Im Transit

In der vergangenen Woche sass ich oft in Flugzeughallen, ich wollte von meiner Insel nach Ostfriesland reisen und das hiess: Dreimal fliegen und immer wieder warten. Während ich also die langen Flure durchquerte und in den diversen Lounges meine Beine streckte, betrachtete ich die Menschen, die dort mit mir warteten. Es waren sehr viele, sehr unterschiedliche Exemplare von Reisenden und es war sehr spannend, sie zu beobachten. Ich begegnete einer Gier, die mich von früh an angetrieben hatte: Der Neugier.

Wieviele Gesichter begegneten mir! Meistens sehr freundliche Exemplare im vereinigten Königreich. Und dann ein bisschen griesgrämigere auf deutschem Boden. Aber: Es war ein herrliches Gewusel aller Altersklassen, Geschlechter und Nationalitäten. Und jeder trug eine ganz eigene Geschichte, die mich oft interessiert hätte. Wie gerne wäre ich mit einigen ins Gespräch gekommen. Aber es begegnete mir auch hier wieder ein Phänomen: Menschen sitzen ganz nah beieinander. Aber sie reden nicht. Auf eine eigenartige Weise bleiben sie doch isoliert.Ich frage mich, ob es eine Gewohnheit ist, die irgendwann entstanden ist, dass wir uns nicht mehr mitteilen sondern in andere Ablenkungen versinken.

Auf einem der Flüge traf ich eine charismatische Opernsängerin, die ich wiedererkannte. Ich hatte vor einiger Zeit ein Album mit ihrer grossartigen Stimme gehört. „You drive me crazy Mozart“, von Golda Schultz. Leider hatten wir nicht viel Zeit für einen Austausch. Zu gerne hätte ich sie ausgequetscht – und vor allem gerne gewusst ob sie schon einmal für Sir Simon Rattle gesungen hatte….

In einem anderen Flug sass eine grosse, magere Dame neben mir, die hektisch im Bordprotokoll die Sicherheitsanleitungen studierte. Auf meine Einladung, sich mit mir zu unterhalten wurde sie etwas brüsk und verschloss sich. Und im letzten Flug sass ein interessanter rothaariger Mann neben meiner Schwester, den ich gerne ausgefragt hätte. Aber er schloss schnell die Augen oder schaute aus dem Fenster.

Als kleines Kind, ich war vielleicht 8 Jahre alt, wusste ich schon, was ich einmal werden wollte „wenn ich gross bin“: Fragerin. Ich wollte hemmungslos jeden alles fragen dürfen und aus den Menschen die spannenden Geschichten herauskitzeln. Das hätte eine Journalistin werden können… (es war natürlich am liebsten der Beruf des Enthüllungsjournalisten, weil die Geheimnisse mich reizten). Oder Seelsorgerin, weil mich die Verzweiflungen der Menschen interessierten und auch deren Sehnsüchte. Oder eben Psychologin, weil ich die Menschen nicht nur ausfragen, sondern auch reparieren wollte. Und diese Neugier ist ungebrochen, ich habe sie am Flughafen wieder entdeckt. Wie gerne hätte ich hier ein paar Perlen eingesammelt. Aber auch ich kapitulierte irgendwann und steckte mir die Airpods in meine gierigen Ohren und hörte stattdessen einen spannenden Podcast. („Hotel Matze“, sehr zu empfehlen)

Und dann sammelte ich doch noch zwei Geschichten ein. Mir begegnete ein älterer Mann, der ein reiches Innenleben hatte. Ganz natürlich und schön kam es zu einem Gespräch, in dem er ein bisschen sein buntes Potpourrie vor mir ausbreitete. Wir plauderten über seine früheren Leidenschaften, er war in seinen frühen Jahren gerne in die Schweiz gereist um Ski zu fahren und sprach begeistert von langen kalten, schneereichen Wintern. Als seine erste Ehefrau sich das Knie verdrehte, musste ein neues Hobby gefunden werden. Also ging es aufs Wasser und wir sprachen begeistert über das Segeln. Schnell fanden wir heraus: Wir hatten beide unseren Segelschein auf dem holländischen Ijsselmeer gemacht. Wir lachten bei der Erinnerung, dass wir manchmal mit herrlich viel Rückenwind hinaus gesegelt waren, uns die Rückkehr in den Hafen aber äusserst schwer viel, weil nun der Wind gegen die Segelboote stand. Er sagte sehnsüchtig: Nirgendwo sonst war ich so glücklich und entspannt wie auf dem Wasser, wenn der Wind uns die Wellen brachte und die Naturgewalten spielen konnten.

Der wunderbar trockene Ostfriese erzählte von früheren Träumen und Abenteuern. Ich konnte noch das Glitzern in seinen Augen sehen. Aber ich sah auch: Die Müdigkeit eines langen Lebens. Ein bisschen Traurigkeit und auch das Verschliessen des Zugangs zu seiner Herzens-Schatzkammer. Manche Menschen werden im Alter ruhig. Nun könnte man meinen: Weil alle Worte aufgebraucht sind. Weil man sich eben schon inflationär verschenkt hat. Weil man müde geworden ist. Ich möchte lieber denken: Weil man jetzt gerne nach innen sieht – und in den Palästen der schönen Erinnerungen spazieren geht und nichts mehr dazu fügen möchte.

Eine andere schöne Begegnung war unser Fahrer in London. Was für ein herrlicher und attraktiver Mensch. Seit dreissig Jahren lebt er als gebürtiger Kosovare in der englischen Hauptstadt, hat inzwischen einen britischen Pass, spricht ein schönes und akzentfreies Englisch. Er erzählte uns von dem Leben im Königreich, dass er Royalist ist, früher als Küchenchef gearbeitet hat und jetzt gerne eine schöne luxuriöse Limousine fährt. Jeden Sommer, so erzählt er, fährt er mit dem Auto zurück nach Pristina und tankt Heimatgefühle. Er erzählt schnell und schön und teilt gerne, fragt uns ein bisschen aus, ein wunderbar leichtfüssiger Dialog entsteht. Was mir geblieben ist: Er erzählte auch von Begegnungen mit seinen Gästen und – dass er von fast allen etwas lernt.

So bin ich dann doch noch befriedigt mit meiner Bilanz der letzten Woche. Eine Menge namenlose und distanzierte Menschen gesehen. Ein paar fragwürdige Persönlichkeiten gestreift. Einige Lächeln. Die norddeutsch noble und auch die norddeutsch distanzierte Spezies gesehen. Und zwei Perlen gesammelt in meine Schatzkammer.

Reisen öffnet Horizonte. Und: ich bin immer noch neugierig. Wie herrlich. Es könnte sein, ich mache das beruflich noch ein bisschen länger. Denn:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Ein Gedanke zu “Im Transit

  1. Das Beobachten finde ich auch großartig. Besonders wenn man sonst nicht so viele Menschen trifft. Aber ausgefragt werden ist wirklich nicht angenehm. Ich kenne eine Journalistin, und auch diese Sozialpädagoginnen. Man kann sich nicht mehr normal mit ihnen unterhalten. Es artet immer in ein Verhör aus. Ich fühle mich unter Druck wie als Kind früher. Grauenhaft. Ich lese gern Lebensgeschichten. Aber die Menschen, die ich im Leben traf, sie haben nicht diese Erfolgsgeschichten, vielmehr problematische Leben wie ich auch hatte. Sie möchten nach außen lieber so wirken, als wären sie normal und glücklich. Täuschen können sie mich nicht. Aber ich war ja auch mal so.

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