Jenseits der Komfortzone

Was für ein Glück, dass ich diese beiden Perlen wieder gefunden habe. Vor etwa 15 Jahren lernte ich dieses schöne Paar kennen und endlich hatte ich Zeit, sie in ihrem neuen Zuhause in der Ardèche zu besuchen. Da sie zwei ganz besonders wertvolle Menschen sind, erzähle ich gerne ihre Geschichte.

Carina wurde in der Ostschweiz geboren und war schon als Kind: Wild, ungezähmt, neugierig und lebensfroh. Als sie einmal als 4jähriges kleines Mädchen für die Mama schnell etwas zum Kochen fürs Mittagessen holen gehen soll im nahen Lädeli, bleibt sie auf dem Weg dahin stecken. Sie sieht die Giesskannen in den Gärten der Nachbarn und beschliesst erstmal alle Blümchen zu giessen (etwas das sie im übertragenen Sinn ein Leben lang tun wird) und mit den Nachbarn zu plaudern. Sie bekommt allerlei Schleckzeug angeboten, scherzt und lacht mit den Leuten, spricht gerne über dies und das und kommt erst wieder zuhause an, als das Mittagessen lange vorbei ist.

So bleibt sie auch als junge Frau, will immer in die grosse weite Welt, ist auf der Suche nach neuen Sensationen, spielt sich durchs Leben, hat mehrere Glücksfälle, die ihr den Weg weisen. Sie beschliesst gerne selbst, was für sie richtig ist, lässt sich nicht einengen, hat keine Lust auf Vitamin B und noch weniger auf vernünftige Lösungen. Die Halbwertzeit in ihrer beruflichen Karriere ist auf drei Jahre limitiert, spätestens dann wird es ihr langweilig. Routine ist ihr verhasst, sie will Herausforderungen, das ganze Leben, das ganze Bild, den ganzen Spass. Auch in ihren Liebesbeziehungen macht sie einen Spagat von todlangweilig bis obsessiv.

In ihrer traumwandlerischen Leichtigkeit findet sie bald ihren Weg. Von der Biolaborantin über den Verkauf im Aussendienst und dann in der Kommunikation wandert sie durch die MedTech Branche. Bildet sich weiter, wird bald ein PR Crack – Reden kann sie! Schreiben auch! Kommunikation ist alles! Sie arbeitet im Krisenmanagement und in diversen Challenges in der Pharmazie und der Medizinischen Technikwelt. Die Karriere ist steil und Carina bald eine begehrte PR- und Kommunikationschefin.

Trotzdem träumt sie: Von einem Studium der schönen Geisteswissenschaften an der Sorbonne in Paris. Schliesslich schafft sie auch das: Sie lernt ihren liebsten Mann Beat (Liebe auf den allerersten Blick) in einem der zahllosen Unternehmen kennen, in dem sie arbeitet. Nach etlichen Jahren herrlicher Partnerschaft geht es schliesslich nach Paris, Beat kann europäisch arbeiten. Hier wird geheiratet. Für Carina heisst das: Im knallroten Kleid mit lautem Lachen und grossem Glück.

Die Arbeit von Beat bringt die beiden nach California. Weil Carina eine passionierte Reiterin ist , sucht sie einen Pferdeflüsterer und macht ein Seminar beim legendären Monty Roberts „Riding with Respect“. Am Tag, als sie ihr Trainingspferd bekommt verliebt sie sich unsterblich in Magic, ihr Seelenpferd. 10 weitere Monate wird Carina mit Monty arbeiten und sich in Horsemanship und Equine Assisted Psychotherapy ausbilden lassen.

Dann geht es für die beiden 6 Jahren nach Singapore, mit Magic. Sie reisen, sie leben auf einer herrlichen Farm in Malaysia, Beat arbeitet in ganz Südostasien, sie verlieren sich nicht, sie bleiben das Powerpaar. Als sie schliesslich nach Europa zurück kehren, suchen sie einen Platz, an dem sie bleiben und leben wollen und eine Oase erschaffen können.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen (gerade geht kein Weg für Carina, sie schaut lieber auch mal in fremde Gärten, wie als Kind) finden sie dieses herrliche Anwesen in der Ardèche. Hier haben sie einen fantastischen Ort erschaffen, an dem sie mit einer inzwischen gewachsenen Pferdeschar, Hunden und Katzen leben. Das Gästehaus und die vielen Menschen, die die Pferdetherapie suchen, finden hier ihren Platz, die Vierbeiner auf der Rentnerwiese versüssen jeden Tag. Carina ist glücklich. Und immer noch verliebt ins Leben. Was für ein Vergnügen, sie zu kennen.

