Verweile doch…

Kennst Du das auch: Dass es Momente gibt, in denen man die Zeit anhalten will? In den vergangenen 8 Monaten gab es unendlich viele solche Momente. Wenn ich zurück blicke dann sehe ich mich in Sri Lanka in der Lagune liegen am Morgen und vom indischen Ozean umarmt werden. Sehe mich auf Bali nachdenklich aufs Meer schauen, während einzelne Sätze in mich eintropfen und mein Buch sich von alleine schreibt. Auf Lombok morgens meine Bahnen schwimmen mit dem Blick auf den blaublauen Himmel und die einzelnen Palmen, die sich hinunter neigten. Und ich sehe mich angegurtet und voller Adrenalin auf dem Segelschiff stehen und den tosenden Wind um uns herum, der jede Sekunde kostbar macht. Sehe mich in Oman in die rote Wüste starren und den Duft der Kamele einatmen. Sehe mich in der Bretagne die ersten Schritte an den weiten Strand in Cleder machen und staunen. Auf Jersey in den eiskalten Atlantik springen oder auf den Klippen in Grosnez liegen und meine Adlergeschichten repetieren. Mit meiner Schwester im Touristenschiff unter der Towerbridge cruisen. In Frankfurt, nahe dem Städelschen Kunstinstitut meinem Bruder köstlich lange lauschen. Eine Umarmung mit meinem alten lieben Freund, dem Smaragd, geniessen. Meine Söhne und meine Lieblingsmenschen drücken nach langer Reise im Zwischenhalt der Schweiz. Und schliesslich in der Ardeche ankommen, den weiten Blick über die Hügel, den blauen Himmel, den Atem mit den Pferden und dem weissen Hund und die Begegnungen mit meinen Freunden wertschätzen.

Und schon reihen sich neue Augenblicke dazu, die die Zeit anhalten hätten sollen. Nach achtzehn Jahren meiner Lebensliebe für fast zwei Stunden am Telefon begegnen, ach das war ein kostbarer, tief liebender Moment. Und die Tage danach, in Erinnerungen schwelgen. Im Garten die Zwetschgen abnehmen und sich ab und zu eine in den Mund stecken und das süsse Aroma schmecken. Und auf dem Quad im wilden Tempo über hügelige trockene Weiden düsen. Abends mit meinem Smaragdfreund gemeinsam „Die Hütte“ lesen, darüber sprechen und einander nah sein wie lange nicht. Und am nächsten Morgen mit dem Tee auf der Terrasse sitzen, während der Hund zu meinen Füssen vertrauensvoll sitzt und wir schauen beide in die Landschaft und denken: Wie schön.

Goethe hat einmal in seinem Faust geschrieben: „Und sag ich doch zum Augenblicke: Verweile doch, Du bist so schön“. Leider geht das Stück – Faust 1 – nicht so weiter, wie ich es hier proklamiere. Während Goethe die Gunst des Augenblicks da nicht festhalten möchte – tue ich es durchaus.

Die ganze letzte Woche war durchtränkt von Liebe und einem sanften und tiefen Sicheinlassenkönnen. Hingabe.

Hingabe – dieser Begriff löst bei so vielen Menschen unwillkürlich Unbehagen aus. Die Vorstellung von Hingabe wird häufig verbunden mit Auslieferung, ja Kapitulation. Als käme man mit einer weissen Fahne aus einem Versteck und müsste sich auf Gedeih und Verderb einem fremden Diktat oder Zwang unterwerfen. In diesem Sinn aktiviert die Vorstellung von Hingabe eine Urangst, die viele Menschen kennen: die Angst vor Auflösung, die Angst, dass nichts mehr von einem übrig bleibt.

Dabei ist es doch ganz anders: Hingabe beschreibt einen Vorgang, der mit höchster Achtsamkeit verbunden ist.
In diesem Sinne verstehe ich Hingabe als einen Akt der vollständigen Überantwortung an das Leben, als eine Einwilligung in das Leben. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen, unsere Stärke. Hingabe bedeutet, uns dem Leben gegenüber voller Vertrauen, nackt und schutzlos zu präsentieren. Eine solch offene Haltung ermöglicht es uns, alle Bedingungen des Augenblicks mit einzubeziehen.

Der große Gegenspieler der Hingabe ist die Angst. Niemand sagt das so schön und eindringlich wie Hermann Hesse in seiner Geschichte: „Klein und Wagner“:
„In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sich-fallen-Lassen, den Schritt in das Ungewisse ­hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das grosse Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.“

Was hat mir also die letzte Woche einmal mehr immer deutlicher und klarer und schärfer und zarter gezeigt? Dass mit der Hingabe jeder Moment kostbar ist, unwiderruflich. Dass das im Moment, der Gegenwart sein, etwas Magisches hat. Dass es nur um das geht. Ums ganz und gar da sein. Wie herrlich sich das Leben dann leben lässt!

Ich sammle die Schätze der letzten Woche ein und bade im Glück, der Nähe, der Liebe, der Schönheit.

Was für ein Jahr!

Worte genügen nicht zu beschreiben, wie kostbar dieses Jahr ist!

Schon der letzte Satz meiner Blogs macht es deutlich, aber ich könnte es tatsächlich jeden Tag laut raus in die Welt jubeln:

Das Leben ist schön – La vie est belle!

Menschliche Wärme

Ich könnte jetzt sagen in der letzten Woche hatte ich keine besondere Begegnung. Aber das wäre gelogen, weil ich doch jeden Tag Beat und Carina begegnet bin. Also wirklich: Begegnet. Denn wir haben Aufmerksamkeit füreinander. Sind immer wohlwollend und interessiert und neugierig und jeden Tag passiert etwas Neues, offenbart sich eine weitere Ge-schichte (im Sinn von vielen Schichten, die sich entfalten). Und dann sind da noch dieser weise weisse Wolf namens Aya, die frechen Katzen Ludilu und Ricola. Und die Pferde, natürlich.

Aber da sind auch: Die charmante Postbotin, die mir Samstag ein kleines Paket brachte. Der dünne schlacksige und lustige Claude, der seine Waren in einem winzigen rollenden Einkaufswagen in die entfernten Orte bringt. Der feinsinnige Remi, der seine magischen Hände über unsere Körper massierend bewegt. Die schönen schönen Menschen auf dem Markt in St.Felice. Die rotbackige Lady, die uns in der Bäckerei die köstlichen Croissants verkauft. Die aparte Dame im Antiquitätenladen, die zärtlich die kleinen Juwelen einpackt, die Carina gefunden hat.

