Juwelen des Nordens

Am Wochenende habe ich meine grosse Liebe wieder getroffen. Die Überfahrt von Jersey war einmal mehr friedlich und langsam. Und dann erschienen die Türme von St.Malo im Nachthimmel und die Fähre tutete zur Begrüssung. Ich war zurück in meiner Perle des Nordens. Schon fuhr ich an der langen hohen Stadtmauer entlang, die sich wie ein Ring um die Altstadt zieht. Und rasch ging es auch in mein Übernachtungshotel, das mich seit inzwischen zehn Jahren begrüsst. Mein Kopf fiel auch deswegen sanft auf das Kissen, weil ich wusste dass ich meine liebste Stadt am nächsten Tag wiedersehen würde.

Ich wohne in einem kleinen feinen Hotel, dessen Name ich kaum richtig aussprechen kann: La Villefromoy. La Villefromoy ist ein Hotel, das sich in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert im Stadtteil Paramé in Saint-Malo befindet, nicht in der historischen Altstadt, sondern an der Strandpromenade in der Nähe der Stadtmauern. Die Geschichte von La Villefromoy hängt mit der der Stadt Saint-Malo zusammen, einer historischen bretonischen Hafenstadt, die einst als Zentrum für Freibeuter und Seefahrer bekannt war. So hat das maritime Hotel eine mehr als hundertjährige Geschichte als Herberge zu erzählen und steht stolz und still an meinem liebsten Strandabschnitte: Der Plage Rochebonne.

Saint-Malo ist eine Hafenstadt in der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs. Die Altstadt ist von hohen Granitmauern umgeben und war einst eine Hochburg für Freibeuter (vom König gebilligte Piraten). Die Kathedrale von Saint-Malo im Zentrum der Altstadt wurde im romanischen und gotischen Stil erbaut und besitzt Buntglasfenster mit Darstellungen der Stadtgeschichte. Nicht weit entfernt liegt La Demeure de Corsaire, ein Museum im Haus eines Freibeuters aus dem 18. Jahrhundert.

Die Stadt ist sehr alt, sie hat eine Geschichte aus dem 6. Jahrhundert zu erzählen. In der Zeit des zweiten Weltkriegs wurde sie fast vollständig zerstört, schliesslich aber nach alten Bildern und Plänen historisch wieder aufgebaut. Sie ist ein Bijou, ein Schmuckstück und hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sie durch eine der mächtigen Stadttore betritt, die kleinen Gässchen sind ineinander verschlungen.

Seit ich das erste Mal in St.Malo war, bin ich verliebt. Wie verzaubert schlendere ich dann durch die Gassen, kaufe mir in einem der unzähligen Läden kleine Kostbarkeiten und schaue, auf der Mauer sitzend, in das Treiben der Altstadt oder hinaus auf den Ärmelkanal.

St.Malo ist charmant. Und am liebsten gehe ich montags hinein, dann sind die unendlichen Besucherströme der Wochenendtouristen versiegt und es ist alles wieder sehr bretonisch, herzlich, langsam und mit Zeit. Betritt man die Altstadt, dann wird man schnell hineingezogen und kann nichts anderes machen als schlendern und schauen und die Düfte geniessen, die sie zu bieten hat. Nirgendwo sonst habe ich so viele schöne Menschen gesehen. Und nirgends wünsche ich mir mehr, so gut französisch wie englisch zu sprechen, um mit den spannenden Leuten zu reden. St.Malo ist bunt und facettenreich, die Altstadtmauer umschlingt die, die drinnen wandeln, wie ein Mutterbauch. Ich liebe es, dort in einem der zahlreichen Bistrot zu sitzen und Menschen anzuschauen, in eine Menge einzutauchen und dabei zu sein. Es ist ein Heimkommen, sobald ich hineingegangen bin und dennoch verlasse ich die Altstadt nach einigen Stunden auch gerne wieder und tauche in die endlose Weite des Strands ein.

Immer möchte ich draussen wohnen, am langen Strand von Le Sillon. Die Villen von Le Sillon in Saint-Malo sind prächtige Wohnhäuser, die Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhunderts erbaut wurden. Sie liegen am breiten Strand von Le Sillon und zeugen von der eleganten Bäderarchitektur der Belle Époque. Ich staune die Häuser an, träume mich in ihr Innenleben und mein Herz hat den brennenden Wunsch, in einem von ihnen zuhause zu sein.

Am Wochenende bin ich trotzdem fremd gegangen: Ich war an der Smaragdküste und lebte in Cancale. Die Küste um Saint-Malo war schon im 6. Jahrhundert der Anlegeort einiger irischer Mönche. Aus dieser Zeit stammen auch viele Ortsnamen, die auf diese Heiligen verweisen: Saint Malo, St.Brieuc.

Als Côte d’Émeraude (Smaragdküste) wird ein Küstenabschnitt zwischen dem Cap Frehel und der Stadt Cancale bezeichnet. Der Name ist von der grün-türkis Färbung des Meeres zu bestimmten Zeiten abgeleitet. So sass ich auf den Felsen der äussersten Landzunge und konnte mich nicht sattsehen an der Schönheit, die sich offenbarte. Der Wind und die Temperaturen waren mild und ich war wieder schockverliebt in die Bretagne. Wie oft wird mein Herz hier in diesem Dreieck noch hüpfen: Jersey. Bretagne. Irland.

Was für ein grossartiges Jahr, ich platze vor Dankbarkeit.

La vie est belle! Was denn auch sonst!

Amy

Am Wochenende bin ich einem Wirbelsturm begegnet und das war wunderschön und gar nicht so harmlos. Am Morgen war das Meer beim Morgenschwimmen schon etwas kälter als in den letzten Tagen. Ich hatte ganz stark das Gefühl, es hätten sich einige Kältegrade in einer Strömung in die Bucht geschlichen. Der Himmel war dramatisch, strahlend dunkelblau mit schweren Wolken, es brach sich viel Sonne durchs Firmament. Es war – die Ruhe vor dem Sturm.

