Vor einigen Jahren traf ich eine grossartige buddhistische Nonne. Sie referierte über wichtige Themen und strahlte eine unglaublich klare Präsenz aus, die mich und alle Anwesenden verzauberte. Zum Ende des Vortrags gingen einige für eine Segnung und ein paar Worte zu ihr. Sie legte die Hand auf den Kopf oder drückte einige von uns an sich. Und einigen gab sie einen Koan.
Ein Koan ist eine Fragestellung, ein Paradox oder etwas Unlogisches oder eine kleine Begebenheit, die zu einem inneren Verstehen anregen soll. Ein Koan kann auch als Rätsel verstanden werden.
Koans können nie vom Verstand her gelöst, sondern nur durch intuitives Eintauchen in die Weisheit der Frage verstanden werden. Die Frage und die Suche nach der Lösung machen den Praktizierenden für eine echte Erkenntnis empfänglich.
Koans weisen ein Stück des Weges zur letzten und am meisten möglichen Wahrheit.
Anfangs folgt der Suchende dem Koan wie auch im Leben gewohnt logisch, auf der Verstandesebene. Das ist der erste Schritt, der gemacht werden kann, um sich aus dem Verstand heraus zu bewegen – erst einmal tief in ihn hinein zu gehen. Mit der Erschöpfung durch das endlose Überdenken und Zerdenken verblasst nach und nach das Denken, es schmilzt, und reines Empfinden und Erkennen der Antwort tauchen auf.
Es gibt Ansätze, von Anfang an nicht mit dem Verstand um eine Lösung zu ringen, sondern sich ganz in das Koan “hinein zu versenken”, “hinein zu empfinden”, “in die Tiefe des Koans hinab zu steigen” – wie man den intuitiven Weg auch formulieren mag.
Auch wenn das Koan unlösbar erscheint – es gibt eine Antwort! Die Antwort erfolgt immer authentisch im Hier und Jetzt des Schülers, aus der Präsenz des Moments und bezieht sich ganz und gar auf die Frage.
Die Nonne schaute mir in die Augen, legte mir die Hand auf die Schulter und gab mir einen solchen Koan.
Warum sind wir nicht einfach glücklich?
Dann lächelte sie mir milde zu und wandte sich an den nächsten Schüler.
Ich war irgendwie erschüttert. Sofort begann mein Geist Zusatzfragen zu formulieren, den Satz auseinander zu nehmen, die Betonungen zu verändern und sich in die Antwort hinein zu denken. Das tat ich sehr sehr lange. Ehrlich gesagt: Jahre. Und meine Gefühle wechselten von Lachen zu Verzweiflung, zu Wut und zur Traurigkeit in eine emotionale Achterbahn. Ja, warum denn nun! Warum sind wir nicht einfach glücklich! Dieses Rätsel gab sie ausgerechnet mir! Ich bin doch die allermeiste Zeit glücklich! Woher sollte ich denn wissen, warum es die anderen nicht auch sind! Das ist doch mein Dilemma! Mein Beruf! Ich frage doch immer und immer wieder: Was macht Dich glücklich? Warum machst Du nicht mehr davon?
Aus dieser einen Frage formulierte ich dutzende neue Fragen. Ich behandelte sie in meiner Arbeit, ich näherte mich ihr künstlerisch, dichterisch, musikalisch, im Ausdruckstanz, in der Meditation. Sprach mit vielen Menschen darüber, las kluge Bücher, hörte mir Vorträge an. Und hey, ich googelte die Frage auch hunderte male.
Ich habe keine Antwort gefunden.
Und dann, am Samstag. Mein Coachee war noch da und die nächste Patientin erschien etwas zu früh. Ich sagte: Gib mir bitte noch ein paar Minuten, magst Du schon mal in das hintere Zimmer tanzen? Und sie antwortete: Darf ich auch gehen statt tanzen?
Und da war sie wieder – die Frage. Warum sind wir nicht einfach glücklich?
Warum tanzen, lachen, lächeln, umarmen wir nicht viel viel mehr?
Warum feiern wir nicht?
Warum machen wir uns nicht frei, von dem, was uns schwer und unglücklich macht und lassen alles los, was uns vom Glück abhält?
Wir können das Leben nicht erst aufräumen, die ToDo Liste abarbeiten, die Probleme lösen, den Normen und Regeln gehorchen und brav sein BEVOR wir glücklich sind. Wir können das Glücklichsein nicht aufschieben! Wir können nicht warten, bis alles perfekt ist und dann glücklich sein. Vielleicht gibt es ja kein „Dann“ mehr.
Also frage ich heute Dich: Warum bist du nicht einfach glücklich?
Nimm Dir Zeit zum Reflektieren. Die Antwort kommt bestimmt. Und damit die Lösung all dessen, was Dich davon abhält.
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie!