Nach acht Monaten ziehe ich das erste mal Revue. Wo habe ich die schönsten Menschen gesehen? Alle sind hier im Blog verewigt, der zarte Duminda in Sri Lanka, die schönen Begegnungen in Bali, Nova auf Lombok, den Seebär und meine Segelfreunde durch den Indischen Ozean. Olivier und Valerie in der Bretagne, Ida und Richard, George und Harriet auf Jersey. Meine Liebsten in Deutschland und der Schweiz. Und jetzt also: Die Franzosen in der Archeche. Ich bin geneigt zu sagen, dass ich nirgends so viele wertvolle Begegnungen hatte wie hier.Weil alleine das Beobachten so köstlich ist. Auf dem Markt in St.Felice sah ich sie überall und genoss ihre Präsenz, die obligatorischen drei Küsse auf die Wangen, die ich beobachtete – nicht wie früher in der kühlen Schweiz Luftküsse – ganz im Gegenteil: Dicke Schmatzer und echte Umarmungen. Und überall: Freude sich zu treffen, freundliches Miteinander.

Und dann sitzen sie schnell beisammen auf dem Marktplatz, auf einen Pastis oder ein kühles Glas Rose und Pierre sitzt mit seiner Gitarre und singt französische Chansons. Bei „Oh Champs Elysee“ singen sie alle mit, klatschen begeistert, feiern ihr Leben. Das ist:

Savoir Vivre

Die Kunst, das Leben zu geniessen!

Hier geht das noch: Im heissen Department in der Rhone Gegend. Menschen rücken zusammen. Sind freundlich und liebevoll und schauen einander an. Nirgends sonst auf meiner Reise habe ich so wenige Handys gesehen. Und so viel echte menschliche Begegnungen. Ähnlich wie meine französischen Lieblinge, die Bretonen, und doch ganz anders. Irgendwie noch wärmer, noch echter und noch berührbarer.Frankreich ist wunderbar.

Nur: ich bewege mich natürlich in einer Seifenblase. An den feinen und ländlichen Orten, weg von der Zivilisation, von den Städten, den sozialen Brennpunkten, den politischen Bewegungen. Das war überall so. Ob es nun die singalesischen und indonesischen Kreise waren, die Wüstenkinder im Oman, die glücklichen Menschen in der Bretagne und auf Jersey. Oder hier, die Community aus fröhlichen, einfachen Menschen in der Ardeche: Es sind alles Menschen ausserhalb der grossen globalen Probleme.

Das Gute ist: Es gibt sie noch die schönen Menschen. Und dieses köstliche Jahr ist voll davon. Noch habe ich ein weiteres Drittel. Meine Reise wird mich noch nach Irland bringen, nach Schottland, in die keltische und mystische Welt. Wie ich es geniesse, die Edelsteine einzusammeln, die mir – und meinen Lesern – immer zeigen können: Menschen sind wunderbar. Vermutlich überall. Aber man muss auch Zeit haben, sie wahrzunehmen.

Und, was ich ja immer schon sage:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Harissa

Sie hat mich ausgesucht. So geht das bei den Pferden. Niemals sucht ein Mensch das Pferd aus. Würde er es tun, dann würde es schief gehen. Ähnlich wie bei uns Menschenpaaren gibt es solche, die sich vom schönen Schein blenden lassen. Das ist jedem schon passiert. Und wir haben es alle bereut, nicht wahr?

Nun aber zurück zu diesem ganz speziellen Exemplar von Pferd. Sie ist eine eher robust gebaute Schönheit mit einem herben, eigensinnigen Charme. Es gibt weitaus elegantere und anschmiegsamere Stuten in der Herde, aber Harissa hat: Charakter. Seit einigen Wochen ist sie verliebt. In einen schönen stolzen Wallach, der neu in die Herde kam und der ihr nun nicht mehr von der Seite weicht. Sie sind beide total in Love. Aber Harissa gibt deswegen ihre Eigenarten nicht auf, sie bleibt sich treu.

So auch bei unserer ersten Begegnung. Sie verbindet sich mit meiner Energie und wir gehen in einen schönen Moment miteinander. Zwei Stuten, die sich beschnuppern, nur das ich eben auf zwei Beinen stehe. Wir haben Zeit uns kennenzulernen und nähern uns zaghaft an, sind aber bald einig, dass wir uns mögen. Und jetzt kommt auch der stolze Herr an ihrer Seite, der wissen will, mit wem Harissa jetzt ins Schmusen kommt. Sie spürt ihn kommen, legt die Ohren an und fletscht die Lippen. Er versteht das sofort und wendet sich schnell ab. Harissa hat ihren Raum verteidigt, den sie gerade mit mir teilt. Ich schmunzle. Ich habe die Botschaft verstanden: Harissa ist nicht blind vor Liebe und gibt alles her, was sie hat. Sie nimmt sich ihren Platz, will alleine in Verbindung gehen und verzichtet dafür einen Moment auf ihren Paartanz, den sie nach unserer Begegnung fortsetzt.

Harissa hat auch eine Geschichte. Irgendwann einmal ist das Halfter gerissen, das sie, in noch anderen Menschenhänden, als junges Pferd trug. Der starke Gurt schnitt ihr in Gesicht und Hals. Seitdem will sie nicht mehr „gezäumt“ werden. Sie hat eben ihren eigenen Kopf.

Als Herdentiere leben Pferde in einer hierarchischen Sozialstruktur und verfügen über einen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Sie leben absolut im Augenblick. Sie überprüfen jede Sekunde aufs Neue die Situation und entscheiden, ob sie flüchten, Schutz suchen oder die Lage als neutral bewerten.

Mit dieser hochsensiblen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung begegnen sie auch den Menschen. Mit ihrer feinen und ausgeprägten Intuition reagieren sie ohne Zögern auf deren Gefühle, das Verhalten und die Körpersprache. Sie sind total ehrlich und reagieren auf das, was gerade ist bei dem Menschen. Sie spiegeln uns und unsere Persönlichkeit kompromisslos.

In den vergangenen Tagen habe ich auch mit den anderen Pferden der Herde Kontakt aufgenommen – oder sie mit mir. Aber es war klar – Harissa und ich sind die Seelenverwandten. Ich schmunzle, wenn ich sie betrachte. Schon von unserer ersten Begegnung habe ich viel gelernt, jetzt zeigt sie mir Nuancen der selben Lektion:

Es ist okay seinen Raum zu verteidigen, auch wenn man noch so himmelhochjauchzend verliebt ist.

Es ist völlig natürlich dem Partner Nähe und Führung zu überlassen, oder diese zu übernehmen wenn es wieder ans Tanzen geht.

Es ist schön und entspannend, sich auszuruhen wenn ein anderer in dieser Zeit wacht.

Jeden Tag entscheiden die Pferde neu, ob sie in Verbindung gehen möchten. Das ist vor allem hier bei Carina und Beat möglich, weil die Pferde frei und auf einem Trail unterwegs sind. In einem für die Pferde natürlichen Lebensraum. Ohne „Tüttel-i-Tüü“ so wie ich es aus den diversen Pensionsställen kenne, in denen ich mein Pferd gehalten habe.

