Brillanz

Vor einigen Jahren erzählte mir eine befreundete Juwelierin einmal die Geschichte, wie man wertvolle Schmucksteine kauft. Überaus beeindruckend und deswegen erwähne ich das hier gerne: Kommt man zu einer Mine, in der es zum Beispiel edle Aquamarine gibt, dann zeigt der Händler gerne zuerst seine schönsten Stücke. Er breitet ein schwarzes Samttuch aus, beleuchtet das Sichtfeld mit starkem Spotlicht und breitet seine Schätze darauf aus. Aus einem kleinen Säckchen holt er die allerschönsten brillant glänzenden Steine. Es funkelt und strahlt und man ist versucht auf die feinsten Stücke zu deuten, um sie zu kaufen.

Aber so geht das nicht: Die Steine werden nur im Kilopreis verkauft. Um eins der Juwelen zu bekommen, kauft man einen ganzen Sack Aquamarine. Über 90% der Steine sind da die sogenannten „Schrottseine“. Die, mit denen sich nicht viel anfangen lässt. Meist sind sie weder besonders klar noch makellos. Sie dienen einzig dazu, sogenannte „Trommelsteine“ zu werden: Steine, die man für wenig Geld verkaufen kann und die als Begleiter in Hosentaschen oder Deko in Schalen dienen. Oder in den Armbändchen, die Steinperlen auf Gummibändern um das Handgelenk zieren.

Auch edler Wein wird so verkauft. Zum Beispiel der fantastische Bordeaux von Château Pétrus. Da möchte man ein oder zwei echte Flaschen haben und muss ein 12er Gebinde kaufen, mit 10 Begleitweinen vom gleichen Weingut. Eine Investition, die in riesige Höhen gehen wird.

Aber zurück zu den Steinen: Um also ein oder zwei einzigartige Steine zu bekommen, kauft man einen Haufen Schrott mit, weil eben eine Mine nicht nur die edelsten Juwelen liefert, sondern eben auch sehr viel Beiwerk.

Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit Menschen und Begegnungen.Wie viel gewöhnlichen Smalltalk muss man ertragen, bis man mal zu einem echten Gespräch kommt! Wieviele Menschen lernt man kennen, die an der Oberfläche bleiben oder die sich wirkungsvoll tarnen und ihr inneres Strahlen niemandem offenbaren. Wie viele Begegnungen hat man, die nichts bedeuten, nichts in einem bewegen, nicht inspirieren und nichts auslösen! Und dann kommt jemand um die Ecke und man ist geflasht und berührt und man hat Lust, sich einzulassen, sich der Begegnung hin zu geben, sich zu offenbaren. Echte Juwelen, solche Menschen! Ein Geschenk!

In den vergangenen Wochen habe ich so viele Juwelen bekommen. Die meisten, allermeisten Menschen, die mir begegnet sind waren wirkliche „Schätze“ und keine Schrottsteine. Ganz schnell entfaltete sich vor meinen Augen eine Persönlichkeit, die Charakter, Tiefe und Schönheit zeigte. Ich war wirklich bezaubert, in einer solchen Fülle hatte ich das nie in so kurzer Zeit erlebt.

Und dann – Achtung, dachte ich darüber nach, ob man erst so weit weg gehen muss um eine so reiche „Ausbeute“ zu haben. Ich dachte wieder an die Aquamarin Geschichte. Bereits im Namen wird die Verbindung zum Meer deutlich: „Aquamarin“ bedeutet wörtlich „Wasser des Meeres“ und setzt sich aus den lateinischen Wörtern „aqua“ (Wasser) und „marinus“ (zum Meer gehörig) zusammen. Der Aquamarin gilt auch als die „Mutter der Edelsteine“ und kommt ursprünglich aus Minen aus Brasilien, später auch aus Afrika. Heute findet man ihn in Ländern wie Nigeria, Madagaskar, Mosambik und Sambia.

Muss man also ebenso weit reisen um Juwelen zu finden, die so wunderschön sind?

Nein. Ganz im Gegenteil. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich unendlich viele wertvolle, wunderschöne Menschen kennengelernt. Ich behaupte sogar, alle meine Coachees und Patienten waren schön. Alle! Warum? Weil sich Menschen, die sich öffnen, immer als klar, rein, pur und schön entpuppen. Der Schrott ist nur aussen, die Hüllen um den Mensch sind meistens dicht und auch manchmal dreckig. Schleifft man ein bisschen daran herum, zeigt sich bald vollendete Schönheit.

Mein Job war (und ist) vielleicht das: Den Dreck und die Schutzhüllen abzuschleifen um das wunderschöne Innere frei zu legen. Denn: In jedem von uns schlummert das Juwel. Wie wunderbar wäre es, würden wir uns nicht (nur) mit den Schutzhüllen zufrieden geben, sondern tiefer graben.

Und noch schöner: Die Hüllen einfach fallen lassen und geradeaus in unser Herz, unsere Menschlichkeit schauen lassen. Das kann in einem Gespräch passieren, einer Berührung oder einem Augen-blick.

Vielleicht ist das das Geheimnis der Juwelen meiner letzten Wochen: Wir hatten Zeit uns einzulassen, wir konnten uns im Gespräch begegnen ohne Zweck und ohne Ziel. Es war Zeit da, sich zu begegnen, es war ein Raum da, der es möglich gemacht hat, zusammen ein paar Atemzüge zu nehmen zwischen den Zeilen. Etwas zu spüren oder entstehen zu lassen. Wohlwollen und Zeit haben, Hingabe und Wahrheit. Wie bezaubernd.

Das Leben ist voller Schmuckstücke.

La vie est belle – Das Leben (und Du!) (b)ist schön!

Prallvolle Lebenslust

Ich könnte einen Text schreiben welchen wunderbaren Menschen ich begegnet bin seit ich unterwegs bin. Aber es würde wohl immer nur eine Art Satzanfang werden, weil ich die Geschichten nicht alle erzählen kann… Also mache ich es ganz einfach: Ich lasse Dich ihnen in die Augen sehen. Siehst Du das? Das LEBEN, das sich hier ausdrückt? Die Leidenschaften, die Brüche, die Liebe, das Zarte, das Herbe, das Wilde, die Freiheit?

Begegnungen können grosse Umbrüche in Gang setzen, Inspiration sein, berühren und berührend sein, Mut machen, neue Perspektiven eröffnen. Und so bin ich jetzt schon reich beschenkt von den Menschen zwischen 21 und 79, die mir begegnet sind, die mein Leben mit ihren Gedanken und Geschichten berührt haben.

Heute sass ich mit einer jungen Frau auf einem Schiff und wir jagten auf dem indischen Ozean an ein gemeinsames Ziel. Wir haben nicht viel gesprochen aber als die Delfine über die Meeresoberfläche tanzten, da hatten wir diesen gemeinsamen Moment und wir feierten das Leben. Weil es eben genau das ist: Wir sind zur selben Zeit hier, wir atmen ein und aus, spüren die ganze Kraft, teilen den gleichen Ort. Und doch schreibt jede von uns eine eigene Geschichte, ist von etwas angetrieben, folgt einer Sehnsucht, fühlt sich individuell an einem Punkt, zu dem wir nie mehr zurück kehren können.

Feiern wir also das Leben – umarmen wir das Leben und uns. Verbinden wir unsere Kräfte und lassen sie wachsen. Und nun, begegnet den Schönheiten in den Gesichtern meiner Wegbegleiterinnen. Was für ein Fest!

Euphorie an der Wallstreet

Das Erste was bei Christine auffällt ist ihr Lachen, laut und exzessiv, herrlich lebendig und farbenfroh. Und sie bewegt sich sehr speziell, vielleicht wie ein wildes Tier auf der Suche nach reichhaltiger und köstlicher Nahrung. Sportlich, mit einer guten Grundspannung. Die Frau hat eine Ladung im Körper, von der man nicht weiss, wohin sie sich als nächstes wenden wird. Und sie ist voller Genuss und Lebensfreude, vom Scheitel bis zur Sohle.