Beat wird in Luzern geboren, auf einem Bauernhof und mit mehreren Geschwistern. Als Kind tobt er durch die Wälder, hat viel Schabernack im Kopf, ist jung und wild und sportlich frisch. Als Fünfjähriger fällt er einmal von einem Sofa und bohrt sich einen Schraubenzieher durch die Lippe, weil er ihn nicht loslässt. Er schraubt gerne alles auseinander und setzt es wieder zusammen. Als Siebenjähriger versetzt ihm das Radio, das er auseinander nehmen will, einen Elektroschock. Seine Leidenschaft ist entfacht, Mechanik und Elektronik werden sein Steckenpferd. Er frisiert auf dem Bauernhof als Freiluftwerkstatt seins und die Töffli der Kollegen, hat viele Freunde und noch mehr Flausen im Kopf.

Schliesslich lernt er Radio und TV Elektroniker. Zieht anschliessend in seinen beruflichen Wanderjahren durch die Schweiz, baut HiFi Anlagen in Ferraris ein, wird Werkstattleiter einer mechanischen Werkstatt, bildet sich weiter, gerät schliesslich in die Pharmazie Branche. Da trifft ihn eines Tages ein anderer Schlag: Blitzliebe mit Carina.

Trotzdem erfüllt er sich noch einen Traum: Fährt mit dem Fahrrad durch Europa und dann durch Südamerika. Und dann geht er steil. Er findet eine Anstellung als Serviceleiter in der MedTech Branche, in den nächsten 23 Jahren wird er dort immer weiter die Karriereleiter nach oben steigen. Ein Selfmademan, ein Multitalent. Und jetzt kommen auch noch das MBA dazu, die Strategieplanung, die internationalen Standorte, diverse Sprachen. Schliesslich geht er geschmeidig in immer grössere Verantwortungen. Singapore ist das letzte grosse Engagement, danach sucht er neue Wege, probiert einige aus, verwirft ein paar falsche Wege.

Irgendwann erkennt er: Er will die internationale Bühne verlassen und ein Zuhause für sich und Carina schaffen. Sie kaufen das Anwesen in der Ardèche. Beat bastelt und renoviert, installiert 15 km Weidezaun. Legt mit Carina einen Trail für die Pferde an, ist selbst inzwischen mit dem Pferdevirus infiziert, sie wachsen noch näher zusammen. Sie leben in der Natur. Sie leben in der „Transition“ Bewegung und seine jahrzehntelange fachliche Expertise lässt Beat kritisch auf die Pandemiezeit schauen. Er ist engagiert und mutig und will friedliche Veränderungsprozesse im Innen und Aussen anstossen und begleiten.

Diese beiden wunderbaren Menschen sind Idealisten, kluge Köpfe und inspirierende Denker und Gesprächspartner. Sie erschaffen jeden Tag einen Raum, in dem es sich gut leben und entspannen lässt. Sie haben den grossen, sehr grossen Sprung aus der vermeintlichen Komfortzone gewagt und die Magie, das Leben und einen neuen Raum gefunden. Was für ein Glück für mich, dass ich hier sein darf. Ich bleibe noch ein bisschen!

Denn: La vie est belle – Das Leben (vor allem dieses hier) ist schön.

Ein Gedanke zu “Jenseits der Komfortzone

  1. Avatar von delightfullyphantomb6644650b4 delightfullyphantomb6644650b4

    Was für ein schönes Bild Du gemalt hast. Natürlich berührt es mich ganz tief. Du hast mich neugierig und durstig gemacht. Ich würde diese Menschen gerne kennen lernen und mir etwas Push holen. Ich stecke immer noch hier in Speyer fest und schaue sehnsüchtig über den zaun, möchte gerne mein Leben wieder auf den rechten Pfad bringen. Meine Mutter baut ab, aber ist noch sehr verhaftet, keine Ahnung, ob sie noch dieses Jahr gehen kann. Sie möchte gerne, aber wie gesagt, sie und ihr Körper und Kopf sind zu stark. Ich muss warten. Fällt mir schwer. Bin dabei aufzuräumen, weg zu werfen und meine eigene Kreativität wieder zu entdecken. Meine Revolution und Evolution findet von Innen statt. Deine Begegnungsgeschichten machen Mut, Danke Gabriele

    bist Du wieder in der Schweiz oder Deutschland?

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