Come down! Sofort!

Ende der 80er und Anfang der 90er war ich, wie so viele, eine spirituelle Touristin. Die esoterische Welle kam mit voller Wucht und ich folgte Meistern, Lehrern und Gurus. Einige hatten wunderbar wertvolle Inputs, andere waren Totalspinner und völlig verwirrt. Aber ich sass in Seminaren, Readings aus der „fünften Dimension“ und Vorträgen selbsternannter Erleuchteten. Ich machte Kundalini und Urschrei Exzesse, dynamische Meditationen, Tantra, Rebirthing und Tarot – und wir kauften wirklich sehr viel Eso-Quatsch. Heute muss ich herzhaft darüber lachen, damals verfolgten wir das aber alle mit grosser Ernsthaftigkeit. Nach einigen Jahren hatten wir alle das Gefühl, halb schon heilig, vor allem aber ganz sicher schon auf dem Weg zur Erleuchtung zu sein.

Irgendwann wollte ich an die Wiege alles Wissens, in einen indisches Ashram. Das Sanskrit-Wort „āśrama“ bedeutet so viel wie „Ort der spirituellen Praxis“. Das sagt schon ziemlich viel darüber aus, was in einem Ashram geschieht. Manchmal wird der Begriff „Ashram“ auch mit „Ort der Bemühung“ übersetzt, was andeutet, dass diese Praxis mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betrieben wird. Ziel des Ashrams ist es, eine Umgebung zu schaffen, die den Weg nach innen erleichtert. Der Lehrer steht der Gemeinschaft mit seinem Wissen und seiner Erfahrung zur Seite. Er beantwortet Fragen und hilft, den eigenen Weg zu finden. Aber auch die Gruppe selbst kann eine große Unterstützung sein: Beim Gemüseschnipseln oder am Mittagstisch entstehen schnell tiefe Gespräche über Gott und die Welt, die dich inspirieren und weiterbringen können. Ich pilgerte also und fand dank einem indischen Freund für mich den „Ort“ an dem ich endlich den grossen Durchblick bekommen wollte.

In meinem Ort hatte jeder von uns einen Guide, der sich wie ein Pate entpuppte. Mein neuer indischer Kollege hiess Kukku und war ein junger dünner Inder, der viel mit dem Kopf wackelte und seine liebe Mühe mit mir hatte. Die Anpassung an die Regeln fiel mir sehr schwer, vieles machte für mich gar keinen Sinn und ich sperrte mich rebellisch gegen die Disziplinen, denen ich mich unterwerfen sollte. Endloses Arbeiten und Meditieren (was ich bis heute nicht gut beherrsche) fand ich völlig unnötig um zum Pfad der grossen Einsicht zu kommen. Und: Ich war enorm zappelig und auf der Jagd nach vorne, statt nach innen zu gehen.

Bei einer der endlos vielen öligen Massagen schimpfte eine indische Masseurin dann auch wütend mit mir. Immer wieder gab sie mir einen Klaps und sagte: Now you let goooo Stress! Let gooo! Ich verkrampfte nur noch mehr. Und ich war empört dass kein Flow entstand, sondern die schwarzäugige Schönheit mir zu unterstellen schien ich würde etwas falsch machen! Schliesslich schien ich mich doch voll einzulassen! Eine Frechheit mich so zu behandeln!

(Hatte ich erwähnt, dass ich unbedingt dachte dass ich recht hatte mit allem, was ich meinte zu verstehen?)

Nach einer schier endlosen Zeit im Ashram und täglich sich endlos wiederholenden Pflichten holte Kukku mich und sagte, heute dürfe ich zum Brahmanen. Die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, brāhmaṇa) sind im indischen Kastensystem die Angehörigen der obersten Kaste (Varna). Im Hinduismus ist es Vorrecht und Pflicht der Brahmanen, Lehrer des Veda und Gelehrte zu sein. Bis heute stellen hauptsächlich sie die Priester.

Kukku gab sich Mühe mir zu erklären, wie es geht: Ich solle in ein Zelt gehen, mich an den Rand des Rund darin setzen – ganz nah an den Eingang. Den Brahmanen niemals direkt anschauen, die Augen niederschlagen. Dann gäbe es diesen Moment, dass der Brahmane mich ansieht und ich dürfe eine einzige Frage stellen. Wie ich denn sehe dass er mich anschaut, fragte ich? Wenn ich ihn doch nicht ansehen darf? Das würde ich fühlen, meinte Kukku. Ob der Brahmane denn wenigstens Englisch sprechen würde? Und wenn ich nach der ersten Frage noch eine hätte? Und was dann passiert wenn ich ihn nicht verstehe? Dürfe ich dann nachfragen? Kukku sagte ich würde das alles dann merken. Er führte mich an ein grosses Zelt. Öffnete einen textilen Eingang, schob mich rein. Es stank infernalisch. Der Brahmane hockte auf einem Art Altar, Räucherstäbchen und Kerzen brannten. Ich schlug, wie mir aufgetragen, die Augen nieder und war sehr nah am Ausgang, weil ich glaubte zu ersticken oder zu kollabieren.

Da sass ich nun und musste eine Wahl treffen, welche Frage ich stellen wollte! Mein Geist lief auf Hochtouren, ich prüfte und verwarf verschiedene Ansätze, was ich von dem Gelehrten wissen wollte. Und immer wieder dachte ich: Wie weiss ich nur ob er mich anschaut? Wie sitze ich hier am besten? Wie soll ich denn nur atmen hier drin? Was mache ich wenn ich nichts verstehe? Wie lange geht das denn noch? Irgendwann schaute der Brahmane mich für den Bruchteil einer Sekunde an. Er sagte klar und deutlich: Calm down! (beruhige Dich!). Der Eingang wurde geöffnet und Kukku wollte dass ich rauskomme. Ich sagte: Ich hab meine Frage noch nicht gestellt! Und er: Das war die Antwort! Waaaas? Ich protestierte. Ich komme nicht raus! Ich hab meine Frage nicht gestellt! Er flippte fast aus, denn niemand darf vor einem Brahmanen diskutieren! Unterwerfung! Jetzt!

Er zog mich mit überraschender Kraft aus dem Zelt und war stinksauer auf mich. Es half auch nicht, dass ich das „Calm down“ mit „Come down“ verwechselte! Was hiess das denn? Runterkommen? Wohin denn? Woher denn? Ich diskutierte und stritt mit Kukku und war sauer. Sicher zwei Tage protestierte ich und hatte das Gefühl, betrogen geworden zu sein. Und dann begann ich mit doppeltem Eifer, mich in die Exerzitien zu stürzen, sang, meditierte, passte mich an, unterwarf mich (dachte ich) und strengte mich an. Ich wollte ja nicht ewig bleiben! Und ich hatte endlich eine Frage gefunden, die ich dem Meister das nächste Mal stellen wurde. Sie war klug und gross: Was ist der Sinn des Lebens? Ich war ganz sicher: Jetzt hatte ich dann meine Chance! Ich würde ganz still sein und mich nur auf die Frage konzentrieren! Volle Kraft voraus!

Nach weiteren zwei Wochen… Massagen: Let gooo Stress! Let gooo….! singen und chanten und anpassen… (wie ich dachte)…. hatte ich die nächste Chance. Kukku schärfte mir noch mal alles ein. Auf dem Weg zum Zelt war er streng. Klappte mir mit einem Reisbündel auf die Schulter und verlangte von mir spirituelle Disziplin! Unterwerfen! Come on!