Erst als ich mit ihr – natürlich! ins Gespräch komme, offenbart sich ihre erstaunliche Vita. Und wir alle am Tisch staunen nicht schlecht, denn vor uns sitzt eine, die ihre eigene Heldenreise geschrieben hat, die aber felsenfest (steinböckisch) auf dem Boden steht.

Christine wird 1969 am Weihnachtstag in der zauberhaften Stadt Wien geboren. Die Eltern lernen sich in der Universität kennen, der Vater ist bald danach schon in einer höheren Position als Betriebswirtschaftler. Die steile Karriere des Vaters zeigt auf, wie sie in den 70ern beispielhaft ist, die Mutter legt zunächst ihre akademsichen Ambitionen zur Seite und zieht die vier Kinder gross. Es ist ein wohlhabender Haushalt mit klarer Rollenteilung und einem Vater, vor dem die Kinder auf den Fusspitzen gehen, wenn er einmal zuhause ist. Die meiste Zeit aber sitzt er im Büro, arbeitet jeden Tag, tagundnacht und die Mutter tut zunächst ihr Bestes, um das Familienleben stabil und korrekt zu halten.

Und Christine hat Glück. Sie wird mit einem sonnigen Gemüt geboren, als Christkind und Nesthäkchen hat sie viele Freiheiten und die, die sie nicht hat, erobert sie sich. Die drei Geschwister vor ihr mussten um jeden kleinen Spielraum kämpfen, bei Christine ist alles ein bisschen eingespielt und sie erobert auch ihr Terrain. Schon mit 16 sitzt sie auf dem Moped mit kurzem Röckchen und tut, was sie will. Da sie eine Vorzeigeschülerin ist, kann man ihr die kleinen Kapriolen verzeihen. Die Leistung stimmt – also darf sie auch eine Kür tanzen.

Als sie 12 ist geht die Mutter zurück an die Universität, macht hopplahopp ihr Jura Studium und die Anwaltszulassung und lässt die kleine Christine als Schlüsselkind aufwachsen. Wenn diese jetzt nach Hause kommt, dann ist es seltsam still im Haus und sie beginnt das TV anzudrehen und amerikanische Serien zu schauen. Dann MTV und schliesslich FAME – ein Highschoolfilm aus den 80ern, in dem die Schüler nicht nur fleissig lernen sondern spektakulär durchs Leben tanzen. Christine’s Herz schlägt donnernd laut: DA will sie hin! In die USA! Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Eine neue Welt erobern und raus aus Wien und dem Schoss der Familie.

Sie trällert den Titelsong von Fame …

Baby, look at me
And tell me what you see
You ain’t seen the best of me yet
Give me time, I’ll make you forget the rest

I got more in me
And you can set it free
I can catch the moon in my hands
Don’t you know who I am?
Remember my name

Fame! I’m going to live forever!

Fame! I’m gonna learn how to fly!

Jede Zeile des Songs wird Christine’s Weg beeinflussen.

Christine will in die Welt! Weit weg, nach oben, nach vorne, voran. Sie ist hungrig und hat Ambitionen die bis in den Himmel reichen.

Mit 18 hat sie die Matura bestanden und hat das Ziel Wirtschaft zu studieren in den USA ins Auge gefasst, schon bald hat sie das Ticket in der Hand. Auf ein College nördlich von Chicago für ein Wirtschaftsstudium soll es gehen. Sie sitzt alleine im Flieger, mit ihren zwei Koffern im Bus und schliesslich in ihrem Zimmer auf dem Campus. Und jetzt geht es los, schnell und intensiv. Eins ist klar: Auf keinen Fall will sie zurück. Das ist ihre Zeit und ihre Chance und sie will jede Möglichkeit nutzen.

Sie fiebert den Kursen über Aktien und Trading entgegen, ist eine Mathekünstlerin, brilliert im Studium. Schon nach drei statt vier Jahren hat sie den Bachelor in der Tasche. Und nebenbei schaut sie jeden Abend die Bill Cosby Show, um auch noch den amerikanischen Sprachwitz zu lernen. Schon im Studium beginnt sie zu arbeiten in den Sommermonaten, sie will an die Wallstreet und sie schafft es auch: Sie schreibt einfach ehemalige Studenten ihres Colleges an, die jetzt in New York City arbeiten und wird Junior Analystin in einer Investmentbank. Eine Männerdomäne! Sie ist 21, blutjung, klug, geistreich UND witzig und sie bekommt die Stellen, die sie will.

Schon bald sieht sie, dass sie eine weitere Ausbildung braucht, den CFA Abschluss muss sie haben, den Chartered Financial Analyst, auch diesen Schein hat sie bald in der Tasche. Und sie will noch mehr. Sie will sich behaupten in der Welt der Anzüge, ist noch immer ambitioniert und hungrig und – sie will unbedingt Senior Aktien Analyst bei einem der Key-Player der Branche werden. Schon bald arbeitet sie unglaublich viele Stunden, bekommt von der Firma ein kostenloses Abendessen, weil sie so lange bleibt. Und das Unternehmen lässt ihre Angestellten auch mit ein Chauffeur nach Hause fahren, wenn sie bis 22 Uhr arbeiten. Privatleben kennt Christine die nächsten Jahre nicht, aber es macht ihr nichts aus, noch immer brennt das innere Feuer lichterloh.

Jetzt möchte sie die Green Card, schon längst ist klar, dass sie in den USA bleiben will. Und sie möchte ihren Platz in der Aktien Analysten Welt, sie will Investments analysieren und dabei sein, wenn auf dem Finanz-Spielplatz gespielt wird. Nicht irgendwo, bei einem der grossen Fünf soll es sein. Dafür verlässt sie NYC noch einmal und macht das Masterstudium MBA an der angesehenen Wharton University in Philadelphia. Nur 6%! der Studenten, die eine Bewerbung abschicken, werden hier angenommen. Und als Frau in der Wirtschaftswelt ist Christine hier auch federführend.

Schon im Abschlussjahr der Wharton hat sie den Platz bei einer der grössten prestigeträchtigen Fondmanagement Unternehmungen der Welt. Hier wird sie in den nächsten 13 Jahren eine unglaubliche Karriere machen. Bald schon, 26jährig, sitzt sie an den Tischen der Konzernleitungen weltweit und lässt sich die Wirtschaftsdaten vorlegen und davon überzeugen, dass es eine nachhaltig erfolgreiche Investition sein wird. Und sie hat einen guten Riecher, betreut ihr eigenes Portfolio mit sehr vielen „Nullen“ hinter der 1 und wird ein „Crack“ auf ihrem Gebiet.

Als sie 39 ist, sieht Christine, dass sie eigentlich alles hat, ausser einem privaten Leben, es verlangt sie nach anderem, sie ist neugierig und will wissen, was die Welt sonst noch zu bieten hat. Längst hat sie bei den vielen Geschäftsreisen einen Geschmack für Asien bekommen, hat Yoga und neue Kulturen kennengelernt, ist interessiert an Kreativem und Interior Design. Sie steigt aus der Branche aus – sehr zum Entsetzen aller Kollegen und Mitmenschen. Eine solche Karriere zu beenden, dafür braucht man Mut, denn es würde ja mühelos so weitergehen.

In den kommenden Jahren wird sie ein Unternehmen für Interior Design gründen und führen, verschiedene Aufsichtsratsitze ausfüllen, sich zur Yoga Instruktorin ausbilden, um die Welt reisen, endlich eine lange liebevolle Beziehung führen und die Familie und Freundschaften pflegen. Sie probiert sich aus und ist entspannt und sie verwandelt alchemistisch alles zu Gold, was sie beginnt.

Inzwischen ist sie in einem Zirkel von Menschen, der in Startups investiert. Nur 3% aller Startups die mit Venture Capital versorgt werden sind von Frauen gegründet worden. Hier sieht sie neue Chancen, sich in Position zu bringen und etwas für andere mutige Frauen zu tun.

