In der vergangenen Woche war ich auf einer tollen Kunstausstellung. Einer der Künstler war mein Favorit. Seine Bilder waren expressiv und eigensinnig, beeindruckend und farbenfroh. Ich stand lange davor und schaute und schaute. Das Gespräch mit dem Künstler war überraschend offen. Überraschend weil er ein Introvertierter ist, der mich nicht immer an seinem Innenleben teilhaben lässt. Aber hier, mit seiner Kunst im Rücken, begann er zu glänzen und wagte sich eine kleine Öffnung in sein schönes Wesen. Überaus bezaubernd.
Zeit, sich einmal einen introvertierten Menschen genau anzusehen.
Als der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung die Unterscheidung zwischen introvertiert und extrovertiert erstmals klinisch geprägt hat, war seine Leitfrage: Wohin geht die Energie? Zwischen Intro- und Extrovertierten lassen sich da grosse Unterschiede feststellen. Introvertierte nehmen ihre Umwelt als anstrengender wahr als Extrovertierte, weil Extrovertierte ihre Energie aus der Umwelt beziehen, vergleichbar mit Windrädern.
Introvertierte geben dagegen viel Energie in die Umwelt ab. Je mehr Stimulationen die Umwelt bietet, umso anstrengender wird es für eine introvertierte Person. Je mehr Ruhe und Sicherheit sie hat, umso besser kann sie beispielsweise kreative Arbeit erledigen. Eine extrovertierte Person ist tendenziell eher risikobereit und strebt stärker nach «Belohnung». Als Jung die Unterschiede zwischen den Menschentypen beschrieben hat, wusste man noch nichts von den physiologischen Unterschieden im Gehirn, in dem je nach Ausprägung der Persönlichkeit manche Bereiche stärker erregt werden. Dies können wir heute im Brainscan erkennen. Bei einem sicherheitsbedürftigen Menschen ist beispielsweise die Amygdala hochaktiv, der Teil des limbischen Systems, in dem die Entstehung von Angstgefühlen verankert ist.
Es handelt sich also bei Extro- und Introversion nicht um Stärken oder Schwächen, sondern um Eigenschaften, die im Gehirn codiert sind.
Bevor Jung diese Termini einführte, hatte der Psychologe William James die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen „tough-minded“ und „tender-minded“ (zähen und zarten) Menschen gelenkt – also zwischen solchen, die sich nach aussen wenden und solchen, die sich nach innen wenden. Der Extravertierte, sagt Jung, wird beherrscht, durch die Aussenwelt und die soziale Realität; der Introvertierte nähert sich der Welt in subjektiver Weise – ihm ist die Relevanz für sich selbst wichtig.
Ich kenne den introvertierten Künstler (s)ein Leben lang und habe erst spät verstanden, wie vorsichtig man mit solchen Menschen umgehen muss. Sie sind gefühlsmässig scheu und gehen schnell in den Rückzug. Ihre Distanz kann missverstanden und als kühl empfunden werden. Im Umgang mit Extravertierten (wie mir) schrecken sie schnell zurück und es wird ihnen zu viel. Wenn also der Extravertierte es nicht schafft, die feine Sprache des zarten Menschen zu verstehen, dann geht sehr viel Geschirr kaputt. Aber die gute Nachricht: Auch das nimmt der Introvertierte nicht allzu lange übel. Er zieht sich einfach wieder in sein Alleinsein und die damit einhergehende Ruhe zurück. Sie brauchen diese Zeit, um sich wieder aufzutanken und in den eigenen stillen Kern zurück zu kehren. Erst dann ist die nächste Bewegung nach aussen möglich.
In einer Kunstausstellung kann man dann den ganzen Schatz sehen, der da verborgen liegt: Eine reiche Innenwelt, Phantasie, Spürsinn, Tiefe und – Schönheit.
Ach, hatte ich erwähnt dass der Künstler mein Sohn ist?
Und ich bin seine Glücksschwein-Mama.
Da, wo man das Leben spüren kann, da ist es auch: C’est la vie.
























