KI

In der vergangenen Woche habe ich eine Übung mit meinen Coachees gemacht: Ich gab ihnen ein ABC und bat sie, zu jedem Buchstaben zu sagen, was ihnen dazu einfällt.

Willst du das probieren?

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

X

Y

Z

Seit vielen Jahren ist das eine Übung, die alle, bis auf eine einzige, immer gleich „falsch“ gemacht haben. Sie suchen nach Worten, die mit dem jeweiligen Buchstaben beginnen. Und leider, leider sind die Antworten sehr oft gleich: Fast nie habe ich bei X etwas anderes als Xylophon gehört. Bei V Vogel. Bei S Sex.

Ich habe aber nie gesagt: Gib mir ein Wort, das mit dem Buchstaben beginnt.

Wir alle haben diese Denkschablonen im Kopf. Einmal gelernt: Das muss so sein, das kenne ich schon, ich weiss, was sie will. Und dann tun wir, und – Wir hören nicht hin. Wir lassen uns keine Zeit. In den allermeisten Fällen sind unsere Unterhaltungen PINGPONG und es wird schnell geantwortet, assoziiert, gefolgert, scheinbar verstanden. Nur: Diese „Antworten“ kommen alle aus unserem Speicher, aus den gesammelten Antworten und Lebensweisheiten, aus Meinungen, die wir oft gehört haben. Aus verbalem Müll, der sich in uns angesammelt hat. Du erinnerst dich an meinen Blog letzte Woche! Tip top 🙂

Wir haben alle Denkschienen angelegt. Argumentationsketten. Tausend mal geäusserte Standpunkte. Immer und immer wieder abgerufen und meistens sind die Gesprächspartner auch mit diesen Satzfragmenten zufrieden. Meistens „wissen“ wir ja sogar, was das Gegenüber dazu sagen wird. Oder nehmen es vorweg (Annehmen, was kommt, daraus schon von vornherein Schlüsse ziehen). Ach herrjee. Da könnten wir auch gleich alle künstliche Intelligenz sein.

Wer hat denn die künstliche Intelligenz erschaffen? Auch wieder nur unser kleiner, beschränkter Geist. Alles was der Computer weiss, haben wir ihm geflüstert. Und es funktioniert ja auch wie eine Google-Suche: Etwas, das oft gesucht oder gesagt wird, erscheint ganz oben in der Liste, ist sozusagen der Favorit, weil am meisten wiederholt.

Aber – was ist denn Deine ganz persönliche Meinung?

Was ist Deine Erfahrung mit dem ein oder anderen Thema?
Welche Denk-Kapriolen machst Du denn?
Wo ist Deine Individualität, Deine eigene Haltung? Hast Du denn eine?

Es gibt in Deutschland den Kommunikationspsychologen Schulz von Thun, der eine „richtige“ Kommunikation einmal so erklärt hat:

Ein gutes Gespräch hat vier Seiten, wie die vier gleichlangen Seiten eines Quadrats:

Den Sach-Aspekt

Den Selbstoffenbarungs-Aspekt

Den Beziehungsaspekt

und den Appell.

„Eigentlich“ enthält also eine gute Kommunikation diese vier Ebenen. Und ich würde noch eine dazu fügen wollen: Die Körpersprache/Mimik. Die einzige Sprache, die niemals lügt.

Halten wir uns also jetzt in den „Google“-Antworten auf, dann geben wir überhaupt nichts von uns preis, sondern wiederholen immer den gleichen langweiligen und oberflächlichen Schrott. Damit kann die andere Person ganz und gar nichts von uns lesen, uns nicht wahrnehmen. Dann können wir auch mit KI sprechen, bitteschön.

Wann also ist das, was Du sagst, denkst, assoziierst gehaltvoll, wertvoll, persönlich?
Wenn es „beseelt“ ist. Wenn ein Teil von Dir dabei ist, wenn es einen Bezugsrahmen gibt. Eine Einladung auf Dich und Deine Geschichte einzugehen.

Assoziiert also ein Coachee zum Beispiel auf F: Schneidezahn. Dann schaue ich belustigt auf. Ich formuliere auch das F. Dabei spüre ich, wie die Luft aus meinem Mund durch die Schneidezähne zischt. Ahhh! Ein tolles F! Vielleicht aber auch assoziiert die Person auf F auch: Luftmatratze.