Aber jetzt steht sie wieder „an der Kante“, wie sie sagt: Sie will noch mal etwas Grosses machen! Das letzte Kapitel schreiben in ihrer unglaublichen Heldenreise. Nur was? Wo? Wie? Darüber hat sie jetzt genug Zeit, nachzudenken.

Ich freue mich sehr über diese Begegnung. Christine ist eine Frohnatur. Ein Freigeist. Eine die immer wieder gesagt hat: Ich werde das schon schaffen! Ich will meinen eigenen Weg! Mit Leidenschaft, Disziplin und Fleiss hat sie ihre Träume gejagt und alle Ziele selbst erreicht. Und dabei ist sie niemals abgehoben, sie ist fröhlich und locker, antastbar und saftig. Was für ein Vergnügen!

Ich wünsche ihr, dass sie noch einen weiteren goldenen Weg findet, der ihrem lebendigen und aufgewühlten Herzen entspricht, auf dem sie dann noch mal Vollgas geben kann. Sie ist ein schönes Beispiel für eine Frau, die ihren eigenen Weg gefunden hat. Für mich: Eine moderne Heldin.

Oder, um es ganz kurz zu machen:

La vie est belle! Das Leben ist schön!

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Eine Matahari auf Bali

Sie sieht aus wie eine Gazelle. Gross, schlank, geschmeidig und schnell. Und dann fächern sich viele neue Facetten auf, wenn man Daliborka kennenlernt. Ihre Augen sind die einer wilden Wölfin: Stark, entschieden, klar und focussiert. Und gleichzeitig empfindsam, warm, mitfühlend und fein. Und dann ihre Sprache: Unüberhörbar ein Balkan Akzent, der ihr etwas Hartes und Ungeschliffenes gibt. Und doch: Eine schöne, wohl gewählte Wortwahl und eine fast poetische Beschreibung dessen, was sie gerade zu sagen hat. Ein Wunderwerk. Ich muss sie unbedingt kennenlernen denke ich mir, als ich ihr begegne.

Daliborka wurde in Bonsien geboren, ist aber eine Kroatin. Sie wächst in einer schönen Umgebung auf, erzählt warm und herzlich vom Sommer auf dem Land bei ihren Grosseltern. Da wurde Tabak angebaut und alles, was man zum Leben brauchte. Und die Grosseltern hielten auch Tiere, hatten eigene Eier, frische Milch und Milchprodukte. Als sie erzählt, wie gut das alles geschmeckt habe, kann ich vor meinem Auge die kleine Dali erkennen, wie sie genüsslich ein dickes Butterbrot verspeist und über alle Backen lacht.

Daliborka und ihre Geschwister leben mit den Eltern in der nahen Stadt Mostar, der Vater war Taxifahrer, ein Mann der gerne im Auto herum fuhr. Die Mutter begnügt sich einige Jahre mit dem Aufziehen der Kinder und dem Haushalt, spürt aber bald auch den eigenen Ruf nach Selbstverwirklichung. Den Ruf haben bald alle, die Mutter zieht in die Schweiz, die Brüder nach Deutschland, alle suchen nach ihrem Glück. Nur Daliborka ist noch zu Hause, bis der Bosnienkrieg ausbricht und die Mütter und Töchter zur Sicherheit lieber das Land verlassen sollen.

So geht Daliborka, inzwischen 17, mit ihrem Onkel nach Deutschland, bekommt natürlich einen Kulturschock und fühlt sich bald einsam und verlassen. Aber Aufgeben ist für sie keine Option. Schon nach einem Jahr spricht sie ordentlich deutsch, sucht sich einen Job, strebt in einer Privatschule nach dem Wirtschaftsabitur. Und sie jobbt, weil sie selbst für sich sorgen will. Eine wilde Reise durch viele Jobs beginnt, sie arbeitet im Expo Cafe, für ein Unternehmen für VIP Gastronomie. Allerlei illustre Menschen laufen ihr über den Weg, Tennisstars, Schauspieler, Formel-1-Fahrer. Schon ganz bald bekommt sie drängenden Hunger: nach dem Leben, der Entfaltung, der Lust auf den eigenen Weg. Auch eine kurze Ehe hält sie nicht auf, sie zieht weiter und weiter und sucht nach dem ganz Eigenen, nach der Selbstentfaltung und dem, was sie wirklich, wirklich will.

Ein paar Jahre taumelt sie, immer getragen von dem ganz festen Urvertrauen im Leben getragen, beschützt und geführt zu sein. Und es passiert auch, dass sich alle Wege irgendwie fügen, dass alles gelingt was sie sich erträumt, alles was sie anfasst wird zu Gold. Sie wandert auf den Machu Picchu, macht eine Ayahuasca Zeremonie in Perus Dschungel, überlebt das Dengue Fieber in Costa Rica, widmet sich intensiv dem Yogileben, pilgert zu Seminaren und Ausbildungen, erlebt im Breathwork ein neues Selbst. So langsam sammelt Daliborka die Mosaiksteinchen zusammen und bildet daraus ein neues, ein echtes und authentisches Bild. Sie findet immer mehr in ihre Kraft.

Auch der neue Job am schönen Zugersee in der Schweiz und die chice Wohnung können sie irgendwann nicht mehr festhalten. Sie muss weg, sie spürt ganz deutlich, dass dieses Leben nicht für sie geht. Und dass sie etwas Anderes sucht. Sie begibt sich in ein Sabbatical, reist nach Fernost, probiert sich aus und die Idee, wer sie wirklich ist, wird immer klarer. 2019 ist es dann soweit, sie bricht endgültig auf.

Löst auf, verkauft alles, trennt sich von allen scheinbaren Sicherheiten und fliegt mit einem One-way-ticket nach Bali. Aber schon nach ganz kurzer Zeit heisst es: Die Füsse still halten. Der Lockdown bringt einen weltweiten Stillstand. Kein Problem für Daliborka, sie findet die richtigen Menschen und Möglichkeiten, erkundet ihre neue Welt auf einem Motoroller, zieht immer grössere Kreise und etabliert sich.

Auf einem Visionboard wenige Jahre vor Bali hat sie es genau gesehen: Dass sie an einem warmen Ort leben wird, barfuss läuft, ganzjährig im Sommerkleidchen, dass sie stark und geschmeidig ist und voll in ihrer Kraft. Und das ist nur der Anfang einer wunderbaren Lebensgeschichte. Inzwischen ist sie etabliert als Yogalehrerin, Coach und spirituelle Lehrerin. Sie hat alles in ihrem schönen, grossen Herzen gefunden, was sie sich erträumt und herbei gesehnt hat.

In Bali hat man ihr einen neuen Namen gegeben: Matahari. Malaiisch: Sonne. Wörtlich: Auge des Tages.

Wie schön, dass man zwischen der kleinen Dali und der grossen Daliborka eine Bedeutung finden kann in ihrem Geburtsort Mostar: Es heisst „Brückenwächter“. Sie hat die Brücke ihrer Leben gefunden, ist stimmig und ganz und vollkommen in sich.

Sie hat es geschafft den Ruf zu hören, sich in die Welt getraut, hat sich stark gemacht wenn sie schwach wurde, hat eine tiefe Verbindung zu allem gefunden, ihr Herz befreit und das Leben umarmt. All das sieht man, wenn man in ihre Augen blickt.

Ich bin dankbar für diese schöne und wertvolle Begegnung. Weil:

La vie est belle! Das Leben ist schön!

Das ist der link zu Daliborka’s Webpage:

Duminda

Ich habe einen menschlichen Engel kennengelernt. Nicht der erste, aber auch ein ganz besonders wunderbarer Mensch.