Hier sehen uns die Zauberwesen, kommen für Futter oder die Fliegenmasken, eine Streicheleinheit oder ein ausgiebiges genüssliches Kratzen zu uns. Manchmal drehen sie uns das Hinterteil zu und jetzt müssen wir erkennen: Sie wollen nicht ausschlagen, sie wollen, dass wir ihnen die Pobacken kratzen, weil die Insekten sie da gebissen haben und sie nicht gut dran kommen. Oder sie kommen kurz, schauen was es gibt und schlendern dann weiter, was heisst: Ich habe heute keine Lust auf Dich Zweibeiner. Und dann gibt es solche wie Habibi, die nicht genug küssen und kuscheln kann und manchmal vergisst, dass sie das Fünffache von uns wiegt. Jeden Tag ist jede Begegnung neu. Und immer wieder wird neu entschieden ob – und wie – wir uns begegnen.


Was für eine Bereicherung diese Zeit hier mit der Herde. Ich bin wirklich sehr beschenkt.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Jenseits der Komfortzone

Was für ein Glück, dass ich diese beiden Perlen wieder gefunden habe. Vor etwa 15 Jahren lernte ich dieses schöne Paar kennen und endlich hatte ich Zeit, sie in ihrem neuen Zuhause in der Ardèche zu besuchen. Da sie zwei ganz besonders wertvolle Menschen sind, erzähle ich gerne ihre Geschichte.

Carina wurde in der Ostschweiz geboren und war schon als Kind: Wild, ungezähmt, neugierig und lebensfroh. Als sie einmal als 4jähriges kleines Mädchen für die Mama schnell etwas zum Kochen fürs Mittagessen holen gehen soll im nahen Lädeli, bleibt sie auf dem Weg dahin stecken. Sie sieht die Giesskannen in den Gärten der Nachbarn und beschliesst erstmal alle Blümchen zu giessen (etwas das sie im übertragenen Sinn ein Leben lang tun wird) und mit den Nachbarn zu plaudern. Sie bekommt allerlei Schleckzeug angeboten, scherzt und lacht mit den Leuten, spricht gerne über dies und das und kommt erst wieder zuhause an, als das Mittagessen lange vorbei ist.

So bleibt sie auch als junge Frau, will immer in die grosse weite Welt, ist auf der Suche nach neuen Sensationen, spielt sich durchs Leben, hat mehrere Glücksfälle, die ihr den Weg weisen. Sie beschliesst gerne selbst, was für sie richtig ist, lässt sich nicht einengen, hat keine Lust auf Vitamin B und noch weniger auf vernünftige Lösungen. Die Halbwertzeit in ihrer beruflichen Karriere ist auf drei Jahre limitiert, spätestens dann wird es ihr langweilig. Routine ist ihr verhasst, sie will Herausforderungen, das ganze Leben, das ganze Bild, den ganzen Spass. Auch in ihren Liebesbeziehungen macht sie einen Spagat von todlangweilig bis obsessiv.

In ihrer traumwandlerischen Leichtigkeit findet sie bald ihren Weg. Von der Biolaborantin über den Verkauf im Aussendienst und dann in der Kommunikation wandert sie durch die MedTech Branche. Bildet sich weiter, wird bald ein PR Crack – Reden kann sie! Schreiben auch! Kommunikation ist alles! Sie arbeitet im Krisenmanagement und in diversen Challenges in der Pharmazie und der Medizinischen Technikwelt. Die Karriere ist steil und Carina bald eine begehrte PR- und Kommunikationschefin.

Trotzdem träumt sie: Von einem Studium der schönen Geisteswissenschaften an der Sorbonne in Paris. Schliesslich schafft sie auch das: Sie lernt ihren liebsten Mann Beat (Liebe auf den allerersten Blick) in einem der zahllosen Unternehmen kennen, in dem sie arbeitet. Nach etlichen Jahren herrlicher Partnerschaft geht es schliesslich nach Paris, Beat kann europäisch arbeiten. Hier wird geheiratet. Für Carina heisst das: Im knallroten Kleid mit lautem Lachen und grossem Glück.

Die Arbeit von Beat bringt die beiden nach California. Weil Carina eine passionierte Reiterin ist , sucht sie einen Pferdeflüsterer und macht ein Seminar beim legendären Monty Roberts „Riding with Respect“. Am Tag, als sie ihr Trainingspferd bekommt verliebt sie sich unsterblich in Magic, ihr Seelenpferd. 10 weitere Monate wird Carina mit Monty arbeiten und sich in Horsemanship und Equine Assisted Psychotherapy ausbilden lassen.

Dann geht es für die beiden 6 Jahren nach Singapore, mit Magic. Sie reisen, sie leben auf einer herrlichen Farm in Malaysia, Beat arbeitet in ganz Südostasien, sie verlieren sich nicht, sie bleiben das Powerpaar. Als sie schliesslich nach Europa zurück kehren, suchen sie einen Platz, an dem sie bleiben und leben wollen und eine Oase erschaffen können.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen (gerade geht kein Weg für Carina, sie schaut lieber auch mal in fremde Gärten, wie als Kind) finden sie dieses herrliche Anwesen in der Ardèche. Hier haben sie einen fantastischen Ort erschaffen, an dem sie mit einer inzwischen gewachsenen Pferdeschar, Hunden und Katzen leben. Das Gästehaus und die vielen Menschen, die die Pferdetherapie suchen, finden hier ihren Platz, die Vierbeiner auf der Rentnerwiese versüssen jeden Tag. Carina ist glücklich. Und immer noch verliebt ins Leben. Was für ein Vergnügen, sie zu kennen.

Beat wird in Luzern geboren, auf einem Bauernhof und mit mehreren Geschwistern. Als Kind tobt er durch die Wälder, hat viel Schabernack im Kopf, ist jung und wild und sportlich frisch. Als Fünfjähriger fällt er einmal von einem Sofa und bohrt sich einen Schraubenzieher durch die Lippe, weil er ihn nicht loslässt. Er schraubt gerne alles auseinander und setzt es wieder zusammen. Als Siebenjähriger versetzt ihm das Radio, das er auseinander nehmen will, einen Elektroschock. Seine Leidenschaft ist entfacht, Mechanik und Elektronik werden sein Steckenpferd. Er frisiert auf dem Bauernhof als Freiluftwerkstatt seins und die Töffli der Kollegen, hat viele Freunde und noch mehr Flausen im Kopf.

Schliesslich lernt er Radio und TV Elektroniker. Zieht anschliessend in seinen beruflichen Wanderjahren durch die Schweiz, baut HiFi Anlagen in Ferraris ein, wird Werkstattleiter einer mechanischen Werkstatt, bildet sich weiter, gerät schliesslich in die Pharmazie Branche. Da trifft ihn eines Tages ein anderer Schlag: Blitzliebe mit Carina.