Also wieder rein ins Zelt. Atem anhalten, wegen dem Gestank. Augen runter. Mein Geist machte die üblichen Kapriolen und ich dachte ich zwinge mich jetzt in eine geistige Einbahnstrasse. Easy! Nur auf die Frage konzentrieren. Auf die eine Frage. Nicht denken, nicht denken, nicht denken. Leer werden. Let goooo….

Der Brahmane schaute auf und sagte: Calm down! Klar und deutlich! Aber ich hatte doch meine Frage gar nicht gestellt! Und das konnte doch nicht der Sinn des Lebens sein! Runterzukommen von wo? Wohin! Kukku zog mich raus. Holy Shit. Ich verplatzte fast vor Wut.

Na, was soll ich sagen – die spirituelle Reise war für mich vorbei. Ich hab’s nicht verstanden. Ich hatte auch keine Lust mehr. Ich wendete mich wieder den weltlichen Dingen zu. Eine Weile habe ich noch esoterisch gezappelt, experimentiert und Sachen angehäuft die mir helfen sollten in meine Mitte zu finden. Mich, den Sinn des Lebens, die ganze Durchsicht zu bekommen.

Das kam erst später. Ohne Guru. Ohne Tamtam. Ohne Disziplin. Ohne Unterwerfung.
Aber das ist eine andere Geschichte.

La vie est belle! – Das Leben ist schön.

Arno

Irgendwann in den letzten Tagen wachte ich nachts auf und sagte laut: Arno Thiede.

Ich habe über 40 Jahre nicht mehr an ihn gedacht, ich denke seine Geschichte soll erzählt werden.

Wir sitzen in der Pausenhalle. Eine Halle, die mit mehreren Sitzmöbeln ausgestattet wurde und auf denen wir nach und zwischen den Unterrichtsstunden sitzen und liegen, spielen, reden und lernen. Wir sind alle zwischen 17 und 21 und gehen auf die gymnasiale Oberstufe, auf der Jagd nach dem Abitur. Das Gute: Wir sind alle freiwillig hier. Die Pflichtschulzeit ist abgelaufen, wir wollen weiter lernen.

Das weniger Gute: Die Schule, die Schulleitung und die Lehrer sind politisch. Wir werden auf links gekrempelt und das politische Engagement ist hier ein Pluspunkt. Wohl auch deswegen gehen wir zu Demonstrationen, sind engagiert bei Greenpeace, Amnesty International oder in einer Partei. Ich bin auch dabei, bei den Grünen, damals war Joschka noch grün fundamental. Als der Nato-Doppelbeschluss debattiert wird und wir alle Angst vor dem irren Wettrüsten der Sowjetunion und der USA haben, versammeln sich die Schüler und Lehrer auf Anweisung in der Pausenhalle, es werden Bildschirme aufgestellt und wir sollen die hitzige Debatte zwischen Kohl und Schmidt verfolgen und später im Unterricht kontrovers diskutieren.

Neben mir sitzt Arno, ein Mitschüler, den ich nur flüchtig kenne. Er ist alarmiert, weil er meint das atomare Wettrüsten wäre brandgefährlich. Er hat Angst vor einer kriegerischen Zukunft, bei der wir, als damals noch ein von den USA dominiertes Land, den Zorn der Russen auf uns ziehen. Die Raketen der Russen seien schon auf uns gerichtet, sagt er. Wir kommen ins Gespräch und ich diskutiere mit ihm, ob es sich lohnt, sich politisch zu engagieren. Mit den paar Friedensketten kommen wir nicht weiter. Wir ziehen uns auf eine Sitzecke zurück und sprechen über Gott und die Welt, den Sinn des Lebens und warum wir gerade jetzt geboren sind.

Anders als Arno bin ich damals einfach nur optimistisch. Aus irgend einem Grund meine ich, dass alles sich zum Besten und Guten entwickeln wird. Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir irgendwann wieder eine Abrüstung haben werden und dass die Flüsse wieder so sauber werden, dass wir darin schwimmen können. Arno nennt mich eine naive Träumerin. Auch nach diesem Tag diskutieren wir oft und viel und es gefällt mir, unser Kräftemessen. Liebe gegen Angst. Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit.

Arno ist eine Leuchte in Physik und Mathematik. Er lernt mit mir und wir lachen. Ich kann scheinbar nichts Logisches verstehen. Er meint, mit einem schöngeistigen, linguistischen Geist wäre es einfach, optimistisch in die Welt zu sehen, weil man eben das Risiko nicht ausrechnen könnte. Ich meine, ihm steht sein abstrakter, linearer Geist im Weg, etwaige Abzweigungen in das Schöne der Welt zu nehmen.

Als wir einmal in der Pausenhalle sitzen und er mir kompliziert erklärt: Verwende den Satz des Pythagoras, um die Hypotenuse aus den Seiten (Ankathete und Gegenkathete) des rechtwinkligen Dreiecks zu berechnen. Ziehe die Quadratwurzel aus der Summe der Quadrate: c = √(a² + b²) …

ist es bei mir vorbei mit meiner Hingabe an die Naturwissenschaft und ich kapituliere. Ein Mitschüler zieht an uns vorbei und grinst. Wir nennen ihn „den Doktor“, weil er es einmal weit bringen wird, sein Verstand ist scharf und er ist entschieden und ambitioniert. Arno meint: Dem fällt alles in den Schoss, wirst schon sehen.

In den verbleibenden zwei Jahren sitze ich noch ab und zu neben Arno. Leider verbindet uns ausser dem Lernen nicht viel, es klickt nicht zwischen uns, aber wir mögen uns und ich bleibe weiter mit ihm in Verbindung, nachdem wir das Abitur beendet haben. Für die Jungs unseres Jahrgangs heisst es damals pflichtgemäss noch: Einrücken in die Bundeswehr. Oder Wehrersatzdienst leisten.

Ein paar Mal schreibe ich ihm, er ist frustriert über den Ablauf in der Kaserne. Eine vollkommen verschwendete Lebenszeit, sagt er. Zählt die Tage, dass er endlich entlassen wird und das Leben losgehen kann. Er will Physik studieren, am liebsten in die Forschung für neue Energie Gewinnung experimentieren. Er hat viele Pläne, will in eine andere Stadt, neue Menschen kennenlernen, er will sich endlich einmal verlieben und einen eigenen Platz im Leben suchen.

Zwei Wochen bevor er aus dem Militär entlassen wird, hat er Heimaturlaub. Er geht abends in den Ausgang. Über ein paar Stunden hat es geregnet, es ist frostig kalt. Wie es passiert, weiss nachher niemand mehr. Sein Auto kommt ins Schleudern und schlittert über die nasse Fahrbahn. Prallt an einen Brückenpfeiler. Arno ist sofort tot. 20 Jahre. Die meiste Zeit seines Lebens hat er gelernt, funktioniert, mitgespielt. Hat darauf gewartet, dass das Leben mal Spass bringt und er sich entspannen und selbst bestimmen kann.

Als ich von ihm höre, weiss ich eins einmal mehr, ganz sicher: Das Leben muss jetzt genossen, geliebt, gefeiert werden. Es ist immer jetzt. Nicht abwarten, nichts aufschieben, nichts befürchten, nichts hochrechnen, nichts ausweichen. Und schon gar keine Angst haben, das nun ganz besonders nicht.