Vor einigen Jahren war ich einmal mit meinen damals noch kleinen Jungs bei meiner Schwester zu Besuch. Ich hatte ihnen eine lange Liste diktiert was alles verboten ist: Die Katzen am Schwanz ziehen, zu viel Chaos verursachen, Ball spielen im Hof, Sachen kaputt machen etc. … eines Morgens kamen wir in unser Nachtlager zurück und ich sah, dass die Luftmatratze flach war. Ich wunderte mich und sah, dass sie mit einem Messer oder Brieföffner dutzende kleine Löcher hinein gestochen hatten. Vollkommen kaputt und luftleer lag das Gummiding am Boden. Ich rief meine Kids und sie sagten: Du hast uns nicht gesagt, dass das verboten ist! Noch lange ahmten sie das Geräusch der entweichenden Luft nach: FFFFFFFFF…. und sie lachten sich lange darüber kaputt.

Siehst Du, wie lustig etwas sein kann, das sich auf F assoziieren lässt?

Warum also Google Antworten geben?

Lass Dir gefälligst etwas eigenes einfallen. Dein Leben ist bunt und reich bestückt mit spannenden und interessanten Geschichten! Alles andere – kennen wir doch schon!

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

Maulfaul

Letzte Woche ist es wirklich super gelaufen. Ich hatte eine ganze Reihe sehr guter Gespräche. Sowohl im beruflichen Umfeld als auch privat. Die Gespräche waren alle tief und wertvoll. Hatten Essenz und Sinn. So was mag ich. Vielleicht ist es der besonderen Situation geschuldet, dass man plötzlich über Wesentliches sprechen kann, wenn die Oberfläche verloren geht, weil sie ganz und gar keine Relevanz mehr hat.

In anderen Zusammenhängen erlebe ich mich oft als maulfaul. Kennst Du das?

Es gibt wenige Dinge, die ich so sehr verabscheue wie Smalltalk. Ich kann und will ihn einfach nicht. Diese leeren, uninteressanten Floskeln: „Hey, na?“, „Alles gut?“, „Ja, klar.“, „Ja, muss ja, ne?“, „Jaja, muss. Aber wird ja.“, „Und sonst?“, „Ja, alles super. Was macht das Leben?“, „Du, alles tip top, kann nicht klagen.“, „Ach schön!“, „Ja, schön!“, „Bei dir so?“, „Nee, auch alles gut.“, „Kein Wunder bei dem Wetter, was?“, „Ja, das ist wirklich schön.“, „Wurde ja auch mal Zeit. Lange Regenzeit gewesen.“, „Kannste laut sagen.“, „Was macht die Uni?“, „Ja, wie immer.“, „Und die Arbeit.“, „Ja, anstrengend, aber nett.“ Diese nichtssagenden Konversationen ziehen sich immer zu lange. Unfassbar zäh, unfassbar nervig, wie ein Kaugummi, den man nur noch im Mund hat, weil weit und breit kein Mülleimer zu sehen ist und man zu gut erzogen wurde, um ihn einfach auf die Straße zu spucken.

Was also tun?

Ich habe gesehen, dass es Kurse gibt, wie man Smalltalk meistert. Das hat mich zum Lachen gebracht. Es gibt Menschen, die den Smalltalk wirklich brauchen und es eben lernen müssen „den Mund aufzumachen“. Das sagte man mir in meiner Jugend oft: Ich solle doch mal den Mund aufmachen. Aber – mir fiel eben nichts ein. Mein Adoptivvater hat mich oft als „ruhig“ bezeichnet. Er sagte: Bist Du immer noch so ruhig. Aber ich war nicht ruhig. Ich war zu Tode gelangweilt. Also machte ich den Mund nur auf, wenn es spannend wurde und was Wesentliches geredet werden konnte.

Allem anderen entziehe ich mich gerne. Früher dachte ich immer: Ich kann das einfach nicht. Heute sage ich: Ich habe keine Lust. Wie gut, wenn man sagen kann: Das lasse ich jetzt. Wenn man älter wird hat man die Freiheit zu entscheiden wo man (noch) mitspielt und wo man es lässt, weil es eben nicht mehr relevant ist. Es wird einem ja auch immer mehr egal, was die Leute von einem denken, wie erfrischend!

Und ich bin auch einfach manchmal „maulfaul“ wenn ich zu viel gesprochen habe und vielleicht auch über selbe Inhalte. Das geht bei mir nicht ewig, das Quasseln. Ich muss auch Pausen haben und den Mund halten und im besten Falle etwas Neues in meinen nimmermüden Geist füllen. Ich brauche Ruhe vom Reden. Immer öfter.

Aber wenn schon reden, dann wenigstens über Spannendes. Gerne „nerve“ ich die Leute dann mit anderen Fragen, die mich wirklich interessieren und gehe dabei auch gerne mal über Grenzen.