Nach dem Frühstück wunderte ich mich, dass noch immer kein starker Wind zu spüren war. „Amy“ – ein Wirbelsturm mit einer ausgeprägten Kaltfront aus dem Norden, war angekündigt und wir waren vor seiner Kraft gewarnt worden: Seit Tagen war in der Wetterapp alles dunkelrot gefärbt.

Amy hatte einen ausgeprägten Jetstreak, also ein Windmaximum innerhalb des polaren Jetstreams. Das ist ein Starkwindband in der oberen Troposphäre, das sich im Wesentlichen zwischen polaren und subtropischen Luftmassen bildet. Die Höhenströmung beschleunigt den Wind enorm. Die Luftmassen werden intensiv auseinander gezogen, am Boden kommt es zu einem Druckabfall.

Das hat Amy uns gezeigt. Ich fuhr dem Wind entgegen.

Zunächst blies er aus SSW und für fast zwei Stunden schaute ich an der südlichen Spitze der Insel dem Spiel des Windes zu. Es raute die heranrollende Flut auf. Die Wellen wurden höher und höher, längst war es keine einfache Brandung oder Gischt mehr, sondern ähnelte einem brutalen Heranrollen und Donnern von gigantischen Wassermassen.

Irgendwann war das Meer nur noch eine einzige weisse Masse und der Schaum spritzte in alle Richtungen. Die Atemluft veränderte sich. Die polare Kälte kroch in alle Knochen. Und dann drehte der Wind nach WNW und ich fuhr mit dem Auto an die Nordküste der Insel. Hier bot sich ein viel gewaltigeres Bild. Hatte ich am Leuchtturm beobachtet, wie sich der Sturm langsam aufbaute, so tobte er hier intensiv. Der Atlantik schlug haushoch an die Klippen. Ich stand gegen den Wind gelehnt und konnte nicht aufhören ihn anzustaunen. Er war so stark, dass mir die Tränen aus den Augen gedrückt wurden. Das Atmen war schwer, er blies direkt ins Gesicht und hatte längst die Haut mit einer dicken Salzschicht vom Meer belegt.

Und jetzt sah ich den Wind deutlicher als den Sturm, den ich im April auf dem indischen Ozean erlebt hatte. Damals war ich mittendrin, hatte keine Brille auf der Nase und musste jede Sekunde meinen Stand auf dem schwankenden Schiff festigen. Damals war mein ganzer Körper gespannt und es galt, Geschwindigkeit, Kraft und Gefahr auszuhalten. Heute sah ich einen vergleichsweise milderen Sturm, aber ich konnte seine gesamte Wucht sehen. Roh und spektakulär. Eine barbarische Kraft.

Die Rückfahrt nach einem langen Tag im Sturm zeigte dessen Ausmasse deutlich. Die meisten Blätter waren von den Bäumen gerissen worden. Kastanien und Eicheln waren in riesigen Mengen herunter gefallen. In dieser Nacht werden die unzähligen Squirrels und weitere Nagetiere von dem reich gedeckten Tisch profitieren und in einer einzigen Nacht ihre Winterhöhlen füllen können.

Ich blieb nachdenklich zurück. In den letzten Tagen hatte ich Nähe und Distanz gespürt. Fülle und Verlust. Einigkeit und Trennung, hatte mich mit dem Wesen der Verbindung beschäftigt und durch Amy auch erfahren, wie Luftmassen auseinander gerissen werden, im übertragenen Sinne.

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, haben wir in unserer Kindheit oft der märchenhaften Ballade des Erlkönigs gelauscht. Ich liebe den Wind schon immer. Dieses Jahr hat er mich oft scheinbar in Stücke gerissen und woanders wieder zusammen gesetzt. So oft ist es der Beginn einer Zäsur. Eine Pause. Wie in der Musik: ein markierender Einschnitt im Verlauf eines Musikstücks.

Woher kam er diesmal, dieser wunderschöne Orkan? Aus Irland. Von der nordwestlichen Atlantikküste. Ich folge den Zeichen.

La vie est belle – Das Leben ist (wild) schön.

Ready to rumble! Charlotte und Micky

Diese beiden Ladies sind wirklich der Hammer. Jeden Morgen gehe ich zum Schwimmen, vom Bett unmittelbar in meinen Badeanzug und den Surfponcho und trabe in die Bucht. Es ist kalt geworden. Die Nachttemperatur hier ist schon unter 10 Grad gesunken, der Atlantik hat noch 15, 16 Grad. In der vergangenen Woche wehte der Wind stark und ich nahm sogar das Auto mit für die kurze Fahrt, damit ich auf dem Weg zurück nicht zur Eissäule einfriere.

Und jeden Morgen gibt es diese Morgenschwimmerinnen. In der vergangenen Woche durfte ich Charlotte und Micky kennenlernen. Die Damen sind um die 70, gertenschlank und gut gebaut. Ich war schon im tosenden Meer, paddelte noch etwas verhalten herum und überlegte, ob ich es zur Boje und zurück schaffen würde bei dem enormen Seegang. Es war Hightide, etwa 12 Meter hoch schwankte das Wasser in der Bucht, als schliesslich die beiden Grazien ins Meer sprangen. Die eine blieb in meiner Nähe und fing das Gespräch an, wie es die britischen Inselbewohner es so gerne tun: Mit einem kleinen Smalltalk über das Wetter. Es war sehr windig und die Sonne blitzte ab und zu durch die jagenden Wolken. Ein grossartiges Spiel am Himmel und wir schaukelten uns im eiskalten Nass.

Die zweite Lady zog los. Mit Schwimmbrille und -Boje ausgestattet zog sie ihre Längen spielerisch leicht zur Mitte der Bucht. Ich staunte, wie sie durchs Wasser pflügte und sprach mit der anderen Dame. Schon bald wurde es lebhaft und spannend:

Charlotte, inzwischen 68, lebt hier oberhalb der Bucht, hat seit über 40 Jahren eine stabile schöne Ehe, zwei Söhne und vier Enkelkinder. Sie kam schon hier auf Jersey auf die Welt, ihre Eltern waren zu Kriegszeiten auf die Insel geflüchtet. Leider hatte es nichts genützt – sie waren zwar den Bomben über Grossbritannien entflohen, aber bald zu Gefangenen der Nazi Besetzung geworden.