Nur drei Jahre später beschliessen Gorbatschov und Bush das Abrüsten aller atomaren Waffen. Der Umweltschutz greift, die Flüsse werden sauber. Letztes Jahr noch bin ich im Rhein geschwommen. Heute haben wir andere, neue Probleme. Es ist unsere Wahl – Hoffnung oder Ohnmacht.

Was ist jetzt gerade wunderbar?

Was wirst DU heute ganz besonders geniessen?

La vie est belle! – Das Leben ist schön!

Wie weiter?

Zwischen den Jahren ist die beste Zeit, neue Wege zu überdenken und einzuschlagen. Auch ich habe meine grosse Entscheidung ver-tagt, was mit diesem Blog passieren soll. Hin und her überlegt habe ich seit einigen Wochen. Es gab sehr gute Gründe, ihn abzubrechen, weil ich alle Brücken verbrennen wollte. Ich mag radikale Schritte. Und dann gab es viele, die sich wünschten, ich solle einen Reiseblog schreiben. Dazu hatte ich so gar keine Lust. Weil ich alleine reise und das auch alleine für mich erleben und nicht (gleich) teilen möchte. Es gab einige Menschen, die sich einen Broadcast von mir wünschten, damit sie virtuell meinem Weg in die Ferne folgen können. Das wollte ich nun schon gar nicht. Und es gab Menschen, die sich wünschten regelmässig von mir zu hören, wo ich mich befinde, damit sie mich „retten“ könnten wenn man das muss. Nur: Ich will nicht gerettet werden 🙂 weil ich schon gar nicht in so eine Situation komme, in der man das muss.

Was also mit diesem Blog machen?

Er heisst seit einiger Zeit: C’est la vie.

Und hier liegt sie wohl, die Lösung. Ich werde Euch Geschichten erzählen. Dazu muss ich ein bisschen ausholen:

Ich möchte Dich heute mit der Natur der Charaktere vertraut machen, denen Du begegnest. Nennen wir sie „die Archetypen“. Eine Arbeit, die C.G.Jung fundamental bearbeitet hat.

Archetypen sind die Spieler im Spiel des Lebens. Sie erscheinen in jeder guten Geschichte, sie umgeben uns. Und jeder Archetyp ist auch in uns angelegt.

Gehen wir von einem Lebensspiel, von einer Geschichte aus. Auch unser Leben wird einmal eine fertige Geschichte sein. Die ganze Natur besteht aus Geschichten und das Wichtigste daran ist, dass es ein Prozess ist, durch den wir gehen. Wenn wir die Prozesse der Natur verstehen, dann verstehen wir schlussendlich auch unsere eigenen Prozesse. Dann sehen wir unsere „Mitspieler“ eben als Mitspieler und jedes Drama und jede Verstrickung fällt von uns ab. Archetypen sind nichts anderes als Entwicklungshelfer.

Gehen wir davon aus, dass alles was um uns herum ist, lebendig und in einem Prozess ist. Wir werden die archetypischen Energien überall finden. Um sie auch zu verstehen werde ich eine der archetypischen Rollen einnehmen: Die des Geschichtenerzählers.

Der Geschichtenerzähler ist ein uralter Archetyp, den man in allen Kulturen findet. Das Besondere an ihm ist, dass er sich zugleich in die Erfahrung hinein gibt und ihr dabei zuschaut. Man kann ihn mit dem inneren Beobachter vergleichen, den es in vielen spirituellen Konzepten gibt. Der Geschichtenerzähler beobachtet, jedoch nicht nur den Augenblick sondern auch den Prozess. Er weiss an welchem Punkt der Geschichte oder des Weges er sich befindet. Er weiss ob er einen inneren Ruf bekommt oder er sich kurz vor dem Scheitern befindet. Er weiss, dass das Scheitern nichts Endgültiges ist sondern ein notwendiger Teil der Geschichte, ohne den es keine wahre Erfahrung gibt. Der Geschichtenerzähler erlebt die Geschichte und spinnt sie weiter, lässt sie im Raum spielen und weckt in den Zuhörern/Lesern ein Gefühl, was sie mit der jeweiligen Geschichte tun.

Sehr oft habe ich zum Ende meines „alten“ Berufs gerade gehört, dass ich Menschen nachhaltig inspiriert habe. Einer meiner liebsten Werte – Inspiration.

Ich werde diesen Blog also weiterführen mit Geschichten. Gleichzeitig eröffnet mir selbst das einen Focus. Ich werde auf die Suche nach Geschichten gehen. Lebensgeschichten oder Kuriositäten. Etwas, das entdeckt werden kann. Etwas, das ein genaues Hinschauen erfordert.

So, wie ist es?

Möchtest Du diesem Blog weiterhin folgen, wenn er ein Geschichtenerzähler Blog wird?

Ist es Dir etwas wert?

Letztes Jahr hatte ich das bereits angekündigt: Dass meine Leser Sponsoren meiner Schreibtätigkeit werden können. Es hat ganz gut geklappt und ich freue mich, wenn es noch mehr Menschen geben wird, denen dieser Blog etwas wert ist.

Der Sponsorbetrag ist 133,– Schweizer Franken pro Jahr.

Meine schweizerischen Leser können mir den Betrag twinten, alle anderen bekommen gerne meine Bankdaten (bitte nicht die von letztem Jahr verwenden, es gibt neue Verbindungen).

Natürlich kannst Du auch beschliessen, kostenlos zu lesen, es ist Deine Wahl, ob Dir die Texte etwas wert sind oder nicht.

Na also, los in eine aufregende Reise in 2025!

Ich bin selbst schon ganz gespannt, welche Geschichten ich finden werde.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Von den schönen Menschen

In den letzten Wochen habe ich so viele wunderbare und schöne Nachrichten bekommen, wurde gedrückt und gelobt und mir wurde Dank und Freude ausgedrückt über gelungene und nachhaltige Veränderungen nach dem Coaching. Wie reich ich doch bin! Und all die schönen Menschen, die ich nochmals umarmen durfte! Ich wurde überschüttet mit Liebe und Wortgold und ich danke allen ganz herzlich dafür.
Ich denke an Eric, der mir vor vielen Jahren einmal erzählt hat, dass er einen Patienten beim Gang in das letzte Lebenskapitel begleiten durfte. Eric sagte damals: „Ich sah meinem Patienten in die Augen und sah das Licht von draussen gespiegelt. Das Auge war wie ein Scheinwerfer erhellt.“ Und ich sagte: „Eric, das war nicht das Licht von aussen, es war Dein Licht, das sein Wesen erhellte.“ Eric war glücklich und bedankte sich sehr bei mir. Dabei war es doch ganz offensichtlich: Jeder Mensch, dem Du begegnest, ist Dein Spiegel.

Nach den hermetischen Gesetzen gilt der Grundsatz „Alles, was mich trifft, betrifft mich“. Die hermetischen Gesetze und Schriften sind sehr alt; im Laufe der Zeit wurde diese Lehre jedoch verboten und geriet fast in Vergessenheit. Mündliche Überlieferungen berichten von den sieben wichtigsten Grundprinzipien des Lebens, durch die das Leben positiv verändert werden kann, sodass ein jeder zum Schöpfer seines Lebens wird. Der erste Grundsatz ist: Wie innen, so aussen.

Das bedeutet für uns: Wie es in mir aussieht und sich anfühlt, das spiegelt mir meine Umgebung wieder. Also Chaos im Inneren ist Chaos im Aussen. Trauer im Inneren bringt Trauer im Aussen. Angst im Inneren bedeutet viele Situationen mit Angst im Aussen. Liebe im Innen ist Liebe im Aussen.