Vor einigen Jahren war ich einmal zu Besuch bei Menschen, die ich eigentlich nicht sonderlich mochte. Ich hatte mich überreden lassen, es gab familiäre Bande. Weil es die letzten Male sterbenslangweilig war, brachte ich dieses Mal Moderationskarten mit. Es gibt wirklich viele solche Kartenspiele und sie sind alle super interessant. Als ich sie auspackte und sagte: Lasst uns doch heute mal ein paar Spielkarten spielen und die Gastgeberin einen Blick darauf warf sagte sie: Das ist mir zu persönlich. Ich weiss nicht ob ich so was will! Ich fragte, ob sie lieber Unpersönliches möchte. Sie und ihr Mann waren sich da einig: Ja, lieber schön an der Oberfläche des Lebens bleiben. Ich habe dann die „Party“ verlassen, die beiden (Schwager und Schwägerin) und auch den dazugehörenden Ehemann entsorgt. Danke, aber nein danke.

Wie steht es um deine Gespräche? Magst Du inspiriert werden und inspirieren? Wie unterbrichst Du endlose Wiederholungen? Wie kommst Du an essentielle Gespräche?

In der vergangenen Woche sass ich mit einem ehemaligen Coachee in einem edlen Restaurant in Zürich. Um uns herum alles Businesspeople. Auch wir waren beruflich gekleidet. Aber wie leichtfüssig lief das Gespräch! Wir lachten und erzählten und spielten verbales Pingpong und sassen zwei Stunden dort an der Limmat und amüsierten uns. Halleluja, was für ein gegenseitiges Vergnügen. (Danke, S.)

Ich wünsche Dir diese Woche tolle Begegnungen mit Tiefgang und Sinn und Humor und vielleicht auch etwas, das sich lernen lässt. Jedenfalls freue ich mich auf Deeptalk. Ich werde den Mund schon aufmachen! Wenn es sich lohnt 😉

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la Vie.

Vom Sterben

Von allen Geschichten, die mir ein Falkner über die wunderbaren Adler erzählt hat, beeindruckte mich eine immer ganz besonders: Wie ein Adler in Würde stirbt. Er sprach vom Steinadler, der hier bei uns in den Alpen lebt. Wie schade, dass er in deutsch so einen unschönen Namen trägt. In französisch, heisst er „Aigle Royal“. In englisch „Royal Eagle“. Er heisst auch so, weil er einen Kranz von goldenen kleinen Federn um seinen Hals trägt. Und er heisst auch so, weil er ein würdevoller, elitärer Adler ist.

Der Falkner sprach davon, was passiert, wenn es den Adler einmal erwischt. Wenn er bei der Jagd einen winzigen Fehler macht und von seiner Beute, zum Beispiel in seinen Greif, gebissen wird. Der Adler weiss, dass er ohne einen funktionierenden Greif nie mehr jagen kann. Und er weiss, dass die Bakterien, die das Beutetier über seine Zähne übertragen hat, ihn umbringen werden.So fliegt er weit hoch in die Felsen, setzt sich an eine Nische und wartet auf den Tod. Er zetert nicht, er hadert nicht mit seinem Schicksal, er schreit nicht, er bedauert nicht. Er sitzt still und wartet. In Würde und Ruhe. Zieht sich zurück in sich selbst. Irgendwann dann, fällt er lautlos hinab.

Was für ein grossartiges Bild vom Sterben. Ich habe es meinem Vater, der in der vergangenen Woche abgeflogen ist, nie erzählt. Und trotzdem hat er es genau so gemacht: Er nahm mit einem tapferen Herzen seine Diagnose in Empfang. Wir wussten alle, dass es schnell gehen würde. Sassen noch bei ihm und hatten Zeit für den Abschied. Ab da liess er los. Machte die Augen nicht mehr auf. Dämmerte weg. Natürlich hat ihm die Krankheit dabei geholfen. Aber die Würde, die Ruhe, die er sich nahm, sich einfach zurück zu ziehen und das Leben, den Tod, machen zu lassen, das war schon gross.

Als er gegangen war sass ich eine Weile neben dem jetzt so stillen Körper. Ich sass da und spürte noch seine Präsenz im Raum. Vor vielen Jahren habe ich eine Weile im Zürcher Hospiz Lighthouse gearbeitet, da hatte ich diese präsente Stille schon erlebt. Es war friedlich und schön und auch sehr entspannt. Natürlich musste ich ein bisschen weinen. Ich spürte die Leere, die er hinterlassen wird. Aber ich sah es auch als Geschenk, dabei sitzen zu dürfen und die Zeit zu haben in Stille miteinander zu sein.

Wie so oft ging mir eine Frage durch den Kopf, die ich eigentlich jedem Menschen zu jedem Tag stellen möchte: Hast DU Dein Leben gelebt?