Sie arbeitete lange in der Charity Bewegung, organisiert allerlei soziale Engagements, die es hier zahlreich gibt und kümmert sich leidenschaftlich gerne um ihren riesigen schönen englischen Garten, den ich inzwischen bewundern durfte, dazu noch die Familienmitglieder, die Hunde all ihrer Freunde und sie geht etwa 350 Tage im Jahr jeden Tag hier baden. Ich amüsierte mich, als sie mir sagte, man dürfe sich am Morgen gar nicht erst anziehen, dann wäre es gleich vorbei mit dem Vorsatz, vor dem Frühstück schwimmen zu gehen.

Micky ist fünf Jahre älter, eine Dame mit langen weissen Haaren, die sie in einem Dutt zusammenhält. Das Spannende: Sie hat unzählige silberne Ketten um den Hals, trägt schrille Badeanzüge und hat trotz ihrem hohen Alter eine ausladende Tätowierung auf dem Rücken, die sie vor wenigen Jahren machen liess. Ich schmunzle, als sie mir sagt die Tattoo Künstlerin hätte „Wellenbewegungen“ beim Stechen machen müssen, weil sie schon so verschrumpelt sei. Ich war gleich schockverliebt in diese Hippiefrau, die jeden Morgen hier mit Charlotte schwimmt. Sie kam in den Achtzigern auf die Insel. Der Liebe wegen. Die Liebe blieb nicht, sie schon. Sie ist eine Metallkünstlerin sagt sie mir. Richtig ist: Sie macht umwerfende Skulpturen, mit Schweissgerät und schwerem Werkzeug. Nicht mein Ding. Aber wie cool diese Frau ist! In jeder Hinsicht! Sie macht was sie will. Schon immer. Jetzt erst recht, denn sie sagt: Es käme ja nicht mehr drauf an, irgendwem zu gefallen, also könnte sie auch gleich tun, wozu sie Lust hat. Für ihre fünf Enkel ist sie eine Heldin, für mich auch. Weil sie aussergewöhnlich und ein bisschen verrückt aber durch und durch liebenswert ist. Gestern habe ich einen ganzen Nachmittag mit ihr verplaudert und wir haben uns Anekdoten aus unserem Leben erzählt, fast bis die Sonne unterging. Was für eine herrlich dynamische und eigensinnige Frau!

Jeden Morgen trabe ich nun hinunter in die Bucht und warte auf das kleine, altersschwache Auto, das die beiden bringt. Dann klettern wir gemeinsam die umtoste Treppe hinunter und unterhalten uns, während wir bis zur Boje und zurück schwimmen. Letzte Woche war es so windig, dass mich ein bisschen der Mut verliess, es ist so unglaublich anstrengend gegen die hohen Wellen anzuschwimmen. Ich schaffe das nicht so stromlinienförmig wie Micky. Trotzdem müssen wir ja schnell sein, weil das Wasser eiskalt ist und uns schnell auskühlt. Dann ruft sie mir in ihrem lustigen rustikalen Englisch zu: „Come on Maren, you old cookie! Let’s rumble these old bones to get back!“

Inzwischen kenne ich die ganze Bande hier jeden Morgen, sie sind alle super nett und lustig und stehen nach dem Morgenbad gerne noch mit einem Tee in der Hand zusammen und feiern das Leben. Sie sind alle Rentner und haben Zeit. Ich stelle mich dazu und wünsche mir, für immer dazu zu gehören.

Bald geht es weiter. An den noch kälteren Atlantik. Ins grüngrüne Irland. Da wartet das nächste Abenteuer.


Ach – es ist schon so: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Vom Rhythmus

Noch nie hatte ich so viel Regen auf Jersey. Auch nachts trommeln die Regentropfen auf das Dachfenster über mir. Ich könnte mich jetzt einkuscheln und das geniessen, das werde ich wohl gleich wieder tun, dann in ein paar Stunden in den eiskalten Atlantik springen und den Tag neu anfangen, in der Hoffnung, dass die Sonne wieder kommt. Und das wird sie auch. Laut Wetterbericht gegen Mittag.

Was mich dazu bringt über Neuanfänge – oder Anfänge ganz im Allgemeinen nachzudenken.

Vielleicht genau das richtige Thema wenn man in den nächtlichen Himmel, in die Astronomie schaut. Laut dem Kalender hatten wir gestern eine Tagundnachtgleiche. Die zweite in diesem Jahr. Am 21.3. wendete sich die Sonne und begann, jeden Tag mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Eine Frühlingstagundnachtgleiche birgt immer viel Hoffnung auf Wachstum, auf das was das Jahr an Gutem entstehen lassen möchte. Frühlingsbeginn heisst für viele: Nach einer langen Zeit der Dunkelheit wieder sehen, dass sich jeden Tag nun das Licht vermehrt.

Die Herbsttagundnachtgleiche hingegen eröffnet eine Saison der Dunkelheit. Von jetzt an wird es jeden Tag dunkler, der Zenith ist überschritten, es geht in die Nacht, jeden Tag werden die Sonnenstunden weniger bis zum Talpunkt am 21.12., den Tag der Wintersonnenwende.
Die Tagundnachtgleichen sind die Tage, an denen sich Sonnenuntergang und Sonnenaufgang etwa genau 12 Stunden voneinander entfernt angleichen. Während wir im Frühling oftmals jubeln weil nun das Licht wieder zurück kehrt, wird es im Herbst schwerer, jetzt ist es wichtig, sich zurück zu ziehen. Drinnen mehr und mehr Lichter anzuzünden und die Wärme im Innen statt im Aussen zu suchen.

Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders, wir haben an diesem Herbstbeginn auch noch Neumond und eine Sonnenfinsternis. Ich lese, dass es eine besondere Zeit der Neuanfänge ist und auch ich lasse mich darauf ein, weil ich Anfänge liebe. Weil ich es seit je her feiere: Diesen Rhythmus der Natur, der uns aufzeigt, wohin unsere äussere – und oft die innere, genau parallel – Reise gehen wird.

