Kennst Du das auch: Dass es Momente gibt, in denen man die Zeit anhalten will? In den vergangenen 8 Monaten gab es unendlich viele solche Momente. Wenn ich zurück blicke dann sehe ich mich in Sri Lanka in der Lagune liegen am Morgen und vom indischen Ozean umarmt werden. Sehe mich auf Bali nachdenklich aufs Meer schauen, während einzelne Sätze in mich eintropfen und mein Buch sich von alleine schreibt. Auf Lombok morgens meine Bahnen schwimmen mit dem Blick auf den blaublauen Himmel und die einzelnen Palmen, die sich hinunter neigten. Und ich sehe mich angegurtet und voller Adrenalin auf dem Segelschiff stehen und den tosenden Wind um uns herum, der jede Sekunde kostbar macht. Sehe mich in Oman in die rote Wüste starren und den Duft der Kamele einatmen. Sehe mich in der Bretagne die ersten Schritte an den weiten Strand in Cleder machen und staunen. Auf Jersey in den eiskalten Atlantik springen oder auf den Klippen in Grosnez liegen und meine Adlergeschichten repetieren. Mit meiner Schwester im Touristenschiff unter der Towerbridge cruisen. In Frankfurt, nahe dem Städelschen Kunstinstitut meinem Bruder köstlich lange lauschen. Eine Umarmung mit meinem alten lieben Freund, dem Smaragd, geniessen. Meine Söhne und meine Lieblingsmenschen drücken nach langer Reise im Zwischenhalt der Schweiz. Und schliesslich in der Ardeche ankommen, den weiten Blick über die Hügel, den blauen Himmel, den Atem mit den Pferden und dem weissen Hund und die Begegnungen mit meinen Freunden wertschätzen.
Und schon reihen sich neue Augenblicke dazu, die die Zeit anhalten hätten sollen. Nach achtzehn Jahren meiner Lebensliebe für fast zwei Stunden am Telefon begegnen, ach das war ein kostbarer, tief liebender Moment. Und die Tage danach, in Erinnerungen schwelgen. Im Garten die Zwetschgen abnehmen und sich ab und zu eine in den Mund stecken und das süsse Aroma schmecken. Und auf dem Quad im wilden Tempo über hügelige trockene Weiden düsen. Abends mit meinem Smaragdfreund gemeinsam „Die Hütte“ lesen, darüber sprechen und einander nah sein wie lange nicht. Und am nächsten Morgen mit dem Tee auf der Terrasse sitzen, während der Hund zu meinen Füssen vertrauensvoll sitzt und wir schauen beide in die Landschaft und denken: Wie schön.
Goethe hat einmal in seinem Faust geschrieben: „Und sag ich doch zum Augenblicke: Verweile doch, Du bist so schön“. Leider geht das Stück – Faust 1 – nicht so weiter, wie ich es hier proklamiere. Während Goethe die Gunst des Augenblicks da nicht festhalten möchte – tue ich es durchaus.
Die ganze letzte Woche war durchtränkt von Liebe und einem sanften und tiefen Sicheinlassenkönnen. Hingabe.
Hingabe – dieser Begriff löst bei so vielen Menschen unwillkürlich Unbehagen aus. Die Vorstellung von Hingabe wird häufig verbunden mit Auslieferung, ja Kapitulation. Als käme man mit einer weissen Fahne aus einem Versteck und müsste sich auf Gedeih und Verderb einem fremden Diktat oder Zwang unterwerfen. In diesem Sinn aktiviert die Vorstellung von Hingabe eine Urangst, die viele Menschen kennen: die Angst vor Auflösung, die Angst, dass nichts mehr von einem übrig bleibt.
Dabei ist es doch ganz anders: Hingabe beschreibt einen Vorgang, der mit höchster Achtsamkeit verbunden ist.
In diesem Sinne verstehe ich Hingabe als einen Akt der vollständigen Überantwortung an das Leben, als eine Einwilligung in das Leben. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen, unsere Stärke. Hingabe bedeutet, uns dem Leben gegenüber voller Vertrauen, nackt und schutzlos zu präsentieren. Eine solch offene Haltung ermöglicht es uns, alle Bedingungen des Augenblicks mit einzubeziehen.
Der große Gegenspieler der Hingabe ist die Angst. Niemand sagt das so schön und eindringlich wie Hermann Hesse in seiner Geschichte: „Klein und Wagner“:
„In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sich-fallen-Lassen, den Schritt in das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das grosse Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.“
Was hat mir also die letzte Woche einmal mehr immer deutlicher und klarer und schärfer und zarter gezeigt? Dass mit der Hingabe jeder Moment kostbar ist, unwiderruflich. Dass das im Moment, der Gegenwart sein, etwas Magisches hat. Dass es nur um das geht. Ums ganz und gar da sein. Wie herrlich sich das Leben dann leben lässt!
Ich sammle die Schätze der letzten Woche ein und bade im Glück, der Nähe, der Liebe, der Schönheit.
Was für ein Jahr!
Worte genügen nicht zu beschreiben, wie kostbar dieses Jahr ist!
Schon der letzte Satz meiner Blogs macht es deutlich, aber ich könnte es tatsächlich jeden Tag laut raus in die Welt jubeln:
Das Leben ist schön – La vie est belle!




