Ich kann mich an unseren Vater als sehr fleissigen und arbeitsreichen Mann erinnern. Auch einer, der die kulinarischen Freuden genossen hat. Bis zuletzt war er jemand, der Süssigkeiten liebte und gerne herzhaft gegessen hat. Und er proklamierte sehr gerne über die deutsche Geschichte und speziell die deutsche Wehrmacht in Osteuropa, die Russen, die Polen, die Invasion. Aus irgendeinem Grund hatte er diesen Faible für geschichtliche Ereignisse. Und für einen derben Humor. Und er mochte sein eigensinniges Leben in einem Waldgrundstück mit seinem Hund. Er war ein Einzelgänger. Ein Mensch, der nach eigenen Regeln lebte und alles genau so machte wie er es für richtig hielt.

Ich sehe mit Dankbarkeit auf unsere Begegnung aber ich habe mich in den letzten Tagen oft gefragt, wer er eigentlich war und ob er glücklich war. Auch mit seiner Lebensbilanz. Ob er gerne gelebt hat? Ob er etwas vermisst hat in seinem Leben? In den letzten Jahren wollte ich ab und zu einmal tief abtauchen mit ihm. Aber er wollte sich „nicht ausfragen lassen“ und er meinte, ich solle meine berufliche Neugier zügeln.

Also kann ich nur das tun: Aus seinem Sterben sein Leben verstehen. Er ging wie ein Adler. Aufrecht. Still. Geduldig. Auch im Tod sah er schliesslich friedlich aus und wie einer, der seinen eigenen Weg gegangen ist. Noch immer war sein Unterkiefer ein bisschen spöttisch nach vorne geschoben. So als wolle er sagen: „So, ich bin dann mal fort. Macht doch was Ihr wollt.“

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich denke, genau das hätte er gesagt.

Wenn man den Tod, das Sterben, betrachtet, dann kommt man immer auch wieder ein bisschen mehr ins Leben. Die Endlichkeit ist ein riesiger Motor, das Leben noch (mal) so richtig auszukosten, alles bewusst zu erleben, sich Raum und Freiheiten zu nehmen.

Lebst Du Dein Leben? Bist Du glücklich? Zufrieden mit Deiner Bilanz?

Wenn ja, dann ist es gut.

Wenn nein – dann jetzt! Wann sonst?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Eine Million Dinge

Ich habe es wieder getan: Ich habe jemandem geholfen, seine Sachen weg zu organisieren. Leider nicht das erste Mal. Aber ganz sicher das allerletzte Mal. Ich werde das nie mehr machen. Mit jedem neuen Mal merke ich, wie sehr mich das erschlägt. In den Boden drückt und mich anstrengt: Menschen, die ihre Sachen horten und nicht wegräumen, entsorgen oder wenigstens: Sich darum kümmern. Aber auch das – sich um Sachen kümmern – wie absurd ist das?

In den vergangenen Jahren lebe ich mit immer weniger Sachen. Und trotzdem, meiner Meinung nach, immer noch zu viel. Ja, man braucht wohl ein gewisses Mass an Dingen, um sich bequem und komfortabel zu fühlen. Das mag ich ja: Atmosphäre schaffen. Kleine Dinge und Möbel so arrangieren, das man sich wohl fühlt und etwas anfassen, anschauen oder benutzen kann, um sich sicher, geborgen und amüsiert zu fühlen. Über diese Dinge spreche ich nicht.

Aber all das, was man besitzt und niemals damit etwas tut?

Der Vater meiner Kinder besass ein riesiges Haus, das schon voll war, als ich zu ihm zog. Und er hatte auch Sammlungen. Und – Opportunitäten: Die Garage war voll, der Keller, der Dachboden, mit einer wilden Sammlung von Sport-Equipment, mit Camping und Bergausrüstung, mit Partysortiment, Ersatzgeschirr, Andenken, Büromaterial, elektronischen Gadgets und Autozubehör. Es hatte sich schon viel angehäuft bei ihm. Als wir mit dem ersten Kind (das auch wieder sehr viele Dinge brauchte) umzogen, war der Lkw voll mit Dingen, die wir vielleicht wieder einmal brauchen könnten (oder eben auch nicht).

Ein paar Jahre später, die nächsten Menschen, die mich begleiteten, sah ich wieder neue Sachen und Dinge, die ein Mensch so anhäufen kann. Und auch – unerledigte Handlungsabläufe. Uralte Papierstapel, Dia’s, Fotos, zerfledderte Bücher, Ersatzgeschirr, Textilstapel, einmal gekaufte aber nie angebrachte Badutensilien, Giesskannen aller Grössen für Pflanzen aller Grössen, Vasen, Geschirr und ach ja – besonders beliebt: Baumaterial das nie verbaut worden war, Ersatzkabel, Werkzeuge! – Bastelsachen. Und eine Ansammlung von Originalkartons und Betriebsanleitungen und Fahrräder, Anhänger, Gartengeräten.