Jetzt also: Rückzug. Es wird draussen wieder kälter. Gehen wir mit der Natur, dann ist es jetzt Zeit, die Ernte des Jahres einzufahren. Die Schätze zu sammeln. Die Fülle zu feiern. Den Keller zu füllen mit den Zeichen, dass es ein gutes Jahr war. Nicht nur wegen der Früchte, die wir im Garten gesammelt haben, sondern vor allem das zusammen zu tragen, was uns das Jahr Schönes gebracht hat. Die Dankbarkeit zu fühlen, für die Geschenke des Jahres. Das wird uns den Herbst (hoffentlich einen goldenen Oktober) und auch den Winter über wärmen.
Und wie leicht wäre das: An unseren Händen, an den zehn Fingern abzuzählen, welche Geschenke wir bekommen haben dieses Jahr.

Ich werde wohl mehrere Hände brauchen denn es war bislang ein grossartiges Jahr und ich bin, wie eine Goldmarie im Märchen, bereit mein Kleid auszustrecken und die nächsten Sterne zu sammeln, die vom Himmel fallen. Denn bald geht es auf die grüne Insel Irland, die aufgrund der intensiven Regenfälle genauso saftig und tropischfeucht duften wird wie gerade hier die kleine Insel im grossen Meer.

Vielleicht bist Du bereit, einmal inne zu halten und wahrzunehmen, was es an Wertvollem in Deinem Leben dieses Jahr gegeben hat. Was Du neu beginnen kannst und magst. Wozu Du jetzt neu aufbrechen möchtest. Was Deinen Winter wärmen wird.

Und wenn es Dir schwer fällt, das Offensichtliche zu sehen, dann lass Dich von dem angehängten Video dazu einladen, das Leben zu feiern. So oder so: Es bleibt jeden Tag neu ein Wunder.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Spielball aller Winde

Und dann bin ich auch wieder im Wind gelandet. Im April war ich bei einem orkanischen Sturm auf dem indischen Ozean und wir waren ein Spielball der Winde, ausgeliefert und trotzdem: Mit Kraft und Geschicklichkeit durch gesegelt und mit unserem Schiff voran geflogen.

Dann war es ein paar Wochen still. Und jetzt hat er mich wieder. Gleich bei der Überfahrt nach Jersey bliess es ordentlich und die Fähre schaukelte intensiv. Alle Fahrzeuge mussten mit kleinen Blöcken gesichert werden, keiner der Passagiere lief auf dem Deck herum. Die meisten von uns schlossen die Augen und liessen sich schaukeln und redeten es sich ein: Dass der Wind schön ist und zum Kanal zwischen Frankreich und Grossbritannien gehört.

Kaum gelandet auf der kleinen Insel im grossen Meer ging es los, heute mit einer Spitze von 73 km/h. Mich macht Wind glücklich. Ich liebe es, wenn er an mir zieht, mich bewegt innen und aussen und fest durchbläst. Ein bisschen ist das symbolisch: Der Wind reisst ab, was nicht fest angebunden ist. Auch von uns. Kaum ein Wetterphänomen kann das so gut wie der Wind: Die Führung übernehmen und machen was er will. Man kann und muss sich hingeben und die Kontrolle abgeben.

Unvergleichlich so ein Augenblick: Wenn man da steht und den Wind spielen lässt. Ich kann mich mit dem ganzen Körper nach vorne hängen und dennoch wird er mich aufrecht stehen lassen wenn ich im Gegenwind stehe.

Ich erinnere mich an meinen nordischen Adler, der hier vor neun Jahren seine Rede auf Grosnez Cliffs hielt: Er schrie fast, hatte sich halbnackt in den eiskalten Nordwind gestellt. Acht lange Minuten war seine Rede. Am Ende konnte ich kaum mehr die Kamera halten, so sehr fror ich.

Und die wuselige herrliche Adlerin der Lebensfreude, mit der ich im vergangenen Jahr am windigen Strand tanzte. Die Wolken flitzten über unseren Köpfen, wir feierten das Leben, lachten, sie rannte und schlug Kapriolen. Der ganz ganz strenge Westwind hat uns damals gepackt und mitgerissen in die Euphorie.

Dann habe ich vor einigen Jahren auch noch einen sehr speziellen Wind erlebt, der viele Touristen früher oder später in den Wahnsinn treiben will: Der Mistral. Obwohl der Mistral mit seiner Kraft und Unberechenbarkeit die Provence oft herausfordert, verleiht er dieser einzigartigen Region auch eine unverwechselbare Magie. Er formt die Landschaft, lässt die Pflanzen und die Architektur im Wind tanzen und schenkt den Menschen klare, strahlende Tage. Der Mistral ist mehr als nur ein Wind – er ist ein Symbol der ungezähmten Natur und ein treuer Begleiter des provenzalischen Lebens. Wer ihn einmal erlebt hat, wird ihn nie vergessen, denn er ist Teil des faszinierenden Rhythmus, der die Provence zu dem macht, was sie ist: wild, wunderschön und voller Leben.

Vor sehr vielen Jahren habe ich einmal einen Wind erlebt, der uns in „Windeseile“ von der Umwelt abgeschnitten hat. Damals lebten wir nahe Boston/USA und eines Tages erlebten wir einen spektakulären Wind: Einen Blizzard.

Ein Blizzard ist ein extrem starker Schneesturm mit viel Schnee, viel Wind und sehr schlechter Sicht, der hauptsächlich in Nordamerika vorkommt. Damit es ein Blizzard ist, muss der Sturm bestimmte Bedingungen erfüllen: sehr starker Wind (mehr als 56 km/h), heftiger Schneefall, der die Sicht auf unter 400 Meter reduziert, und das Ganze muss mindestens drei Stunden lang andauern. Ein Blizzard kann das Leben auf der Straße und in den Städten zum Stillstand bringen, Stromausfälle verursachen und ist gefährlich, weil man sich im Schnee kaum noch orientieren kann. Wie herrlich war dieser Wind! Wir sassen bequem am Kamin und es fegte um unser Haus herum. Am liebsten wäre ich rausgerannt und hätte es vollständig aufgesaugt dieses Erlebnis.