Duminda wurde 1972 in Matara, der südlichen Provinz in Sri Lanka geboren. Es folgten vier Brüder. Die Familie wohnte im Haus des Mannes, inclusive seiner Eltern und Geschwister. Sie hatten es noch „etwas besser“ erzählte er mir. Die Familie gehörte zu der Kaste der Handwerker, die den König beliefern. Sein Vater arbeitete als Konstrukteur und die aufkeimende Wirtschaft liess viele Neubauten zu. Anfangs versorgte der Vater die Familie noch gut, bald aber feierte er kleine Erfolge mit abendlichen Trinkgelagen, die in den kommenden Jahren immer intensiver wurden. Bald war er dem Alkohol verfallen und das Leben mit ihm wurde gewalttätig und roh.

Der älteste Sohn ist in seiner Tradition immer der Beschützer der Mutter und seiner jüngeren Geschwister. Und Duminda nahm diese Stellung sehr ernst. Stets versuchte er, die Ausbrüche des Vaters zu mildern oder abzulenken. Dazu gehörte, dass er oft spätabends oder nachts vom Vater angerufen wurde, weil dieser zwei Zigaretten wollte oder eine Stütze für den Heimweg brauchte. Der kleine Duminda musste also, 8jährig, loslaufen und ein Kiosk finden, in dem es noch Zigaretten gab. Da er Angst hatte vor Motorrädern, den fremden Menschen, den Strassenhunden, lief er immer grosse Umwege und wurde dann vom Vater geschimpft, weil es so lange gedauert hatte. Er hatte auch Angst vor dem Vater, aber eins der Übel musste er in Kauf nehmen. Er bewahrte dennoch – bis heute – sein feines Herz.

Als Duminda 14 war, starb der Vater an den Folgen seiner Trunksucht. Die Schwiegereltern machten seiner Mutter klar, dass sie zwar im Haus weiter geduldet war, aber keinerlei Unterstützung erwarten konnte. Eigentlich dürfen Kinder unter 18 nicht arbeiten gehen, aber ein Onkel gab ihm einen Job in der Schreinerei und so arbeitete er vier Jahre dort nach der Schule, oft bis spät nachts, um die Familie zu ernähren. Das Leben war arm. Ein kaputter FlipFlop hiess, dass es tagelang nur Reis und Blätter gab. Die Mutter musste ab und zu in die Schule kommen und es war Vorschrift, einen Sari zu tragen, für den es kein Geld gab. Also arbeitete er doppelt so hart, manchmal die ganze Nacht, um das möglich zu machen.

Als Duminda 18 wurde, wusste er, dass sich etwas ändern müsse. Ginge das Leben so weiter würde es nur noch härter werden. Über einen Nachbarn bekam er Kontakt zu fremden Verwandten, die in Kuwait auf dem Flughafen arbeiteten.

Er schrieb einen Brief und bekam zwei Wochen später eine Antwort, dass er eine bestimmte Ausbildung und auch den Führerschein machen musste, um angenommen zu werden. Aber woher das Geld nehmen? Die srilankischen Freunde in Kuwait legten alle zusammen und er absolvierte die Ausbildung für die Flugsicherung und erwarb den Führerschein. Und dann ging es für ihn los. Zehn Jahre musste er sich verpflichten zu bleiben. Nach Rückzahlung der Ausbildung schickte er 80% seiner Einnahmen nach Sri Lanka, damit seine Familie auskam und die Brüder eine ordentliche Schule besuchen konnten.

Schon bald wurde es wieder eng. Es gab viel Ärger mit den Verwandten, bei denen Mutter und Brüder wohnten. Duminda sagte, er verzweifelte sehr, aber er würde mindestens 2 Jahre brauchen um das Geld zusammen zu haben für eine neue eigene Bleibe. Auch hier rückten die Sri Lanker wieder zusammen. Sie legten ihre Ersparnisse zusammen und so konnte ein bescheidenes Zuhause für die Familie gekauft werden. Weil nun aber kein Geld mehr zur Verfügung stand, er musste jeden Monat seinen 15 Kollegen etwas zurück geben, konnte er nichts mehr für den Unterhalt senden. Also arbeitete er an seinen freien Tagen als Essens Lieferant für Pizza Hut.

In dieser Zeit war er oft einsam und vermisste seine Kultur, sein Essen, seinen Tempel, seine Familie. Er zog trotzdem durch, war zäh und tapfer. Und: Duminda glaubt ganz fest an Karma. Damit erklärt er sich sein damals hartes Leben. Und wusste auch, dass er gutes Karma ansammelt für sich und alle weiteren Leben und auch für seine Familie.

In Kuwait war es damals extrem heiss. Oft 52 bis 60 Grad Celsius. In den Städten wurden die Temperatur auf grossen Displays angezeigt. Es gab eine strikte Weisung, nicht auf die Strasse zu gehen. Aber, so sagte Duminda, die Flugzeuge kamen ja trotzdem an, und jemand musste die grossen Fieger an den Abflug- oder Landeplatz schleppen. So sass er in seinem Safetycar, ohne Dach und ohne Klimaanlage und tat seinen verantwortungsvollen Job. Auch wenn die Sandstürme kamen im Winter und der Sand in jede noch so kleinste Ritze flog und die Landebahn in eine Wüste verwandelte.

Nach zehn unendlich langen Jahren, die Brüder hatten nun alle Schule und zum Teil Studium bestanden, hatte er einen längeren Urlaub in seiner Heimat. Nach zwei Monaten wollte er zurück kehren, um sich für weitere zehn Jahre zu verpflichten. Duminda war inzwischen 30 und hatte keine Frau gewählt, kein eigenes Leben gehabt. Er sass im Bus aus Colombo nach Matara, eine Fahrt von fünf Stunden in sengendheissem Klima. Eine junge Frau setzte sich neben ihn. Sie kamen ins Gespräch und der Liebesgott hat seine Pfeile gesandt.

Duminda ging nicht zurück nach Kuwait. Nach Befragung der Eltern, der Kasten und der Astrologen durften die beiden heiraten. Eine Liebesheirat. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er es mir erzählte. Zwei wunderbare Söhne wurden geboren, die beide Ingenieur werden wollen. In diesen Tagen feiert er mit seiner schönen Frau 20 Jahre Hochzeit. Voller Stolz zeigt er mir die Fotos, von seinen schönen Söhnen, von der Feier. In allen Bildern sehe ich Liebe und Zusammenhalt.

Inzwischen leben sie alle in einem schönen Haus. Die alte Mutter, denn als Ältester ist er für seinen Schutz für sie zuständig, seine Frau und die Söhne und seit kurzem auch Hunde. Im Dezember stieg Duminda aus dem Bus und war auf dem Weg nach Hause, als er eine heulende Hündin antraf. Die Frau daneben wollte ihn weiterschicken aber er interessierte sich für einen Karton, den sie in der Hand trug und an dem die Hündin hochspringen wollte. Er sagte er wolle sofort wissen, was da drin sei und die Frau sagte, er solle weitergehen, es sei etwas Bissiges darin. Aber er liess sich nicht abwimmeln und öffnete den Karton, in dem sich 7 kleine Welpen befanden, die die Frau an diesem Tag aus dem Weg räumen wollte. Entschieden nahm er den Karton an sich, die kläffende Hundemutter wurde von ihrer Besitzerin festgehalten.

Als er nach Haus kam, sagt er mit einem grossen Lachen in den Augen, habe seine Frau erst herumgeschrien, aber dann alle Welpen einzeln heraus genommen. Sie hat sich trotz aller innerer Widerstände, in die Hündchen verliebt. Sie wurden kastriert, aufgepäppelt und werden gut gefüttert. Und jetzt möchte die Frau keinen einzigen mehr weg geben.