Ich bin allergisch gegen dieses Haben, haben haben. Ich mache einen weiten Bogen. Und trotzdem komme ich immer wieder in diese Lage: Jemanden helfen, damit er wieder atmen kann. In den letzten Tagen also räumte ich mit meiner Schwester ein Haus, eine Garage und Berge Berge von Sachen. Und wir verteilten auch grosszügig an Menschen, die wieder diese Sachen haben wollten. Die sich freuten über Rasenmäher, Kreissäge, Werkzeuge, Lampen, Deko, Elektrogeräte. Glücklich zogen sie mit den Sachen von dannen und reihten sie zuhause ein in ihre Sammlungen.

Gestern Abend dann war es so weit: Wir schleppten uns nach vier Tagen unendlichem Aufräumen und Entsorgen zurück in unsere Unterkunft und die Dinge und das Feilschen um die Dinge hatte uns erschlagen und in den Boden gedrückt. Wir schleppten uns ins Restaurant und ich mochte nicht einmal etwas essen. Jedes Geschirr und jeder Salzstreuer und Tischdeko war zu viel. Ich mochte nichts mehr anfassen.

Warum um Gottes Willen will der Mensch mit so vielen Dingen leben? Und immer noch mehr mehr mehr anhäufen?

Mein Bruder brachte es auf den Punkt: Von uns bleibt nichts übrig. Aber dieser Wahnsinn an Material, der wird verteilt, entsorgt, weiter gegeben. Bis auch diese Ansammlung dann irgend wann wieder weiter gegeben wird. So zirkulieren Dinge, wachsen Müllberge und Deponien. Nur: Was bleibt von dem Mensch?

Was bleibt von Dir?

Ich hatte mir fest vorgenommen gar nichts nichts nichts mitzunehmen. Und nahm doch etwas mit: Ein Foto von 1951, das eine Geschichte erzählt. Weil ich auch eine Sammlerin bin. Eine Geschichtensammlerin, deren Material ätherisch ist – flüchtig. Etwas, das erzählt und wieder vergessen werden kann. Etwas das mich inspiriert oder amüsiert oder nachdenklich macht. Vielleicht auch meine Leser.

Von all den Dingen, die uns Unmengen an Geld und Schlepperei kosten wird nur Müll, Entsorgungsgebühren und Last bleiben. Aber unsere Geschichten, die gelebte Liebe, die schönen Momente werden vielleicht heute oder später jemanden bereichern. Augenblicke und Umarmungen und menschliche Wärme erzeugen. Dafür braucht es nichts als ein offenes Herz, ein freier Blick, ein freier Geist und eine offene Hand.

In den letzten Tagen waren meine Hände voll mit Zeug. Voll mit Dingen ohne Seele. Mit Sachen, die einmal hergestellt wurden und den Planeten vermüllen. Das hat mich schwer, müde und erschöpft zurück gelassen. Ich brauche einen „nothing“ day. Einen Tag, an dem ich Luftlöcher schauen kann, die Hände offen sind ohne zu greifen. Ruhe. Leere.

Davon will ich mehr mehr mehr.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Falsch, falsch, falsch

Mein wunderbarer älterer Sohn hat seine ganz persönlichen Strategien, durch ein glückliches Leben zu kommen. Eine der Regeln, die er seit Kindheit angenommen hat: Er flucht nicht. Niemals. Ich finde das höchst bemerkenswert. Denn seine Eltern, sein Bruder und alle seine Freunde fluchen.Aber er geht noch weiter: Er bewertet und verurteilt auch nicht. Er will nicht mitspielen bei den bösen Spielen. Ein einziges Mal hat er mich auf etwas aufmerksam gemacht, was er an einer Person nicht mochte. Das ist mehr als zehn Jahre her und ich glaube mich zu erinnern, dass er drumherum geredet hat.

So schaue ich in sein sonniges Gemüt und bewundere ihn. Und ich beneide ihn sogar. Denn ich fluche. Ich urteile. Ich bewerte. Und: Ich fühle mich unwohl damit. Nicht unmittelbar. Nicht solange ich Recht haben will. Danach aber sehr heftig. Und ich spüre es sogar körperlich: Es lässt mich schrumpfen, klein und eng und böse (vergiftet) zurück.

Buddha hat gesagt: Etwas Böses über einen Menschen denken/sagen, ist wie Gift trinken und erwarten, dass der andere daran stirbt.

Habe ich das Recht zu urteilen? Weltpolitisch? Gesellschaftlich? Persönlich?