Unsere Interaktionen mit Menschen geben uns wertvolle Einblicke in unsere eigenen persönlichen Eigenschaften und Dispositionen. Dieses Konzept, bekannt als „psychologische Projektion„, dient als entscheidender Mechanismus für Selbstwahrnehmung. Wenn wir Verhaltensweisen, Eigenschaften oder Merkmale bei anderen beobachten, die bei uns starke Emotionen auslösen, reagieren wir oft auf ein Spiegelbild unserer eigenen Eigenschaften, die uns vielleicht nicht bewusst sind.

Ausserdem geht die Vorstellung, dass Menschen Spiegel sind, über individuelle Eigenschaften hinaus und dringt in unsere Beziehungen ein. Menschen spiegeln unsere Liebe, unsere Ängste, unsere Unsicherheiten und unsere Stärken. Sie spiegeln unsere Überzeugungen über die Welt und unseren Platz darin wider und bieten ein lebendiges Abbild unserer Realität. Je besser wir dieses Konzept verstehen, desto besser können wir uns persönlich weiterentwickeln und unsere emotionale Intelligenz verbessern.

Die eigenen Spiegel zu erkennen ist nicht immer einfach, aber wenn man sich den Satz „Wie innen, so aussen“ genau einprägt und hinterfragt, dann ist bereits der erste Schritt gemacht, die Frage, was einem das Leben spiegelt, in Gang gebracht.

 „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“
Christian Morgenstern

Der Begriff „Emotion“ kommt vom lateinischen Wort „emovere“ und bedeutet „herauslassen“. Lass also Deine Gefühle heraus, drücke sie aus, und zwar im richtigen Rahmen! Werde Dir dem bewusst, es ist Dein einziger Körper, höre auf ihn, fühle was Du selbst brauchst, was gut für Dich ist. Löse Deine Ängste, werde wieder frei, fühle Dich und andere, lache, sei Freude und Lebenslust pur, entdecke Dein wahres Wesen, Dein Potenzial, finde zurück zu Liebe, zur göttlichen Wahrheit. Schöpfe Dein Leben aus, mit allem was dazugehört, von Natur aus sind wir heil.

Vielleicht nutzt Du das bevorstehende Fest einmal dazu, Deine Gefühle auszudrücken und zu verschenken? Das Beste aller Geschenke, ich verspreche es Dir!

Was für ein wunderbares, anstrengendes, aufregendes und auch herausforderndes Jahr war das! Es hatte alles bereit für mich, es war komplex und manchmal ganz schwer zu handeln. Aber, herrjee, wie viel Liebe hat mir dieses Jahr gebracht! Ich denke an viele unglaublich schöne Begegnungen. Auch und gerade in den letzten Wochen. Ich darf aus dem Vollen schöpfen und alles nochmal auskosten, wenn ich bald ein Resumee schreibe.

Ich wünsche Dir, geneigter Leser, geneigte Leserin ein wirklich wundeschönes Fest der Liebe. Lass sie i n f l a t i o n ä r fliessen. Das ist der eigentliche Sinn der Weihnacht.

Da, wo du das Leben – und die Liebe! spüren kannst – da ist es auch! C’est l’amour!

Burning the bridges…

2011 war es schon mal soweit: Im Dezember, im allergrössten Ansturm an alles, was entspannt, arbeitete ich wie eine Wahnsinnige. Am Ende lag ich erschöpft unter dem Weihnachtsbaum und wusste: So kann und darf das nicht weitergehen. Zwischen den Jahren nahm ich selbst Kontakt zu einem Mental Coach auf. Ich hatte von Eric gehört, die Meetings fanden per Skype statt, er lebte in Toronto.

Ich erzählte Eric mein super komplexes und vollgestopftes Leben mit Haus, Pferd, Kids, Freundeskreis und Praxis und Pflichten und er konnte mir kaum zuhören, weil er fand das sei alles viel zu viel. Ich hatte mir viel aufgeladen, auch Freizeitstress. So sagte er, ich solle eine einzige Sache aufgeben. Und nächste Woche wieder mit ihm sprechen. In der Woche nahm ich alles unter die Lupe und sagte immer wieder: Nein, das kann ich nicht lassen. Nein, das auch nicht. Das auch nicht. Nach einer Woche war ich gleich weit: Immer noch viele Felsbrocken, die ich herum schleppte. Eric war rigoros: Ich müsse etwas tun, ins Handeln kommen. Sonst wäre das Coaching beendet. Fair enough, genau mein Coachingansatz.

Im Januar 2012 sprach die ganze Welt davon, dass am 21.12.2012 laut Maya Kalender die Welt untergehen würde. Es war ein riesiger Hype. Ich dachte: wenn meine Welt untergehen würde, was wäre dann? Ich mache es kurz: Ich beschloss, meine gut gehende Praxis Phönix aufzugeben. Ein überaus radikaler Schritt, da uns das alle ernährte. Das Coaching mit Eric war also wirkungsvoll, dafür werde ich ihm für immer dankbar sein. Ich schloss die Praxis und traf einige waghalsige neue berufliche Entscheidungen.

2012/13 waren also meine Schicksalsjahre. Ich fand Jersey. Den Adlerflug. Das neue Coaching und Konzept und von Beginn an war es erfolgreich. Ich hatte die Weichen gestellt, die riskanteste Entscheidung getroffen. Und gewonnen. Auch an Selbstvertrauen für meine eigene Courage.

Jetzt sind 12 Jahre vergangen. Auch in diesem Januar habe ich eine radikale Entscheidung getroffen: Jede Sicherheit zu verlassen. Wohnung, Praxis und Komfortzone aufzugeben und mich in den freien Fall zu begeben. GO WILD. Also nicht mehr gefesselt. Frei wie ein Adler in den Wind und ins Leben zu stürzen in der klaren Ausrichtung, dass der Aufwind mich an einen Ort bringt und in ein neues Leben, das jetzt zu mir passen würde. Leben 3.0. Ein Leben ohne Kids in Deutschland. Ein Leben mit Kids, Karriere, Haustieren und Freundeskreis in der Schweiz. Und jetzt? Leben 3.0. Auf der Reise ohne Pläne, mit One-way-Tickets in die Welt.

Was wird mich erwarten?

Ich freue mich auf Leere, auf das blanke pure Sein statt Haben. Auf neue Orte. Auf Freiheit. Auf Stille. Auf Inspiration und Begegnungen. Und ich möchte gerne mein Buch schreiben, diese Sehnsucht summt in mir seit ich 15 bin.

Eine Zeit, ein Leben für mich. Wohin es mich führt? Keine Ahnung. Ich lasse mal los und schaue was kommt.

Ein bisschen ist es eben doch wie ein Adlerleben. In den Wind fallen. Sich (mit-)tragen lassen und schauen was sich ent-wickelt. Ohne Anbindung, ohne Verpflichtung, ohne Versprechen.

Vor vielen Jahren hat mir das mal jemand gesagt: Man soll über eine Brücke gehen, sie verbrennen und dann das neue Land entdecken ohne sich umzudrehen. Erst dann könne etwas Neues entstehen.

Jetzt sitze ich auf wenigen gepackten Kisten. Habe losgelassen, aufgegeben und gelöscht. Wie ein weisses Blatt mache ich meine Hände auf und warte auf die Wunder, die in sie fallen dürfen.

