Hingabe

In der letzten Woche war ich mit meiner Freundin bei unserem liebsten Schauspieler, Ben Becker. Wir sind seine geheimen „Groupies“. Wir reisen zu jedem neuen Stück. Dann sitzen wir schmachtend im Publikum und hängen ihm mit jeder Faser an den Lippen. Und er hält unsere – und die Herzen aller anderen Zuschauer – in den Händen. Er versteht es, in eine Rolle so einzutauchen, dass er die Rolle im wahrsten Sinne des Wortes „verkörpert“. Erst zuletzt, wenn er sich verbeugt und für die immer „Standing ovations“ bedankt, kommt seine eigenwillige Persönlichkeit wieder zum Vorschein. Dann feiert er sich – und das absolut zu Recht. Unvergesslich das Stück, das wir vor einigen Jahren gesehen haben: „Ich, Judas“. Ben lief von rechts nach links im riesigen Kirchenschiff im Hamburger St.Michel. Und er proklamierte, schrie, klagte, litt, jammerte, wütete als Judas in seiner Verteidigungsrede. Wir waren so ergriffen und sprachlos, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, als er das Stück beendete. Ben war Weltklasse. Und – er war absolut und vollkommen in diese Rolle eingetaucht, es gab kein Zipfelchen mehr seiner eigenen Persönlichkeit.

Wenn es etwas gibt, was dieser grossartige Schauspieler neben seinem Spiel, neben seiner sonoren Stimme, neben seiner Intensität und seiner energetischen Körperlichkeit zur Verfügung stellt, dann ist es das, was ihn besser sein lässt als viele andere – Er gibt sich vollständig hin.

Hingabe – dieser Begriff löst bei vielen Menschen unwillkürlich Unbehagen aus. Die Vorstellung von Hingabe wird häufig verbunden mit Auslieferung, ja Kapitulation. Als käme man mit einer weissen Fahne aus einem Versteck und müsste sich auf Gedeih und Verderb einem fremden Diktat oder Zwang unterwerfen. In diesem Sinn aktiviert die Vorstellung von Hingabe eine Urangst, die viele Menschen kennen: die Angst vor Auflösung, die Angst, dass nichts mehr von einem übrig bleibt.

Und genau das Gegenteil ist der Fall – wer sich hingeben kann, der lebt eigentlich doppelt so intensiv.

Hingabe beschreibt einen Vorgang, der mit höchster Achtsamkeit verbunden ist. Alles, was mit Achtsamkeit geschieht, ist belebend, bereichernd und kraftvoll. Im „Tibetischen Buch vom Leben und Sterben“ zitiert Sogyal Rinpoche Buddhas Worte: „Einzig und allein durch Hingabe kann man die absolute Wahrheit erkennen.“ Und weiter führt er aus, Hingabe habe nichts mit kritikloser Anbetung oder dem Aufgeben der Eigenverantwortung zu tun, sondern vielmehr: „Wahre Hingabe ist eine stetige Empfänglichkeit für die Wahrheit. Wahre Hingabe hat ihre Wurzeln in einer ehrfurchtsvollen Dankbarkeit, die zugleich klar, geerdet und intelligent ist.“


In diesem Sinne versteht sich Hingabe als einen Akt der vollständigen Überantwortung an das Leben, als eine Einwilligung in das Leben. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen, unsere Stärke. Hingabe bedeutet, uns dem Leben gegenüber voller Vertrauen, nackt und schutzlos zu präsentieren. Eine solch offene Haltung ermöglicht es uns, alle Bedingungen des Augenblicks mit einzubeziehen.

Will ich also Hingabe üben, brauche ich ein Gewahrsein dessen, was im jeweiligen Moment geschieht. Dafür ist es hilfreich, die Wahrnehmung meiner Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zu verfeinern. Es geht darum, sozusagen ein Lauschen nach innen und nach aussen zu praktizieren. Ist aufgrund der äusseren Gegebenheiten Vorsicht angesagt, wird sie sich im passenden Moment einstellen. Die Abwehr möglicher Gefahren kommt dann nicht aus der Enge, sondern aus der Weite der offenen Grundhaltung. Deshalb kann echte Hingabe nur aus einer inneren Stärke heraus entstehen.

Der große Gegenspieler der Hingabe ist die Angst. Niemand sagt das so schön und eindringlich wie Hermann Hesse in seiner Geschichte: „Klein und Wagner“:
„In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sich-fallen-Lassen, den Schritt in das Ungewisse ­hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das grosse Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.“

Ein Grossteil unseres Verhaltens zielt darauf ab, Hingabe zu vermeiden, um das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, der Nacktheit nicht erleben zu müssen. Wenn es uns gelänge, Gefühle von Ohnmacht anzunehmen und sie grundsätzlich zu bejahen, würden wir erkennen, dass Hingabe ohne Verletzlichkeit nicht zu haben ist. Dann könnten wir aufhören, uns selber ständig zu „schützen“.

Denn was bringt uns denn dieser ständige Schutz? Was haben wir denn zu verteidigen, was wertvoller ist als unsere intimste Wahrheit, das sich-einlassen?

Was passiert, wenn wir uns nie dem Leben, dem Moment hingeben sondern immer alles unter Kontrolle behalten, den Schein wahren, die Sicherheitslinie nicht verlassen? Wenn wir mit allen Eventualitäten und Gefahren rechnen und sie versuchen zu vermeiden? Ich habe Jahre damit verbracht, Gefühle nicht auszusprechen aus Angst vor Zurückweisung. Und ja, ich habe auch Jahre damit verbracht Gefahren zu umgehen. Wir alle umgehen das, was uns verletzen könnte. Aber: Leben wir denn dann überhaupt?

Irgendwann ist der Knoten dann geplatzt. Und seitdem….. ich sag es jetzt mal ganz platt: Ich scheisse auf Sicherheit.

Und jetzt wieder fein: Ich habe gestern einen wundervollen Coachee getroffen, der sich mit seinem vollen feinen und reichen Herzen in eine neue Liebe eingibt, obwohl er von der alten Liebe haushoch traumatisiert wurde. Er traut sich das. Voll und ganz.

Und dann ist noch dieser herrliche Eisbader, der am Wochenende durch dicken Schnee ging und ein Loch ins Eis grub, um seine Kursteilnehmer in den scharfen und absoluten Moment des Eintauchens einzuladen. Eisbaden, das geht nur mit totaler Hingabe. Jeder Widerstand kann da grossen Schaden anrichten. Man muss sich hingeben. Eine Erfahrung, die riesige Kräfte in Gang setzt. Danke Beat, du wilder Kerl, das Du das machst.

Hingabe ist Kunst. Hingabe ist messerscharf. Ist Risiko eingehen. Hingabe ist Liebe. Hingabe ist Freiheit. Mut zeigen. Weich sein. Sich vollständig einer Sache verschreiben und nicht mehr mit dem Ego eingreifen. Es ist wunderschön. Es ist gefährlich. Und schliesslich und endlich sind die Momente der Hingabe die, in denen wir wirklich wirklich leben.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. C’est la vie.

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