Ein paar Jahre später hatte ich einen wundervollen Coachee, der mich einmal bat, am Urner See anzuhalten und wir stellten uns mit weit aufgerissenen Jacken in den Wind und hofften, wir würden losfliegen. Ein Moment für die Ewigkeit.

Ach, ich liebe den Wind. Hier auf Jersey kann ich ihm intensiv begegnen und jeden Tag verschlägt er mir die Sprache, verteilt meine ungesagten Worte überall auf der Insel und macht mich leer und glücklich.

La vie et le vent sont beaux ! Das Leben ! Und der Wind – sind schön.

Vom Leseglück

Durch Zufall bin ich in der charmanten Stadt Graz gelandet. Eigentlich nur deswegen, weil es nach einem Seminar, das ich letzte Woche besucht habe, eine weitere Nacht anhängen musste, mangels Flügen in meinen Heimatort. So schlenderte ich also durch diese schöne Stadt und war schnell verzaubert.

Graz ist die Hauptstadt des südösterreichischen Bundeslandes Steiermark. Der Hauptplatz bildet das Kernstück der mittelalterlichen Altstadt. Die umliegenden schmalen Gassen mit Gebäuden im Renaissance- und Barockstil sind von Geschäften und Restaurants gesäumt. Eine Seilbahn fährt den Schlossberg, den Hausberg der Stadt, zum jahrhundertealten Uhrturm hinauf.

Und gleich „hatten mich die Österreicher wieder“. Mit dem schönen Singsang und ihrer liebenswürdigen und gastfreundlichen Art haben sie mich von Anfang an verbal umarmt. Gleich nach dem Einchecken in ein herrliches Hotel also lief ich über eine der zahlreichen Brücken über die Mur direkt in die Altstadt. Es war Sonntag und trotzdem sehr viel los. In den vielen Strassencafes sassen schöne Menschen, tranken einen kurzen oder langen Braunen und genossen Kuchen und Mehlspeisen und schwatzten ausgiebig. Wie schnell fühlte ich mich hier willkommen!

Ich sah mir die Gebäude an, sass eine Weile bei meinem geistigen Freund im schönen Dom und trank schliesslich auch einen langen Braunen. Und dann kam ich zum Hauptplatz, dem Kern der Altstadt. Wie sehr hat es mich gefreut dass die Grazer noch lesen! Und nicht nur das – Sie sitzen zusammen auf grossen Sitzkissen und in Hängematten oder auch aufrechten Stühlen, greifen sich ein Buch aus dem Regal und lesen los. Zum Teil alleine, zum Teil einander vorlesend verschlangen sie die Dichtungen, lasen genüsslich oder waren erstaunt über das, was sie hier fanden. Ich war total beglückt! Menschen, die lesen statt in ihre Handies zu schauen!

Natürlich griff ich auch gerne zu und stöberte, allerdings ohne besonders fündig zu werden. Aber was ich mochte: Wie die Menschen da vor den Regalen standen. Den Blick schweifen liessen, diesen oder jenen Titel heraus zogen, blätterten. Ich beobachtete sie genau: Wann und von was sie sich fangen liessen. Wie gerne hätte ich mein Buch, leider noch unveröffentlicht, dazu gestellt und verschenkt für jemanden, der es finden und dessen Leben es bereichern könnte.

Ich genoss die Szenerie und liess in meinem Geist die Bücher Revue passieren, die mich in den letzten Jahren verzaubert und bewegt hatten. Wie lange habe ich keine Buchempfehlung mehr ausgesprochen? Das möchte ich heute nachholen. Dazu werde ich nicht die vielen wunderbaren Serien von französischen Krimis auflisten, denen ich verfallen bin. Sondern die Perlen und Juwelen. Die Bücher, die einen Nachhall bei mir hatten, bei denen ich unglücklich war, als sie zuende gelesen waren. Einige, bei denen ich direkt nochmals anfangen musste von vorne, vom ersten Satz. Denn wenn ein Buch gut ist, dann verschlinge ich es manchmal ohne zu atmen. Und dann muss ich es nochmals lesen, von Anfang an und jeden Satz in mir resonieren lassen.

Hier also sind meine Top 5. Gerne empfange ich hier auch Eure Empfehlungen!

  1. Für immer meine 1: Das Parfüm. Von Patrick Süskind
  2. Ganz schnell danach, eigentlich eine zweite 1 weil es so ein grandioses Buch ist: Die Hütte. Von William Paul Young.
  3. Sten Nadolny: Das Glück des Zauberers
  4. Nina George: Das Lavendelzimmer. Und gleich danach den zweiten Band: Südlichter
  5. Alex Capus: Königskinder

Natürlich ist das unfair, weil ich eine Vielleserin bin und gerade in diesem Jahr so unglaublich gute neue Autoren und Bücher entdeckt habe. Aber ja, man muss eben manchmal Prioritäten setzen. Jedes der angegebenen Bücher hat mich verzaubert, vier davon wegen der grandiosen Sprach-Virtuosität und eines wegen seines revolutionär grossartigen Inhalts.

Bücher zu lesen verlängert das Leben. In einer Yale Studie ist nachgewiesen, dass Lesen das Gehirn Kapriolen machen lässt die es trainiert, dass es entspannt, gegen Depressionen wirkt und die geistige Achtsamkeit unterstützt. Mich macht es einfach nur glücklich. Ich verspreche hochheilig, mein Buch so zu vollenden, dass es einmal auf einer solchen Liste zu stehen würdig wird. Es heisst: Der Sprung. Und bald, bald, bald werde ich es finalisieren.


So lange gilt es das Leben zu geniessen!

