In der vergangenen Woche wurde ich unerwartet zum Wundern verführt. Ich hatte einen sehr raren freien Vormittag und beschloss, ein paar Besorgungen zu machen. Als ich auf die Strassenbahn wartete, fing ich an, mich zu wundern. Über die digitalen Anzeigen, wann die nächsten Bahnen kommen. Über Menschen mit allerlei technischen Gadgets. Unabhängig von den Smartphones auch Köpfhörer(knöpfe), E-Scooter, Tablets, I-watches, Puls- und Schrittzähler und eine junge Frau, die mit einer App ihren Blutzucker mass und mit ihrer Freundin über ihre Insulinpumpe sprach.
Dann sass ich in der Tram und fragte mich: Wie lange gibt es schon Strassenbahnen? Aha. Frau Google wusste das, seit 1880. Ich sah meine Mitreisenden an. Ihre Schuhe, wattierten Jacken (1936), ihre Taschen und Regenschirme (1928). Viele mit einer Zeitung (1650) unter dem Arm, Schmuck an den Händen, Taschen voller Weihnachtsgeschenke dabei, eine scharfe Brille (1746) auf der Nase. Plötzlich änderte sich mein Blick. Ich schaute die Dinge an wie jemand, der sie noch nie vorher gesehen hat.
Und so ging die Zeitreise dann auch weiter. Vor weniger als 100 Jahren waren die Suffragetten um Emily Pankurst unterwegs, um in England die Rechte der Frauen zu erkämpfen. Noch lange war es nicht normal, dass Frauen studieren und arbeiten gehen würden. Ich dankte im Geist meinen Vorfahrerinnen, dass sie die Rechte, die wir alle heute so selbstverständlich in Anspruch nehmen, zum Teil mit enormen Einsätzen erobert haben.
Mein Weg führte mich in die Buchhandlung (ach Dankeschön, lieber Herr Gutenberg, für die Erfindung der Druckkunst in 1440). Ich schlenderte durch die Regale und suchte mir ein paar schöne Titel aus. An der Kasse zeigte ich meine Geschenkkarte, deren Wert über einen Strichcode (erfunden 1952) ermittelt wurde und mit der ich „bezahlen“ konnte. Dann weiter über die Strasse um meinen Lieblingstee von Fortnum & Mason zu kaufen. Die English East India Company hat den Tee damals, im 17.Jahrhundert über eine sehr sehr lange Seereise nach Europa gebracht.
Wie so oft frage ich mich: Wie konnten die Portugiesen, Engländer, Holländer, damals wissen, dass es über dem grossen Meer wieder Land gibt? Und wie konnten sie diese aufwändigen Seereisen durchführen, mit denen sie uns die Köstlichkeiten aus fernen Ländern brachten?
Ich streichelte ein bisschen dankbar und gedankenverloren meine Teedosen und ging zur Kasse, vorbei an internationalen Delikatessen aus aller Herren Länder, an exotischen Früchten und fremden Köstlichkeiten und schaute meine Mitmenschen an, die auch im Laden Kunden waren. Sie schaufelten sich die Einkäufe auf die Förderbänder und legten sie selbstverständlich in die Taschen. Bezahlten (Erfindung von Bargeld 4500 v Chr., Erfindung der Kreditkarten 1950) leichtherzig ihre Schätze und bekamen ein Lächeln und eine edle Tasche mit auf den Weg.
Als ich den Laden verliess, war mir wunder-bar bewusst wie sehr wir heute profitieren von Menschen, die harte Arbeit leisteten, Erfindungen und Erforschungen machten, Rechte und Handelsgesetze einführten, unser Leben vereinfachten, die Freiheit erkämpften, das moderne, komfortable, gemütliche und luxuriöse Leben ebneten. Versorgung mit Heizung, mit fliessendem Wasser, Elektrizität, Sicherheit, Komfort, alles erarbeitet, ausgefeilt, zur Verfügung gestellt.
Das Wundern ging weiter und vielleicht magst Du das auch mal tun: Wo sitzt, liegst, stehst Du gerade? Ist es warm? Hast Du Dir ein warmes Getränk gemacht, während Du diesen Blog liest? Woher kommen die Kaffeebohnen, die Du vielleicht gerade gefiltert hast? Wer hat welche Kuh gemolken, die die Butter für deinen Keks herstellt? Wer das Gemüse geerntet und wer das Tier geschlachtet, wer das Getreide gemahlen, wer den Topf hergestellt, die Rohstoffe für deine Einrichtung und dein Geschirr gemacht für dein Abendessen? Wer hat das Fernsehen erfunden, den Podcast hergestellt, das Buch geschrieben und gedruckt, die Stifte erdacht, das Telefon, den Satellit installiert für deine Abendbeschäftigung? Ich meine: die n o r m a l e n Dinge, die Du jeden Tag berührst, die Grundversorgung, das Fundament für dein komfortables Leben gelegt?
Ich spreche nicht von Nano-Technologie, KI oder Medizinaltechnik. Alles grossartige neue Erfindungen. Aber hier, in den Basics, findet sich unser eigentlicher Reichtum.
In einer Zeit, in der wir alles haben, uns alles leisten, alles benutzen, alles tun können was wir wollen, können wir das Wundern auch wieder kultivieren.
Wie schnell sind wir dann in einer ganz anderen Haltung zur Welt. Zu jedem Geschehen.
Auf der Basis von allem: Weil das Leben eben eigentlich aus Wundern besteht. Und wir alle mit der Dankbarkeit in jeden Tag gehen können, wie gut wir es heute haben.
Das war mal ein nachdenklicher Blog-Post auf den Adlerperspektiven. Sozusagen die Mikroperspektive. Auch wertvoll.
Willkommen in der Wunderzeit. Und ein schönes Weihnachtsfest für meine Leser.









