Keine schöne Geschichte.

Es war ein stürmischer Tag. Ich hatte diesen wunderbaren Coachee abgeholt als ich von der Süd- in die Nordschweiz fuhr. Ausnahmsweise. Weil dieser eine Coachee mir besonders am Herzen lag. Ich mochte ihn persönlich. Ich fand ihn schön und fein und er war zerbrechlich. So gerne wollte ich mit ihm durch den langen Tunnel fahren, der ihm grosse Probleme bereitete. Der Tunnel und das ganze Leben war schwer.

Als ich ihn schliesslich im Auto hatte, verlangte ich ihm kleine Schönheiten ab. Ich hatte ihm aufgetragen, die vergangenen Tage in seinem Ferienhaus unterhalb des Gotthards nach Juwelen des Alltags zu suchen. Ihm waren ein paar aufgefallen, ich war hoffnungsfroh für ihn. Und als wir gerade aus dem Tunnel kamen und die Achsenstrasse fuhren, war da dieser Sturm. Fasziniert schauten wir auf den tiefgrünen See, sahen Schaumkronen und gewaltige Windspiele im Wasser. Gleichzeitig hatten wir den Impuls das Auto sofort zu verlassen.

Ich fuhr in eine kleine, verkehrstechnisch allerdings verbotene Bucht. Das war es uns wert. Wir gingen auf eine kleine Landzunge und schrien vor Vergnügen. Und dann stellte er sich ganz vorne auf einen Felsen und riss seine Jacke auf. Er sammelte den stürmischen Wind unter seinen Armen und schrie vor Begeisterung. Er wollte fliegen. Ich musste mich wegdrehen, weil die Szene mich wie ein Messer ins Herz traf.

Als kleines Kind hatte ich das wieder und wieder gemacht: Bei jedem Sturm war ich rausgerannt und hatte meine Windjacke aufgerissen. Immer hatte ich mit laut klopfendem Herzen geglaubt, dass der Wind mich jetzt gleich vom Boden heben und in ein besseres Leben fliegen lassen würden, der Wunsch war so heiss und eindringlich gewesen wie die ganz tiefe Sehnsucht wo anders zu landen. Den Status Quo, das Hier und Jetzt, war das Letzte, wo ich bleiben wollte.

Und jetzt stand mein Coachee da und jubelte und schrie und verlangte vom Wind, ihn mitzunehmen. Ich verstand ihn. Sein Körper hatte Spannung, sein Gesicht war total glückselig, seine Arme spannten sich weit und hoch mit dem Stoff seiner Jacke. So feierten wir einen Moment. Ein paar köstliche Minuten die totale Hoffnung, dass nun alles anders werden würde. Bis der Wind schliesslich drehte und an anderer Stelle Wirbel produzierte. Wir gingen zurück zum Auto, beide mit kaltem Gesicht und eisigen Händen und noch getragen von dem Gefühl der eroberten Freiheit.

Und die Ernüchterung kam dann leider auch postwendend, als er sagte, dass dieses kleine gesamelte Juwel leider sein Leben nicht gerettet hatte, wie auch all die anderen nicht. Wir fuhren schweigend nach Hause. Ich wollte ihn nicht aufgeben. Aber ich wusste, ich würde seine Geschichte nicht mehr drehen können.

Mein Coachee hatte einen schweren Burnout erlitten. Seit Kindesbeinen hatte man ihm ein falsches Leben aufgezwungen. Er musste leisten, wenn er spielen wollte. Er musste mitspielen, wenn ihm nach Rückzug war. Er musste sprechen wenn er schweigend in seine eigene Welt weg träumte. Er hatte eine feine Kinderseele, war sensibel und zart und wurde gedrillt, gezwungen, verbal aufgepeitscht und grob angefasst. Viele Jahre passte er sich an. Machte, was von ihm verlangt wurde, gehorchte, folgte dem Diktat. Eines Tages wollte er nicht zu seinem Grossvater, einem Mann mit kalten Augen und stahlharter Autorität, und versteckte sich im Gartenhaus. Er wurde heraus gezerrt und gegen seinen Willen auf die Rückbank der grossväterlichen Limousine geprügelt. Seine Tränen, anfangs noch heiss und emotional, versiegten über die kommenden Jahre. Er wurde brav und tat, was alle tun, leistete und lernte, arbeitete und log sich und alle anderen vor, dass er das schon schaffen würde mit dem Leben.