Denn: Hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Zeitreise

In der vergangenen Woche habe ich unheimlich viele Parallelen gefunden zum alten und neuen Leben und vielleicht auch Hinweise auf das was kommt und bleibt. Wenn man sich langsam bewegt und zudem Zeit hat, den Gedanken in Ruhe nachzugehen, dann erscheint irgendwann ein roter Faden, man sieht Eckpunkte des eigenen Lebens, die richtungsweisend waren und Synchronizitäten von Ereignissen und Begegnungen, die in unterschiedlichen Zeiten und Menschen stattgefunden haben. Was für ein Reichtum kann sich dann zeigen!

So habe ich sehr viele Stunden auf der Weide zwischen den Pferden gelegen, die kauend um mich herum schlenderten, ab und zu mal einen Liebesbeweis bei mir liessen und dann weiter zogen. Im schönen grossen Esperito erkannte ich eine Zwillingsseele meines vor zehn Jahren verstorbenen Pferdes. Es war seine fast gleiche Art, wie er sich mir näherte, mich von hinten anschubbste während ich ihn führte und die Art, wie er mich in seinen langen Hals einwickelte.

Mit übervollem Herzen habe ich schliesslich die wunderschöne Ardeche und meine lieben Freunde verlassen. Angereichert mit so vielem Neuem, dass ich satt und glücklich die Weiterreise antreten konnte.

Und auch auf der Reise zurück in die Schweiz – für einen einzigen Tag – fuhr ich an meinem alten Leben vorbei. In Genf erinnerte ich mich an einen obsessiven Coachee, mit dem ich einmal von dort nach Jersey flog. In Avenches kamen mir Bilder von der Prüfung, die mein Pferd damals vor 30 Jahren als junger stolzer Hengst noch absolvierte und dafür seinen Schweizer Brand bekam. In Bern-Forsthaus dachte ich an die irrsinnige Situation, als wir – ich hochschwanger und mit galoppierenden Wehen an der falschen Ausfahrt herausfuhren und drei Stunden später unseren kleinen ersten Sohn in den Armen hielten. In Bern-Grauholz hielt ich zum Tanken und schmunzelte. Vor so vielen Jahren hatte sich eben dieses Goldkind in den nagelneuen Sportwagen meines damaligen Ehemanns erbrochen. Wir putzen das Auto dort, es stank gewaltig und wir kämpften beide mit dem eigenen Brechreiz.

So ging es weiter, die ganze Reise durch die Schweiz. Überall waren Erinnerungen und ich lächelte und es machte mich nachdenklich, manchmal traurig, meistens glücklich. Mir scheint die Schweiz ist geschrumpft, weil sie so voll besetzt mit meinen Bildern ist. Vielleicht soll das Leben ja auch so sein: Ein Bilderbuch mit Flashbacks. Ein schönes Rund, das voll gesammelt ist mit Wertvollem.

Reisen ist auch das: Überraschende Bilder sammeln. Gefühle konservieren. Das Herz in Bewegung setzen, Neues finden. Zu Altem dazu fügen damit sich ein Muster entwickeln kann, das einmal vom Leben erzählt.

Angekommen bei meiner Freundin empfing mich eine lange herzhafte Umarmung. Und auch das ist Reisen: Zurück kommen und willkommen sein, das Neue mit dem Alten verstricken. Und dann wieder weiter ziehen auf dieser herrlich hungrigen Reise, auf der sich die Köstlichkeiten sammeln.

Bei meiner Freundin Carina im Gästezimmer habe ich bei Abreise einen Kalenderspruch gelesen: Wer schöne Erinnerungen hat, lebt doppelt.

Ich glaube, ich habe sieben Leben.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Verweile doch…

Kennst Du das auch: Dass es Momente gibt, in denen man die Zeit anhalten will? In den vergangenen 8 Monaten gab es unendlich viele solche Momente. Wenn ich zurück blicke dann sehe ich mich in Sri Lanka in der Lagune liegen am Morgen und vom indischen Ozean umarmt werden. Sehe mich auf Bali nachdenklich aufs Meer schauen, während einzelne Sätze in mich eintropfen und mein Buch sich von alleine schreibt. Auf Lombok morgens meine Bahnen schwimmen mit dem Blick auf den blaublauen Himmel und die einzelnen Palmen, die sich hinunter neigten. Und ich sehe mich angegurtet und voller Adrenalin auf dem Segelschiff stehen und den tosenden Wind um uns herum, der jede Sekunde kostbar macht. Sehe mich in Oman in die rote Wüste starren und den Duft der Kamele einatmen. Sehe mich in der Bretagne die ersten Schritte an den weiten Strand in Cleder machen und staunen. Auf Jersey in den eiskalten Atlantik springen oder auf den Klippen in Grosnez liegen und meine Adlergeschichten repetieren. Mit meiner Schwester im Touristenschiff unter der Towerbridge cruisen. In Frankfurt, nahe dem Städelschen Kunstinstitut meinem Bruder köstlich lange lauschen. Eine Umarmung mit meinem alten lieben Freund, dem Smaragd, geniessen. Meine Söhne und meine Lieblingsmenschen drücken nach langer Reise im Zwischenhalt der Schweiz. Und schliesslich in der Ardeche ankommen, den weiten Blick über die Hügel, den blauen Himmel, den Atem mit den Pferden und dem weissen Hund und die Begegnungen mit meinen Freunden wertschätzen.

Und schon reihen sich neue Augenblicke dazu, die die Zeit anhalten hätten sollen. Nach achtzehn Jahren meiner Lebensliebe für fast zwei Stunden am Telefon begegnen, ach das war ein kostbarer, tief liebender Moment. Und die Tage danach, in Erinnerungen schwelgen. Im Garten die Zwetschgen abnehmen und sich ab und zu eine in den Mund stecken und das süsse Aroma schmecken. Und auf dem Quad im wilden Tempo über hügelige trockene Weiden düsen. Abends mit meinem Smaragdfreund gemeinsam „Die Hütte“ lesen, darüber sprechen und einander nah sein wie lange nicht. Und am nächsten Morgen mit dem Tee auf der Terrasse sitzen, während der Hund zu meinen Füssen vertrauensvoll sitzt und wir schauen beide in die Landschaft und denken: Wie schön.

