C'est la vie! Ist der Blog, der Dich anspricht und inspiriert, wachrüttelt und aufmerksam macht, dass das Leben jetzt stattfindet und gelebt genossen gefeiert und wertgeschätzt werden will. C'est la vie - das bin ich. Nicht nur Coach. Nicht nur Mutter. Nicht nur Schweizerin. Nicht nur Frau. Nicht nur Freundin. Nicht nur Kollegin. Nicht nur Rebellin. Nicht nur Therapeutin. C'est la vie - moi. Jenseits aller Rollen: Eine Beobachterin und Dichterin (weil verdichten meine Passion ist) und eine, die das Leben liebt. Lasst es uns erleben, geniessen und spüren. Dafür ist es da.
jetzt ist Zeit für Weihnachten. Auch hier bei mir in Nordirland, das auch jetzt, in der Weihnachtszeit, absolut zauberhaft ist. Noch immer gehe ich jeden Tag für einen schnellen Dipp ins eiskalte Meer, dann frühstücken mit Blick auf den Atlantik und später an den langen Strand von Benone um der Brandung zu zusehen und am endlosen Beach zu laufen.
Ich habe viel Glück, mein jüngerer Sohn kommt für Weihnachten nach Hause 🙂 Wir lieben Irland beide sehr und ich kann ihm dann all die herrlichen Orte hier zeigen und mit ihm gemeinsam geniessen.
Den älteren Sohn trage ich in meinem Herzen mit, er möchte leider nicht fliegen, ich lasse ihn seine Wahl treffen und verstehe es als ein Privileg, einen Sohn mit eigenen Regeln und Haltungen zu haben.
Bis Ende des Jahres wird mein Manuskript redigiert sein und ich werde es bei dem Verlag meiner Wahl einreichen, mit ganz viel Herzblut, dass sie es verlegen möchten. Daumendrücken gewünscht!
Ich pausiere den Blog bis Beginn des neuen Jahres, dann werde ich auch eine Antwort darauf haben, ob ich ihn weiterführe.
Ich wünsche Euch allen eine wunderschöne Weihnachtszeit und ein ganz und gar glückliches neues Jahr 2026!
Im Sommer in der Ardeche hatte ich diesen Artikel gelesen: „Der Atlantik ist meine Therapie“ und ich hatte gestaunt und mich gefreut, weil der Atlantik auch mich schon so lange und intensiv begleitet. Der Bericht über Al Mennie hatte mich inspiriert und gelockt, ihm zu begegnen. Im Oktober würde ich in Irland sein, den ganzen Winter dort verbringen. Zu meiner grossen Freude sagte er zu. Nach einigen Wochen an der Westküste und schliesslich an der Causeway Coastline in Nordirland war es Zeit für eine Begegnung. Ich hatte sein neustes Buch „Night Swimming“ verschlungen und mich auf seiner Webseite in seine abenteuerliche Geschichte eingelesen.
Wie begegnet man einem Helden des Meeres? Ich wollte eine neue Geschichte bei Al finden. In den Presseartikeln, die seit seinem 14.Lebensjahr über ihn geschrieben wurden, war er eine Legende, voll von Superlativen. Ein Big Wave Surfer, der erste Ire der in einer Nation, die keinesfalls fürs Surfen bekannt war, die riesigen Wellen geritten hatte. In Nazare/Portugal, in Maverick die Monsterwellen bezwungen hatte und schliesslich den Virus nach Irland getragen hatte: Hier hatte er das Surfen etabliert, hatte in Mullaghmore, an den Cliffs of Moher, an der Nordküste von Irland gezeigt, was Big Wave Surfen war. Und er war mit einem Surfboard von Irland nach Schottland gepaddelt.
Schliesslich begann er in 2020 in der Nacht im Atlantik zu schwimmen. Zunächst für 100 Nächte in Folge, jede Nacht, im Winter, bei jedem Wetter. Eine Disziplin, die er noch immer einhält. Er hat einen schwarzen Gurt in MMA und viele athletische Ziele erreicht. Seine sportliche Geschichte ist beeindruckend und bringt einen zum Staunen.
Aber Al ist nicht nur ein Sportler der Sonderklasse sondern auch ein ganz besonderer Mensch. Wie schön kann man sich dem annähern, wenn man sein Buch „Escape“ liest und auch seine sensibel erzählten Kinderbücher, vor allem „Rise“, in dem es darum geht, wie der kleine Al als Junge den Traum hatte, einmal die grössten Wellen der Welt zu surfen. Ein Mutmacher, der auch Kinder dazu bringt, an ihre Träume zu glauben. Mit viel Disziplin, einem brennenden Herzen und riesiger Motivation hat er daran gearbeitet und seither mittlerweile jahrzehntelang alle seine Träume verwirklicht.
Ich treffe Al an einem Morgen, an dem wir mit seinem Hund Blyton einen kleinen Spaziergang machen wollen, um von den Klippen bei Mussenden Temple, oberhalb von Castlerock, seine Schwimmstrecke anzusehen.
Eigentlich hatten wir gewartet, bis der Regen etwas nachliess, aber auf dem Weg zurück regnete es in Strömen, das Wasser durchweichte uns in wenigen Minuten, der Hagel trommelte auf uns ein. Ich glitt etwas aus, seine helfende Hand hatte er in Sekundenschnelle zu mir ausgestreckt und dann wechselte er die Seite, um mich mit seinem grossen Körper etwas vom seitlichen Regen zu schützen. Schon da fällt mir auf, was für ein schönes Herz er hat. Al ist jemand, der sich hingebungsvoll kümmert, später werde ich das in vielen kleinen Gesten bemerken.
Ich muss ein bisschen schmunzeln, als er mir erzählt, dass in einer der letzten Nächte plötzlich eine Formation von Soldaten am Strand postiert standen. Er hatte sich gewundert, wer die Menschen waren, die da plötzlich am sonst immer menschenleeren riesigen Strand aufgetaucht waren. Schon bei seiner Geburt war so ein Phänomen aufgetreten. Am selben Tag war der Sohn eines hohen Politikers geboren worden, im selben Spital und das ganze Krankenhaus war mit Soldaten beschützt worden. Ich glaube ganz fest: Al wird beschützt. Im übertragenen Sinne. Denn seine sportlichen Aktivitäten sind von aussen betrachtet sehr gefährlich. Der Nordatlantik ist kein mildes Mittelmeer, vielmehr ein Ozean, der seine eigenen Gesetze hat. Man darf nicht vergessen: Er hat sich auch das „unsinkbare Schiff“ geholt. Der Atlantik reisst, tobt, schaukelt, spült, nimmt mit, wirft zurück. Ein bewegtes, wundervolles Biest.
Wie gut, das auch ein anderer auf ihn aufpasst: Der
Manannán mac Lir – eine zentrale Figur der keltischen , Mythologie, ein Meeresgott, Herrscher der Anderswelt und mit der Insel Man verbunden, was sich in seinem Namen „Sohn des Meeres“ widerspiegelt; er ist ein Beschützer der Seefahrer, Krieger und nutzt übernatürliche Gaben und magische Gegenstände wie einen Nebelmantel (der Manannán kann sich unsichtbar machen, genau wie Al) und ein magisches Schwert (wenn das kein Symbol für einen Soldaten ist).
Aber Al geht nicht ins Meer um der Gefahr ausgesetzt zu sein. Er geht um ganz und gar zu leben. Das Leben intensiv zu erleben und zu erspüren und ganz mit ihm zu verschmelzen. Das Wort „intensiv“ ist in sein Herz eintätowiert. Und das spürt man, wenn man mit ihm zu tun hat: Er brennt.
Einen Abend später darf ich ihn zum Nachtschwimmen begleiten. Er hat es schön geplant, mich mit Sicherheit geführt, den Treffpunkt ausgemacht, mir Licht mitgebracht. Und dann sehe ich, wie er sich freut. Als wir zum Startpunkt des Schwimmens laufen, es ist eine herrlich dunkle Nacht, dreht er sich immer wieder am endlos weitem Strand, zeigt mir das spiegelnde Wasser im Zwielicht und die riesige Weite. Er jubelt, breitet seine weiten Arme aus und umarmt die Landschaft. Und dann geht er zum Meeressaum und verschwindet in der Schwärze des Ozeans. Gibt sich hin, verschmilzt. Ich laufe langsam zurück und stelle mir vor, wie es sich anfühlt, jetzt in der eiskalten Brandung zu schwimmen. Wie er durchzieht, sich in den Flow begibt und vom Meer ganz und gar aufgenommen wird.