Wie es mit dem Blog weiter gehen wird habe ich noch nicht entschieden. Aber: Die gute Nachricht für meine Leser: Ich habe die Domain für ein weiteres Jahr bezahlt und arbeite im Hinterkopf an einer neuen Idee. Mit der ich mich und Dich, geneigter Leser, zum Anfang des neuen Jahres dann beglücken darf.

Jetzt erst mal: Über die Brücke gehen. Die Fackel in der Hand.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. C’est la vie.

Drei Nüssli für…

Letzte Woche hat mein Auto plötzlich geraucht und fürchterlich gestunken. Es roch verbrannt. Ich war sofort ein bisschen alarmiert. Noch mehr, als ich mit einem Coachee darüber sprach. Er meinte, das Auto habe vielleicht ein Leck im Öl und wenn das in den Motor spritzt könnte es anfangen zu brennen. Ein anderer Coachee vermutete ein bisschen Laub, das unter meine Motorhaube gefallen wäre. Das klang plausibel, denn es roch ein bisschen wie Pfeifengeruch.

Höchst alarmiert beschloss ich, mich am Sonntag nicht mit dem Auto weg zu bewegen. Höchst erfreulich, weil ich dann ja mal einen ganzen Tag zuhause sein konnte! Das hatte ich mir schon lange gewünscht, einfach mal zuhause zu sein. Nun kamen meine lieben Coachees zu mir und das Arbeiten war friedlich und leise und unabgelenkt. Trotzdem ging mir das Auto nicht ganz aus dem Sinn.

Am Montag also brachte ich meinen süssen Mini dann in seine Werkstatt. Sie ist nicht weit weg, ich dachte, ich bin sicher und gab Gas auf dem Weg. Der Motor wurde heiss und bald rauchte es auch wieder. In der Werkstatt lachten sie mich aus, weil ich sagte dass mein Auto komisch und ungewöhnlich riecht. Ich liess ihn dort und sie brauchten fast den ganzen Tag für die Diagnose.

Und dann lachten sie. Und ich mit.

Ein Eichhörnchen war wohl in mein Auto geflüchtet und hatte zwischen Turbolader und Schutzblech ein kleines Nüssli-Reservoir angelegt. Weil der Motor heiss wurde verbrannte der wertvolle Winterschmaus und der Rauch stieg auf.

Ich musste sehr schmunzeln…mein Auto ist ja mein Schatz und einmal mehr hat er sich mir erkenntlich gezeigt. Denn am Freitag hatte ich ihn abends gestreichelt und gesagt: Ich mag dich aber ich würde dich auch gerne mal einen Tag hier stehen lassen und zuhause bleiben…

Ich musste auch deswegen schmunzeln, weil es dieses Weihnachtsmärchen gibt: Drei Nüsse für Aschenbrödel. Eines Tages begegnet Aschenbrödel im Wald einem übermütigen Prinzen und verliebt sich in ihn. Wie soll sie ihm aber gegenübertreten? Da schenkt ihr der Kutscher ihres Hofes drei Haselnüsse, die wunderbare Gaben enthalten: eine männliche Jagdtracht, ein reizendes Ballkleid und ein prächtiges Hochzeitsgewand. Die drei Nüsse also stehen für drei Wünsche und alle zusammen tragen zum Schicksal von Aschenbrödel bei.

Ich danke also dem kleinen Eichhörnchen. Ich will zwar nicht mehr heiraten – aber wer weiss das schon!

Die Werkstatt hat mir versichert, dass sie so etwas Süsses noch nie in einem rauchenden Auto gefunden haben – und ich nehme das mal als gutes Zeichen für die Zukunft!

In dieser hektischen Zeit ist es ganz besonders lieblich, ein ganz kleines Wunder zu erleben und an weitere Wunder zu glauben…

na also, immer her damit.

Da, wo Du das Leben (und die Wunder) spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!

Gift

In der letzten Woche hatte ich es mit allerlei Vergiftungen zu tun. Und alle waren im Kopf. Auch in meinem Kopf gibt es bisweilen diese Denk Kapriolen, die keinen Spass machen, sondern kleine Giftpfeile gegen dies und das produzieren. Dagegen zu halten braucht mentale Kraft. Und die steht nicht bei jedem in beliebiger Menge zur Verfügung.

Du hast es sicher gemerkt: Das Zeitgeschehen nimmt wieder Fahrt auf, es wird gewaltig schnell zum Jahresende hin. Jetzt haben wir alle noch das Gefühl To-do-Listen abarbeiten zu müssen und dann kommt für viele Menschen genau das Gegenteil der besinnlichen Zeit. Und – die Menschen um uns herum sind gereizter, die Termine knapp, jeder will alles noch erledigen und erledigt haben. Mehr als sonst fällt mir das dieses Mal auf: Weil es meine letzte „Winter-Weihnachts-Saison“ ist.

In der vergangenen Woche sprach ich mit einem Mann, der meinte keine Zeit für einen WC Besuch zu finden, so voll sei seine Agenda. Ein anderer wurde von Kollegen und Mitarbeitern so stark demoralisiert, dass er jede extrinsische Motivation verlor, weiter zu machen und auszuhalten. Ein anderer zerbricht an dem eigenen Perfektionsanspruch und ist verzweifelt darüber, dass er nicht mehr funktionieren kann wie gewöhnlich. Und bei allen sah und ich hörte ich das gleiche Phänomen: Dass sie von ihren Gedanken besetzt sind, die sie fest im Griff haben, ihnen keine (Nacht-)Ruhe lassen, sie gefangen halten in einem nicht endend wollenden Strom von variablen Lösungen oder Befürchtungen oder Hochrechnungen, die sich anbieten angedacht zu werden.

Schon wenn ich das schreibe spüre ich die Atemlosigkeit, die meine Klienten – und manchmal auch mich – befällt. Da denke ich dann gerne an eine Ausbildnerin von mir, die mir einmal sagte: Wenn Du Deinen Gedanken glaubst, hast Du schon das grösste Problem!

Am Freitag war es dann wieder einmal so weit. Nach endlosen Arbeitstagen rannte ich schon früh am Morgen, hatte zu wenig geschlafen, hatte schon neue Pläne im Kopf, war in Gedanken bei den nächsten drei Terminen und hetzte aus dem Opera Parking. Ich spürte meine Atemlosigkeit, der Kopf war voll. Aber der Körper bremste mich aus. Ich schlich, obwohl ich rennen wollte. Durch Zufall sah ich meinen Sohn im Food-Truck im Weihnachtsdorf. Ich hielt an – obwohl ich natürlich keine Zeit hatte – und sagte: Hey mein Schatz! Komm schnell für eine Umarmung! Er sprang raus. Wir drückten uns ein bisschen. Sprachen 2 Sätze, verabschiedeten uns. Mein Tag war gerettet.
Ich ging langsam weiter, weil ich nachspüren und innehalten und fühlen wollte.

Das Leben geht niemals in dem Tempo, in dem unser Kopf rast. Die Gedanken sind NICHT unser Leben. Kannst Du das glauben?

Wir alle denken uns kaputt, urteilen schnell, besinnen uns nicht auf das Wesentliche, lenken uns ab, rechnen Möglichkeiten durch. Wie überaus gefährlich ist es, wenn wir Gehirnjogging betreiben statt zu fühlen was gerade gut tut.

Dabei müssten wir doch nur die Perspektive wechseln.

Was ist jetzt wirklich schön?
Wofür bin ich gerade enorm dankbar?