Duminda ist ein lachender, glücklicher Mensch. Jede Faser seines Körpers strotzt vor Liebe und Lebensfreude. Er ist nicht gebrochen, sieht sich nicht als Opfer seiner Umstände. Bei einem gemeinsamen Tempelbesuch mit ihm sagte er mir, er sei reich beschenkt worden vom Leben, könnte gar nicht genug Danke sagen. Auch im Gebet opfert er Kerzen und Blumen und bedankt sich bei Buddha, dass er es so gut mit ihm gemeint hat. Er sagt: Ich muss ein gutes Karma haben. Mir ist immer alles geglückt. Ich habe eine wunderbare Frau, zwei Kinder, kann mich um meine Mutter kümmern, wir sind alle gesund. Und 2004, als der Tsunami in Matara 36.000 Menschenleben kostete, wurde ich rechtzeitig davon abgehalten hinunter an den Markt in Strandnähe zu fahren, obwohl ich das immer so gemacht habe und genau an diesem Tag von einer Köchin ins Gespräch vertieft wurde.

Ich laufe neben Duminda zurück zum Auto. Auf dem Weg sehen wir eine alte, magere Frau. Duminda zückt sein Portemonaie und gibt ihr 1000 Rupies (ca. 3 Euro). Davon, sagt er, kann sie eine Woche essen. Ich frage ihn, wie er denn entscheide wem er etwas gibt. Er sagt: „Hier gibt es arme Menschen und solche die Hunger haben. Ich gebe allen die Hunger haben. Das habe ich auch meinen Söhnen so gesagt. Ich weiss, wie Hunger aussieht. Das habe ich viele Jahre selbst erfahren.“

Es gibt sie noch, die menschlichen Engel.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Screenshot

Das Glück der Erde…

Diese Tage hatte ich wirklich sehr grosses Glück. Ich habe die Künstlerin kennengelernt, deren Arbeit ich seit Jahrzehnten bewundere.

Als ich ein Pferdemädchen war, gab es jedes Jahr einen Kalender, der uns Pferdeverrückte alle glücklich machte und auf den wir sehnlichst Jahr für Jahr warteten. Er zeigte die schönsten Pferde der Welt, war gross, hochglänzend und teuer. Und er war unser aller Schatz. Denn: Die Fotografin hatte die Pferde so fotografiert, dass man direkt und ohne Umwege ihre schöne Seele sehen konnte.

Damals war Fotografie noch analog. Es gab Filmspulen, die von Hand durch den Transportschlitten „geratscht“ werden mussten. Und jede Einstellung musste per Hand gemacht werden. Es gab den einen Shot. Die eine Chance zu dem Bild zu kommen, was man sich erträumte. Und die Fotos dieser Künstlerin waren grandios. Ausdrucksstark, präzise und voller Poesie. Was wir damals erst später wussten: Die Seele der Fotografin war ebenfalls zu lesen. Die Szenen der edlen Pferde wurden völlig natürlich und ungekünstelt auf das Bild gebracht. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Ich bin sicher, dass Gabriele gar nie angefangen hat, ihre Bilder zu bearbeiten.

Ich weiss noch, wie ich vor den Bildern sass. Viele haben wir eingerahmt und geträumt, einmal ein so wunderschönes Wesen selbst zu sehen, vielleicht zu reiten oder gar zu besitzen. Es schien sehr weit entfernt. Und doch träumten wir.

Wenn im November der grosse weisse Karton per Post oder in die Buchhandlung geliefert wurde nahmen wir den grossrahmigen Kalender vorsichtig heraus und schlugen die kostbaren Aufnahmen ehrfürchtig auf. Und das Schönste: Wir hatten es nicht eilig, weiter zu blättern sondern betrachteten jedes Foto aufs Neue fasziniert.

Über zwei Jahrzehnte hing der Kalender immer wieder in meinem jeweiligen Wohnraum, ich vergas nie, ihn zu würdigen.

Viele von uns dachten, es sein ein Verlagshaus mit mehreren Fotografen, die an diesem Werk arbeiteten. Aber heute weiss ich, dass es nur eine einzige Künstlerin war. Gabriele Boiselle.

Als wir uns kennenlernten, hatten wir zunächst einfach den gleichen Draht nach Irland und den Pferden, waren einmal in der selben Pferdefarm durch Connemara geritten. Und irgendwann dann gab sie mir einen Flyer und ich rief: Ach! Das ist Edition Boiselle! Die kenne ich. Und sie sagte: Das ist meine Arbeit. Ich war völlig überrascht.

Natürlich war ich super neugierig und bald sprachen wir von unseren Pferden, der Leidenschaft des Reitens, über Araber und ihr aufregendes, aufregendes Leben. Gabriele hat dieses Leben wirklich genossen, gefeiert, mit Leidenschaft und Schönheit gefüllt bis zum Rand. Auf meine Frage, ob sie schon von Kindesbeinen an gewusst habe, dass sie einmal DIE Pferdefotografin werden würde sagte sie: Nein, das wollte ich nicht werden. Während sie zwar schon als Baby einen tiefen Zugang zu den sanften Riesen hatte, wollte sie doch einen anderen Beruf ausüben. Und kam dann über viele kleine Zufälle und Fügungen, zu ihrer Passion. Das Leben hat es gut gemeint mit ihr und sie an geheimnisvolle und spannende Orte und in magische Begegnungen geführt.

Im Gespräch mit ihr sah ich es deutlich: Das wunderschön gelebte Leben. Ihre Augen sprühen, sie sitzt immer noch im Sattel und will so lange reiten wie die Queen, hat neue Pläne und Projekte und ist lebendig, ambitioniert und inspiriert. Und das in einem Alter, in dem andere sich rententechnisch bequem in den Lehnstuhl setzen. Ich bewundere ihre Quirligkeit, ihre glasklare Sicht, ihr sicheres Gefühl für das Richtige, die Art wie sie sich schenkt und ihre Kunst zur Verfügung stellt.

Was für ein gelungenes Leben! Wie inspirierend ihr bei ihren Abenteuern zu lauschen und überall die Liebe wieder zu finden

Im Nachgang unseres Gesprächs spürte ich auch meine alte Leidenschaft für die Pferdewelt neu. Erinnerte mich an Schätze meines Lebens, die alle mit diesen wunderbaren Begleitern zusammen hingen. Und ich dachte: Wie sich geradezu magisch hier wieder ein Erinnerungskreis schliesst!

Ich fühle mich reich beschenkt von den Begegnungen der letzten Tage.

Was bin ich doch für ein Glücksschwein.

Falls Du sehen möchtest, wem ich das Glück hatte zu begegnen und Dich auch einmal kurz vertiefen möchtest in die Schönheit und die Kunst, dann schau gerne hier rein:

Überall – Das Leben ist schön! – La vie est belle.

Leichtes Gepäck

In der vergangenen Woche lernte ich eine Dame kennen, die mit zwei riesigen Koffern für zwei Wochen Ferien angereist war. Tag für Tag überraschte sie mehrmals mit neuen Outfits, dem passenden Schmuck, schönem Make-up und allerlei Kopfbedeckungen. Wir anderen standen in immer den gleichen Klamotten da und waren ein bisschen erschlagen von der Fülle der Dinge, die man so haben kann. Und nicht genug damit: Beim Abreisen schaffte die besagte Dame es kaum, die Koffer zu schliessen, denn inzwischen hatten sich neue must-haves angesammelt.

Und es gab ja auch viel zu erzählen, Story an Story zu reihen und immer viel zu plaudern und zu fragen und zu kommentieren. Ich war ein bisschen überfordert von all dem schönen Singsang und den spannenden Geschichten. War ich doch hier um meinen Kopf leer zu bekommen und eigentlich – auch mein Leben.

Denn ich hatte ja nicht umsonst einen Ort am Ende der Welt gewählt, mich von so vielem verabschiedet. Ich dachte eigentlich, es gäbe nichts mehr loszulassen. Und dann erinnerte die Lady mich daran, dass es nun auch Zeit war, die Geschichten loszulassen. Die Heldinnentaten. Die Erfolge. Die Verantwortungsgefühle. Die Pflichten sich zu melden oder eben auch nicht. Und die Bindungen, die meinen Koffer bis zum Zusammendrücken gefüllt hatten.