Goethe hat einmal in seinem Faust geschrieben: „Und sag ich doch zum Augenblicke: Verweile doch, Du bist so schön“. Leider geht das Stück – Faust 1 – nicht so weiter, wie ich es hier proklamiere. Während Goethe die Gunst des Augenblicks da nicht festhalten möchte – tue ich es durchaus.

Die ganze letzte Woche war durchtränkt von Liebe und einem sanften und tiefen Sicheinlassenkönnen. Hingabe.

Hingabe – dieser Begriff löst bei so vielen Menschen unwillkürlich Unbehagen aus. Die Vorstellung von Hingabe wird häufig verbunden mit Auslieferung, ja Kapitulation. Als käme man mit einer weissen Fahne aus einem Versteck und müsste sich auf Gedeih und Verderb einem fremden Diktat oder Zwang unterwerfen. In diesem Sinn aktiviert die Vorstellung von Hingabe eine Urangst, die viele Menschen kennen: die Angst vor Auflösung, die Angst, dass nichts mehr von einem übrig bleibt.

Dabei ist es doch ganz anders: Hingabe beschreibt einen Vorgang, der mit höchster Achtsamkeit verbunden ist.
In diesem Sinne verstehe ich Hingabe als einen Akt der vollständigen Überantwortung an das Leben, als eine Einwilligung in das Leben. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen, unsere Stärke. Hingabe bedeutet, uns dem Leben gegenüber voller Vertrauen, nackt und schutzlos zu präsentieren. Eine solch offene Haltung ermöglicht es uns, alle Bedingungen des Augenblicks mit einzubeziehen.

Der große Gegenspieler der Hingabe ist die Angst. Niemand sagt das so schön und eindringlich wie Hermann Hesse in seiner Geschichte: „Klein und Wagner“:
„In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sich-fallen-Lassen, den Schritt in das Ungewisse ­hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das grosse Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.“

Was hat mir also die letzte Woche einmal mehr immer deutlicher und klarer und schärfer und zarter gezeigt? Dass mit der Hingabe jeder Moment kostbar ist, unwiderruflich. Dass das im Moment, der Gegenwart sein, etwas Magisches hat. Dass es nur um das geht. Ums ganz und gar da sein. Wie herrlich sich das Leben dann leben lässt!

Ich sammle die Schätze der letzten Woche ein und bade im Glück, der Nähe, der Liebe, der Schönheit.

Was für ein Jahr!

Worte genügen nicht zu beschreiben, wie kostbar dieses Jahr ist!

Schon der letzte Satz meiner Blogs macht es deutlich, aber ich könnte es tatsächlich jeden Tag laut raus in die Welt jubeln:

Das Leben ist schön – La vie est belle!

Menschliche Wärme

Ich könnte jetzt sagen in der letzten Woche hatte ich keine besondere Begegnung. Aber das wäre gelogen, weil ich doch jeden Tag Beat und Carina begegnet bin. Also wirklich: Begegnet. Denn wir haben Aufmerksamkeit füreinander. Sind immer wohlwollend und interessiert und neugierig und jeden Tag passiert etwas Neues, offenbart sich eine weitere Ge-schichte (im Sinn von vielen Schichten, die sich entfalten). Und dann sind da noch dieser weise weisse Wolf namens Aya, die frechen Katzen Ludilu und Ricola. Und die Pferde, natürlich.

Aber da sind auch: Die charmante Postbotin, die mir Samstag ein kleines Paket brachte. Der dünne schlacksige und lustige Claude, der seine Waren in einem winzigen rollenden Einkaufswagen in die entfernten Orte bringt. Der feinsinnige Remi, der seine magischen Hände über unsere Körper massierend bewegt. Die schönen schönen Menschen auf dem Markt in St.Felice. Die rotbackige Lady, die uns in der Bäckerei die köstlichen Croissants verkauft. Die aparte Dame im Antiquitätenladen, die zärtlich die kleinen Juwelen einpackt, die Carina gefunden hat.

Nach acht Monaten ziehe ich das erste mal Revue. Wo habe ich die schönsten Menschen gesehen? Alle sind hier im Blog verewigt, der zarte Duminda in Sri Lanka, die schönen Begegnungen in Bali, Nova auf Lombok, den Seebär und meine Segelfreunde durch den Indischen Ozean. Olivier und Valerie in der Bretagne, Ida und Richard, George und Harriet auf Jersey. Meine Liebsten in Deutschland und der Schweiz. Und jetzt also: Die Franzosen in der Archeche. Ich bin geneigt zu sagen, dass ich nirgends so viele wertvolle Begegnungen hatte wie hier.Weil alleine das Beobachten so köstlich ist. Auf dem Markt in St.Felice sah ich sie überall und genoss ihre Präsenz, die obligatorischen drei Küsse auf die Wangen, die ich beobachtete – nicht wie früher in der kühlen Schweiz Luftküsse – ganz im Gegenteil: Dicke Schmatzer und echte Umarmungen. Und überall: Freude sich zu treffen, freundliches Miteinander.

Und dann sitzen sie schnell beisammen auf dem Marktplatz, auf einen Pastis oder ein kühles Glas Rose und Pierre sitzt mit seiner Gitarre und singt französische Chansons. Bei „Oh Champs Elysee“ singen sie alle mit, klatschen begeistert, feiern ihr Leben. Das ist:

Savoir Vivre

Die Kunst, das Leben zu geniessen!

Hier geht das noch: Im heissen Department in der Rhone Gegend. Menschen rücken zusammen. Sind freundlich und liebevoll und schauen einander an. Nirgends sonst auf meiner Reise habe ich so wenige Handys gesehen. Und so viel echte menschliche Begegnungen. Ähnlich wie meine französischen Lieblinge, die Bretonen, und doch ganz anders. Irgendwie noch wärmer, noch echter und noch berührbarer.Frankreich ist wunderbar.