Als er schliesslich wieder auftaucht, lässt er mich mit einem Pfiff aus seiner Trillerpfeife wissen, dass er wieder da ist, lange bevor ich ihn sehen kann. Er kommt aus der Dunkelheit zurück ins Licht, ist euphorisch und glücklich und ich bewundere ihn. Was für ein Abenteuer! Das kann ich so gut verstehen! Ich laufe neben ihm her und kann sein Glück sehen, das hier jede Nacht entsteht.
Wir fahren zurück vom Strand und ich drücke ihn zum Abschied. Sein ganzer Körper ist Kraft und Dynamik. Ich glaube, so eine Energie habe ich noch nie umarmt. Aber was auch zu fühlen ist: Al ist eine Seele von Mensch, aufmerksam, zugewandt, bewusst, caring und sensibel. In der Zwischenzeit hatte ich mehrere Gelegenheiten, ihn zu erkennen. Ich muss ein bisschen lächeln – in fast allen Berichten über ihn wird er als „Gigant“ dargestellt, immer bezieht sich das auf seine stattlichen Zweimeter Körpergrösse. Aber tief innen, da ist er noch viel mehr ein grosses Juwel.
Ich freue mich, dass ein Mensch wie Al sich schenken kann. Mit seinen Büchern, seinen Charity Projekten, der Arbeit mit Kindern und als Speaker gibt er etwas weiter, das er in der Freiheit des Meeres findet – die Liebe zum intensiven Leben.
Dass er mit dem Meer tanzt, wie er schreibt, kann man fühlen, wenn man ihm begegnet. Ich bitte Manannán darum, ihn immer wieder zu umarmen und zu beschützen, mit ihm zu spielen. Ihn aber auch immer wieder zurück ans Land zu bringen, damit die Menschen ihn geniessen können.
La vie est belle – Tá an saol go hálainn!Das Leben ist schön!
Ich fand Belfast schon immer spannend. Lange bevor ich es jetzt das erste mal besuchte. Weil es eine Stadt ist, in der die grossen Schiffe gebaut werden, das Berühmteste wohl das „Schiff der Träume“ – die Titanic. Und es ist eine Stadt, die immer wieder, bis zum Karfreitagsabkommen, mit den Unruhen um Nordirland in Verbindung gebracht wurde.
Ich mag den Klang Belfast. Habe es viele hundert Male in irischen Songs gehört, kenne viele Bands aus Belfast. Es hat abends natürlich! die spektakulären Gigs und Livemusiker, die Stadt lebt. Sie im Dezember kennenzulernen heisst vor allem: Im Lichterglanz, mit dem grossen spektakulären Weihnachtsmarkt rund um die Kathedrale.
Und es gibt wirklich extrem bunte Menschen in Belfast, etwa 350.000 sind es inzwischen. Nachdem ich die letzten Wochen alle in einsamen Gegenden unterwegs war, war Belfast zunächst auch eine Challenge. Vor allem dort mit dem Auto unterwegs zu sein, in einem riesigen Gewimmel von Strassen in denen man mal links mal rechts fuhr, komplizierte Ampellandschaften und Kreisel und überall Menschen. Was für ein Abenteuer!
Nach dem Abend bei Tommy Fleming, der mich total verzaubert hatte, war ich gewillt Belfast einfach ganz und gar zu lieben und es grossartig zu finden. Und zu meinem Erstaunen war es das auch. Am Montag besuchte ich die Studios in denen die fantastische Serie „Game of Thrones“ gedreht wurde. Ging mit zwei Hand voll Serienfans durch die heiligen Filmhallen. Lernte dort Seamus und Ian kennen, zwei eingefleischte Fans und Mitarbeiter, die dort seit nunmehr 3 Jahren jeden Tag in den Linen Mills Studios die Fans begleiten. Wir fachsimpelten lange über die Charaktere im Hauptcast und sie waren erstaunt, dass ich ausgerechnet Theon Greyjoy als meinen Lieblingscharakter nannte. Das musste ich erklären und es entstand eine lebendige Diskussion über Helden und Charakterrollen. Ich hätte ewig mit den beiden reden können, schaute mir aber auch noch die original Kostüme, Requisiten und natürlich den eisernen Thron an, der eine eher schäbige Plastik Replique und leider unspektakulär ist.
Am Abend streifte ich durch die Pubs, hörte wirklich gute irische Musik im „Crown“, einer Bar aus dem 19. Jahrhundert das vollständig im viktorianischen Stil eingerichtet ist. Es war ein herrliches Nachtleben und das an einem Montagabend!
Am nächsten Tag fuhr ich in den Süden nach Newcastle, in die Mourne Mountains (die eher Hügel sind, aber das sage ich den Iren nicht). Immer der wunderschönen östlichen Küste entlang. Newcastle war ein Glücksgriff, ein kleines Küstenstädtchen mit riesigem Charme. Ich streifte durch den Hafen und die kleinen Läden und beschloss auf einen späten Lunch in ein kleines Cafe zu gehen.
Ich hatte mich kaum hingesetzt als eine ältere Lady um die 70 herein kam. Das Cafe war sehr voll und auch sie sagte der Kellnerin, sie sei alleine da. Ich bot ihr gerne an bei mir am Tisch zu sitzen. Die einzige normale Frage, die mir Jane stellte war: „Where do you come from?“ und dann ging es sofort los. Von 0 auf 100. Sie quetschte mich aus, hatte Sprachwitz und Esprit und wir hatten eine Unterhaltung, die ich niemals vergessen werde. Schon bald sprachen wir über irische Männer und sie holte so richtig aus und plauderte aus dem Nähkästchen. Wir lachten und lachten und sie war total schamlos und unglaublich witzig. Das Gespräch wurde so lebendig dass wir laut gröhlten und kaum mehr unser Mittagessen verzehren konnten. Eine köstliche Unterhaltung, die uns beide an ungeahnte Orte brachte.
Einmal lachten wir so laut, dass die Kellnerin kam und uns bat ein bisschen auf die anderen Besucher zu achten. Das amüsierte uns sehr, denn wir waren in etwas Ur-Irischem gelandet – einem Craic. Das ist das irische Wort für eine spassige und lustige Zeit, eine Unterhaltung in der man viel lacht. Mein erster Craic ever hatte eben stattgefunden. Als Jane ging beglich sie an der Kasse meine Rechnung ebenfalls, ohne mich das wissen zu lassen und dann kam sie und drückte mich fest an ihre ausladende Oberweite. Ich habe sie extrem genossen.
Als ich wieder auf die Strasse kam wandte ich etwas an, das mir Jane eingebleut hatte: Ich solle ganz genau geradeaus schauen und ja keinem Iren in die Augen sehen! Lieber einen Engländer wählen, statt einen Iren! Und eigentlich eh gleich am besten keinen Mann. Das wäre ja in den meisten Fällen in unserem Alter so „unappetitlich“ – ja, das Wort hatte sie wirklich verwendet! Ich starrte also geradeaus als wenn ich niemanden sehen würde und musste giggeln und schmunzeln als ich in den Hafen zurück lief. Trotzdem wurde ich von drei irischen Männern angesprochen und gegrüsst. Ich war sicher, dass Jane sie dazu angestiftet hatte.
Am Mittwochmorgen wurde ich dann noch am Frühstückstisch von einem spannenden Paar gefesselt mit denen ich zwei lange Stunden plauderte und wir tauschten uns unsere Eindrücke über Belfast und Nordirland aus. Ein wunderbares Gespräch, das einfach herzerwärmend und bereichernd war. Beglückt fuhr ich an der Küste zurück und hatte noch ein paar wunderschöne Landschaften vor Augen, gondelte zur Nordküste entlang den grossen Klippen namens „The Gobbins“ in der Grafschaft Antrim, in der auch mein derzeitiges Zuhause liegt.
