Amy

Am Wochenende bin ich einem Wirbelsturm begegnet und das war wunderschön und gar nicht so harmlos. Am Morgen war das Meer beim Morgenschwimmen schon etwas kälter als in den letzten Tagen. Ich hatte ganz stark das Gefühl, es hätten sich einige Kältegrade in einer Strömung in die Bucht geschlichen. Der Himmel war dramatisch, strahlend dunkelblau mit schweren Wolken, es brach sich viel Sonne durchs Firmament. Es war – die Ruhe vor dem Sturm.

Nach dem Frühstück wunderte ich mich, dass noch immer kein starker Wind zu spüren war. „Amy“ – ein Wirbelsturm mit einer ausgeprägten Kaltfront aus dem Norden, war angekündigt und wir waren vor seiner Kraft gewarnt worden: Seit Tagen war in der Wetterapp alles dunkelrot gefärbt.

Amy hatte einen ausgeprägten Jetstreak, also ein Windmaximum innerhalb des polaren Jetstreams. Das ist ein Starkwindband in der oberen Troposphäre, das sich im Wesentlichen zwischen polaren und subtropischen Luftmassen bildet. Die Höhenströmung beschleunigt den Wind enorm. Die Luftmassen werden intensiv auseinander gezogen, am Boden kommt es zu einem Druckabfall.

Das hat Amy uns gezeigt. Ich fuhr dem Wind entgegen.

Zunächst blies er aus SSW und für fast zwei Stunden schaute ich an der südlichen Spitze der Insel dem Spiel des Windes zu. Es raute die heranrollende Flut auf. Die Wellen wurden höher und höher, längst war es keine einfache Brandung oder Gischt mehr, sondern ähnelte einem brutalen Heranrollen und Donnern von gigantischen Wassermassen.

Irgendwann war das Meer nur noch eine einzige weisse Masse und der Schaum spritzte in alle Richtungen. Die Atemluft veränderte sich. Die polare Kälte kroch in alle Knochen. Und dann drehte der Wind nach WNW und ich fuhr mit dem Auto an die Nordküste der Insel. Hier bot sich ein viel gewaltigeres Bild. Hatte ich am Leuchtturm beobachtet, wie sich der Sturm langsam aufbaute, so tobte er hier intensiv. Der Atlantik schlug haushoch an die Klippen. Ich stand gegen den Wind gelehnt und konnte nicht aufhören ihn anzustaunen. Er war so stark, dass mir die Tränen aus den Augen gedrückt wurden. Das Atmen war schwer, er blies direkt ins Gesicht und hatte längst die Haut mit einer dicken Salzschicht vom Meer belegt.

Und jetzt sah ich den Wind deutlicher als den Sturm, den ich im April auf dem indischen Ozean erlebt hatte. Damals war ich mittendrin, hatte keine Brille auf der Nase und musste jede Sekunde meinen Stand auf dem schwankenden Schiff festigen. Damals war mein ganzer Körper gespannt und es galt, Geschwindigkeit, Kraft und Gefahr auszuhalten. Heute sah ich einen vergleichsweise milderen Sturm, aber ich konnte seine gesamte Wucht sehen. Roh und spektakulär. Eine barbarische Kraft.

Die Rückfahrt nach einem langen Tag im Sturm zeigte dessen Ausmasse deutlich. Die meisten Blätter waren von den Bäumen gerissen worden. Kastanien und Eicheln waren in riesigen Mengen herunter gefallen. In dieser Nacht werden die unzähligen Squirrels und weitere Nagetiere von dem reich gedeckten Tisch profitieren und in einer einzigen Nacht ihre Winterhöhlen füllen können.

Ich blieb nachdenklich zurück. In den letzten Tagen hatte ich Nähe und Distanz gespürt. Fülle und Verlust. Einigkeit und Trennung, hatte mich mit dem Wesen der Verbindung beschäftigt und durch Amy auch erfahren, wie Luftmassen auseinander gerissen werden, im übertragenen Sinne.

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, haben wir in unserer Kindheit oft der märchenhaften Ballade des Erlkönigs gelauscht. Ich liebe den Wind schon immer. Dieses Jahr hat er mich oft scheinbar in Stücke gerissen und woanders wieder zusammen gesetzt. So oft ist es der Beginn einer Zäsur. Eine Pause. Wie in der Musik: ein markierender Einschnitt im Verlauf eines Musikstücks.

Woher kam er diesmal, dieser wunderschöne Orkan? Aus Irland. Von der nordwestlichen Atlantikküste. Ich folge den Zeichen.

La vie est belle – Das Leben ist (wild) schön.

2 Gedanken zu “Amy

  1. Avatar von passionatec45eab5072 passionatec45eab5072

    Hallo liebe Maren!

    Immer wieder lese ich deine Berichte, nehme an deinem Vagabunden Leben teil…

    Besonders wenn du das „Baden im Meer“, die wilden Naturschauspiele beschreibst, fühle ich mich angesprochen,

    wünschte mir dabei zu sein…

    Doch hier hält mich einiges am Boden: Mutter, Mann, Kinder + 4 Enkelkinder – auch wunderbar , aber – meistens – nicht so abenteuerlich!

    Im steirischen Landhaus wird es immer kälter und die Apfelernte steht kurz bevor.

    Anfang November sperren wir das Haus, das Wasser wird ausgelassen und es beginnt die Winterruhe bis zum nächsten Frühjahr…

    Ich teile auch deine Liebe zu Irland sowie zum kalten, stürmischen Atlantik – hab eine herrlich aufregende Zeit mit spannenden Erlebnissen und Begegnungen –

    das wünscht Dir von Herzen

    Andrea

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    1. Danke Dir liebe Andrea! Ich freue mich, wenn ich einigen Lesern ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann mit meinen Berichten. Mein Herz ist ganz beglückt! Gerne denke ich auch an Dich und Alexandra und Christine zurück in Bali. Das war mit Abstand das Beste an der Insel 😉 wir hatten eine herrliche Zeit zusammen! Wie schön dein Haus in der Steiermark. Und Apfelernte. Und es ist auch schön, dass man die Geborgengheit von einem echten Zuhause und einer Familie hat. Das ist auch pures Gold, Was für ein grossartiges Jahr. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als dass es ewig so weiter gehen kann. Herzgrüsse! Maren

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