Gepflegtes Ausrasten

Gestern kam ich in den eigenartigen Genuss in einem Restaurant zu sitzen, in das nach und nach immer mehr Fastnächtler herein kamen. Es wurde sehr sehr laut und sehr sehr bunt, es wurde gelacht und ausgelassen mit jedem gesprochen und gefeiert. Eigentlich, dachte ich, eigentlich sind die hier ja jetzt endlich mal locker. Etwas, das ich mir ja oft wünsche, da in der Schweiz vor allem Tradition, Anstand und höfliche Distanz gelebt wird.

Menschen in aussergewöhnlichen Kostümen zogen durch die Stadt und plötzlich war ich die Ordentliche, weil ungeschminkt und ungeschmückt und zudem noch in einem schwarzen Auto mit Zürich Kennzeichen unterwegs. Plötzlich war ich die Spassbremse. Vielleicht, weil ich Fastnacht, Fasching, nicht verstehe. Weil ich es komisch finde, dass Menschen einmal im Jahr so richtig losgelöst von der Etikette und ausschweifend lustig sind. Die Betonung liegt hier bei „einmal im Jahr“.

Was soll das Ganze eigentlich?

Erste Vorläufer des Karnevals liegen bereits 5000 Jahre zurück. Alte Schriften berichten von ausgelassenen Festen in Mesopotamien. Dabei verkleideten sich die Menschen auch schon als Geister und Dämonen. Bei dem Fest zum Ende des Winters wurden die bösen Geister vertrieben. Die Frühlingsgeister wurden mithilfe von Schellen und Trommeln geweckt.

Wahrscheinlicher ist jedoch ein christlicher Ursprung des Faschings. Das Wort leitet sich wie Fas(t)nacht auch vom mittelhochdeutschen „vaschang“ ab, was „Ausschank des Fastentrunks“ bedeutet. Der Begriff Karneval stammt vom lateinischen „carne vale“, übersetzt „Fleisch, lebe wohl“.

Fasching hat also etwas mit der Fastenzeit zu tun. Diese dauert im Christentum von Aschermittwoch bis Ostern, also immer 40 Tage lang. In der Zeit davor – dem Fasching – finden ausgiebige Feiern statt, begleitet von Essen und Trinken, um noch mal richtig auf den Putz zu hauen.

Nachdem ich die Erklärungen im Netz nochmals recherchiert hatte, fing mir diese Tradition an, Spass zu machen. Warum denn auch nicht? Warum denn nicht noch mal richtig feiern? Sozusagen vor dem Torschluss, wenn alles wieder rationiert wird und wir uns in Askese begeben.

Nur: Ich bin hedonistisch veranlagt. Ich finde, wir sollten jeden Tag das Leben feiern. Jeden Tag zelebrieren was wir sind und was wir haben. Die Masken zum Spass tragen – aber auch immer wieder fallen lassen. Andere Menschen einfach anstecken mit guter Laune und herzlicher Offenheit. Auf die Strasse gehen, durch die Häuser ziehen, das Bunte in uns ausleben. Die Lässigkeit in die Welt tragen.

Vor einigen Wochen habe ich mit einer Dame gesprochen, die sich unheimlich exponierte, mit dem was sie alles weiss und kann. Und dass sie den Menschen „helfen“, ihnen „den Weg weisen“ und sie „retten“ möchte. Sie glühte geradezu vor Opferbereitschaft und Hilfs-Lust. Ich musste schmunzeln: Ich sagte ihr, wir müssen ALLE mal anfangen, uns weniger wichtig zu nehmen. Ganz egal welchem Beruf wir nachgehen. Ganz egal wieviele akademische Würden uns schmücken. Ganz egal wie sehr wir uns unserer mühsam gefundenen „Lebensaufgabe“ versklaven.

Vielleicht ist das Leben einfach zum Feiern da?

Zum Geniessen?

In einigen Jahrzehnten wird keiner von uns mehr hier sein und alles, was wir gelernt, gelehrt, gewusst und gesagt haben wird Schutt und Asche sein. Mit dem Wind abgeflogen.

Das Leben – ein Geschenk!

Wetten?

Ach, ich hab gut reden. Ich wurde an einem Faschingssonntag geboren. Draussen haben Kinder Konfetti geworfen. Die Narrenkappe hatte ich immer an. Die gebe ich nicht ab.

Was meinst Du, willst Du das Leben feiern? Oder bist Du lieber wichtig ?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

2 Gedanken zu “Gepflegtes Ausrasten

  1. Avatar von Remko Stibbe Remko Stibbe

    Schönes Blog, Maren! Und auch lustig wie du beschreibt als einzige nicht Fastnächtlich gekleidet/ungeschminkt zu sein. Und so erkennbar, die höfliche Distanz und sogenannte Anstand in der Schweiz.

    Alles Liebe, Remko

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  2. Avatar von Jolanda Bossert Jolanda Bossert

    Vor lauter freude über deine geschrieben worte, werfe ich zum dank gerade sackweise konfetti zu dir liebe maren! Danke für das schmunzeln und gute gefühl dass du in mich gezaubert hast!🥳

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