Belfast war wunderbar – und vor allem waren es die Menschen. Wie überall in Irland wurde ich verzaubert und beschenkt, hatte viel Lachen und Staunen und konnte tief eintauchen in die irische Seele. Tommy’s Album „Songs of Hope“ begleitet mich auf allen Autofahrten und den langen Stunden, die ich am breiten Benone Strand verbringe. Was bin ich nur für ein Glücksschwein. Ich habe so lange auf meine „Magic Moments“ gewartet seit ich im Januar abgefahren bin. Hier bekomme ich sie jeden, jeden Tag. Mein Herz ist definitiv irisch und ich bleibe noch ein bisschen.
La vie est belle – Tá an saol go hálainn! – Das Leben ist schön!
The Gobbins Cliff Path Larne Co Antrim Northern Ireland
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Ich fand Belfast schon immer spannend. Lange bevor ich es jetzt das erste mal besuchte. Weil es eine Stadt ist, in der die grossen Schiffe gebaut werden, das Berühmteste wohl das „Schiff der Träume“ – die Titanic. Und es ist eine Stadt, die immer wieder, bis zum Karfreitagsabkommen mit den Unruhen um Nordirland in Verbindung gebracht wurde.
Ich mag den Klang Belfast. Habe es viele hundert Male in irischen Songs gehört, kenne viele Bands aus Belfast. Es hat abends natürlich! die spektakulären Gigs und Livemusiker, die Stadt lebt. Sie im Dezember kennenzulernen heisst vor allem: Im Lichterglanz, mit dem grossen spektakulären Weihnachtsmarkt rund um die Kathedrale.
Und es gibt wirklich extrem bunte Menschen in Belfast, etwa 350.000 sind es inzwischen. Nachdem ich die letzten Wochen alle in einsamen Gegenden unterwegs war, war Belfast zunächst auch eine Challenge. Vor allem dort mit dem Auto unterwegs zu sein, in einem bunten Gewimmel von Strassen in denen man mal links mal rechts fuhr, komplizierte Ampellandschaften und Kreisel und überall Menschen. Was für ein Abenteuer! Nach dem Abend bei Tommy Fleming, der mich total verzaubert hatte, war ich gewillt Belfast einfach ganz und gar grossartig zu finden. Und zu meinem Erstaunen war es das auch. Am Montag besuchte ich die Studios in denen die fantastische Serie „Game of Thrones“ gedreht wurde. Ging mit zwei Hand voll Serienfans durch die heiligen Filmhallen. Lernte dort Seamus und Ian kennen, zwei eingefleischte Fans und Mitarbeiter, die dort seit nunmehr 3 Jahren jeden Tag in den Linen Mills Studios die Fans begleiten. Wir fachsimpelten lange über die Charaktere im Hauptcast und sie waren fasziniert, dass ich ausgerechnet Theon Greyjoy als meinen Lieblingscharakter nannte. Das musste ich erklären und es entstand eine lebendige Diskussion über Helden und Charakterrollen. Ich hätte ewig mit den beiden reden können, schaute mir aber auch noch die original Kostüme, Requisiten und natürlich den eisernen Thron an, der eine eher schäbige Plastik Replique und leider unspektakulär ist. Am Abend streifte ich durch die Pubs, hörte wirklich gute irische Musik im „Crown“, einer Bar aus dem 19. Jahrhundert das vollständig im viktorianischen Stil eingerichtet ist. Es war ein herrliches Nachtleben und das an einem Montagabend! Am nächsten Tag fuhr ich in den Süden nach Newcastle, in die Mourne Hills. Immer der wunderschönen östlichen Küste entlang. Newcastle war ein Glücksgriff, ein kleines Küstenstädtchen mit riesigem Charme. Ich streifte durch den Hafen und die kleinen Läden und beschloss auf einen späten Lunch in ein kleines Cafe zu gehen. Ich hatte mich kaum hingesetzt als eine ältere Lady um die 70 herein kam. Das Cafe war sehr voll und auch sie sagte der Kellnerin, sie sei alleine da. Ich bot ihr gerne an bei mir am Tisch zu sitzen. Die einzige normale Frage, die mir Jane stellte war: „Where do you come from?“ und dann ging es sofort los. Von 0 auf 100. Sie quetschte mich aus, hatte Sprachwitz und Esprit und wir hatten eine Unterhaltung, die ich niemals vergessen werde. Schon bald sprachen wir über irische Männer und sie holte so richtig aus und plauderte aus dem Nähkästchen. Wir lachten und lachten und sie war total schamlos und unglaublich witzig. Das Gespräch wurde so lebendig dass wir laut gröhlten und kaum mehr unser Mittagessen verzehren konnten. Eine köstliche Unterhaltung, die uns beide an ungeahnte Orte brachte.
Einmal lachten wir so laut dass die Kellnerin kam und uns bat ein bisschen auf die anderen Besucher zu achten. Das amüsierte uns sehr, denn wir waren in etwas Ur-Irischem gelandet – einem Craic. Das ist das irische Wort für eine spassige und lustige Zeit, eine Unterhaltung in der man viel lacht. Mein erster Craic ever hatte eben stattgefunden. Als Jane ging beglich sie an der Kasse meine Rechnung ebenfalls, ohne mich das wissen zu lassen und dann kam sie und drückte mich fest an ihre ausladende Oberweite. Ich habe sie extrem genossen. Als ich wieder auf die Strasse kam wandte ich etwas an, das mir Jane eingebleut hatte: Ich solle ganz genau geradeaus schauen und ja keinem Iren in die Augen sehen! Lieber einen Engländer wählen, statt einen Iren! Und eigentlich eh gleich am besten keinen Mann. Das wäre ja in den meisten Fällen in unserem Alter so „unappetitlich“ – ja, das Wort hatte sie wirklich verwendet! Ich starrte also geradeaus als wenn ich niemanden sehen würde und musste giggeln und schmunzeln als ich in den Hafen zurück lief. Trotzdem wurde ich von drei irischen Männern angesprochen und gegrüsst. Ich war sicher, dass Jane sie dazu angestiftet hatte. Am Mittwochmorgen wurde ich dann noch am Frühstückstisch von einem spannenden Paar gefesselt mit denen ich zwei lange Stunden plauderte und wir tauschten uns unsere Eindrücke über Belfast und Nordirland aus. Ein wunderbares Gespräch, das einfach herzerwärmend und bereichernd war. Beglückt fuhr ich an der Küste zurück und hatte noch ein paar wunderschöne Landschaften vor Augen, gondelte zur Nordküste entlang den grossen Klippen namens „The Gobbins“ in der Grafschaft Antrim, in der auch mein derzeitiges Zuhause liegt. Belfast war wunderbar – und vor allem waren es die Menschen. Wie überall in Irland wurde ich verzaubert und beschenkt, hatte viel Lachen und Staunen und konnte tief eintauchen in die irische Seele. Tommy’s Album „Songs of Hope“ begleitet mich auf allen Autofahrten und den langen Stunden, die ich am breiten Benone Strand verbringe. Was bin ich nur für ein Glücksschwein. Ich habe so lange auf meine „Magic Moments“ gewartet seit ich im Januar abgefahren bin. Hier bekomme ich sie jeden, jeden Tag. Mein Herz ist definitiv irisch und ich bleibe noch ein bisschen.
Gestern habe ich den ganzen Abend geweint. Weil es eben einfach so schön war.
Als ich Tommy Flemming das erste Mal gehört habe, wusste ich sofort: Der singt sich die Seele aus dem Leib. Ich war völlig hin und weg. Seit vielen Jahren höre ich fast ausschliesslich irische Musik. Sie ist meine Seelenmusik, oft meine Therapie, immer mein „Aufsteller“. Und irgendwann erreichte mich auch „The Voice of Ireland“. Tommy ist ein Tenor, der ein breites Crossover aus traditioneller irischer Musik und neuen und alten Songs singt „die zu ihm passen und die er liebt“ – das ist seine Entscheidungsgewalt.
Wie durch einen Zufall geführt, hörte ich auch endlos Tommy zu, als ich in den vergangenen Tagen und Wochen durch Nordirland fuhr. Einer momentanen Intention folgend googelte ich, wo er lebt und ob es Konzerte gibt in der nächsten Zeit. Und zu meinem riesigen Glück gab es ein Konzert in der Nähe Belfast, wo ich mich gerade befinde. Also zweimal schnell geklickt und das Ticket war gesichert. Ich schrieb bei meiner Bestellung noch einen Gruss an Tommy’s Management und dass ich aus der Schweiz komme und Tommy schon ewig höre und bewundere. Ich bekam das Ticket und eine Einladung zum Meet-and-Greet backstage vor seinem Soundcheck. Was für ein Wunder!