Trotzdem erfüllt er sich noch einen Traum: Fährt mit dem Fahrrad durch Europa und dann durch Südamerika. Und dann geht er steil. Er findet eine Anstellung als Serviceleiter in der MedTech Branche, in den nächsten 23 Jahren wird er dort immer weiter die Karriereleiter nach oben steigen. Ein Selfmademan, ein Multitalent. Und jetzt kommen auch noch das MBA dazu, die Strategieplanung, die internationalen Standorte, diverse Sprachen. Schliesslich geht er geschmeidig in immer grössere Verantwortungen. Singapore ist das letzte grosse Engagement, danach sucht er neue Wege, probiert einige aus, verwirft ein paar falsche Wege.

Irgendwann erkennt er: Er will die internationale Bühne verlassen und ein Zuhause für sich und Carina schaffen. Sie kaufen das Anwesen in der Ardèche. Beat bastelt und renoviert, installiert 15 km Weidezaun. Legt mit Carina einen Trail für die Pferde an, ist selbst inzwischen mit dem Pferdevirus infiziert, sie wachsen noch näher zusammen. Sie leben in der Natur. Sie leben in der „Transition“ Bewegung und seine jahrzehntelange fachliche Expertise lässt Beat kritisch auf die Pandemiezeit schauen. Er ist engagiert und mutig und will friedliche Veränderungsprozesse im Innen und Aussen anstossen und begleiten.

Diese beiden wunderbaren Menschen sind Idealisten, kluge Köpfe und inspirierende Denker und Gesprächspartner. Sie erschaffen jeden Tag einen Raum, in dem es sich gut leben und entspannen lässt. Sie haben den grossen, sehr grossen Sprung aus der vermeintlichen Komfortzone gewagt und die Magie, das Leben und einen neuen Raum gefunden. Was für ein Glück für mich, dass ich hier sein darf. Ich bleibe noch ein bisschen!

Denn: La vie est belle – Das Leben (vor allem dieses hier) ist schön.

Von den alten Sorten

Ich habe ein seltenes Juwel in der Schatzkiste meines Lebens. Nein, nicht nur eins. Aber über dieses möchte ich hier schreiben, weil es gerade einmal wieder in meiner Hand lag und ich es bestaunen konnte. Es glänzt betörend grün wie ein Smaragd.

«In den schwebenden Gärten des Smaragdes möchte man endlos lustwandeln und sich unablässig am phantasievollen, sich ständig ändernden Formenreichtum dieser Immergrüner Gewölbe ergötzen!»

Eduard Josef Gübelin

Mein Smaragd ist ein Freund aus Jugendtagen. Damals haben wir zusammen das Gymnasium besucht. Er war schon damals ein eigensinniger und aussergewöhnlicher Mensch. Attraktiv und streitbar, ein messerscharfer Geist und ein schönes feines Wesen.

Inzwischen sind über 43 Jahre vergangen und wir haben immer noch eine wertvolle Verbindung, die ein Geschenk der besonderen Art ist. Ich hatte nicht das Glück, mit einer Familie gesegnet zu sein, die mir Heimat und Ermutigung gewesen wäre und genau deshalb waren mir die gefundenen Freunde ein wichtiger Halt.

Anfangs verbanden wir uns aus Wunsch nach Gedanken und Handlungsfreiheit, wurden getragen aus Distanz und Impulsivität und der Faszination für die Erforschung abstrakter Ideen, geistiger Originalität und Individualität. Wir waren jung, wir hatten Kraft und wir wollten die Welt erobern. Vermutlich hat uns das niemand mehr zugetraut als wir uns gegenseitig.

Was uns wohl ausmacht: Wir haben an uns geglaubt und tun das ungebrochen auch nach vier Dekaden noch. Ich möchte sagen, wir hatten und haben einen Seelen Gleichklang.

Dafür gibt es einen schönen Namen: Resonanz.

Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Widerhall. Wenn man sich einem anderen Menschen öffnen kann und über Gefühle und Gedanken spricht, die Raum im Anderen finden.

Dazu habe ich vor unendlich langer Zeit einmal ein Zitat gefunden:

Sich einem anderen öffnen können im Ozean des Lebens. Sich ausschütten bis Boden entsteht: Das wäre ein Boden zum Stehen.

Wir stehen immer noch, wenn auch mittlerweile etwas wackeliger auf den eigenen Beinen, aber der Boden hält. In diesem Zusammenhang sprachen wir die Tage über die „alten Sorten“. Und wie gut passt diese Analogie zu uns:

Es geht um Äpfel. Und das auch deswegen, weil mein Freund, das Juwel, ein schönes Grundstück besitzt, auf dem er eigenwillige Bäume, seltene Pflanzen und eine riesige Vielfalt an Insekten und Tierchen beherbergt. Hier „wandelt“ er und bestellt sein Stück Land mit Sachverstand und grosser Hingabe. Dort hat es alte Sorten Äpfel, die ihn als Nahrungsmittel durchs Jahr begleiten. Mein alter Freund ist klug und hat viel gelernt in seinem Leben. Aber hier, in seinem persönlichen Garten Eden, hat er die Dinge verstanden, die die Welt zusammen hält. Unermüdlich ist er dabei, die Welt zu be-greifen, zu gestalten und auch, dem Mysterium des Lebens zu begegnen, besser als irgendwo in seiner akademischen Welt.

Der Apfel hat wie keine andere Frucht Eingang in das Brauchtum und die Literatur früherer Kulturen gefunden. Er wird mit Begriffen wie Fruchtbarkeit, Liebe, Leben, aber auch mit dem Tod in Verbindung gebracht. Häufig trägt er wundersame, unerklärliche Kräfte in sich.

Keine andere Frucht kann sich in Bedeutung und Symbolik mit dem Apfel messen. Er ist eines der Basisprodukte unserer Ernährung seit dem Beginn der Kultivierung von Lebensmitteln. Das sagenumwobene Avalon deutet auch auf einen Zusammenhang mit Äpfeln hin: Es wurde im 12. Jahrhundert als die „Insula Pomorum“, die Apfelinsel, bezeichnet.

In der Genesis ist der Apfel das Symbol für die Bewusstseinswerdung des Menschen. Der Apfel galt als Frucht der Verlockung, als Frucht des Lebens, als Todesapfel. Er ist das Symbol der Erbsünde, aber in mittelalterlichen Abbildungen wird der Apfel in der Hand des Jesuskindes zum Symbol der Erlösung. Hiervon leitet sich auch die Bedeutung des „Weltenherrschers“ in Form des Reichsapfels ab, seit Kaiser Konstantin gehört dieser zu den Insignien der geistigen, himmlischen und weltlichen Macht.