Wie gut, dass mir da eine esoterische Tante sagte, ich solle mal über das Loslassen nachdenken. Erst musste ich schmunzeln, weil ich dachte, den Job habe ich doch vor Abflug gemacht – und dann ging ich noch mal über die Bücher. Denn: Bei der Massage erinnerte ich mich daran, dass mir ein Yogalehrer mal gesagt hatte, man solle immer den Unterkiefer loslassen, erst dann wäre man entspannt. Ich probierte es. Er war komplett eingerostet, so sehr hatte ich über lange Zeit die Zähne zusammen gebissen. Ich versuchte es etwas mehr und der ganze Kiefer und meine Lippen zitterten.

Das Zittern vom Mund kennen wir alle: Ganz kurz bevor wir weinen müssen zittert der verräterische Mund. Ich habe mich erinnert und bekam einen Sturzflut von Tränen nicht mehr unter Kontrolle. Loslassen also! Und was denn noch? Was denn noch?

Na – vielleicht auch die ganze Vergangenheit? Auch die guten Dinge? Nicht nur das, was ich entsorgt hatte auf der Sondermüll Deponie! Auch meinen Stolz auf das was ich geleistet hatte. Auch meine schönen Geschichten und eben – die Erfolge. Weil es eben vorbei ist. Und das weiter zu tragen meinen Gang nach vorne behindert. Eben so:

Ich muss trotzdem schmunzeln. Weil es in meinem letzten Adlercoaching genau um das ging: Um das leichte Gepäck. Viele Male haben wir den Song auf Jersey gehört. Und erst jetzt fährt er sogar mir ohne Umwege ins Herz:

Eines Tages fällt dir auf
Dass du 99 Prozent nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast und schmeisst ihn weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck

Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst
’n Kabinett aus Sinnlosigkeiten, siehst
das Ergebnis von Kaufen und Kaufen von Dingen
Von denen man denkt, man würde sie irgendwann brauchen, siehst

soviel Klamotten, die du nie getragen hast und die du
nie tragen wirst und trotzdem bleiben sie bei dir
Soviel Spinnweben und soviel Kram
So viel Altlast in Tupperwaren

Nicht nur dein kleiner Hofstaat aus Plastik, auch
die Armee aus Schrott und Neurosen
auf deiner Seele wächst immer mehr, hängt
Immer öfter blutsaugend an deiner Kehle

Wie geil die Vorstellung wär – das alles loszuwerden
Alles auf einen Haufen mit Brennpaste und Zunder
Und es lodert und brennt so schön
’n Feuer, in Kilometern noch zu sehen

Und eines Tages fällt dir auf
Dass du 99 Prozent davon nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck
Mit leichtem Gepäck

Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch leichtes Gepäck

Denn eines Tages fällt dir auf
Es ist wenig, was du wirklich brauchst
Also nimmst du den Ballast und schmeisst ihn weg
Denn es lebt sich besser – so viel besser – mit leichtem Gepäck

All der Dreck von gestern, all die Narben
All die Rechnungen, die viel zu lang offen rumlagen
Lass sie los, wirf sie einfach weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck

Nun, jetzt kommt die Frage aller Fragen: Und was behalten wir dann?

Das reine pure echte wundervolle wilde Leben.

Denn: Das Gegenteil von wild ist nicht kultiviert. Es ist gefesselt.


Das Leben ist schön – La vie est belle.

Raus aus dem Aquarium!

Fische werden depressiv. Man hat Tests mit Zebrafischen gemacht. Man zog an einer Seite des Aquariums mit einem Marker eine horizontale Linie, bis zur Hälfte dieser Seite. Depressive Fische blieben unterhalb dieser Linie. Wurde den selben Fischen aber ein stimmungsaufhellendes Antidepressivum verabreicht, schwammen sie über der Linie, in den oberen Teil des Aquariums und flitzten herum wie neugeboren.

Fische werden depressiv, wenn ihnen die Stimulation durch äussere Reize fehlt. Wenn ihnen alles fehlt. Wenn sie einfach nur hin und her schwimmen, in einem Aquarium, das nach nichts aussieht.

In den Wochen, bevor ich aufgebrochen bin, war ich auch in so einem Aquarium. Ich habe mir meine Mitmenschen genau angeschaut und vor allem eins erkannt: Dass sie zu Tode gelangweilt sind von Alltag, Einerlei, Ritualen, Gewohnheiten, Einheitsbrei. Nicht wenige gehen dann auf die anderen Fische in ihrem gemeinsamen Aquarium los, auch das habe ich gesehen. Ich war erschrocken, wie sehr Menschen festgefahren sind in dem „was man halt so macht“ und „was halt eben immer schon so ist“.

Gestern Abend sprach ich mit einer schönen und charismatischen Lady, die mir von ihrem Mann und dessen Kumpels und auch von den Arbeitskollegen erzählte. Alle ausgesprochen starke Bundesliga Fussballfans. Sie treffen sich zum Fussballschauen, spannen eine Leinwand auf, ein Beamer wird programmiert, sie grillen, sie trinken Unmengen an Bier, schlagen sich johlend auf die Knie, fallen sich in die Arme bei einem Tor und schreien wütend wenn es mal nicht so läuft. Ist das Spiel gut ausgegangen, dann jubeln sie am nächsten Tag. Ging es schief, dann herrschte am nächsten Tag den ganzen Tag miese Stimmung – eben – auch so ein Aquarium.

Und auch ich war ja jahrelang in einer Bubble aus Leistung, Lifestyle, Pflichten, Stress und Terminen. Seit ich ausgestiegen bin sehe ich verwundert auf diesen Lebensraum, den ich doch scheinbar auch ein bisschen genossen hatte? Oder war da in diesem Aquarium einfach ein fantastischer Dschungel mit exotischen Pflanzen und spannende Höhlen, in denen sich Perlen aus den Muscheln gruben?

Das weiss ich noch nicht. Aber jetzt sehe ich morgens und abends einen grossen Ozean. Und auch: Freiheit für den Kopf, die Gefühle. Für neue Denkrichtungen. Für neue Ideen. Für neue Möglichkeiten. Mein Blick geht jetzt in die Ferne und der einzige „Strich“ an der Wand des Aquariums ist der Horizont. Der Blick hat sich geweitet. Ich denke nach, ob wir nicht alle, von Zeit zu Zeit, einmal aussteigen müssen aus dem Gewohnten, um neu zu entscheiden.

Vielleicht ist das das Wichtigste: Neue Entscheidungen treffen. Sich wagen sie zu treffen.

Sich nicht hypnotisieren lassen von dem Hin und Her im Bekannten. Nicht immer tun was wir immer tun – oder im schlimmsten Fall: Tun, was wir meinen, was von uns erwartet wird.

Das heisst nicht, dass ich meine jeder müsse in die Autonomie aufbrechen. Ich habe meinen Beruf geliebt und die Perlen gerne aufgelesen. Aber ich habe auch gewusst, dass das Leben kurz ist und wir auch immer wieder uns selbst sein müssen.

Was tut mir gut?

Was will ich wirklich, wirklich?

Dazu bleibt oft keine Zeit. Und dann noch: Die Stimulation der äusseren Einflüsse. Wir wissen alle, das wir das brauchen. Wir wissen schon, was uns sehnsüchtig zieht. Und wir kennen unseren Hunger. Bleiben wir aber Fische im Aquarium, dann schwimmen wir unterhalb der gemalten Linie, immer im selben Rhythmus, immer in den selben Bahnen.

Kürzlich sprach ich mit einem lieben Freund, der die Sonne, das Licht und seinen Garten vermisst. Und mit seiner Frau, die die Weite, den Ozean, das Nichtstun vermisst. Zusammen aber bleiben sie – aus Depression oder aus Gewohnheit – im Aquarium. Dabei müssten sie nur raus springen aus dem Bekannten und die Welt wäre neu. Die Liebe und Freude aneinander wäre direkt unter der Oberfläche. So wie beim Fliegen: Unten kann die Welt grau-grau und düster sein aber über der Wolkendecke scheint die Sonne. Also: Abtauchen unter die Oberfläche? Oder in die Höhe fallen? Auf jeden Fall: Aus der engen Welt aussteigen.