Leider hatte ich nur ganz kurz Zeit mit ihm, aber wie sehr genoss ich, ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen und ihn als Mensch wahrzunehmen. Warum er singt wollte ich wissen. Und er: „Ich singe seit ich winzig bin, ich habe gesungen bevor ich gesprochen habe. Mit 7 hatte ich meinen ersten Auftritt. Ich kann nicht anders, es muss einfach aus mir heraus. Ich muss meine Stimme herausschreien, weil so viel Liebe in mir ist für Musik.“ Ehrlich gesagt, ich habe noch nie jemanden gesehen, der seine Antworten so sehr körperlich ausdrücken konnte. Tommy legte eine Hand aufs Herz. Das hat er während des Konzerts immer wieder gemacht. Ich konnte fühlen was er da aus sich heraus explodieren lässt. Und nicht nur ich.
Wie alle Iren ist auch Tommy sehr gläubig und sagte, er habe diese unglaubliche Stimme als Gabe von Gott bekommen und er könne nicht anders, als sie zu geben. Und das trotz aller Widerstände.
Für Tommy aus dem abgelegenen Dorf Aclare in der Grafschaft Sligo war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Wie viele andere auch beschritt er den Weg der verrauchten Hinterzimmer-Gigs, Wohltätigkeitsauftritte und rauen Festival-Tourneen, durchlebte schwere Zeiten und überlebte dank seiner Jugend, seiner Begeisterung und sehr wenig Geld, während er auf den schwer fassbaren „Durchbruch” wartete.
Resilienz ist eine starke Charaktereigenschaft. Tommy Fleming verfügt über diese Eigenschaft im Überfluss und hat sie schon oft genutzt, als seine Karriere ihm zu entgleiten schien. Ein Beispiel dafür ist die Zeit nach einem schweren Autounfall, bei dem Tommy sich aus dem brennenden Auto befreite, sich das Genick brach und eine Zwangspause einlegen musste. Tommy trotzte allen Widrigkeiten, konzentrierte sich auf seine Gabe und kehrte nach einer zehnmonatigen Pause zurück auf die Bühne, die er mit Leidenschaft und Engagement wieder in Besitz nahm.
Und noch ein Schicksalsschlag ereilte ihn. Seine Eltern starben beide innerhalb eines Tages, die Mutter am Morgen, der Vater am Abend. Tommy, der mit drei älteren Schwestern und in einer überaus glücklichen Familie aufgewachsen war, haute es völlig aus den Schuhen. Seine Trauer und Verzweiflung waren so gross, dass er drei Jahre nicht singen konnte. Seine Stimme wollte sich einfach nicht ausdrücken.
Dann kam er zurück. Er hatte einen Song geschrieben, der ihn immer wieder tröstete: „Good bye my old friend“ – und er beschloss, die Verzweiflung nicht mehr wegzudrücken sondern sie als seinen, vielleicht lebenslänglichen, Begleiter mitzunehmen. Auch gestern hat er den Song performed und kein Auge blieb trocken.
Um sich „neu zu fokussieren“, legte er eine Pause ein. Typisch für den leidenschaftlichen Tommy – nicht irgendeine Pause – keine zwei Wochen auf Mallorca für die Stimme Irlands, sondern sein kämpferischer oder vielleicht auch rastloser Geist veranlasste den enthusiastischen Tommy, eine sechsmonatige Pause einzulegen und sich GOAL als Aussendienstmitarbeiter im Südsudan anzuschließen.
Eine demütigende Erfahrung, die seine Überzeugung, das Leben aus einer „halbvollen“ Perspektive zu betrachten, nur noch bekräftigte. Nach seiner Rückkehr eroberte Tommy die irische und britische Szene wie ein Tornado, gewann an Kraft, als er durch die Konzertsäle fegte, sorgte für Furore in den USA und Japan, erreichte mit starkem Rückenwind die Küsten Australiens und hinterliess wie alle guten Stürme seine Spuren. Multi-Platin-Verkäufe – ausverkaufte Tourneen – Fernsehauftritte – Forderungen nach mehr – seine Shows, die sich in wenigen Jahren weiterentwickelt, vergrössert und gereift sind, werden nun von einer kompletten Band und einem Orchester begleitet.
Und doch ist er total bodenständig. Ich durfte nach dem kurzen Treffen, das ich jede Sekunde genossen habe, sein Konzert in der Kathedrale erleben. Er kam ohne Schnickschnack auf die Bühne am Altar, sang los, nahm die Menschen für sich ein und berührte – ganz sicher! – jedes einzelne Herz.
Wie berührend, als er „Hallelujah“ von Leonard Cohen sang … wir alle sangen den Refrain mit. Und dann passierte etwas Unglaubliches: Wir sassen in den Kirchenbänken und sangen mit vollen Stimmen den Refrain der Hymne und dann – legten wir alle unsere Arme um die Schultern der Sitznachbarn. Das war eine kollektive Geste, die ich so noch nie erfahren habe. Ich war tief beeindruckt. Tommy stand vorn und legte sich die Hände aufs Herz. Er erzählte, dass er in den letzten Wochen durch eine schwierige Zeit gegangen wäre. Er habe damit gehadert, ob er in Belfast singen könne. Aber jetzt wüsste er wieder, warum er all das macht, was da zusammen entsteht. Seine Dankbarkeit konnte ich deutlich in seinen Augen sehen. Ein tiefer, wunderschöner Mensch.
Tommy schenkt sich der Welt. Ganz und gar und ohne Rückhalt.
In Irland spricht man viel von den Leprechaun. Ein Leprechaun ist eine Figur aus der irischen Folklore, die als kleines, übernatürliches Wesen dargestellt wird, oft als einsamer, bärtiger Mann mit Hut und Schürze, der Schuhe herstellt. Es wird gesagt, dass er einen Schatz aus Gold hütet, der sich am Ende des Regenbogens befindet und den er preisgibt, wenn man ihn fängt. Leprechauns sind bekannt dafür, schelmisch und trickreich zu sein, um ihr Gold zu beschützen. Ich habe in der ersten Woche hier in Nordirland nur Leprechauns gesehen, an jeder Ecke!
Denn: Die Landschaft ist magisch und pures Gold. Ich bin begeistert! Ich habe mein Land gefunden! Hier, hier!
Ein ganzes Jahr bin ich jetzt schon fast unterwegs. Die Reise brachte mich in weite Ferne, ich wurde mit sehr vielen Eindrücken beglückt. Ich erinnere mich: Im März zog ich meine Bahnen im Pool in Lombok. Der Himmel war tiefblau und die Palmen lachten mir ins Gesicht, wenn ich auf dem Rücken liegend Bahn um Bahn schwamm. Aber etwas störte am Bild. Ich lag im warmen Wasser, den Kopf in der tropischen Sonne – und sehnte mich ganz fest nach Irland. Hörte keltische Musik, träumte von Kühle und Frische und Magie, die ich verstehen kann. Ich musste einfach zurück nach Europa!
Seit dem Sommer also war ich in Europa in meinem Dreieck unterwegs. Frankreich, der britischen Insel und Irland. Auch in Irland sehnte ich mich noch. Der Süden war herrlich, der „Wild Atlantic Way“ ein Gedicht. Donegals grüne schöne Hügel und weite hohe Klippen waren wunderschön. Aber immer hatte ich das Gefühl, es fehle noch etwas zum puren Glück. Und schliesslich hatte der irische Troll mich geführt. Ich landete in Portrush an der irischen Nordküste, auf der Causeway Coastal Route. Gleich am ersten Tag nach Ankunft folgte ich den Zeichen und entdeckte kleine Köstlichkeiten. Sah auf historische Bauten, Steinmauern, auf verschlungene Pfade, in einsame Buchten, fuhr über die Hügel ans Ende der Welt. Und schliesslich:
Schlenderte ich mit meinem Mini einer Strasse entlang, die mich an mehreren Monumenten entlang an die wilde Küste von Castlerock führte, eine Strasse, die nach Downhill führte. Schon aus grosser Höhe sah ich den Atlantik, der in riesigen dunkelblauen Wellen an den Strand brandet. Und schliesslich war ich am weiten, weiten Beach von Benone in Limavady. Ich fuhr mit dem Auto auf den goldenen, endlosen Strand. Stieg aus und spürte: Das hier, das war der Ort, von dem ich geträumt habe. Der Wind fegte den Sand in kleinen Wellen zu mir, die Autotür wurde mir fast aus den Händen gerissen. Ich lief ein paar Schritte – und war da. An meinem Ende der Welt, am schönsten Ort meiner ganzen ganzen Reise. Wie zur Bestätigung erschien direkt vor mir ein doppelter Regenbogen.