Also ist mein alter Freund doch mehr als ein Juwel. Er ist der Hüter der alten Sorten von Äpfeln. Das gefällt mir: Auch nach vier Jahrzehnten reicht er mir ein aromareiches, überraschendes Stück Leben, das immer wieder neu genossen werden kann, das viel erzählt aus der alten Zeit, jedes Jahr neu gebildet wird und doch den köstlichen Geschmack eines gereiften Stückes Lebensmittel trägt.

Wenn man einen Freund hat wie ihn, ist das Leben immer noch ein Stück reicher.

Für heute lege ich den schönen Smaragd in meine innere Schatzkiste zurück. Was für ein Glück, dass er dort, unter weiteren Juwelen, gut aufgehoben und geschützt ist. Wir dürfen uns noch eine Weile länger geniessen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

In deinem Lächeln wohnt mein Glück

Am Wochenende habe ich mich verliebt. In zwei Paare. Beide waren und sind wunderbar. Das eine Paar ist sehr jung und trotzdem schon acht Jahre zusammen. Das andere Paar ist noch nicht lange verheiratet aber trotzdem ganz sicher eins: Füreinander bestimmt.

An beiden Paaren hat mir gefallen, dass die Frau eine feminine und feine Kraft hat und der Mann die liebevolle Führung übernimmt. Wie wunderbar die Polarität hier miteinander spielt. Ich konnte sehen wie der Mann die Stärke hatte und seine Frau sich genau deswegen anlehnen, fallen lassen und entspannen konnte. Wie wunderbar war das anzusehen.

Das erste Paar war in einem Coaching bei mir, um die Liebe zu verstärken und weiter wachsen zu lassen. Sie hatten keine Probleme, sie hatten einfach nur den Wunsch, das ohnehin schöne und starke Fundament weiter wachsen zu lassen. In den Übungen die sie machten, ergänzten sie sich wie zwei Puzzleteile, die ineinander passten. Eine bezaubernde Synchronizität.

Das zweite Paar fand sich zu einer Zeit, in der die Liebste sehr verwirrt war und ihren Weg fast verloren hatte. Er gab ihr Halt, glaubte an sie, stabilisierte sie und liebte sie genau deswegen: Weil sie sich gewagt hatte, sich verletzbar zu zeigen. Dieses Paar ist fast 15 Jahre älter als das Erste. Man spürt die Reife – aber auch die unbedingte Entschiedenheit, sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

Ein schöner Satz: Nimm einen Partner an Deine Seite, der es Dir ermöglicht, die beste Version von Dir selbst zu sein.

Die beiden Paare waren ehrlich, offen, authentisch und vor allem: Zugewandt. Selten habe ich in kleinen selbstverständlichen Gesten so viel Zärtlichkeit füreinander gesehen. Ich war verliebt in diese wunderbaren Paarungen. Weil es so selten ist, weil sie so besonders sind, weil sie Hoffnung geben, dass es das noch gibt: Die echte Liebe.

Rückblickend auf meine vielen Jahre habe ich nur selten geliebt (allerdings einige Male mit grosser Tiefe). Meistens war ich nur ver-liebt und das ging dann auch sehr schnell wieder vorbei. Es war eben doch nicht kompatibel. Vor allem aber: Die Partner hatten auch eine Idee von mir, wie ich zu sein hatte. Das ging nie. Ich bin nicht immer die selbe und will es auch auf keinen Fall sein. Das Leben mit mir ist kein Puzzle sondern eine lange Welle. Auf und ab und auch ab und zu mal Kapriolen. Vor allem aber: Liebe, das musste immer frei sein. Und wurde oft sehr schnell ein Käfig. Wer würde eine Adlerin im Hühnerstall wollen? Und vor allem: Was sollte sie da wohl ausrichten?

Man sieht wenig Liebe, die so schön ist wie die der beiden Paare. Emily Dickinson hat geschrieben:

Manchmal mit dem Herzen, 
Selten mit der Seele, 
Kaum je mit Kraft. 
Wenige – lieben überhaupt. 


Ich kann nur appellieren, an jeden wunderbaren Leser meines Blogs: Weiter das Herz zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass es noch Schönheiten gibt, die auf Dich warten. So lange können wir diese wunderbaren Menschen betrachten und wissen: Es gibt sie noch, die Liebe zu zweit.

La vie! – et l’amour! – est belle. Das Leben ist schön.

Ein ganzes halbes Jahr

Ich habe ein Faible für Menschen. Immer schon. Gerne erinnere ich mich an eine Zugfahrt als kleines Kind mit meiner Oma. Natürlich weiss ich nicht mehr warum und wohin wir fuhren. Aber an einem Bahnsteig sah ich aus dem Fenster und blickte auf riesige Menschenmassen (so schien es mir zumindest als kleines Mädchen) und schaute in viele fremde Gesichter. Als wir schliesslich nach dem Stop weiterfuhren wurde ich ganz still und traurig und meine Oma fragte mich, was denn plötzlich passiert sei. Ich sah sie an und weinte fast. So viele Menschen! Und ich könne sie doch gar niemals kennenlernen! Nicht nur, weil wir die fremde Stadt gerade verliessen, sondern vor allem weil ich doch in meinem Leben niemals Zeit dazu hätte! Und meine Oma sagte mir, ich wäre noch klein und solle mir keine Sorgen darum machen. Ich würde schon noch viele treffen und die könnte ich ja dann ausfragen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich „Fragerin“ werden wollte, wenn ich gross bin? Ich war so neugierig, ich wollte einfach alle ausfragen. Keine kleinen Sachen, nicht den üblichen Smalltalk. Ich wollte etwas über ihre Geheimnisse erfahren, ihre Sehnsüchte, Träume und auch Sorgen.

Das Phänomen kenne ich immer noch. Wie gerne würde ich Lebensgeschichten protokollieren. So wie ich das im vergangenen letzten halben Jahr bisweilen getan haben. Wie viele spannende Menschen haben meinen Weg gekreuzt auf meinen Reisen! Wieviele Perlen durfte ich auflesen! Da fällt mir gerade Andrea aus Wien ein. Eine feine kleine Lady, die ich auf Bali traf und die mir, als ich mich verabschiedete eine schöne Karte mitgab, die sie mir geschrieben hatte: Sie schrieb ich sei eine „Menschenfischerin“. Zuerst habe ich das nicht verstanden. Dann erklärte sie mir: „Menschenfischer“ ist ein Begriff, der im Neuen Testament verwendet wird, um die Jünger Jesu zu beschreiben, die von Jesus berufen wurden, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Es ist eine metaphorische Bezeichnung, die auf die Fischfangpraxis der Jünger vor ihrer Berufung anspielt. Jesus fordert seine Jünger auf, anstatt Fische nun Menschen für ihn zu gewinnen.