Nur: ich bewege mich natürlich in einer Seifenblase. An den feinen und ländlichen Orten, weg von der Zivilisation, von den Städten, den sozialen Brennpunkten, den politischen Bewegungen. Das war überall so. Ob es nun die singalesischen und indonesischen Kreise waren, die Wüstenkinder im Oman, die glücklichen Menschen in der Bretagne und auf Jersey. Oder hier, die Community aus fröhlichen, einfachen Menschen in der Ardeche: Es sind alles Menschen ausserhalb der grossen globalen Probleme.

Das Gute ist: Es gibt sie noch die schönen Menschen. Und dieses köstliche Jahr ist voll davon. Noch habe ich ein weiteres Drittel. Meine Reise wird mich noch nach Irland bringen, nach Schottland, in die keltische und mystische Welt. Wie ich es geniesse, die Edelsteine einzusammeln, die mir – und meinen Lesern – immer zeigen können: Menschen sind wunderbar. Vermutlich überall. Aber man muss auch Zeit haben, sie wahrzunehmen.

Und, was ich ja immer schon sage:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Harissa

Sie hat mich ausgesucht. So geht das bei den Pferden. Niemals sucht ein Mensch das Pferd aus. Würde er es tun, dann würde es schief gehen. Ähnlich wie bei uns Menschenpaaren gibt es solche, die sich vom schönen Schein blenden lassen. Das ist jedem schon passiert. Und wir haben es alle bereut, nicht wahr?

Nun aber zurück zu diesem ganz speziellen Exemplar von Pferd. Sie ist eine eher robust gebaute Schönheit mit einem herben, eigensinnigen Charme. Es gibt weitaus elegantere und anschmiegsamere Stuten in der Herde, aber Harissa hat: Charakter. Seit einigen Wochen ist sie verliebt. In einen schönen stolzen Wallach, der neu in die Herde kam und der ihr nun nicht mehr von der Seite weicht. Sie sind beide total in Love. Aber Harissa gibt deswegen ihre Eigenarten nicht auf, sie bleibt sich treu.

So auch bei unserer ersten Begegnung. Sie verbindet sich mit meiner Energie und wir gehen in einen schönen Moment miteinander. Zwei Stuten, die sich beschnuppern, nur das ich eben auf zwei Beinen stehe. Wir haben Zeit uns kennenzulernen und nähern uns zaghaft an, sind aber bald einig, dass wir uns mögen. Und jetzt kommt auch der stolze Herr an ihrer Seite, der wissen will, mit wem Harissa jetzt ins Schmusen kommt. Sie spürt ihn kommen, legt die Ohren an und fletscht die Lippen. Er versteht das sofort und wendet sich schnell ab. Harissa hat ihren Raum verteidigt, den sie gerade mit mir teilt. Ich schmunzle. Ich habe die Botschaft verstanden: Harissa ist nicht blind vor Liebe und gibt alles her, was sie hat. Sie nimmt sich ihren Platz, will alleine in Verbindung gehen und verzichtet dafür einen Moment auf ihren Paartanz, den sie nach unserer Begegnung fortsetzt.

Harissa hat auch eine Geschichte. Irgendwann einmal ist das Halfter gerissen, das sie, in noch anderen Menschenhänden, als junges Pferd trug. Der starke Gurt schnitt ihr in Gesicht und Hals. Seitdem will sie nicht mehr „gezäumt“ werden. Sie hat eben ihren eigenen Kopf.

Als Herdentiere leben Pferde in einer hierarchischen Sozialstruktur und verfügen über einen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Sie leben absolut im Augenblick. Sie überprüfen jede Sekunde aufs Neue die Situation und entscheiden, ob sie flüchten, Schutz suchen oder die Lage als neutral bewerten.

Mit dieser hochsensiblen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung begegnen sie auch den Menschen. Mit ihrer feinen und ausgeprägten Intuition reagieren sie ohne Zögern auf deren Gefühle, das Verhalten und die Körpersprache. Sie sind total ehrlich und reagieren auf das, was gerade ist bei dem Menschen. Sie spiegeln uns und unsere Persönlichkeit kompromisslos.

In den vergangenen Tagen habe ich auch mit den anderen Pferden der Herde Kontakt aufgenommen – oder sie mit mir. Aber es war klar – Harissa und ich sind die Seelenverwandten. Ich schmunzle, wenn ich sie betrachte. Schon von unserer ersten Begegnung habe ich viel gelernt, jetzt zeigt sie mir Nuancen der selben Lektion:

Es ist okay seinen Raum zu verteidigen, auch wenn man noch so himmelhochjauchzend verliebt ist.

Es ist völlig natürlich dem Partner Nähe und Führung zu überlassen, oder diese zu übernehmen wenn es wieder ans Tanzen geht.

Es ist schön und entspannend, sich auszuruhen wenn ein anderer in dieser Zeit wacht.

Jeden Tag entscheiden die Pferde neu, ob sie in Verbindung gehen möchten. Das ist vor allem hier bei Carina und Beat möglich, weil die Pferde frei und auf einem Trail unterwegs sind. In einem für die Pferde natürlichen Lebensraum. Ohne „Tüttel-i-Tüü“ so wie ich es aus den diversen Pensionsställen kenne, in denen ich mein Pferd gehalten habe.

Hier sehen uns die Zauberwesen, kommen für Futter oder die Fliegenmasken, eine Streicheleinheit oder ein ausgiebiges genüssliches Kratzen zu uns. Manchmal drehen sie uns das Hinterteil zu und jetzt müssen wir erkennen: Sie wollen nicht ausschlagen, sie wollen, dass wir ihnen die Pobacken kratzen, weil die Insekten sie da gebissen haben und sie nicht gut dran kommen. Oder sie kommen kurz, schauen was es gibt und schlendern dann weiter, was heisst: Ich habe heute keine Lust auf Dich Zweibeiner. Und dann gibt es solche wie Habibi, die nicht genug küssen und kuscheln kann und manchmal vergisst, dass sie das Fünffache von uns wiegt. Jeden Tag ist jede Begegnung neu. Und immer wieder wird neu entschieden ob – und wie – wir uns begegnen.


Was für eine Bereicherung diese Zeit hier mit der Herde. Ich bin wirklich sehr beschenkt.

La vie est belle – Das Leben ist schön.