Ich war alleine am Strand und stand mitten im Licht. Das war eine fast schon kitschige Filmkulisse, ein filmreifer take, ein Moment für die Ewigkeit. Ich zog ihn lange mit meinen Augen direkt und ohne Umwege in mein Herz. So weit war ich gereist und hatte schon im März gewusst wie der Ort meiner Träume sich anfühlt. Aufs Detail genau so fühlte ich mich jetzt.
Auch in den kommenden Tagen war ich immer wieder in Downhill, in Castlerock und immer wieder in Benone. Und ich werde weiter dort sein: Mich satt schauen, die kalte Meeresluft einsaugen, mein Herz nähren und anfüllen mit diesem Anblick. Ganz betrunken bin ich schon vom Glück.
Nun müssen mir die Leprechaun aber wirklich den Goldtopf präsentieren, damit ich die Zeit hier ausdehnen kann. Wichtig aber ist: Ich habe den Ort gefunden. Habe mich bis über beide Ohren unsterblich verliebt in dieses herrliche Land. Und bin nach elf Monaten Reisen angekommen. Bei mir. Im Glück. In der Magie. Da, wo ich hingehöre.
Ach, hatte ich erwähnt, dass mein Herz Iirisch ist?
Heute fällt es mir ein bisschen schwer, den Blog für die vergangene Woche zu schreiben. Weil ich gerade so glücklich in Nordirland bin. Aber ich schreibe immer aus der letzten Woche und in der vergangenen Woche hatte ich den Blues. Der wollte gehört werden und den möchte ich besprechen, obwohl er so gar keinen Spass macht.
Jedes Jahr ereilt mich der Mistkerl. Sobald mein von mir verhasster Monat November kommt. Es gibt nur etwas Gutes im November. Eine meiner Besties hat Geburtstag. Aber da sie am 2.11. ihr Wiegenfest hat, kann ich den Rest des Novembers schamlos hassen. Denn: Die Blätter sind von den Bäumen gerissen, alles Bunte verschwindet. Es wird nass, kalt, dunkel, neblig. Die ganze Natur zieht sich zurück in den Winterschlaf. Und die Schwärze kommt, die lange Schwärze. Alles wird langsam und man zieht sich mit dem Leben zurück. Meine Krisen habe ich immer im November, da muss ich gegensteuern, sonst zieht es mich runter.
Sogar dieses Jahr, in meinem Jubeljahr! hat mich der Novemberblues ergriffen. Denn ich hatte nicht gut aufgepasst. Mir das falsche Haus gebucht. Ende Oktober war ich nach Bruckless, nahe Donegal, gezogen. In ein kleines sehr kaltes Cottage, das in einer riesigen Parkanlage stand. 18 Hektar Land um mich herum. Aber keine Menschen. Und schon gar keine Lieblichkeit. Der direkte Zugang zum Meer entpuppte sich als matschiger Moor, die alten Bäume tropften jeden Tag vom nicht endenden Regen. Sogar die Schafe auf den Weiden machten einen trostlosen Eindruck. Und es war kalt, sehr kalt im Haus.
Die ersten Tage fuhr ich noch fröhlich singend durch den County Donegal und sah den schönen goldenen Herbst. Dann aber musste ich mein Auto abgeben in der Garage, weil eine Sicherheitslampe glühte. Es dauerte lange, bis sie das richtige Teil hatten. Eine Woche war ich gefangen in der dunklen Hütte. Ich verbrannte sehr viel Holz. Ging sogar einmal zwei Tage nach Galway mit dem Bus, um dem Cottage zu entfliehen. Dann kam ich zurück. Das Haus war ausgekühlt, der Regen hatte alles aufgeweicht. Mit voller Wucht haute mich der Blues aus den Schuhen.
Ich sass gefangen auf dem Gelände, so fühlte es sich an. Denn wenn ich mit dem Bus nach Donegal fuhr und am späten Nachmittag zurück, dann war es dunkel und ungastlich, obwohl ich Lampen und Duftkerzen laufen liess während ich weg war.
Das Leben brach über dem Dach zusammen.
Das Spannende ist: Es geht ja nicht nur mir so – und nicht nur wegen einer wohnlichen Fehlentscheidung. Das ging mir auch früher schon so, im schönsten Haus und mit den liebsten Menschen oder meinen Vierbeinern um mich herum. Der Novemberblues ist ein Phänomen, das viele trifft. Und das ist Jahreszeiten abhängig so: Es ist die Abwesenheit des Lichts, die hier stresst. Weniger Licht heisst mehr Melatonin und weniger Serotonin und das heisst: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen.
Das Nervensystem läuft langsamer, Konzentration, Motivation, alles braucht viel mehr Kraft. Gleichzeitig verändert sich der innere Rhythmus. Der Körper will Rückzug und ruhen (die Bären machen das einfach: Der Winterschlaf in der Höhle steht an). Der Alltag verlangt, dass wir weiter machen, weiter laufen und weiter funktionieren. Ein riesiges Spannungsfeld entsteht. Wir ermüden uns selbst, weil wir weiter machen.
Aber auch ohne das Funktionieren drückt uns die Dunkelheit aufs Gemüt. Wir wissen, dass der lange kalte dunkle Winter kommt, die Tage kurz werden. Das geht noch bis zum 21.12., der Wintersonnenwende, so.
Ich erinnere mich an einen Novembertag vor etwa 15 Jahren. Ich war in der Praxis, hatte bequem erst um 9 Uhr angefangen, einen Patienten nach dem anderen bedient, hatte beruflich eigentlich einen guten Tag. Aber dann war um 16:30 das Tageslicht weg. Ich starrte in die Nachtschwärze auf den Zürichsee. Und fing an zu weinen, weil ich nicht warten konnte bis am nächsten Tag das Licht wieder kommen würde. Meine Patientin war erschüttert. Ich auch. Ich brauchte also einen Notfallplan für kommende November.
Was können wir also tun?
Licht tanken so oft es geht. Also Pausen draussen und diese auch intensiv nutzen. Oder: Rotlicht in der Wohnung installieren und jeden Tag etwas hinein schauen. Viele Kerzen anzünden oder ein Lagerfeuer draussen machen.
Bewegung. Euphorisches Tanzen ist besonders gut. Ich habe dafür eine CD eingelegt: Laughing drums. Zehn Minuten extatisches Tanzen, das reicht schon um die Dopamine auszuschütten.
Blutzucker stabilisieren mit gutem Essen, jetzt ist keine Zeit für Diät! Vor allem Essen mit Tryptophanen, das ist eine Aminosäure, die den Serotoninspiegel hebt: Haferflocken, Bananen, Nüsse, Linsen, Eier, Kichererbsen, Fisch, Geflügel und schwarze Schokolade. Tryptophan braucht aber Kohlenhydrate, um im Gehirn anzukommen, also gut kombinieren!
Ausserdem Vitamin B und D, Magnesium und Zink zuführen, das gibt Power.
Na ja und dann gibt es ja auch noch: Soziale Kontakte. Unbedingt viel davon. Und Berührungen! Und natürlich: Küssen.
Na, ich schau mal, wo ich da etwas finden kann, was mir gut tut. Vorerst bei mir: Einen sonnigen Tag an der Küste in Nordirland geniessen. Das dunkle Cottage habe ich verlassen und bin nach Portrush umgezogen. Um 17 Uhr fahre ich nach Hause in mein schönes Strandhaus, zünde Kerzen an und schaue auf das Meer und träume von einem chicen Nordiren, dem ich die Bedeutung von Serotonin und Endorphinen sehr nahe bringen kann. Halleluja!
Der November geht auch vorbei, dann kommt der Lichtmonat.
Und ganz wichtig, nicht vergessen: La vie est belle! Das Leben ist schön.