Ich musste lächeln. Ich bin ja nicht missionarisch unterwegs. Aber doch, sie hat ein bisschen recht: Ich möchte gerne Menschen fischen. Aus dem Strom ihrer vielen Artgenossen heraus ziehen und ihre Schönheiten entdecken. Für was aber möchte ich sie gewinnen? Das Leben wieder zu umarmen, An das Gute zu glauben, das Schöne des Lebens zu sehen. Da erkenne ich nun doch meine Mission und ich denke an all die wunderbaren Menschen, die mir in diesem halben Jahr überall auf der Welt begegnet sind. Und schon erscheinen vor meinem inneren Auge die herrlichen Ladies am Strand in Sri Lanka, die mit mir die Ayurveda Kur durchgestanden haben. Die „Sirenen“, die singenden wunderbaren Menschen, denen ich auf Bali und Lombok begegnet bin. Die Einheimischen, also Duminda und Nova und Angga. Die seebärigen, fantastischen Mitsegler, die mit mir den Sturm auf dem indischen Ozean überstanden haben. Die wunderschönen omanischen Prinzen aus dem Morgenland, die mir vor allem mit ihrer samtigen Stimme beim Erzählen geschmeichelt haben. Und dann die Bretonen! Keine Franzosen, nein! – Bretonen! Charmant und eigensinnig und auf eine ganz eigene Weise schön. Und meine Lieblichkeiten auf Jersey, die Menschen, zu denen ich so gerne immer wieder zurück kehre.

Und auch in London habe ich einen spannenden Menschen getroffen. Es war mein Taxifahrer. Ein Aphgane, der als Neunjähriger geflüchtet war vor dem Krieg. Sein Weg führte über Iran, Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich und schliesslich vor 24 Jahren nach Grossbritannien. So ganz nebenbei erzählte er, dass er sich unten an einem Lkw festgehalten habe, um in England ein neues Leben zu beginnen. Ein schöner und glücklicher und tiefer Mensch. Eine Geschichte, die mein Weltbild ein bisschen korrigiert hat. Ich habe ihn angestaunt wie alle anderen. Eine spannende Geschichte, der ich gerne noch länger gelauscht hätte.

Ich könnte ewig weiter reisen und Menschen fischen. Ich wünschte, diese Reise würde ewig weiter gehen und ich könnte überall ein bisschen anhalten und beobachten und lauschen und fragen, fragen, fragen.

Jetzt muss ich doch ein bisschen schmunzeln. Ich habe ja noch nie etwas anderes gemacht! Und es gab und gibt doch auch in den letzten Jahrzehnten so viele spannende Menschen, denen ich zum Beispiel auch beruflich begegnet bin! Und mein Herz ist ja auch ganz voll mit Freunden und Begegnungen und Coachees und Nachbarn. Jetzt weiss ich: Ich kann ewig weiterziehen! Und Fragen stellen. Geheimnisse heraus locken und vielleicht auch hier erzählen.

Sechs Monate sind vorbei von meiner langen Reise. Ich mache eine kleine Atempause und sehe meine liebsten Menschen hier in der Schweiz und in Deutschland. Einmal möchte ich umdrehen und erzählen und mich ausruhen und meinen Liebsten wieder begegnen, bevor es wieder hinaus geht in das nächste Abenteuer. Es wird schön und reich beschenkt sein, als nächstes darf ich im August alten Freunden und vierbeinigen Schönheiten begegnen. Aber davon dann mehr, wenn es an der Zeit ist. Jetzt darf ich mich ein bisschen ausruhen vom vielen An- und Auspacken der Koffer und den tausenden Kilometern, die meine Reise schon andauert. Ein bisschen die kleinen Kreise ziehen. Und Augen begegnen, in die ich tauchen kann, weil alles schon da ist, die Geschichten offenbart und die Freundschaft gewählt. Ankommen bei denen, die mich fragen. Und die mir Heimat sind. Ich freue mich so sehr.

Das Leben ist schön! Und wie!
La vie est belle.

Paartanz

Das Paar sass in meiner Blickrichtung und fiel mir gleich auf, als ich ein Auge auf sie warf. Sie eine ältere Lady mit Minirock und geflochtenen Zöpfen und er ein älterer Herr, fein angezogen und mit einer schönen Ausstrahlung. Immer wieder versuchte er, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Hielt das Gespräch am laufen, schmeichelte ihr und fragte sie vieles. Sie antwortete sehr kurz. Er legte den Kopf schief, lächelte sie an, streckte hin und wieder seine Hand zu ihr hinüber. Nur ein einziges mal durfte er ihre Hand kurz halten, dann zog sie sie wieder zurück und liess ihn alleine in seinem Bemühen. Ich sah ihn schrumpfen, seine Schultern gingen nach unten, die Körperspannung zog sich zurück. Ganz offenbar zeigte seine Begleiterin ihm die kalte Schulter. Mich machte das irgendwie traurig.

Warum, fragte ich mich, haben Frauen irgendwann mal aufgehört, sich dem Mann anzuvertrauen? Warum soviel Widerstand und Zickerei? Es war nicht das erste Mal, dass ich beobachtete, dass Männer so oft ins Leere laufen. Frauen haben inzwischen Schwierigkeiten sich anzuvertrauen, geschweige denn schaffen sie eine Hingabe, die das gemeinsame Schmelzen möglich machen würde. Wie schade. Ich weiss nicht, wann und wer das angefangen hat: Das Verweigern. Waren es zuerst die Frauen, weil sie ihre eigene Stärke und Unabhängigkeit nicht mehr mit dem Partnerschaftsverhalten überein bringen können? Oder waren es die Männer, die das Interesse verlieren wenn nichts mehr von den Frauen zu erwarten ist? Wie schade. Der Paartanz hat gelitten in den letzten Jahrzehnten.

Die kleine Szene liess mich nachdenklich werden, über die Beziehungen (was für ein entsetzliches Wort Be-zieh-ung) von mir und meinem Umfeld. Auch von meinen Coachees. In ganz vielen Verbindungen sehe ich das: Dieses Ringen und Kämpfen und Verhandeln und Konkurrieren. Statt das gemeinsame Schmelzen und Unterstützen, Umgarnen und miteinander schwingen. Und dabei bräuchte es nur eins: Fortwährende gegenseitige Be-wunderung. Also: Das Wunder im Anderen sehen. Das, was ist, als wertvoll ansehen. Den Nächsten als kostbare Ergänzung sehen: Als eine Bereicherung, Inspiration, als Spiel-und Tanzpartner. Wenn das jeden Tag des Zusammenseins stattfinden würde, dann wären zwei eins. Dann wäre ein Paar ein Paar und nicht zwei Menschen, die zufällig am selben Tisch sitzen. Alle, die das nicht mehr machen möchten, sollten sich um ihrer Selbst willen und zum Wohle des Partners einfach fair loslassen. Um dann mit einem anderen zu tanzen.