Was gefällt mir jetzt?

Was brauche ich wirklich, wirklich gerade?

Einer meiner Klienten hatte erst am nächsten Morgen, nach einer neuen Gedanken Eskalation den Wunsch gefunden, dass er eigentlich nur ein bisschen Nähe gebraucht hätte. Es fiel ihm einfach nicht ein am Abend zuvor. Wie denn auch? Der Kopf war übervoll! Die Gedanken quollen in alle Richtungen und liessen keinen Platz fürs Fühlen. Fatalerweise meinte er, es würde ihn entspannen wenn er etwas im TV ansieht. Dabei war das ja nur noch mehr Futter statt Fühlen.

Ich habe gerade einen lieben Mensch im Coaching, der nur das braucht: Eine Hand, die ihn hält. Zuversicht. Zuwendung. Stille. Abschalten. Nähe.

Wie einfach – und wie schwer das zu fühlen was ihm fehlt.

Die Giftpfeile gehen nie nur nach aussen, sie vergiften auch allmählich uns selbst und unterdrücken das was uns noch von KI unterscheidet: Die Seelenruhe, die Begegnung, die Menschlichkeit.

Albert Einstein hat einmal gesagt: Das selbe Gehirn, das uns die Probleme bastelt wird keine Lösung dafür finden.

Ich lade dich ein: Atme. Geh nach innen, finde deine Ruhe, hör deinem Herzen zu, fühle das Rauschen deines Blutes. Deinen Puls. DU LEBST. Du bist hier, du bist gesund und dich umgibt so viel Schönes und Wertvolles wenn du bereit bist es zu sehen.


Das Aussen ist unwichtig, die Gedanken auch, das Ausrechnen von Befürchtungen und Konsequenzen, das Verurteilen von allem was falsch zu sein scheint. Es ist im Prinzip völlig egal was aussen ist. Du bist das Leben, du kannst es geniessen oder deinen Gedanken zuhören. Was wählst Du?

Da, wo du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Screenshot

Sprachlose Pause

Mein Blog kommt einmal zu einer ungewöhnlichen Zeit. Ich war aus der Zeit herausgefallen und sprachlos geworden, das gibt es selten bei mir, aber es kommt vor, wenn etwas passiert, für das es keine Worte gibt. Ich hatte einen Abschied von einem geliebten Weggefährten, der mich hart traf. Natürlich war ich vorbereitet und hatte es sogar geplant und war dabei, als seine letzten Atemzüge ihn verliessen. Ich musste etwas erfahren, das ich in diesen Tagen oft erfahre: Dass ich etwas „das letzte Mal“ mache.

Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass es mich so umhauen würde. Auch wenn ich gut im Loslassen bin und eigentlich nie an etwas festhalte – und mich auch nicht festhalten lasse.

Ich ging durch eine bewegte Woche und musste über mich selbst schmunzeln. Denn noch vor kurzem hatte ich geschrieben: Bis die Liebe fliesst. Der Blog vor zwei Wochen. Jetzt spürte ich selbst, wie die Liebe und der Schmerz Hand in Hand in mir blockiert waren. Also ging ich in den Wald und schlich um die Bäume und atmete und zählte mir auf, was alles an Wunderbarem in meinem Leben ist und immer sein wird.

Und dann ereilte mich das Video eines anderen Mental-Coaches. Sie sagte: Du bist dir nicht begegnet, bevor du nicht in deine dunkelsten Momente abgestiegen bist. Und erst da erfährst Du, wer Du selber bist. Und das wird deine Superpower. Denn: In Dir selbst liegt die Person, die Dir am besten helfen kann.

Geh dem einmal nach und sehe, wie es Dich vielleicht liebevoll berühren kann. Mehr als es ein anderer Mensch kann – und wenn er noch so wunderbar ist.

Nach dem Abschied von George bekam ich unheimlich schöne und liebevolle Worte und Gesten. Jede einzelne half ein bisschen. Nur: Am Ende des Tages war ich diejenige, die mit der Realität konfrontiert wurde. Und niemandem hatte er so viel bedeutet wie mir und niemandem wird er so fehlen wie mir. Also: In meine eigene Dunkelheit absteigen und in meiner geheimen Schatzkammer nach meinem Lieblingsmenschen suchen. Und: Es klappte!

Ich fand viele Variationen von mir, in allen Lebensaltern, in diversen Lebenssituationen, in vielen unterschiedlichen Momenten mit unterschiedlichen Gefühlslagen. Eine war nur für Liebeskummer zuständig, eine Krankheit, die mich in den 20er und 30er Jahren begleitet hatte. Eine war für Lebensumbrüche zuständig mit den ängstlichen Momenten des Zweifels, sie war das ganze Leben anwesend und ist es auch jetzt wieder. Eine hatte mich als Kind vor Grobheit und Einsamkeit beschützt. Eine war mir Trost, wenn die harte Welt mir verbal entgegenschlug (sie strich Poesie und Feinsinn aufs Honigbrot) …Eine war für Verluste zuständig, diese war ganz besonders zart. Eine hat mich ermuntert wenn ich gescheitert war und mir Mut eingeflüstert es weiter zu versuchen. Ich fand die besten Freundinnen in mir selbst – und müsste ich es benennen, dann würde ich sagen, sie behauptet: Du wirst alles schaffen, überleben, durchleben und in Dir selbst heil sein wenn du an dich glaubst und bei dir bleibst.

Also ja, die letzten Male kommen die nächsten Wochen immer mehr. Ich habe auch das gewählt. Ich hätte weitermachen können und einfach da bleiben wo ich bin und tun was ich immer getan habe. Das hat gut funktioniert und man kann das Leben so führen und auf Nummer Sicher gehen und sich nirgends mehr hin bewegen. Das hat geklappt und mich auch oft glücklich gemacht.

Aber bei meinem Abstieg in die Schatzkammer meines Herzens habe ich auch die wilde Rebellin wieder gefunden, die Wagemutige und Riskante. Die Geschichtenerzählerin die ihre Geschichten erzählen will. Die Meertänzerin die in den Wellen tanzen will. Die Französin und Irin und Schottin und Weltreisende in mir, die nach Heimat verlangt. Meine Geschichte ist noch nicht fertig, erkannte ich da – sie muss weiter erzählt werden und komplett ausgelebt werden. Es warten noch einige Ichs und dafür muss ich die, die ich war – und auch die, die mit George durch die Schweizer Wälder streifte und die, die mit den wunderbaren Menschen in meinem Coaching mit mir lachten und weinten – verlassen. Das sichere Nest, die Anforderungen, die Pflichten, die Anstandsregeln, die Arbeit, meine liebste Praxiskollegin, meine Routinen… Also dies und das noch das letzte Mal. Das letzte köstliche Mal.

Und dann weiter. Den Kopf hoch. In den Himmel schauen.

Meine Geschichte geht weiter. In die Tiefe, geradeaus und nach vorne.

CG.Jung hat einmal gesagt: Irgendwann in deinem Leben musst Du Dich entscheiden: Willst Du gut sein? Oder ganz.

Ganz.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Bis die Liebe fliesst…

Vor sehr vielen Jahren hatte ich eine eindrückliche Begegnung, die mein Leben – aber vor allem meinen beruflichen Werdegang verändern sollte. Ich muss heute noch schmunzeln.