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst“, rät ein indianisches Sprichwort – und tatsächlich: Die Vorstellung, ganz konkret an der Stelle, in der Situation eines anderen zu stehen und zu handeln, lässt unterschiedliche Perspektiven erfahrbar werden.

Viele Missverständnisse und Konflikte entstehen, weil wir im Tunnelblick nur auf ein winziges Detail des ganzen Bildes starren. Einen einzigen Aspekt dessen, was den anderen Menschen ausmacht. Ein kleiner Bruchteil losgelöst aus dem Kontext. Ein isoliertes Puzzlestück.

Wir alle haben unsere eigene Geschichte, sind durch Erfahrungen und Situationen gegangen, die unseren Blick auf die Umwelt geprägt haben. Wir alle haben unsere eigenen Gründe, uns auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Doch im seltensten Fall sind diese Beweggründe für den Gegenüber klar ersichtlich. Was wir sehen können, ist lediglich das Resultat – ein bestimmtes Verhalten.Und auch das ist niemals für ewig. Menschen verändern sich. Menschen korrigieren sich bisweilen, bereuen, lernen dazu, machen Dinge anders. Wer sind wir, über einen Menschen zu urteilen?

In meinem Leben hatte ich viel mit Menschen zu tun, die bösartig beurteilt haben. Fast immer in meinem beruflichen Kontext. Eins hatten diese Menschen gemeinsam: Sie waren frustriert, gestresst, verängstigt. Sie gingen in Konkurrenz oder sie wollten sich nicht unterlegen fühlen. Fast immer begleitete sie eine gewisse Ohnmacht.

Ganz erstaunlich, wenn man dann diese Personen (und auch mich selbst, und auch Dich) auf ein Phänomen aufmerksam macht:

Gestikuliere einmal eine Revolverhand. Ein Zeigefinger zeigt nach vorne. Der Daumen ist aufgerichtet. Jetzt zeigen drei Finger in Deine Richtung. Einer zum Gegenüber. Einer nach oben.

Also: Die drei Finger stellen Dir eine Frage: Was hat das hier mit mir zu tun?

Werde Dir über Deine Gefühle bewusst. Wie fühlst Du Dich, wenn Du etwas be- oder verurteilst?

Was ist also das Wichtigste an der Situation?

Was kannst Du sofort daran ändern?

Einer meiner Coachees hat heute das Richtige getan. Er hat die Situation beurteilt (nicht verurteilt). Drei Finger in seine Richtung: Wie ging es ihm damit? Den richtigen Schluss gezogen. Die Sache für sein Seelenheil entschieden. Basta. Auf geht’s in die gefühlte Freiheit.

Und die Moral von der Geschichte?

Es gibt nichts, gar nichts, was wirklich wichtig ist. Ausser dass Du bei Dir in Frieden bist.
Wenn Du Dir selbst hilfst, dann ist allen geholfen. Dann kann Wunderbares folgen. Es kostet Dich nur – eine Entscheidung für das Richtige.

Und dann noch zu meinem Zauberkind. Ich danke ihm für seinen Spiegel. Ich kann noch viel von ihm lernen.

„Urteile nicht über das Leben anderer.
Jeder hat einen Weg hinter sich,
von dem du nicht weisst,
ob du ihn hättest gehen können.“

Da, wo Du das Leben fühlen kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Zwei Seiten der Münze

In den vergangenen Tagen hatte ich das zweifelhafte Vergnügen sehr sehr viel Papier eines gelebten Lebens einzusehen. Und was präsentierte sich da an Vergnüglichem, Amüsanten, Interessanten. Auch viele Geheimnisse kamen an die Oberfläche. Nach einigen Stunden Sichtung der Papiere konnte ich den roten Faden erkennen, der sich durch ein Leben ziehen kann. In diesem speziellen Fall: Ein herrlich eigensinniger Charakter, der immer das tat, was er für richtig hielt, was aber nicht in alle Fällen richtig war.

Ich ging zurück in seine Geschichte und fand Anhaltspunkte, wie sich ein Leben entfalten kann.

In fast allen Fällen spricht man da von „Prägung“. Die soziale Umwelt prägt sich dem Gehirn und der Psyche des Kleinkindes aber nicht nur innerhalb der ersten Lebensjahre, über die primäre Bindungserfahrung ein, sondern bereits vor der Geburt. Dies geschieht vor allem über das Gehirn der Mutter, mit dem das Gehirn des ungeborenen Kindes über die Blutbahn verbunden ist.

In der Verhaltensbiologie bezeichnet die Prägung eine irreversible Form des Lernens. Sie geschieht in der sensiblen Phase des Lebens. In dieser Phase werden Reize aus der Umwelt so sehr verinnerlicht, dass sie im weiteren Lebensverlauf wie angeboren wirken.

