Das Ende der Welt

In der vergangenen, wunderschönen Woche habe ich meinen grossartigen Adler von Jersey verabschiedet und den Tag darauf meine Siebensachen gepackt und das Schiff nach St.Malo genommen. Nach einer herrlichen stürmischen Atlantiknacht bin ich am nächsten Tag in die Finistère gefahren. Es liegt im Nordwesten des Landes in der Bretagne und ist das westlichste kontinentale Département Frankreichs.

Ich hatte mir für drei freie Tage einen Ort ausgewählt, an den ich schon lange reisen wollte, den ich auf der Karte und in meinem Reiseführer schon studiert hatte und von dem ich glaubte, es müsse ein herrlicher Ort sein. Nach einer kurzen regnerischen Anreise landete ich schliesslich in einer etwas grauen Hafenstadt, die sich mittelalterlich und eng, düster und verwinkelt präsentierte. Als ich das Auto am Hafen abstellte spürte ich – nichts. Die sonst so liebliche Atmosphäre der Bretagne entfaltete sich nicht. Es roch nicht gut. Mein Blick fiel auf nichts, was ich sehen wollte. Ich lief ein bisschen durch die Gassen, schaute hier und da hin, ver-suchte den Zauber zu finden, den ich erwartet hatte.

Ich bin nicht nur ein Glücksschwein, sondern durchaus auch ein Trüffelschwein. Ich finde immer etwas Kostbares, wenn ich mich darauf einstelle. Und doch fand ich dann in dieser kleinen Stadt, die mit ihren engen und pittoresken Gassen den Flair des 19.Jahrhunderts spiegelt – nichts! das mein Herz begehrte. In einer der vielen kleine Crêperien ass ich eine Galette mit ganz besonderen Zwiebeln aus diesem Ort. Lecker, aber leider konnte das meine Enttäuschung über den Ort nicht gut machen.

Ich schlenderte in den Hafen, noch immer auf der Suche nach etwas. Dort kam ich mit einem Fischer ins Gespräch, der gerade seine gewaltigen Netze auseinander knüpfte und mir erzählte, wie man mit Schleppleinen den weissen Thunfisch fängt, den es nur in der Bretagne gibt. Mein Blick fiel auf die Netze, auf Leinen und Seile und Taue und in weisse Plastikwannen. Ich musste weiter.

Nach zwei Stunden wusste ich, dass dies nicht der Ort ist, an dem ich eine längere Zeit verweilen könnte. Ich fühlte mich dort gefangen, wie einer der Thunfische, verloren in einer Zeit, die ich nicht mochte und in einer Enge, die ich nicht ertrage.
Gleich am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg in die nächsten Buchten. Richtung Brest sollte es gehen, immer dem Meer – oder der Nase – entlang. Ich fuhr erst mit dem Navi, aber irgendwann ging es nicht mehr weiter, viele Strassen waren gesperrt, das Ding „Route barrée“, das mir schon im Frühling so viele Wege versperrt hatte, begegnete mir wieder. Die Umleitungen in Frankreich sind äusserst verwirrend und nicht selten landet man schliesslich im Nirgendwo. Ich musste schmunzeln und liess mich vom Gefühl leiten.

Wie ich dort hinkam, wo es mich hinleitete, weiss ich nicht mehr. Aber schliesslich fand ich einen grossen Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Ein ganz und gar unspektakulärer Ort. Aber: ich sah einen dieser typischen Dünenzugänge ans Meer. Folgte den vielen Spuren von Menschen und Hunden. Kam über eine kleine Dünenlandschaft und – da war es: Mein Schatz.

Vor mir eröffnete sich ein wunderschöner Strand. Die Sonne brach gerade durch die dichten Wolken und die Flut donnerte schon heran. Überall blau-blau-blau in unendlich vielen Nuancen. Und dazu die Wolkenbilder und Sonnenspiegelungen in den spiegelglatten Flächen am Strand. Ein Bild wie gemalt. Das Licht! Das Licht! Genau so kenne ich die Bretagne. Bezaubernd. Wunderschön! Einzigartig! Traumhaft! Der Atlantik! Wild und eigensinnig, stark und zauberhaft.

Ich war sehr lange an dem Strand. Faltete meinen Klappstuhl auf und sass dort stundenlang und schaute und schaute. Jedes Zeitgefühl ging verloren. Ich konnte eintauchen und da-sein und ankommen und atmen. Unbeschreiblich. Mich satt sehen, mich visuell betrinken an diesem wunderschönen Ort. Und ja, die Bretonen! Sie gingen einzeln und zusammen spazieren, mit Hunden und Freunden und sie plauderten und viele sprachen mich auch an. Ein fantastischer, ein glücklicher Tag. Ich wurde sehr sehr reich beschenkt.

In diesem Blog möchte ich vor allem Bilder sprechen lassen, weil es nicht möglich ist, die richtigen Worte zu finden für meinen Ort in der Finistère. Übersetzt: Fisterra (galic.), abgeleitet von lat. finis terrae (‚Ende der Welt/des Festlandes‘), also: Das Ende der Welt.

Der allerschönste Tag am allerschönsten Ort für mich. Das Trüffelschwein war mal wieder ganz in seinem (ganz eigenen) Element.

Ach, und dann wäre ja noch: Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!

2 Gedanken zu “Das Ende der Welt

  1. Hallo Maren,

    sehr schön geschrieben und beschrieben “das Ende der Welt” Es fühlt sich an wie die Reise des Alchimisten von Paolo Coehlo.

    bin bald auch in Frankreich am Meer.

    Liebe Grüße aus dem verregneten Bayern

    Gunnar

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