Gerne wäre ich zu dem Paar an den Tisch zurück gekehrt und hätte mich eingemischt. Aber das stand mir nicht zu. Schlussendlich war es nicht sicher, ob ich das richtig gedeutet hatte. Vielleicht waren sie Geschwister oder sie hatten gerade vorher gestritten und das Zicken gehörte zum Versöhnungsspiel. Oder sie waren dabei sich zu trennen. Oder sie hatten einfach einen schlechten Tag. Was ich aber gerne gesagt hätte: Wie schön es zu beobachten gewesen war, wie er sich um sie bemüht hatte.

Im Weitergehen fielen mir dann doch noch ein paar Paare auf, die miteinander waren statt allein. Hier in Frankreich blüht die Liebe immer besonders schön. Ich sah einige Paare Hand in Hand. Im Anschluss an diesen Blog habe ich die Fotos zugefügt. Wie war das schön zu sehen, das gemeinsame Laufen, den Gleichklang, die Zugewandtheit. Händchenhalten habe ich immer gemocht. Und wenn ich überhaupt irgend etwas vermisse bei meinem Free-Solo-Tanz dann das: Einander die Hand halten.

Ich glaube, der nächste der dauerhaft meine Hand hält und mit dem ich mich gegenseitig bereichern kann, könnte mich glatt zum Dahinschmelzen bringen. Aber das ist dann vielleicht ein späterer Blog, den ich noch erzählen darf.
Solange bleibe ich – überaus amüsiert und glücklich: Eine Geschichtenerzählerin auf Beobachtungsposten.

Denn: La vie est belle! – Das Leben ist schön.

Im Transit

In der vergangenen Woche sass ich oft in Flugzeughallen, ich wollte von meiner Insel nach Ostfriesland reisen und das hiess: Dreimal fliegen und immer wieder warten. Während ich also die langen Flure durchquerte und in den diversen Lounges meine Beine streckte, betrachtete ich die Menschen, die dort mit mir warteten. Es waren sehr viele, sehr unterschiedliche Exemplare von Reisenden und es war sehr spannend, sie zu beobachten. Ich begegnete einer Gier, die mich von früh an angetrieben hatte: Der Neugier.

Wieviele Gesichter begegneten mir! Meistens sehr freundliche Exemplare im vereinigten Königreich. Und dann ein bisschen griesgrämigere auf deutschem Boden. Aber: Es war ein herrliches Gewusel aller Altersklassen, Geschlechter und Nationalitäten. Und jeder trug eine ganz eigene Geschichte, die mich oft interessiert hätte. Wie gerne wäre ich mit einigen ins Gespräch gekommen. Aber es begegnete mir auch hier wieder ein Phänomen: Menschen sitzen ganz nah beieinander. Aber sie reden nicht. Auf eine eigenartige Weise bleiben sie doch isoliert.Ich frage mich, ob es eine Gewohnheit ist, die irgendwann entstanden ist, dass wir uns nicht mehr mitteilen sondern in andere Ablenkungen versinken.

Auf einem der Flüge traf ich eine charismatische Opernsängerin, die ich wiedererkannte. Ich hatte vor einiger Zeit ein Album mit ihrer grossartigen Stimme gehört. „You drive me crazy Mozart“, von Golda Schultz. Leider hatten wir nicht viel Zeit für einen Austausch. Zu gerne hätte ich sie ausgequetscht – und vor allem gerne gewusst ob sie schon einmal für Sir Simon Rattle gesungen hatte….

In einem anderen Flug sass eine grosse, magere Dame neben mir, die hektisch im Bordprotokoll die Sicherheitsanleitungen studierte. Auf meine Einladung, sich mit mir zu unterhalten wurde sie etwas brüsk und verschloss sich. Und im letzten Flug sass ein interessanter rothaariger Mann neben meiner Schwester, den ich gerne ausgefragt hätte. Aber er schloss schnell die Augen oder schaute aus dem Fenster.

Als kleines Kind, ich war vielleicht 8 Jahre alt, wusste ich schon, was ich einmal werden wollte „wenn ich gross bin“: Fragerin. Ich wollte hemmungslos jeden alles fragen dürfen und aus den Menschen die spannenden Geschichten herauskitzeln. Das hätte eine Journalistin werden können… (es war natürlich am liebsten der Beruf des Enthüllungsjournalisten, weil die Geheimnisse mich reizten). Oder Seelsorgerin, weil mich die Verzweiflungen der Menschen interessierten und auch deren Sehnsüchte. Oder eben Psychologin, weil ich die Menschen nicht nur ausfragen, sondern auch reparieren wollte. Und diese Neugier ist ungebrochen, ich habe sie am Flughafen wieder entdeckt. Wie gerne hätte ich hier ein paar Perlen eingesammelt. Aber auch ich kapitulierte irgendwann und steckte mir die Airpods in meine gierigen Ohren und hörte stattdessen einen spannenden Podcast. („Hotel Matze“, sehr zu empfehlen)

Und dann sammelte ich doch noch zwei Geschichten ein. Mir begegnete ein älterer Mann, der ein reiches Innenleben hatte. Ganz natürlich und schön kam es zu einem Gespräch, in dem er ein bisschen sein buntes Potpourrie vor mir ausbreitete. Wir plauderten über seine früheren Leidenschaften, er war in seinen frühen Jahren gerne in die Schweiz gereist um Ski zu fahren und sprach begeistert von langen kalten, schneereichen Wintern. Als seine erste Ehefrau sich das Knie verdrehte, musste ein neues Hobby gefunden werden. Also ging es aufs Wasser und wir sprachen begeistert über das Segeln. Schnell fanden wir heraus: Wir hatten beide unseren Segelschein auf dem holländischen Ijsselmeer gemacht. Wir lachten bei der Erinnerung, dass wir manchmal mit herrlich viel Rückenwind hinaus gesegelt waren, uns die Rückkehr in den Hafen aber äusserst schwer viel, weil nun der Wind gegen die Segelboote stand. Er sagte sehnsüchtig: Nirgendwo sonst war ich so glücklich und entspannt wie auf dem Wasser, wenn der Wind uns die Wellen brachte und die Naturgewalten spielen konnten.

Der wunderbar trockene Ostfriese erzählte von früheren Träumen und Abenteuern. Ich konnte noch das Glitzern in seinen Augen sehen. Aber ich sah auch: Die Müdigkeit eines langen Lebens. Ein bisschen Traurigkeit und auch das Verschliessen des Zugangs zu seiner Herzens-Schatzkammer. Manche Menschen werden im Alter ruhig. Nun könnte man meinen: Weil alle Worte aufgebraucht sind. Weil man sich eben schon inflationär verschenkt hat. Weil man müde geworden ist. Ich möchte lieber denken: Weil man jetzt gerne nach innen sieht – und in den Palästen der schönen Erinnerungen spazieren geht und nichts mehr dazu fügen möchte.