Ich besuchte einen Kongress für Psychologie mit dem Titel „Was ist ein gut gelebtes Leben?“. Am ersten Tag hatten wir viele spannende Impulse und Referenten, am zweiten und dritten Tag konnten wir uns in Workshops einschreiben, nach dem wir das „Amuse Bouche“ (ein Appetithäppchen) als köstlich empfunden hatten.

Ich entschied mich für Jirina Prekop. Eine tschechische Psychologin vom „alten Schlag“. Ein Monsterweib, unglaublich überzeugend. Damals war sie schon an die 80 Jahre alt, eine gewaltige Erscheinung von dynamischer und extrovertierter Art, die uns am ersten Tag ihre Festhaltetherapie vorgestellt hatte. Sie gehörte zu der konfrontativen und provokativen Art. Durchgreifend, autonom und furchtlos.

Bei der Festhaltetherapie halten sich Erwachsene in gegenseitiger Umarmung. Sie schauen sich dabei in die Augen, bis schmerzliche Gefühle, aggressive Impulse oder Ängste auftauchen. Das Halten und In-die Augen-Schauen wird so lange fortgesetzt, bis sich die negativen Gefühle auflösen und das Festhalten zur liebevollen Umarmung wird. Ursprünglich war die Therapie vor allem für Menschen mit Bindungsstörung entwickelt worden.

Jirina machte uns klar, dass wir alle meist eine tiefe Angst vor Hingabe und Mitfliessen entwickelt haben, vor allem wenn wir in Kindheit und Jugend keine oder zu wenig oder eine gestörte persönliche Nähe bekommen hatten. Bevor wir das als „Bindungsstörung“ wahrnehmen, steht erst einmal die oft nicht erlernte gesunde Form der Berührung und das „ursprüngliche“ Gefühl, Liebe überhaupt annehmen zu können.

Studien haben gezeigt, dass bei zwischenmenschlichen Bindungen Botenstoffe im Gehirn, so genannte Neurotransmitter, eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören das Bindungshormon Oxytocin, das „Belohnungshormon“ Dopamin und endogene Opioide. Sie werden bei Berührungen und zwischenmenschlicher Nähe ausgeschüttet und lösen positive Gefühle und das Gefühl von Nähe und Verbundenheit aus. Das führt dazu, dass jemand die Nähe zu diesem Menschen immer wieder erleben möchte – es entsteht eine Bindung zu dieser Person.

Jirina erklärte uns diese Zusammenhänge anschaulich und gipfelte schliesslich in ihrer Überzeugung, dass wir – in einer zunehmend distanzierenden Gesellschaft – immer mehr Misstrauen gegen menschliche Begegnung entwickeln und im Laufe des Lebens zusehends „zumachen“ statt ein liebevolles Einlassen auf andere Menschen zu zulassen. Dann fehlt das Ausschütten von Oxytocin und mehr und mehr vereinsamen wir innerlich, mauern, verschliessen uns und werden schliesslich irgendwann auch unerreichbar für die Menschen, die uns am nächsten stehen.

Während sie das proklamierte ging sie durch die Reihen und ihr Blick fiel auf Teilnehmer, die wegschauten oder sich zu entziehen versuchten. Wie konnte es anders sein: Sie wählte mich aus. Sie zog mich hoch und sagte: Du kommst mit!

Mit ihrem starken Balkandeutsch und ihrer ganz und gar einnehmenden Art sagte sie, sie würde jetzt zeigen wie es geht. Fragte mich aus und fand – natürlich! das ungeliebte Kind in mir. Dann sagte sie: So! Ich werde Dich jetzt halten bis die Liebe fliesst! Und damit umarmte sie mich fest und drückte mich (damals noch schmal und steif wie ein Brett) an ihrer riesige mütterliche Brust. Sie hielt mich fest und fester und ich wollte sofort loslassen. Aber sie liess mich nicht heraus und ich schwitzte Blut, Schweiss und Tränen. Es war fürchterlich! Jede Zelle meines Körpers war Widerstand. Aber immer mehr kroch sie mir in mein selbst gebautes Zwangsjäckchen aus Widerspenstigkeit und Wegdrücken von allen Emotionen, denen drinnen und denen draussen.

Um es zu verkürzen: Nach einer ewig scheinenden Zeit hatte sie mich soweit. Ich wurde zusehends weicher und durchlässiger und schliesslich gab ich alle Gegenkraft ganz auf und floss in ein Gefühl der Geborgenheit. Erst dann war es möglich, den inneren Schmerz der Vereinsamung zu spüren.

Das Festhalten wurde schliesslich eine Form meiner eigenen Arbeit. Und nicht nur physisch, sondern vor allem als ver-bindliche Energie im Coachingprozess. Einen Menschen halten, auch verbal, auch in dem man einen Raum von Intimität erschafft, der echte Begegnung mit sich selbst ermöglicht, das braucht Mut auf beiden Seiten. Man muss sich eben einlassen. Vertrauen und anvertrauen.

Kein Platz für die Gegenseite der Liebe – die Angst.

Wie oft verweigern Menschen sich aus Angst. Begegnen dem anderen lieber mit Schönreden, Ausweichen, übertriebener Vorsicht, Zurück-haltung und Gesicht wahren statt in ein echtes Zusammensein zu kommen. Ich bin selbst auch nicht immer eine Heldin darin, mich einzulassen. Menschen, die es als Kind nicht erfahren und gelernt haben, bleiben ewig ein bisschen misstrauisch. Aber jeder kann das lernen, jeder kann den Moment der Zurück-haltung überwinden und sich einlassen, wenn er die Stufe der Furcht überschreitet, vom anderen verletzt oder zurück gewiesen zu werden.

In den vergangenen beiden Wochen hatte ich zwei wunderschöne Paare im Coaching, die lernen wollten, wieder aufeinander zu zugehen und sich wieder aufeinander einzulassen. Nach einer langen „Eiszeit“ den Taupunkt zu verschieben und einander wieder zu vertrauen. Wie schön war es, zu beobachten, wie die Liebe wieder floss. Sie war in beiden Fällen einfach angestaut und nicht mehr ausgedrückt worden.

Es brauchte nur das Aufräumen einiger trennender Faktoren, die den beiden im Weg standen. Ein spielerisch leichter Prozess, der vor allem darin besteht, wieder ehrlich und intim miteinander zu sprechen, sich den anderen mitzuteilen und die vielen Facetten der Angst hinter sich zu lassen.

Ich winde noch mal ein Ehrenkränzchen für meine Mentorin Jirina Prekop. Wie viel habe ich die Jahren nach dem Workshop von ihr gelernt! Als Person und auch als Coach. Die Liebe nicht mehr als Wagnis zu sehen ist heute fast natürlich geworden und inzwischen umarme ich seit zwei Jahrzehnten richtig gerne, ehrlich und innig. Und die Coachees der letzten beiden Paarcoachings tun das auch wieder. Sie halten wieder Hände, liegen sich in den Armen, offenbaren ihren inneren schönen Kern. Vertrauen und lassen sich ein, sehen sich wieder, nehmen sich wahr und freuen sich aneinander. Wie wunderbar, dass das gelungen ist.

Im Grunde geht es immer nur darum, ob Verbundenheit möglich ist. Wir haben ein Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe. Das macht uns wesentlich aus. Und das macht alles möglich.

Da, wo Du das Leben (und die Liebe) spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!

Keine schöne Geschichte.

