Zum Bersten voll

Heute beim Spaziergang sah ich durch Zufall einen Baum, der mitten in einer üppigen Wiese stand. Ist Dir schon aufgefallen, wie sehr grün und saftig die Wiesen schon sind?

Der Baum trägt vermutlich im Sommer Früchte, die Knospen waren schon überall in grosser Menge vorhanden und sie waren zum Bersten prall. Ich musste eine anfassen, hart und ausladend und gefüllt mit den Blüten, die sehr sehr bald aufplatzen und ihre Schönheit zeigen werden.

Ich musste ein bisschen schmunzeln über dieses „zum Bersten gefüllt“.

Wie oft waren wir das in unserem Leben? Und mit was?

Hast Du schon einmal gefühlt, dass du in voller Rage randvoll mit Wut warst und nur noch explodieren wolltest? Weil der Druck so hoch war, dass es Dich fast verjagt?

Oder Leidenschaft, hat sie mal so richtig ultimativ und elementar, fast schon animalisch, in Dir gebrannt und Du konntest nicht mehr ausweichen oder wegleugnen sondern musstest sie einfach mal rauslassen und ausleben?

Oder warst Du schon einmal randvoll mit aufgesparten Tränen? Aus Glück, Verzweiflung, Berührtsein oder Frustration? Weisst Du noch, wie Du sie dann einmal wohltuend loslassen konntest?

Ach ja – und Lust: Kannst Du Dich erinnern, etwas einmal mit allen Sinnen komplett und ausgiebig zu geniessen und zu spüren wie Dich eine Lawine ergreift? Vielleicht auf einem Konzert? Im Endorphin Rausch bei Deinem Sport?

Oder noch eine Emotion – Angst! Hat sie Dich schon einmal ganz und gar überwältigt? So dass Dir die Haare zu Berge standen und Du das lähmende Gefühl in jeder Zelle gespürt hast?

Und – Liebe! Wann hast Du einmal dieses überwältigende Liebesgefühl gehabt, eins das Dir fast die Sinne raubt und alles, wirklich alles, in Dir in Bewegung setzt um etwas zu erreichen, zu berühren, zu haben, einzunehmen.

Ach, herrliche Gefühle sind das. E-motionen. Sie bringen uns oder etwas in uns in Bewegung, sie lassen uns keine Wahl mehr, sie zwingen uns in eine Handlung, einen Ausdruck, eine Explosion oder Implosion: Sie nehmen sich jeden verfügbaren Raum.

Während ich die Knospe in den Fingern hielt kamen all diese Gefühle wieder in mein Bewusstsein, meine Er-inner-ung. Ich ging nach innen und fand sie, die Intensität, das Ausgeliefertsein und die Hingabe. Die GROSSEN Gefühle. Die, die nur in eine einzige Richtung gehen. Die sich nicht wie unser nimmermüder ach-so-schlauer Geist/Verstand im Kreise drehen.

Die Natur des Laubbaums macht alles richtig: Schläft tief und fest im Winter. Taut langsam auf im frühen Frühling, beginnt zaghaft wieder zu trinken und das Sonnenlicht zu nutzen. Füllt sich an mit Leben. Explodiert in die Expansion. Steht in voller Blüte. Reift in süsse Früchte. Stellt ihre Gaben zur Verfügung und nährt damit andere. Zieht sich ausgereift zurück, lässt Altes und schützende Hüllen nach unten rieseln, lässt los. Gleitet sanft in die Ruhe, überlässt sich dem Nebel, dem Regen, der ersten Kälte, schläft wieder ein … und dann wieder und wieder und wieder das selbe Spiel.

Niemals verharrt die Natur in einem einzigen Zustand, sie wandelt und verändert sich, geht mit dem Flow der Jahreszeiten, der Gegebenheiten, trotzt den widrigen Umständen oder zerbricht komplett daran. Aber lauwarm, halbherzig, zögerlich, widerspenstig – das kennt die Natur nicht.

Darin sind wir Menschen die Meister. Die, die etwas verweigern, die so grosse Mühe mit Hingabe haben, die den nächsten Schritt nicht gehen wollen. Ich kenne leider leider so viele Menschen, die das Bersten nicht wagen. Die ihre Knospen nicht öffnen wollen. Die die eigene herrliche Kraft nicht aushalten.

Lieber sind sie Nadelbäume. Immergrün. Stoisch und mit langen Nadeln, die das Ungetier von sich fern halten. Die sich an Felsen krallen, auf karge Böden setzen und versuchen zu überleben, in dem sie die gesamte Kraft darauf verwenden, den widrigen Umständen zum Trotz da zu bleiben.

Als ich einen Kamin hatte verbrannte ich Nadelholz und Laubholz. Das Nadelholz hielt nicht lange durch, ging schnell in Flammen auf. Das Laubholz blutete das Leben aus sich heraus, bevor es sich den Flammen übergab.

Wer bist Du? Spürst du Deine Kraft? Jetzt – und jetzt – und jetzt?

Und wohin wirst Du expandieren, explodieren?

Geniesst Du das Sammeln in der Knospe?

Und – was wirst Du mit beiden Händen inflationär der Welt schenken, wenn Deine Blüten zu Früchten werden?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

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