Arno

Irgendwann in den letzten Tagen wachte ich nachts auf und sagte laut: Arno Thiede.

Ich habe über 40 Jahre nicht mehr an ihn gedacht, ich denke seine Geschichte soll erzählt werden.

Wir sitzen in der Pausenhalle. Eine Halle, die mit mehreren Sitzmöbeln ausgestattet wurde und auf denen wir nach und zwischen den Unterrichtsstunden sitzen und liegen, spielen, reden und lernen. Wir sind alle zwischen 17 und 21 und gehen auf die gymnasiale Oberstufe, auf der Jagd nach dem Abitur. Das Gute: Wir sind alle freiwillig hier. Die Pflichtschulzeit ist abgelaufen, wir wollen weiter lernen.

Das weniger Gute: Die Schule, die Schulleitung und die Lehrer sind politisch. Wir werden auf links gekrempelt und das politische Engagement ist hier ein Pluspunkt. Wohl auch deswegen gehen wir zu Demonstrationen, sind engagiert bei Greenpeace, Amnesty International oder in einer Partei. Ich bin auch dabei, bei den Grünen, damals war Joschka noch grün fundamental. Als der Nato-Doppelbeschluss debattiert wird und wir alle Angst vor dem irren Wettrüsten der Sowjetunion und der USA haben, versammeln sich die Schüler und Lehrer auf Anweisung in der Pausenhalle, es werden Bildschirme aufgestellt und wir sollen die hitzige Debatte zwischen Kohl und Schmidt verfolgen und später im Unterricht kontrovers diskutieren.

Neben mir sitzt Arno, ein Mitschüler, den ich nur flüchtig kenne. Er ist alarmiert, weil er meint das atomare Wettrüsten wäre brandgefährlich. Er hat Angst vor einer kriegerischen Zukunft, bei der wir, als damals noch ein von den USA dominiertes Land, den Zorn der Russen auf uns ziehen. Die Raketen der Russen seien schon auf uns gerichtet, sagt er. Wir kommen ins Gespräch und ich diskutiere mit ihm, ob es sich lohnt, sich politisch zu engagieren. Mit den paar Friedensketten kommen wir nicht weiter. Wir ziehen uns auf eine Sitzecke zurück und sprechen über Gott und die Welt, den Sinn des Lebens und warum wir gerade jetzt geboren sind.

Anders als Arno bin ich damals einfach nur optimistisch. Aus irgend einem Grund meine ich, dass alles sich zum Besten und Guten entwickeln wird. Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir irgendwann wieder eine Abrüstung haben werden und dass die Flüsse wieder so sauber werden, dass wir darin schwimmen können. Arno nennt mich eine naive Träumerin. Auch nach diesem Tag diskutieren wir oft und viel und es gefällt mir, unser Kräftemessen. Liebe gegen Angst. Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit.

Arno ist eine Leuchte in Physik und Mathematik. Er lernt mit mir und wir lachen. Ich kann scheinbar nichts Logisches verstehen. Er meint, mit einem schöngeistigen, linguistischen Geist wäre es einfach, optimistisch in die Welt zu sehen, weil man eben das Risiko nicht ausrechnen könnte. Ich meine, ihm steht sein abstrakter, linearer Geist im Weg, etwaige Abzweigungen in das Schöne der Welt zu nehmen.

Als wir einmal in der Pausenhalle sitzen und er mir kompliziert erklärt: Verwende den Satz des Pythagoras, um die Hypotenuse aus den Seiten (Ankathete und Gegenkathete) des rechtwinkligen Dreiecks zu berechnen. Ziehe die Quadratwurzel aus der Summe der Quadrate: c = √(a² + b²) …

ist es bei mir vorbei mit meiner Hingabe an die Naturwissenschaft und ich kapituliere. Ein Mitschüler zieht an uns vorbei und grinst. Wir nennen ihn „den Doktor“, weil er es einmal weit bringen wird, sein Verstand ist scharf und er ist entschieden und ambitioniert. Arno meint: Dem fällt alles in den Schoss, wirst schon sehen.

In den verbleibenden zwei Jahren sitze ich noch ab und zu neben Arno. Leider verbindet uns ausser dem Lernen nicht viel, es klickt nicht zwischen uns, aber wir mögen uns und ich bleibe weiter mit ihm in Verbindung, nachdem wir das Abitur beendet haben. Für die Jungs unseres Jahrgangs heisst es damals pflichtgemäss noch: Einrücken in die Bundeswehr. Oder Wehrersatzdienst leisten.

Ein paar Mal schreibe ich ihm, er ist frustriert über den Ablauf in der Kaserne. Eine vollkommen verschwendete Lebenszeit, sagt er. Zählt die Tage, dass er endlich entlassen wird und das Leben losgehen kann. Er will Physik studieren, am liebsten in die Forschung für neue Energie Gewinnung experimentieren. Er hat viele Pläne, will in eine andere Stadt, neue Menschen kennenlernen, er will sich endlich einmal verlieben und einen eigenen Platz im Leben suchen.

Zwei Wochen bevor er aus dem Militär entlassen wird, hat er Heimaturlaub. Er geht abends in den Ausgang. Über ein paar Stunden hat es geregnet, es ist frostig kalt. Wie es passiert, weiss nachher niemand mehr. Sein Auto kommt ins Schleudern und schlittert über die nasse Fahrbahn. Prallt an einen Brückenpfeiler. Arno ist sofort tot. 20 Jahre. Die meiste Zeit seines Lebens hat er gelernt, funktioniert, mitgespielt. Hat darauf gewartet, dass das Leben mal Spass bringt und er sich entspannen und selbst bestimmen kann.

Als ich von ihm höre, weiss ich eins einmal mehr, ganz sicher: Das Leben muss jetzt genossen, geliebt, gefeiert werden. Es ist immer jetzt. Nicht abwarten, nichts aufschieben, nichts befürchten, nichts hochrechnen, nichts ausweichen. Und schon gar keine Angst haben, das nun ganz besonders nicht.

Nur drei Jahre später beschliessen Gorbatschov und Bush das Abrüsten aller atomaren Waffen. Der Umweltschutz greift, die Flüsse werden sauber. Letztes Jahr noch bin ich im Rhein geschwommen. Heute haben wir andere, neue Probleme. Es ist unsere Wahl – Hoffnung oder Ohnmacht.

Was ist jetzt gerade wunderbar?

Was wirst DU heute ganz besonders geniessen?

La vie est belle! – Das Leben ist schön!

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