Bliebe noch zu erwähnen, dass ich glücklich bin, dass meine Schwester aus ihrem Puppenhäuschen mit Enge und niedrigen Wänden, mit einer Million Dinge und endlosen Pflichten aussteigt – in ein neues Bundesland geht mit fremder Sprache, fremden Menschen, höheren Decken und Platz, um die Arme auszubreiten.

So wie ich jetzt gleich: Ich werde mich in den Ozean legen und die Arme öffnen und den Himmel bestaunen, den ich mich getraut habe zu erleben. Was für ein waghalsiger Sprung das war. Höchste Zeit.

Heute dieser nachdenkliche Blog. Tut es was mit Dir?

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Screenshot

Lebe wild und gefährlich

„Everyone should be ordered to travel from time to time“, he said, „getting fired up“. „Or even more: no one should be allowed to stop in one place any longer than necessary“.

Jedem sollte befohlen werden, von Zeit zu Zeit zu reisen“, sagte er, ‚sich aufzuregen‘. „Oder noch mehr: Niemand sollte länger als nötig an einem Ort verweilen dürfen“.

In Vorbereitung meiner Reisen in ferne Länder, in denen ich noch nie war, kam ich kürzlich an einen gefährlichen Ort: Den Ort der Komfortzone. Ich wollte meine Visa und die Auslands-Krankenkasse-Bescheinigungen ausdrucken, wie immer auf den allerletzten Moment. Erst musste ich feststellen dass mein Drucker ohne vorhandenes WLan gar nicht drucken will. Wie gut, dass ich einen USB/USBC Stecker gekauft hatte, den mir irgendein Verkäufer einmal angedreht hatte und der unbenutzt in meiner Schublade lag. Schliesslich lief der Drucker – aber die Tinte war zur Neige gegangen! Und weissen Papier war auch keins mehr da. Es war zwei Stunden vor Ladenschluss, ich war im hintersten Winkel eines Tals, die nächste Stadt weit entfernt.

Ich googelte und entschied mich, noch loszufahren. Aber: Ich kenne mich ja nicht aus! Ich war ja noch nie an diesem Ort! Ich habe ja keine Ahnung wie hier alles geht! Hilfe! Was soll ich nur tun? Für einen Moment dachte ich: Ach, ich schicke es jemandem, den ich treffe und lasse es mir dann ausgedruckt übergeben. Ich muss ja nicht weg in eine fremde Stadt. Ich kenne mich ja nicht aus! Das kann ja nicht klappen! Ich bleibe lieber hier gemütlich sitzen und versuche mir anders zu helfen.

Ich hatte Angst!

Und dann schmunzelte ich: Ich würde die nächsten Wochen ausschliesslich in Länder und Kulturen reisen, in denen ich noch nie war. Es würde anspruchsvoll und herausfordernd werden und ich hatte Angst vor einer deutschen fremden Stadt?

Mit gefühlten tausenden anderen Menschen fuhr ich mitten in die belebte Innenstadt einer Stadt, in der ich noch nie war. Rein in ein fremdes enges Parkhaus. Raus mit dem Kartensystem auf meinem Handy in die Innenstadt, die vor Schnäppchenjägern (Winterschlussverkauf, huuuu) nur so wimmelte. Ich wurde recht schnell fündig, wieder zurück durch fremde Strassenschluchten zum Auto, fremde Währung schluckt mein Parkgeld, Google bringt mich zurück ins Tal.

Also die Tinte eingebaut, den Papierstau beseitigt und los ging die Reise durch den Dschungel der Bürokratie. Irgendwann hatte ich einen kleinen Stapel von Bescheinigungen vor mir liegen. Und dann ging es erst richtig los: Die Befürchtungen! Was würde alles passieren in diesem Jahr? Wo würde ich vielleicht stranden? Von wilden Tieren und Moskitos gebissen werden. Sicherheiten einbüssen. Zu kalt oder zu heiss haben und immer immer würde alles fremd sein. Fremde Menschen, fremde neue Gegebenheiten, fremde Orte, Anpassungen an neue Systeme, neues Geld, wilde Kulturen, kein sicherer Boden unter den Füssen. Kein Zuhause und kein Job und keine Sicherheit mehr, in die ich zurück kehren könnte. Noch immer kein Heimathafen. Keinen Plan B.

Jahrezehntelang hatte ich meinen Coachees gepredigt: Die Komfortzone ist lebensgefährlich! Bleib nicht wo Du bist, beweg dich! Weiter weiter! Hinein ins Unbekannte. Rein in die grosse Unsicherheit! Wachse! Sei wachsam und erweitere Deinen Horizont!

Jetzt sass ich selbst an diesem Ort. Bequem. Eingemummelt in eine gewisse Geborgenheit des scheinbar Bekannten. Scheinbar sicher. Alles unter Kontrolle. Alles noch in einer Ordnung, die ich verstehe. Auch wenn ich mir gerade wie einer Kamikaze Aktion den Ast, den ganzen Baum abgesägt hatte, auf dem ich sass. Noch war ich sicher. Noch konnte ich das Abenteuer verweigern. Mich der drohenden Gefahr nicht aussetzen. Wieder ein Nest bauen, mich abstützen auf Bekanntes.

Verführerisch, da zu bleiben, wo man alles kennt. Meine Gedanken tanzten Kapriolen.

Und dann beruhigte ich mich wieder, schmunzelte über meine eigene Kleingeistigkeit. Die LUST auf dieses Abenteuer Leben brodelte wieder in meinem wilden Herz. Ich kehrte zurück in meinen Wagemut. Spürte wieder die Freiheit der radikalen Schnitte, die ich gemacht hatte.

Sortierte alle Bescheinigungen in meinen Pass. Den Pass in die Tasche. Den Koffer geschlossen, die Reise fertig geplant.

Wie gut, dass ich diese Karte bekommen hatte. Von einer wundervollen Coachee, die ich noch getroffen hatte, weil sie mir besonders am Herzen lag. Sie hatte mir diesen Text geschenkt, dass niemand da bleiben darf, wo es gemütlich zu sein scheint. Dass wir keine Bäume sind – und dass wir mit jedem Verweilen etwas von unserem Mut und unserer Lebenskraft verlieren. Also, ja ! Das Feuer brannte wieder. Ich hatte die gefährliche Klippe umschifft und werde es noch viele Male tun müssen. Denn ich reise allein und auf dem Papier bin ich alt. Und alles wird unbekannt sein.

Wie wunderbar!

A man isn’t a tree and being settled is one place in his misfortune. It saps his courage, breaks his confidence. When a man settles down somewhere, he agrees to any and all of its conditions, even the disagreeable ones, and frightend himself with the uncertainty that awaits him. Change to him seems to abondenment, like a loss of an investment: someone else will occupy his domain, and he’ll have to begin again. Digging oneself in marks the real beginning of old age, because a man is young as long as he isn’t afraid to make new beginnings. If he stays in the same place, he has to put up with things, or take action. If he moves on, he keeps his freedom, he’s ready to change places and the conditions imposed on him.

Mesa Selimovic: Death and the Dervish

Ein Mensch ist kein Baum, und sesshaft zu sein ist ein Teil seines Unglücks. Es schwächt seinen Mut, bricht sein Vertrauen. Wenn ein Mensch sich irgendwo niederlässt, stimmt er allen Bedingungen zu, auch den unangenehmen, und erschrickt vor der Ungewissheit, die ihn erwartet. Eine Veränderung kommt ihm wie ein Verlust einer Investition vor: Jemand anderes wird seinen Platz einnehmen, und er muss von vorne anfangen. Sich einzugraben ist der eigentliche Beginn des Alters, denn ein Mensch ist jung, solange er keine Angst vor Neuanfängen hat. Wenn er am selben Ort bleibt, muss er sich mit den Dingen abfinden oder etwas unternehmen. Wenn er weiterzieht, behält er seine Freiheit, er ist bereit, den Ort und die Bedingungen, die ihm auferlegt werden, zu wechseln.