Ich war übers Weekend nach Galway gefahren, die musikalischste Stadt an der Westküste Irlands. Das war endlich mal das wilde Irland, das ich kenne. Die Landschaft in Donegal County ist ein Traum und ich geniesse dort die Ruhe, das Mystische, die wunderschöne Küste. Aber jetzt sollte es mal ein bisschen Aufregung sein und die Stadt zog mich auch sofort in ihren Bann. Laut und voller Menschen, an jeder Ecke ein Musiker. Fiddle, Percussion, Gitarre, Banjo und Gesang. Gleich am ersten Abend cruiste ich durch die Pubs, bis ich die Musik fand, nach der mir gerade war. Ein paar Guiness und ein perfekter Abend.
Am nächsten Abend wollte ich wieder los. Aber ich hatte gesehen dass es in meiner Hotelbar mein Lieblingsessen gibt: Beef und Guiness Stew. Ich geniesse das sehr! Also erst mal richtig gut essen, bevor das Guiness wieder direkt in die Adern schiesst. Ich war vergnügt und bestellte mir das köstliche Dinner. Da ich schon seit Beginn des Jahres mehr oder weniger alleine esse, macht es mir inzwischen nichts mehr aus. Aber – schön ist das nicht. Man sitzt alleine an einem Tisch und alle schauen mitleidig. Meistens ziehen Alleinreisende dann das Handy heraus oder nehmen ein Buch mit. Eigentlich noch schlimmer. Ich setze mich also und schaue die Menschen an und lächle vor mich hin, weil ich mich auf einen Abend bei Taafes Bar freue, traditional Irish Music. Die Shows starten um 5:30 oder um 9. Gerade ist es 7, ich habe gemütlich Zeit.
Im nächsten Moment, woher kam er nur? Steht ein Mann vor mir und schaut mich ein bisschen schüchtern an. Er sagt er würde alleine essen und ich sässe auch alleine, ob ich mich vielleicht über Gesellschaft freuen würde? Ach ja! Natürlich! Gawain aus Doolin wäre er, sehr angenehm mich kennen zu lernen. Nice to meet you, was für eine schöne Redewendung.
Er sieht harmlos und ohne eigenartige Absichten aus. Wir kamen schnell ins Gespräch. Er war an ähnlichen Orten gesegelt wie ich, sogar die Strecke Lombok-Papua Neuguinea kannte er. War geritten hier in Irland, hatte einen Hund. Wir kamen ins Erzählen, es war kinderleicht. Mit einem Iren ist es immer einfach, alle sind sie begnadete Storyteller. Ich liebe das. Das Essen kam, wir hatten beide Stew und ein Glas Wein. Und wir lachten und plauderten und erzählten. Beschlossen erst um 10 zu gehen, in den Kings Pub, da geht die Musik erst spät los. Und dann erzählte mir Gawain seine Geschichte.
Er hatte 1989 seine grosse Liebe geheiratet, zwei Söhne bekommen, ein schönes Leben geführt. Er ist Bauingenieur, seine Frau Architektin. Alles war wunderbar, bis sich seine Frau vor zwei Jahren über Unwohlsein beklagte. Der Termin war schnell gemacht. Seit der Diagnose kämpft sie gegen einen bösartigen Krebs. Sie hat Therapie, schont sich, Operationen, gestreute neue Tumore. Inzwischen ist sie erschöpft und die ganze Familie mit ihr. Dieses Weekend hat sie ihn überredet, einmal abzuschalten, sich ein schönes Hotel zu nehmen, Musik zu hören, vielleicht ein Tänzchen zu machen. Er ist dem gerne gefolgt. Gawain sagt, die ganze Lebenskraft ist, wie bei ihr, auch aus ihm gewichen. Aber, hey, jetzt sitzt er hier und spricht mit einer „Swiss lady“, wer hätte das geahnt. Wir sprechen lange und tief und ich freue mich, ihm ein bisschen den Geist erhellen zu können. So ein wunderbar liebender Mann. Und so ein feiner Mensch.
Es wird später und später, wir nehmen noch ein Glas Primitivo. Im Geist hake ich die Guiness Biere ab. Wein und Bier, keine gute Kombi. Es wird 10, dann halb elf und wir sitzen immer noch und schliesslich geben wir auf und bleiben einfach in der Bar, bis sie um 1:30 schliesst. Wir erzählen, lachen, schmunzeln, sind amüsiert und lernen auch Neues im Gespräch. Wir kommen ins Philosophieren, immer sind die Themen weit weg von der Oberfläche. Und dazu kommt, dass wir uns ja eigentlich nicht kennen, keine Absicht irgendeiner Art im Raum steht, also kann man ungeschminkt alles sagen was man denkt. Wir haben einen herrlichen Dialog, spielen uns die Bälle zu, alles ist leicht, auch wenn wir bisweilen kontroverse Haltungen einnehmen.
Schliesslich ist es spät, mein Kopf fällt schon fast nach vorne. Wir haben den Musikabend verpasst – aber einen „craig“ gefunden, eine herrliche Zeit des Erzählens und Austauschens und Miteinanders. Wie schön war das! Die Bar schliesst. Wir gehen zum Aufzug. In der Halle torkeln noch ein paar Typen, die in den vielen Pubs zu tief ins Glas geschaut haben. Aber wir stehen Seite an Seite. Ich schaue ihn mir an, ein überraschend attraktives Exemplar von einem Iren, etwas grösser und immer noch athletisch gebaut, gepflegt und mit schönem vollen grauen Haar. Dieser Mann ist sehr geliebt worden, wird immer noch sehr geliebt, auch wenn eine grosse Traurigkeit bei ihm ist. Für mich spiegelt er Irland wieder – eigensinnig, natürlich, wild, schön, etwas melancholisch und ganz auf dem Boden der Welt stehend. Er gefällt mir.
Auf dem Weg nach oben werden wir plötzlich still und stehen nur einen Kuss voneinander entfernt. Ich trete aus dem Aufzug, er muss noch weiter nach oben, hält seine Hand an die Lifttür und wir lächeln schüchtern: „In an other life…“ – yes.
Mit oder ohne Partner. Mit oder ohne Musik: La vie est belle – Das Leben ist schön.
Ruth ist eine Hexe. Das steht gleich am Anfang ihrer Bildergalerie. Da prangt ein Poster: „This bitch is a witch“. Ich habe es ihr lange geglaubt.
Mittlerweile kenne ich Ruth schon 12 Jahre. Wie ich sie kennengelernt habe, ist eine Geschichte für sich. Aber ich erzähle sie trotzdem, weil ich gerade in Erzähllaune bin, weil ich gerade in dem dunklen Land bin, in dem Storytelling eine Disziplin ist, die fast jeder Ire versteht und die hier Abend für Abend stattfindet.
Ich war 2014 in Killybegs gelandet, einem kleinen Küstenstädtchen mit einem irritierend grossen Hafen. Dort legen die grossen Schiffe an, die Kreuzfahrten machen dort halt und spucken Hunderte von Amerikanern aus, die hier auf ihre „Heritage“ Reise gehen um das Land ihrer Ahnen zu erkunden und den eigenen Wurzeln nachzureisen.
Ich lief bezaubert durch den kleinen Ort, streifte durch den Hafen, schaute mir die nordischen Häuser an und träumte mich in diese Realität. Längst war ich Hals über Kopf neu verliebt in Irland. Auf der Suche nach einem frischen Fisch ging ich der Nase nach um ein passendes Restaurant zu finden, als ich das Stimmen einer Fiddle hörte. Es lockte mich in einen grösseren Pub, in dem ich mit viel Überraschung meine Lieblingsband beim Soundcheck sah: We Banjo 3. Eine Band aus Galway, die aus zwei Brüderpaaren bestand. Fergal, der Fiddler, hatte es mir immer schon angetan. Ich freute mich zu hören, dass sie hier in zwei Stunden spielen würden.
Schliesslich war der Pub brechend voll und ich mischte mich unter die Gäste. Mit einer Mischung aus traditoneller Irish Music und Bluegrass hatten die Bandmitglieder uns schnell in den Bann gezogen. Nach einigen Guiness, denen meine Hemmungslosigkeit zu verdanken war, sprang ich schliesslich vom Barhocker und tanzte, warf den Rock nach allen Seiten, wie ich es bei meinen irischen Freunden gesehen hatte, tanzte wild und glücklich – und übersah, das ich eine der wenigen war, die hier feierte wie es die Iren tun: Laut und ohne Hemmungen, mit losgelöstem Tanzen und Bewegungen im Beat. Ich hatte Augenkontakt mit der Band, mein Körper antwortete auf die Musik, ich vergas wo und wer ich war, eine herrliche lange Zeit. Schliesslich war das letzte Lied verklungen, die Band drehte nochmals ordentlich auf, ich setzte mich nach dem letzten Ton zufrieden und etwas ausgepowert auf den Barhocker zurück und bestellte noch ein Bier.
