unserem Wiedersehen.

Wie wunderbar, wenn zwei Menschen einander in der Seele begegnen können.

Sich einem anderen ausschütten, bis eine Insel entsteht – das wäre der Boden zum Stehen.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. C’est la vie.

Glücksschwein

Ich sage ja gerne, dass ich ein Glücksschwein bin. Einfach, weil ich es bin.

Es ist ganz und gar nicht so, dass mir etwas in den Schoss gefallen wäre. Ganz im Gegenteil, meine Kindheit, Jugend und auch grosse Teile des Erwachsenenlebens waren überaus herausfordernd. Es gab sehr viel Anstrengung und auch die ein oder andere negative Kapriole in meinem Leben, Verluste und Gewalt. Scheitern und Fehlentscheidungen und auch Sachen, die ich bereue. Aber: Hey! Ich bin ein Glücksschwein! Vielleicht auch ein Trüffelschwein!

Weil: Glück ist etwas, zu dem man sich entscheiden muss.

Ja, genau. So einfach. So schwer.

Vor zwei Jahren war eine supertolle Frau in meinem Coaching, die in einem mentalen Zusammenhang den Satz „Ich bin ein Glücksschwein“ generierte. Und sie konnte das fast nicht aushalten. Weil: Sie hatte doch so hart gearbeitet für ihre Karriere. Für ihre akademischen Würden. Für ihr Leben. Aber, einfach so sagen, dass sie Glück hatte? Das schien ihr zu leicht, zu einfach und sie wollte sich ja nichts darauf einbilden, dass das Schicksal es gut mit ihr gemeint hatte. Es brauchte sehr viel Überzeugungsarbeit, bis sie den Satz für ihr Leben feiern konnte. Ab da – ging es unheimlich leicht und sie genoss es gewaltig.

Was braucht es denn, dass man ein Glücksschwein ist?

Zuallererst wohl einmal die klare Sicht, mit was man alles Pluspunkte sammeln kann.

Bist Du gesund? Physisch, psychisch?

Hast Du (noch) alle Gliedmassen?

Kannst Du Dich uneingeschränkt bewegen?

Hast Du einen klaren Kopf, der Dich Dinge erkennen lässt?

Kannst Du Dich aus – drücken?

Durftest Du selbst wählen was Du mit Deinem Leben tust?

Hast Du Dich beruflich in Deine gewünschte Richtung bewegt?

Lebst Du an einem Ort, der Dir gefällt?

Kannst Du wählen was Du isst, wie Du Dich kleidest, welche Dinge Du besitzt?

Geniesst Du politische, kulturelle, religiöse Freiheit?

Bist Du emotional verbunden mit lieben Menschen, vielleicht sogar einem Liebsten?

Wolltest Du Kinder bekommen und sie sind Dir eine Freude?

Bist Du zufrieden mit Deinem Umfeld, der Umgebung, in der Du Dich befindest?

Kannst Du wachsen, da, wo Du bist?

Hast Du Geschenke des Lebens erhalten?

Hattest Du Chancen, die Du genutzt hast?

Siehst Du Schönheit?

Umarmt Dich jemand? Fühlst Du Dich geborgen?

Geniesst Du etwas für Dein ästhetisches Auge?

Hast Du gute Filme, Bücher, Inspiration, Kunst um Dich herum?

Hast Du eine Leidenschaft, die Du auslebst?


Hast Du ein schönes Leben kre-iert?

Lachst und lächelst Du jetzt?

Glück ist vor allem eine Entscheidung. Es hat nichts mit Geld zu tun, kann aber auch durch Geld bereichert werden. Aber hey, wieviele unglücklich reiche Menschen hast Du schon getroffen?

Und wieviel glückliche? Hält es sich die Waage oder kannst Du erkennen, was die Glücklichen glücklich und die Unglücklichen unglücklich gemacht hat?

Im Laufe der letzten Jahre, ich würde sagen, in meiner zweiten Lebenshälfte, habe ich so viel überbordendes Glück erfahren. Alle Fragen, die ich oben gestellt habe kann ich mit JA JA JA beantworten. Aber es war Arbeit. Ich musste wach sein, mich orientieren, mich entscheiden, mich etwas trauen, mir etwas zutrauen. Ich musste auswählen und auch Menschen und Orte und Situationen verabschieden für mein Glück. Das war nicht immer einfach und hat bisweilen auch weh getan. Ich musste manchmal weitergehen, wo andere geblieben wären. Ich musste erkennen, dass ich nichts „aushlaten und ertragen“ muss, sondern dass ich immer die Wahl habe.

Aber das Glück war mir hold. Es brachte mich an immer neue Orte, die voll mit neuen Möglichkeiten, Bewegungen, Schönheit und glücklichen Fügungen war. Auch jetzt, an einem Moment des Neubeginns, zeigt sich wieder das Glück und liefert. Ich stehe da wie eine Sternenmarie und halte die Schürze auf, um die Sterne zu fangen, die es regnet. Ich sehe es, das Glück und fühle mich reich beschenkt.