Wer meine Arbeit als Coach kennt, weiss, wie intensiv meine Meinung dazu ist: Ja, wir werden alle geprägt durch das Aussen, die Eltern, die Kindheit, unsere Erfahrung in der Erziehung und beim Aufwachsen in unserem jeweiligen Milieu. ABER – dennoch, trotz aller Prägung – haben wir auch die Wahl. Denn wir müssen nicht für immer bleiben wie wir zu sein hatten. Wir müssen Werte unserer Vorfahren nicht unbedingt adaptieren. Wir müssen nicht mitschwimmen, uns nicht anpassen. Und wir müssen auch nicht zwingend rebellieren und genau das Gegenteil tun.

Wir haben IMMER die Wahl!

Der Punkt ist: Die meisten Menschen wissen gar nicht, was sie geprägt hat.

Eine Prägung ist wie ein Impuls. Eine Weichenstellung. Wir sehen hin: Ist mir das sympathisch? (sympathisch heisst: aufgrund innerer Verbundenheit gleich gestimmt. Oder auch: Mir entsprechend) Wenn es sympathisch ist, werden wir es in unser Wertesystem, unsere Denk- und Handlungsweise aufnehmen. Ist es uns unsympathisch, werden wir es ablehnen, konträr dazu handeln und es verdrängen.

So taumeln wir, meist unbewusst, den Prägungen hinterher und sind eingedrückt mit den Werten der anderen.

Aber: Es gibt nicht nur Eindruck in unserem Leben.

Es gibt auch: Ausdruck.

Wir sind keine Münzen, auf denen lebenslänglich der gleiche Wert steht. Wir sind Menschen, die dynamisch und in innerer und äusserer Bewegung sind. Wir haben die Wahl. Immer! Wir können jederzeit „über die Bücher“ gehen und uns fragen: Passt das zu mir? Will ich das Leben? Will ich es so leben? Will ich so handeln? Was entspricht mir ganz individuell? Wer will ich sein? Was ist meine, ganz individuelle Art, das Leben zu führen?

Ich finde: Wer aufgrund seiner Prägung – und nur so – handelt, ist einfach zu bequem um sich eine eigene Individualität zu erschaffen. Und verpasst damit eine grossartige Chance, sich selbst einzuprägen. Und den eigenen Ausdruck zu präsentieren.

Mein Freund Carl Gustav hat dazu gesagt:

„Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir
unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ,Individuation‘ darum auch als ,Verselbstung‘ oder als Selbstverwirklichung‘ übersetzen“ (C.G.Jung 1933)
.

C.G.Jung nannte den „Spiegel-Moment“ den Zeitpunkt des Erwachens. Jeder Mensch kommt in der Lebensmitte an diesen Punkt. Und danach beginnt die „Individuation“, die Befreiung unseres wahren Wesenskerns.

Es geht nicht mehr darum, sich danach zu richten, was man tun sollte und was im Allgemeinen richtig wäre, sondern um die eigene innere Wahrheit.

Es lohnt sich, einmal anzusehen, was uns geprägt hat. Was war für uns entscheidend und richtig und wichtig? Was haben wir daraus gemacht? Was hast Du selbst gewählt? Inwiefern hat Dich die Prägung in eine Richtung gedrängt? Warst Du damit einverstanden?

Willst Du es anders? Was willst DU denn?

Bist Du Dir bewusst, dass Du die Wahl hast?

Immer? Und trotz aller Prägung?

Keiner hat da eine bessere Frage gestellt als der grosse C.G.:

„Du musst Dich entscheiden, willst Du gut sein, oder ganz“

C.G.Jung

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Paradies

Wikipedia: Das Paradies[1] ist nach jüdischer und daraus abgeleitet christlicher und islamischer Vorstellung der Ort, wo die Menschen zu Anfang ihrer Existenz gelebt haben, bis sie daraus verstoßen wurden.

Einige Jahre habe ich im südlichsten Zipfel der Schweiz gelebt. Das war eine Schnapsidee, über die ich heute noch schmunzeln muss. Irgend etwas hatte meinen Verstand vernebelt und mein Herz hat auch nicht genau hingeschaut was ich „eigentlich“ brauche. Na auf jeden Fall „eigentlich nicht“ die Italianità.