Fast zeitgleich erhoben sich jetzt viele der Besucher aus dem gestuhlten Innenraum des Pubs und ich realisierte, dass es sich hier um eine Gruppe drehte, die sich wohl ausschliesslich aus Amerikanern auf einer Kreuzfahrt handelte. Sie waren mit dem Schiff hier in Killybegs gelandet und hatten das Konzert im Programm gehabt.
Schmunzelnd bedankte ich mich, als mir einer der älteren Herren einen Schein in die Hand drückte für die tanzende Begleitung. Und nun kam eine ganze Welle der Anerkennung und viele Scheine wanderte in meine Hand, schliesslich in meine Rocktasche, weil ich sie immer wieder leeren musste. Ich lachte. Die Herrschaften dachten ich gehöre zum Bühnenprogramm. Natürlich wollte ich das Geld der Band geben aber sie wollten es nicht annehmen, stattdessen ging ich mit einem Stapel CDs aus dem Pub, die Fergal mir persönlich überreichte. Wie gerne hätte ich stattdessen den schönen Iren mitgenommen!
Die Bandjungs fragten mich, woher ich komme und ich sagte „Switzerland“. Ja, aber woher denn ursprünglich, welcher County? Ich sagte: Ich sei nicht irisch. Sie lachten, umarmten mich stürmisch und behaupteten: Du bist eine Irin durch und durch! Und wenn es nicht deine DNA ist, was wir bezweifeln, dann wenigstens dein Herz!
Am nächsten Tag ging ich aus einer Laune heraus, sehr spontan und sehr glücklich, nach Donegal Town und fragte nach einem Tattoo Studio. Und ich traf auf die „Zombie Dolls“. Es gruselte mich gehörig, als ich eintrat. Alle Wände schwarz, sehr spooky Dekoration und mit Abstand die hässlichsten Gothic girls, die ich je gesehen hatte. Ich schaute an mir herunter. Wie immer trug ich Pastellfarben, weisse Sneaker, blondes Haar, blaue Augen. Im Vergleich sah ich aus wie ein – „gottverdammter Engel“ – so wurde ich begrüsst. Wäre der Wunsch nicht so gross geworden, hätte es mich schnell aus dem Laden heraus getrieben. Aber so fragte ich schüchtern nach einem Tribal Band, mein allererstes Tattoo. Ich sagte ich hätte gerne einen keltischen Ring um den Unterarm und darauf sollte stehen: Mein Herz ist irisch. In Irisch, damit mein zukünftiger Mann mich erkennt. Die Zombies rollten die Augen. Romantik geht gar nicht.
Zwei Tage später wurde ich von Ruth gestochen, mit der musikalischen Begleitung von Marilyn Manson, absolut grässlichem Metalrock. Ruth hatte ein Tribal mit zwei Adlerköpfen herausgesucht. Ich fragte sie, woher sie wisse, dass ich es mit den Adlern habe, da sagte sie: „Ich hab deine Seele gestohlen, als du reinkamst“. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Dennoch – irgend etwas war da zwischen uns. So dass ich einige Jahre später auch meinen Sohn zum Tättowieren brachte. Ruth ist eine Künstlerin mit sanfter Hand.
Dieses Jahr war es wieder soweit. Zu meinem runden Geburtstag sollte es der nächste keltische Tribal werden. Ich suchte die Zombie Dolls, Ruth war umgezogen. Zu meinem riesigen Erstaunen befand sich das Studio jetzt in einem wunderschönen hellen Gebäude aus dem 19.Jahrhundert, einer alten Fischhalle. Die Böden waren blitzblankes Parkett, die Musik lieblich irisch und die Wände weiss. Ruth kam mir entgegen, immer noch Gothic. Aber ihre Energie war völlig anders. Sie begrüsste mich wie eine alte Freundin und wir verbrachten einen herrlichen Nachmittag. Wir sprachen über dies und das und Ruth offenbarte sich als druidische Heilerin. Als sie mir erzählte, dass sie weder Fleisch ist, noch Alkohol trinkt, fragte ich sie, was sie für eine Hexe sein könne, wenn sie so „clean“ sei und wir lachten schallend.
Ruth Kavanagh, so heisst sie, inzwischen in den 50ern, man schätzt sie Jahrzehnte älter, war ursprünglich Goldschmiedin, hat fantastische Hände und zeichnet mit sehr feinem Pinselstrich. Ich frage sie, wie sie zum Tattoo gekommen ist und sie sagt etwas, das mich schon lange bewegt: Dass es um Heilung gehe, dass manchen Menschen eben das Leben unter die Haut gehe und es dann nur richtig ist, sich damit zu schmücken. Wir reden lange über das Leben, das unter die Haut geht und wir kommen ins Storytelling, lachen, tupfen uns ein paar Tränchen, sind uns einig, bewegen uns gegenseitig mit Geschichten, die das Leben uns in die Haut geschrieben hat. Am Ende lädt sie mich ein. Erst zu einer Lesung „Music and Poetry“ am Abend, in der es um erstaunlich poetische Texte geht und eine himmlische sentimental-irische Herzensmusik gespielt wird.
Schliesslich zum grossen Ritual „Samhain“, am 31.10., in dem Ruth wieder ganz in ihrem Element ist, an dem Abend fliegen sie, die guten Hexen, Songs werden gesungen, das Feuer entfacht, das keltische Neujahr gefeiert. Ich bin geflasht von Ruth, auch als sie am nächsten Tag ein Gongbad in ihrem Studio anbietet. Ich bin dabei. Und werde sie noch oft sehen. „Out of the darkness“ – das scheint mein Motto der nächsten Wochen zu sein. Zur dunkelsten Zeit bin ich in mein geliebtes nördliches Irland gereist. Und die Menschen hier glänzen „fecking bright like a diamond“. Ich sammle noch ein paar Seelen ein. Man weiss nie, wozu das gut ist.
Das Leben hier ist nicht immer schön, aber – die Iren, die verstehen was davon, es schön zu machen.
Slainte!
…was für ein Glück, in Irland zu sein! La vie est belle. So oder so.
Als ich in der vergangenen Woche endlich nach Irland übersetzte, landete ich im Süden der grossen grünen Insel. Mein erster Ort war Bantry, ein kleines Küstenstädtchen in der Grafschaft Cork. Ich hatte mich auf ein paar stille Tage eingestellt, weil ich immer noch nicht fit war – und dann traf ich: Mother Goose. (Mutter Gans). Eigentlich ist das eine Comicfigur aus Grossbritannien, längst aber ist sie zu einem running Gag geworden, wenn Frauen eben so aussehen wie die kleine umtriebige Gans.
Meine Mother Goose also heisst eigentlich Mairead O Doole und ist eine süsse kleine Lady. Sie hat wohl eine Körpergrösse von 150cm und ist mager wie ein Kind, mit kurzen flinken Beinen. Und sie hat diesen Gang – schnell und mit kurzen kleinen Schritten und einem nach vorn gebeugten Oberkörper. Ich musste schmunzeln, als ich sie das erste Mal sah: Da kam sie auf mich zugesprungen und umarmte mich mit weit nach oben geöffneten Armen. Wie eine alte Freundin drückte sie mich und plauderte sofort los.
Alles an Mairead ist klein, ausser ihrem Temperament, das ist laut und Raum einnehmend und ihre Neugier ist zügellos. Ich glaube sie hat das Air BnB nur eingerichtet um Menschen mal ordentlich auszufragen. Wie lustig! Wenn sie ihr Smartphone in der Hand hatte, in das sie unentwegt plauderte, sah es wie ein Tablet aus, weil ihre kleinen Hände das Ding kaum halten konnten. Sie sagte, es sei ein Seniorenphone, das sei extragross. Das war wohl eine charmante Lüge des Verkäufers, weil ich doch eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Normalgrösse Modell sehen konnte.