Ich lernte ihn kennen als er, knapp über 40, einen gewaltigen psychopathologischen Burnout hatte.

An dem Modell des Burn-outs ist ein Aspekt kritikwürdig. Das Konzept Burn-out lebt von einer Ursachenzuschreibung. Zumeist wird die Arbeitsbelastung als Ursache der Beschwerden ausgemacht. Dies kann durchaus zutreffen, muss aber nicht. Die moderne Psychiatrie hat die klare Ursachenzuschreibung (mit wenigen Ausnahmen wie z.B. der akuten Belastungsreaktion) zugunsten einer beschreibenden Krankheitslehre aufgegeben. Hierdurch wurden die psychopathologischen Symptome als kleinste Bausteine psychischer Störungen aufgewertet. Die Störungsbilder sind damit wissenschaftlich untersuchbar und vergleichbar geworden.

Für die meisten „grossen“ Krankheiten der Psychiatrie (z.B. Depression, Schizophrenie) gelten als Ursache mehrere Faktoren – z.B. genetische, lerngeschichtliche, aber auch situative und protektive. Vererbt und lerngeschichtlich ausgeformt werden meist individuelle Anfälligkeiten und Abwehrkräfte. Für jedes Individuum ist dann eine unterschiedliche auslösende Situation erforderlich; dies kann Stress auf der Arbeit sein, aber auch ein realer oder nur befürchteter Verlust.

Oder in seinem Fall: Der Verlust der eigenen, unterdrückten Identität und den regenerativen inneren Möglichkeiten, sich selbst zu erholen über die eigenen Freuden. Er hatte eine schwere Depression. Ängste. Antriebsschwäche. Er taumelte.

Burn-out ist also keine Krankheit, sondern ein Risikozustand.

Und mein Coachee hatte dann wirklich alle Auffälligkeiten entwickelt, die dieser Risikozustand mit sich bringt.

Über die Jahre war der schöne Mensch in falsche Hände geraten. Hatte unzählige miese psychiatrische Kliniken durchlaufen, war durch viele falsche Therapieansätze gegangen, hatte händeweise Psychopharmaka bekommen, die er bald nicht mehr absetzen konnte. Der Cocktail an Psychodrogen hatte ihn im Griff, inzwischen warf er Benzodiazepine wie Smarties ein und taumelte zwischen erzwungener Beruhigung und stabilisierenden Happypills.

Ich konnte ihm auch nicht mehr helfen, das schmerzt bis heute. Aber es war zu spät.

In der vergangenen Woche bekam ich die Information, dass er mithilfe der Sterbeorganisation Exit das Leben verlassen hat. Mein Herz ist schwer. Ich hatte zehn Jahre nichts mehr von ihm gehört und kann mir vorstellen, wie seine Leidensgeschichte weiter ging. Ich ziehe den Hut vor ihm und seinem Mut, dem Leben ein Ende zu geben. Eine unendlich mutige Entscheidung. Ein letzter und konsequenter Schritt, von dem ich denke, dass er ihm endlich die Autonomie zurück gegeben hat, die er sich so sehnlichst wünschte.

Ich werde für ihn auf einer Klippe stehen und im Wind jubeln, wenn der nächste Sturm kommt.

Da, wo man das Leben – nicht – mehr spüren kann, da ist es auch nicht mehr.

Auch das: C’est la vie.

für Stefano.

Hinterlasse einen Kommentar