Mesa Selimovic: Der Tod und der Derwisch

Also, raus aus der Komfortzone! Alle Geschichten wollen erlebt und erzählt werden. Das Leben ruft – laut, enthusiastisch und aufgeregt.

Man kann es auch einfacher formulieren: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Simon

Meine Liebe zu klassischer Musik begann 1984. Ich arbeitete damals in meinem Studium der Bibliothekswissenschaften in einem grossen deutschen Haus. Die Bibliothek hatte verschiedene Abteilungen, wir suchten uns die Wissensgebiete aus, die uns am meisten interessierten. Aber wir hatten auch viel unglaublich langweilige Archiv Arbeit zu tun. Ich ging meist früh zur Arbeit und auch an diesem Morgen sass ich schon um 7:00 in der Früh an dem grossen Katalog und sortierte in einem rudimentären System die Karteikarten nach den „preussischen Instruktionen“. Heute noch schmunzle ich über diese altmodische Methodik.

Der Spot des grossen Raums war auf den Katalog gerichtet und ich hörte den Kollegen nicht, der sich an mich heran schlich. Er erschreckte mich plötzlich mit einem sanften Singsang. Ich erkannte ihn gleich – wie die meisten eingefleischten Bibliothekare war auch er ein bisschen schrullig, vergeistigt und eigenartig. Heute würde man ihn wohl einen „Nerd“ nennen. Er war der Leiter der Musikbibliothek im Keller. Fragte mich, ob ich Lust auf ein kleines Abenteuer hätte. Natürlich war ich dazu immer bereit! Wir gingen also in den Keller und er fragte mich, welche Komponisten ich kenne. Zu meiner bildungsleeren Schande kannte ich nur Mozart, Beethoven und Tschaikowski mit Namen. Er war entsetzt und sagte, das Abenteuer müsse wohl etwas grösser ausfallen. Er begann mir die Geschichte der Musik zu erläutern und liess mich alles hören. Von Bach bis Luigi Nono – er brachte mir alles bei in den nächsten Monaten. Morgen für Morgen sassen wir im Keller und hörten Platten und er erklärte, liess mich lauschen und verstehen. Aber das – ist nur die Einleitung der heutigen Geschichte.

Im Jahr darauf ging ich für ein Auslandssemester nach Birmingham. In der dortigen Shakespeare Library verband sich Literaturgeschichte mit der klassischen Musik. Schliesslich kamen auch Philosophie und Kunstgeschichte dazu, später Architektur und Geschichte. Mein Blick wurde grösser, mein Geist schärfer und ich war bis in die letzte Zelle inspiriert, was es so alles gibt und gab und worüber man auch noch lernen, lesen und nachdenken kann.

Irgendwann dann begann es, dass wir Studenten, weil wir im Kultursektor arbeiteten, zu kostenlosen Karten kamen für Museum, Ausstellungen, Theater, Symphonieorchester.

Und dann kam mein Abend. Wir gingen in die Symphonie. Es wurde ein Komponist gespielt, von dem ich noch nie gehört hatte. Sibelius, die erste Sinfonie und die „Finlandia“, eine Hymne an sein Heimatland. Ich war gespannt, was jetzt auf uns zukommen würde.

Das Orchester hatte sich schon eingestimmt, als der Dirigent die Bühne betrat. Ein jungenhafter Typ mit wilden braunen Locken, gross und geschmeidig und mit einer umwerfenden Körperspannung. Ich war schockverliebt. Ich starrte das ganze Konzert auf seinen Nacken, seine Schultern, den Rücken und die wippenden Haare. Es schien, der Dirigent liesse die Musik durch seinen Körper laufen. Jede kleinste Geste in ihm war Musik. Gebannt und atemlos lauschte ich. Schaute ihm zu, war völlig hin und weg. Die nächsten Monate war ich fast jeden Abend in der Symphonie, dutzende Male habe ich den Sibelius gehört und auch jedes weitere Konzert, das Simon Rattle dirigierte.

Und natürlich lauerte ich ihm auch auf. Damals gab es noch kein Wikipedia. Aber ich fand heraus, dass er genau 10 Jahre älter war als ich. Leider fand ich auch heraus, dass er verheiratet war. Aber trotzdem schmachtete ich ihn an. Ging zu jeder Veranstaltung, las jede Pressemitteilung, ging zu Anlässen, an denen er mit seinem wunderschönen Brit-English sprach. Immer hoffte ich, er würde sich einmal umdrehen und mich sehen. Und sich in mich schockverlieben. Was natürlich nicht geschah. So endete meine Zeit in Birmingham, aber ich liebte Simon immer weiter und viele meiner Jungmädchenfantasien waren bei ihm: Simon, Simon, Simon.

Natürlich habe ich irgendwann andere Männer geliebt und wurde abgelenkt. Und Simon machte eine beispielhafte Karriere, wurde ein grosser Dirigent, weltberühmt. Er ist einzigartig, er ist ein Gesamtkunstwerk, er hat sehr viele Menschen zu Klassikfans gemacht. Er ist aber nicht nur Mittler und Werber: Er kann hinreissend zerrissenen Mahler, knusprigen Strawinsky, elegischen Sibelius, jegliche Art von Moderne. Er ist wirklich ein Rhythmus-Kerl. Ich bewundere ihn seit 40 Jahren.

Vielleicht ist es das, was Simon Rattle der Musikwelt vor allem geschenkt hat: die Freundlichkeit, das Zugewandte. Er hat so viele Menschen mit seiner Art inspiriert, mit seiner Musik berührt. Er IST Musik und hat sich inflationär verschenkt. Dass Simon die Klassik nahbar machte und Konventionen über Bord warf, hat ihm jedoch nicht nur Freunde eingebracht. Unter den Philharmonikern soll es welche gegeben haben, die sich bis zum Schluss nicht auf ihn einlassen wollten. Was aber nichts daran änderte, dass Sir Simon das Spitzenensemble überwiegend für sich einnahm, erst recht das begeisterte Publikum.

2006 war ich mal wieder verliebt, in einen Mann, den ich heute „den Irrtum“ nenne. Um ihn noch besser kennenzulernen schleppte ich ihn in ein Arthouse Kino in Zürich. Ich hatte gehört, dass es eine interessante Dokumentation gibt, bei dem jungen Menschen durch Musik und Ballett ein neues Verständnis der Welt und ihrer Möglichkeiten beigebracht würde. „Rythm is it“ hiess der grandiose Film. Was ich nicht wusste: Sir Simon Rattle spielte mit – als Dirigent der Berliner Symphoniker. Ich sah es schon, als die Namen der Protagonisten am Anfang des Films erwähnt wurden. Und dann, als der Irrtum neben mir gerade die ersten Annäherungsversuche machte, erschien Simon auf der riesigen Leinwand. Und es schien mir, er schaut nur mich an. Ich war komplett verzückt und schrie auf vor Vergnügen ihn wieder zu sehen. … nun ja, für den Irrtum war es kein schöner Abend.

Aber ich ging fast jeden Tag ins Kino und schmachtete Simon wieder an. Die alte Liebe war zurück. Und brannte immer noch lichterloh.

Heute wird Simon 70 Jahre alt. Ich denke an ihn und wünsche mir ganz fest, ihm dieses Jahr, wenn ich in London bin, ganz zufällig über den Weg zu laufen. Ich werde nicht schüchtern sein und ihn ansprechen!

Hätte ich gewusst, dass er dreimal heiraten würde, dann hätte ich mich in die Warteschlange seiner weiblichen Fans eingereiht. Aber es ist ja immer für irgend etwas gut, wenn man das nicht bekommt, was man begehrt.

Happy Birthday Simon. Wenigstens deinen Vornamen habe ich jetzt immer bei mir.

La vie est belle – das Leben ist schön!