Mairead wurde 1964 in Cork geboren, in eine arme Familie mit acht Kindern, sie war „mittendrin, also war immer was los“. Schon als Kind musste sie sich Gehör und eine Wichtigkeit verschaffen und sie machte das mit ihrem lebhaften Wesen und ihrem Wiesel-Charakter, Mairead war immer überall dabei und wusste zudem alles, weil sie überall ihre Nase hereinsteckte, wie sie mir glaubhaft versicherte.
Die Familie war arm, der Vater arbeitete in einem Produktionsbetrieb und die Mutter sowie nach und nach alle Kinder, packten mit an. Und: Man durfte auch draussen sammeln – Holz in den piccopello aufgeräumten Wäldern, Waldfrüchte wie Kastanien und Eicheln, aber auch Reste auf den abgeernteten Feldern. Und ja, sie gibt es zu, im Sommer gingen sie auch Apfelbäume ernten. Dabei kletterte ein Kind hoch und warf die reifen Früchte in der Mitte der Bäume den Geschwistern nach unten zu. So sah der Baum von aussen immer noch voll aus. Und sie nahmen nur jeweils so viel mit, dass sie eine Wochenration hatten um die Familie damit zu versorgen.
Die Mädchen der Familie mussten alle stricken lernen und abends sass man zusammen und verarbeitete die Schafwolle der Fabrik „Aran“, da gibt es bis heute maschinengestrickte und handgestrickte Pullover und Socken. Als Mairead schliesslich die Schulpflicht hinter sich hat, mit 14, lernt sie das Bäckerhandwerk. Sie lernt Derry kennen, mit dem sie heute noch verheiratet ist. Sie lacht, als sie mir erzählt, dass Derry eben zur Verfügung gestanden hätte. Man müsse in Irland nicht auf “was Hübscheres“ hoffen, die wären ja alle klein und nicht besonders attraktiv – und es wäre okay, ihn geheiratet zu haben, „man gewöhne sich ja an alles“. Während sie das erzählt lacht sie. In den Tagen, die ich bei ihr wohne, höre ich sie ihn immer „Darling“ rufen und sie küssen auch noch, wenn sie sich sehen – so schlecht scheint sie es nicht erwischt zu haben.
Meine Mother Goose also fegt über den Hof, hat eine kleine Bäckerei im Hinterhof aufgebaut und macht Catering für die nahe gelegenen Cafes und Kultureinrichtungen. Ihre Scones waren himmlich, die besten, die ich je probiert habe. Sie hat ihre Freundinnen eingestellt und so schnattern sie jeden Morgen gegen 5 los im Glaspalast, während die Hände ihre Arbeit machen, ein Blech nach dem anderen duftend aus dem Ofen kommt und die die Backwaren liebevoll und sorgfältig in ihre Auslieferung bringen.
Ich hab sie ins Herz geschlossen, die kleine Irin mit den wilden Augen. Ehrlich gesagt, ich glaube sie hatte es faustdick hinter den Ohren, so viel Schalk habe ich selten in einem Menschen versteckt gesehen. Ihre derben Witze haben mich sehr amüsiert, sie hat die Dinge beim Namen genannt und sich selbst am meisten darüber amüsiert. Eine herrliche Begegnung, die ich als Auftakt verstehe und die ein Anfang sein darf einer Reihe von herrlichen Begegnungen, die ich hier auf der Insel haben werde.
La vie est vert ! Et belle! – Das Leben ist grün – und schön!
Wenn man zu eilig unterwegs ist, verpasst man vielleicht manchmal den Moment. Das habe ich oft gehört in meinem Leben. Mein Lebenstempo war immer hoch und die Schatzkiste der Eindrücke immer prall gefüllt. Schon ein paar Tage hatte ich mich zur Ruhe gezwungen und gedacht: wenn ich in Irland bin, dann lege ich mich einen Tag ins Bett und lasse alles mal sacken. Und dann kam es doch anders.
Mit fliegenden Federn war ich ans andere, das westliche Ende der Bretagne gefahren. Zweihundert Kilometer? Ein Klacks! Auf der Fahrt hatte ich nicht gesungen wie sonst üblich, sondern schon nach Irland hinüber geschielt. Hatte nicht die letzten, grossartigen Tage Revue passieren lassen, sondern schon ausgemalt wie ich am Montag den Ring of Kerry machen würde. Angekommen in Roscoff, dem kleinen Küstenstädtchen in dem die Fähre gehen würde, hatte ich gar nicht richtig ankommen wollen. Zum einen, weil ich dieses Jahr schon viel Zeit in Roscoff verbracht hatte. Aber auch: weil ich gedanklich schon weg war.
In den wenigen Stunden, die zur Verfügung standen, ging ich lieber nochmals an den wunderschönen Strand nach Cleder und staunte über das bretonische magische Licht, das es dort so verlässlich zu finden gibt. Die Blautöne aus Meer und Himmel bezauberten mich. Ich ging am Strand entlang, führte ein Telefongespräch und hörte dann noch Debussy’s „La mer“. Aber: ich spürte ein Kratzen im Hals und Kopfschmerzen schlichen sich über das Genick in den Hinterkopf. Ich hatte das Hotelzimmer bis abends, weil die Fähre erst um Mitternacht gehen sollte, also fuhr ich zurück, nahm eine heisse Dusche, legte mich nochmals ins Bett – und kam nicht mehr hoch. Ich wurde so richtig krank. Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Hustenattacken. Einmal stand ich noch auf und dann kapitulierte ich: Ich konnte nicht mehr gerade stehen.
Es folgten fast drei Tage in denen ich flach und bei abgedunkeltem Fenster im Bett lag, hustete, fieberte und in denen es mir richtig mies ging. Schon Jahre war ich nicht mehr krank gewesen, ich habe eine Rossnatur. Aber jetzt: Flach. Keine Bewegung mehr möglich.
Was köstlich war: Mein Kopf sortierte die Bilder im Kopf. Ich war nochmals auf der Fähre von Jersey kommend, mit Abschiedsheimweh. Dann in der malerischen kleinen Stadt Cancale. Und an einem grossartigen Ort: La Pointe du Grouin. Dort auf den Felsen hatte ich gesessen und in die Weite der Smaragdküste gestaunt. Hatte den Wind um mich herum spielen lassen und die Schönheit bewundert. Und damit nicht genug. Ich war auch nochmals in meiner Lieblingsperle St.Malo gewesen und in der kleinen Abbaye Mont St. Michel. So viele Bilder und Eindrücke! Meine Reise hatte vielleicht ein bisschen zu viel Tempo gehabt, obwohl ich langsam laufe und doch „eigentlich“ jeden Moment aufsauge.
Am besten aber wurde ein Fiebertraum, da flog ich ab vom Pointe du Grouin und spannte meine Flügel und glitt über den blaublauen Atlantik. Viele Jahre war ich nicht mehr im Traum geflogen. Wie herrlich, diese Zeit im Fieberdelirium. Wie nötig hatte es mein Kopf gehabt zu verweilen. Viel zu schnell unterwegs und keine Zeit zum Atmen. Ich habe hingehört und verstanden.
Von jetzt an also: Langsamer und mit noch mehr Ruhe reisen. Einen Schritt nach dem Anderen. Ich bleibe noch zwei Tage in Roscoff und werde diese kleine süsse Stadt jetzt nochmals extra umarmen. Dann etwas später nach Irland übersetzen. Dort eine Unterkunft im Norden haben, ab Ende Oktober, in der ich denke, lange zu bleiben und zu ruhen, zu schreiben und mein Jahr Revue passieren zu lassen, das mich an so viele wunderschöne Orte hat kommen lassen. Meine Schatzkiste ist wieder prall gefüllt. Ich werde alle Steine, einen nach dem anderen, heraus holen, betrachten und bewundern, polieren und abküssen und dann zurück gleiten lassen. Ein rundes Jahr, von dem ich noch nicht weiss, wie ich es beende. Ich lasse mir Zeit, das heraus zu finden.
Unser Körper ist schon mächtig schlau, manchmal braucht es eine Vollbremsung und das ist dann auch genau richtig. Nichts geschieht ohne Grund. Und hey. Jetzt hat er mich wieder verlässlich wie immer an einem Montag um 3 Uhr in der Früh geweckt, damit ich meinen Blog eintippen kann. Ist es nicht ein Wunder!