Es war ein stürmischer Tag. Ich hatte diesen wunderbaren Coachee abgeholt als ich von der Süd- in die Nordschweiz fuhr. Ausnahmsweise. Weil dieser eine Coachee mir besonders am Herzen lag. Ich mochte ihn persönlich. Ich fand ihn schön und fein und er war zerbrechlich. So gerne wollte ich mit ihm durch den langen Tunnel fahren, der ihm grosse Probleme bereitete. Der Tunnel und das ganze Leben war schwer.

Als ich ihn schliesslich im Auto hatte, verlangte ich ihm kleine Schönheiten ab. Ich hatte ihm aufgetragen, die vergangenen Tage in seinem Ferienhaus unterhalb des Gotthards nach Juwelen des Alltags zu suchen. Ihm waren ein paar aufgefallen, ich war hoffnungsfroh für ihn. Und als wir gerade aus dem Tunnel kamen und die Achsenstrasse fuhren, war da dieser Sturm. Fasziniert schauten wir auf den tiefgrünen See, sahen Schaumkronen und gewaltige Windspiele im Wasser. Gleichzeitig hatten wir den Impuls das Auto sofort zu verlassen.

Ich fuhr in eine kleine, verkehrstechnisch allerdings verbotene Bucht. Das war es uns wert. Wir gingen auf eine kleine Landzunge und schrien vor Vergnügen. Und dann stellte er sich ganz vorne auf einen Felsen und riss seine Jacke auf. Er sammelte den stürmischen Wind unter seinen Armen und schrie vor Begeisterung. Er wollte fliegen. Ich musste mich wegdrehen, weil die Szene mich wie ein Messer ins Herz traf.

Als kleines Kind hatte ich das wieder und wieder gemacht: Bei jedem Sturm war ich rausgerannt und hatte meine Windjacke aufgerissen. Immer hatte ich mit laut klopfendem Herzen geglaubt, dass der Wind mich jetzt gleich vom Boden heben und in ein besseres Leben fliegen lassen würden, der Wunsch war so heiss und eindringlich gewesen wie die ganz tiefe Sehnsucht wo anders zu landen. Den Status Quo, das Hier und Jetzt, war das Letzte, wo ich bleiben wollte.

Und jetzt stand mein Coachee da und jubelte und schrie und verlangte vom Wind, ihn mitzunehmen. Ich verstand ihn. Sein Körper hatte Spannung, sein Gesicht war total glückselig, seine Arme spannten sich weit und hoch mit dem Stoff seiner Jacke. So feierten wir einen Moment. Ein paar köstliche Minuten die totale Hoffnung, dass nun alles anders werden würde. Bis der Wind schliesslich drehte und an anderer Stelle Wirbel produzierte. Wir gingen zurück zum Auto, beide mit kaltem Gesicht und eisigen Händen und noch getragen von dem Gefühl der eroberten Freiheit.

Und die Ernüchterung kam dann leider auch postwendend, als er sagte, dass dieses kleine gesamelte Juwel leider sein Leben nicht gerettet hatte, wie auch all die anderen nicht. Wir fuhren schweigend nach Hause. Ich wollte ihn nicht aufgeben. Aber ich wusste, ich würde seine Geschichte nicht mehr drehen können.

Mein Coachee hatte einen schweren Burnout erlitten. Seit Kindesbeinen hatte man ihm ein falsches Leben aufgezwungen. Er musste leisten, wenn er spielen wollte. Er musste mitspielen, wenn ihm nach Rückzug war. Er musste sprechen wenn er schweigend in seine eigene Welt weg träumte. Er hatte eine feine Kinderseele, war sensibel und zart und wurde gedrillt, gezwungen, verbal aufgepeitscht und grob angefasst. Viele Jahre passte er sich an. Machte, was von ihm verlangt wurde, gehorchte, folgte dem Diktat. Eines Tages wollte er nicht zu seinem Grossvater, einem Mann mit kalten Augen und stahlharter Autorität, und versteckte sich im Gartenhaus. Er wurde heraus gezerrt und gegen seinen Willen auf die Rückbank der grossväterlichen Limousine geprügelt. Seine Tränen, anfangs noch heiss und emotional, versiegten über die kommenden Jahre. Er wurde brav und tat, was alle tun, leistete und lernte, arbeitete und log sich und alle anderen vor, dass er das schon schaffen würde mit dem Leben.

Ich lernte ihn kennen als er, knapp über 40, einen gewaltigen psychopathologischen Burnout hatte.

An dem Modell des Burn-outs ist ein Aspekt kritikwürdig. Das Konzept Burn-out lebt von einer Ursachenzuschreibung. Zumeist wird die Arbeitsbelastung als Ursache der Beschwerden ausgemacht. Dies kann durchaus zutreffen, muss aber nicht. Die moderne Psychiatrie hat die klare Ursachenzuschreibung (mit wenigen Ausnahmen wie z.B. der akuten Belastungsreaktion) zugunsten einer beschreibenden Krankheitslehre aufgegeben. Hierdurch wurden die psychopathologischen Symptome als kleinste Bausteine psychischer Störungen aufgewertet. Die Störungsbilder sind damit wissenschaftlich untersuchbar und vergleichbar geworden.

Für die meisten „grossen“ Krankheiten der Psychiatrie (z.B. Depression, Schizophrenie) gelten als Ursache mehrere Faktoren – z.B. genetische, lerngeschichtliche, aber auch situative und protektive. Vererbt und lerngeschichtlich ausgeformt werden meist individuelle Anfälligkeiten und Abwehrkräfte. Für jedes Individuum ist dann eine unterschiedliche auslösende Situation erforderlich; dies kann Stress auf der Arbeit sein, aber auch ein realer oder nur befürchteter Verlust.

Oder in seinem Fall: Der Verlust der eigenen, unterdrückten Identität und den regenerativen inneren Möglichkeiten, sich selbst zu erholen über die eigenen Freuden. Er hatte eine schwere Depression. Ängste. Antriebsschwäche. Er taumelte.

Burn-out ist also keine Krankheit, sondern ein Risikozustand.

Und mein Coachee hatte dann wirklich alle Auffälligkeiten entwickelt, die dieser Risikozustand mit sich bringt.

Über die Jahre war der schöne Mensch in falsche Hände geraten. Hatte unzählige miese psychiatrische Kliniken durchlaufen, war durch viele falsche Therapieansätze gegangen, hatte händeweise Psychopharmaka bekommen, die er bald nicht mehr absetzen konnte. Der Cocktail an Psychodrogen hatte ihn im Griff, inzwischen warf er Benzodiazepine wie Smarties ein und taumelte zwischen erzwungener Beruhigung und stabilisierenden Happypills.

Ich konnte ihm auch nicht mehr helfen, das schmerzt bis heute. Aber es war zu spät.

In der vergangenen Woche bekam ich die Information, dass er mithilfe der Sterbeorganisation Exit das Leben verlassen hat. Mein Herz ist schwer. Ich hatte zehn Jahre nichts mehr von ihm gehört und kann mir vorstellen, wie seine Leidensgeschichte weiter ging. Ich ziehe den Hut vor ihm und seinem Mut, dem Leben ein Ende zu geben. Eine unendlich mutige Entscheidung. Ein letzter und konsequenter Schritt, von dem ich denke, dass er ihm endlich die Autonomie zurück gegeben hat, die er sich so sehnlichst wünschte.

Ich werde für ihn auf einer Klippe stehen und im Wind jubeln, wenn der nächste Sturm kommt.

Da, wo man das Leben – nicht – mehr spüren kann, da ist es auch nicht mehr.

Auch das: C’est la vie.

für Stefano.