Eine andere schöne Begegnung war unser Fahrer in London. Was für ein herrlicher und attraktiver Mensch. Seit dreissig Jahren lebt er als gebürtiger Kosovare in der englischen Hauptstadt, hat inzwischen einen britischen Pass, spricht ein schönes und akzentfreies Englisch. Er erzählte uns von dem Leben im Königreich, dass er Royalist ist, früher als Küchenchef gearbeitet hat und jetzt gerne eine schöne luxuriöse Limousine fährt. Jeden Sommer, so erzählt er, fährt er mit dem Auto zurück nach Pristina und tankt Heimatgefühle. Er erzählt schnell und schön und teilt gerne, fragt uns ein bisschen aus, ein wunderbar leichtfüssiger Dialog entsteht. Was mir geblieben ist: Er erzählte auch von Begegnungen mit seinen Gästen und – dass er von fast allen etwas lernt.

So bin ich dann doch noch befriedigt mit meiner Bilanz der letzten Woche. Eine Menge namenlose und distanzierte Menschen gesehen. Ein paar fragwürdige Persönlichkeiten gestreift. Einige Lächeln. Die norddeutsch noble und auch die norddeutsch distanzierte Spezies gesehen. Und zwei Perlen gesammelt in meine Schatzkammer.

Reisen öffnet Horizonte. Und: ich bin immer noch neugierig. Wie herrlich. Es könnte sein, ich mache das beruflich noch ein bisschen länger. Denn:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Schach und Matt

In der vergangenen Woche hatte ich einen schönen Menschen hier auf Jersey. Ich habe meine Reise ein bisschen pausiert und mal wieder gearbeitet. Die Woche vor ihm war auch eine Perle da, aber ich lasse sie in ihrem schönen Küsten-Nebel unerwähnt, weil sie sich so am besten bewegen kann.

Nun also der Schattenmann. Ich nenne ihn hier mal „Pi“. Seine Geschichte ist bemerkenswert. Seit ich ihn vor vielen Jahren kennenlernen durfte, versuchte er mir einzureden, dass er „ganz schön bösartig sein könne“ und ich nur seine warmherzige Seite kenne, die er angeblich nicht sehr oft auslebte. Aber ich habe ihm das nie geglaubt. In den vielen Jahren meiner Arbeit habe ich gelernt, den Illusionen nicht zu lauschen, sondern den Menschen nackt zu sehen. So gerne sehe ich den Menschen hinter ihre Masken, ganz egal wie gut getarnt sie sind. In Pi’s Fall sah ich eine feine Seele. Tiefe, Traurigkeit und auch viel Liebe.

Dass Pi oft ausrastete hatte Gründe. Es war eine Sprache, die er seit Kleinkindalter gelernt hatte. Nachdem er als Stammhalter geboren und sehr willkommen war, wendete sich das Blatt leider zu schnell. Der Vater verfiel dem Alkohol und dem Glücksspiel und war für die Familie wenig präsent. Und ausserdem hagelte es dem kleinen Jungen gegenüber Vorwürfe, weil er eben nicht so war, wie der Vater es sich gewünscht hatte. Schliesslich fing auch die Mutter mit dem Streiten an. Pi stand dazwischen, musste aushalten, brav sein, mitspielen und die Attacken der beiden gegeneinander über sich ergehen lassen.

Er flüchtete – zuerst ins Bett und damit den Schlaf, also die Lethargie. Und schliesslich in die Ohnmacht, die in ihm einen riesigen Schmerz verursachte. Den Schmerz betäubte er dann wiederum mit Aggression. Pi rastete oft aus, weil es zu gewaltig wurde, den Schmerz in sich hinein zu schreien. Schon bald vermisste er echte Nähe. Authentisches Sprechen über Gefühle. Ein unguter Kreislauf aus Ver-schweigen, sich zurück ziehen und distanzieren, Kälte und Streiten nahm von ihm Besitz.

In der Folge vermauerte sich Pi immer mehr. Er liess niemanden nah an sich heran, versuchte die Nähe einzig im Sex. Hatte viele Liebschaften, lebte intensiv und leidenschaftlich. Und klug war er. Als Kompensation zu dem verlangten Männerbild seines Vaters kultivierte er seinen scharfen Geist, wurde ein Schachmeister und kletterte die Karriereleiter unangestrengt nach oben. Alles hätte gut gehen können, wenn er nicht immer diese innere Einsamkeit mit sich herum getragen hätte. Und wenn es die jähzornigen und vulkanischen Ausbrüche nicht gegeben hätte, die ihm seine Beziehungen zerstörten.

Vor einigen Jahren also machten wir die ersten Sessions miteinander. Die Symptome wurden geheilt, die Wurzel allen Übels aber schwelte weiter und nun war er bereit, sich auf Leben und Tod vollständig einzulassen. Ich musste schmunzeln, als er mir bei seiner Ankunft sagte, er habe eigentlich keine grossen Erwartungen, er sehe den Trip einfach als eine Art Erlebnisferien. Er wusste nicht, was ihn erwartete, ich schon.

Und so ist er dann auch aufgebrochen auf seine Reise. Im wahrsten Sinne des Wortes: AUF – GEBROCHEN. Nach einigen milden ersten Stunden ging es bald zur Sache und nun war er in der Lage, sich komplett dem Prozess hinzugeben. Wir lachten extrem viel über seine klugen Ausweichmanöver. Ein bisschen war es wie Schachspielen zwischen uns. Er war sich siegessicher, ich auch. Ich durchblickte seine Bewegungen und seine klugen Moves. Und irgendwann dann durften auch die Tränen fliessen, die Wut in Rage explodieren und die neue Richtung eingeschlagen werden.

Kein Schicksal ist für immer. Wir müssen nicht mit dem Trauma als Drama weiterleben. Wir können auch abspringen aus Mustern, denen wir schon jahrzehntelang blind folgen. Der Autopilot muss ausgeschalten werden. Pi ist aufgebrochen in ein Leben, in dem er authentisch sein kann, seine wahren Gefühle fühlen, benennen und aussprechen. Endlich kann er sich ganz geben, sich mitteilen und sich der Welt schenken. Was für ein Vergnügen war es, ihm bei seiner Ent-faltung zuzusehen.

Und wie reich beschenkt bin ich mit meiner Arbeit auf der schönsten Insel im Ärmelkanal.

Ach, hatte ich es schon erwähnt? La vie est belle – Das Leben ist schön.