Schau mal hin, zähl mal auf, mit was Du alles Glück hattest im Leben. Fang ganz am Anfang an. Schau an Dir selbst hinab. Dann in Dich selbst hinein. Und erst dann: Um Dich herum.

Ich beglückwünsche meine Schwester, die ein neues wunderschönes Zuhause gefunden hat zu ihrem Mut, den neuen Beginn zu wagen. Einen Freund, der einen Neustart in einem anderen Land wagt. Eine Freundin, die in ihrem Paradiesli ihr Lieblingsleben gefunden hat. Meine Coachees, dass sie eine Glücksentwicklerin hatten, meine Nachmieterin, dass sie meine Wohnung übernehmen kann. Meinen Hund, dass er so viele glückliche Jahre mit mir hatte. Meinen Herzensbruder, dass er mich hat! Meinen Sohn, dass er seine künstlerische Ader entdeckt hat, meinen zweiten Sohn, dass er frisch verliebt ist. … die Liste könnte ewig so weitergehen. Seht Ihr das Glück?

Siehst Du Dein Glück?

Ich bleibe dabei. Ich bin ein Glücksschwein. Und Du auch!

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Flashback

Die Villa sah noch so aus wie damals. Weil: Die meisten alten Häuser verändern sich schliesslich nicht. Wir waren ganz zufällig daran vorbei gefahren. Eigentlich hatten wir uns verirrt und plötzlich erkannte ich den Zaun und das Gelände wieder. Ich war sehr erstaunt: Da hatte ich mal gearbeitet! Inzwischen waren fast 35 Jahre vergangen. Und ich musste schmunzeln über die damalige Arbeitssituation in einem Aushilfsjob. Ein innerer Film ging los und ich erinnerte mich an allerlei skurrile Details. Ein bisschen hat es sich angefühlt wie ein anderes Leben. Es war spannend aber auch irritierend.

Ich arbeitete damals als eine Art Archivarin und kam dem Besitzer, einem widerlichen Mensch aus einer halbseidenen Bauunternehmung, schon bald auf die Spur. Ach wie gerne hätte ich ihn verpfiffen! Es war eine filmreife Story: Ein junger Mann überwirft sich mit seinem Vater und baut auf eigene Faust ein Immobilienreich auf. Immer grösser wurden seine Projekte, immer mehr Geld leihte er sich von Banken, die er mit einem Mix aus Protz, Charme und Chuzpe bei Laune hält – bis sein Imperium implodiert und er ins Ausland flieht. Später kam er in Haft. Und kaum hatte er sie abgesessen, schon wurde er ein Talkshowgast, Autor und Berater. Ich muss noch heute den Kopf darüber schütteln.

Damals wollte ich insgeheim gerne Wirtschafts-Spionin werden. Das wäre sogar ein Traumjob geworden. Ich stellte gerne allerlei unbequeme Fragen, schnüffelte herum, kam Geheimnissen auf die Spur. Köstlich, was sich alles heraus finden liess, wenn man ein bisschen nachbohrte. Und was sich alles ans Licht holen und am liebsten auch publik machen liess. Diese Neugier habe ich noch heute. Hätte ich endlose Möglichkeiten, dann würde ich noch immer gerne in geheime Räume eindringen, lauschen und Informationen stehlen und an die Öffentlichkeit holen.

Ich ging dieses Wochenende so manchen „alten“ Weg. Und durch die Bestattung unseres Adoptivvaters hatte ich auch reichlich Gelegenheit mit meiner Schwester in alten Erinnerungen zu kramen. Es war ein bisschen wie Spazierengehen in einem alten Garten. Die Wege sind einem noch bekannt, man sieht sie aber wie in einem Film, ohne eigene Reflexion oder Gefühlswelten.

Irgendwann hatte ich dann auch genug nach hinten geblickt. Wenn man zu lange in Erinnerungen wühlt, dann ist es ein bisschen wie nach vorne fahren (in meinem Fall in einem sehr hohen Tempo) und dabei in den Rückspiegel schauen. Etwas, das mir gar nicht gut tut. Was mich erschöpft und eher melancholisch werden lässt statt beglückt.

Jetzt darf sich das Bild wieder drehen. Was passiert als nächstes?

Ist das nicht eine herrliche Frage: Was passiert als nächstes?

Es macht uns sofort wach. Und lässt uns staunen und neugierig raumgreifend in neue Spielräume laufen. Wie schön! Da lässt sich vieles (neu) entdecken, (neu) wertschätzen und erobern. Ich freue mich darauf.

Danke an diesen kleinen Flashback in ein ganz frühes Leben, den ich mir diese Tage anschauen konnte. Es hat Spass gemacht. Mich zum Schmunzeln gebracht. Um eine Geschichte mehr bereichert. Und jetzt geht’s wieder nach vorne.

Wenn Du Lust auf eine Reise in die Vergangenheit hast, dann geniesse einen Blick in alte Fotos. Oder sprich mit Menschen, die sich an dein altes Ich erinnern.
Aber vergiss nicht, wieder aufzutauchen und zurück zu kommen. Das Leben ist jetzt. Angereichert mit Anekdoten und Filmsequenzen aus einer anderen Zeit. Aber immer jetzt.

To be continued 🙂

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.