Trotzdem habe ich das Abenteuer genossen. Sehr sogar. Spannende Menschen kennengelernt. Das Kochen neu entdeckt. Die Ruhe genossen. Die Einsamkeit der Wälder in mich eingesaugt. Die Flüsse und Wasserfälle waren grossartige Badeplätze, eiskalt und reissend wild. Das Leben im südlichen Tessin hatte etwas Ursprüngliches, etwas Rohes und Echtes. Am allermeisten hatte es mir das Valle Bavona angetan, ein Tal das in grossen Teilen ohne Strom und vor allem ohne Internet auskommt. Da konnte ich tagelang einfach Mensch sein, zurück auf das Wesentliche reduziert. Und ich habe ein grossartiges Coaching dort geschrieben: Go wild. Weil die Natur es mir eingeflüstert hat, weil ich wieder spüren konnte, um was es wirklich im Leben geht.

Und dann kam die Pandemie. Ich durfte nicht raus aus dem Tal. Für Tage gab es vorne an der Ponte Brolla eine Polizeisperre, die verhindern sollte, dass wir Talbewohner uns zu sehr unter die Menschen mischen. Denn: Das Virus war aus der Lombardei zunächst in die Täler geschwappt. Niemand wusste Genaues. Jeder hatte Angst. Ich bin trotzdem nach Locarno gefahren, weil ich die Polizia davon überzeugen konnte, dass ich dringende Besorgungen machen müsste. Einen Moment dachte ich: Fahr weiter, hoch in die Deutschschweiz. Stattdessen wollte ich keine Panik und ausserdem auch mein schönes Zuhause nicht verlassen. Ich ging durch den Parco della Pace, den Friedenspark. Lief ein bisschen am See entlang. Auf einer Wiese lag ein hustender älterer Mann. Eine ältere Dame kam mir entgegen und sagte: Sarà morto presto…. er wird bald tot sein.

Natürlich bin ich sofort ins Tal zurück gefahren, die Taschen vollgestopft mit deutschen Zeitungen und jede Menge Proviant. Es wurden entspannte Wochen mit spektakulären Sonnenuntergängen, göttlicher Ruhe und solidarischer Nachbarschaft. Das Tal gehörte uns und wir badeten und lachten und lebten friedlich und mit dem nötigen Abstand aber in Zuversicht, dass alles wieder gut wird. Und dann kam der Knaller: Um die Deutschschweizer davon abzuhalten, ins Tessin in ihre Ferienhäuser zu fahren, wurde ein Spot lanciert, der die Schönheit vom Tessin zeigte, aber dringend dazu aufforderte nicht wie üblich an Ostern und Pfingsten zu uns runter zu fahren. Im Tessin waren viel zu viele Krankheitsfälle und noch war das Virus wenig im Norden angekommen. Und dann – überlegten sie noch, den San Gottardo und den San Bernardino zu schliessen. Zumachen, die südliche Welt abriegeln.

Ich fürchte, das war der Moment, an dem mir klar wurde: JETZT muss ich das Tessin verlassen. Und zwar ultimo subito.

Natürlich bekam ich das Virus ab und zwar sehr sehr schlimm. Und dann war mir klar: Sollte ich das hier überleben war’s das mit dem wilden Leben im wilden Tessin. Zurück in die Zivilisation! Aber ganz schnell! Ich bin noch zu Coronazeiten zurück gezogen und habe die ursprüngliche wilde rohe herrliche Landschaft verlassen. Es war einfach genug. Und – auf gar keinen Fall wollte ich jemals eingesperrt werden!

Na – um ehrlich zu sein, wenigstens in der italienischen Seite der Welt nicht. Denn: Jedes Mal wenn die Fähre aus Jersey sich verzögert und ich auf meiner Insel bleiben muss, freue ich mir ein Loch in die Mütze über die Verlängerung meiner quality time.

Zurück geblieben ist dieses Gefühl, das ich im Valle Bavona gefunden habe: Das Echte, das Wahre, das Pure. Das nackte Leben. Die Frische der Landschaft. Das Gemeinsame der Talbewohner. Die Naturmagie. Die Einfachheit. Ich bin immer wieder zurück gekehrt und habe die Plätze wieder besucht und mit den go-wild-Coachees erlebt.

Und jedes Mal war ich erleichtert, nach dem Eintauchen in dieses Schöne, wenn ich zurück fahren konnte. Durch den Gottardo und wieder in meine Sprache. In die Zuverlässigkeit der Zivilisation und die Annehmlichkeiten der modernen Welt.

Heute morgen ereilte uns die Nachricht, dass die Regenfälle der vergangenen Tage die Achse zwischen dem Maggiatal und dem Bavonatal zerstört hat. Die Brücke, über die ich so oft gefahren bin, ist eingebrochen und jetzt sitzen die Menschen da fest. Auf unbestimmte Zeit. Ohne Strom, ohne Funkverbindung und ohne Trinkwasser (sie wurden dringend angehalten das Wasser nicht zu trinken). Jetzt sind sie angewiesen auf die Armee, die Versorgung aus der Luft. Und auf sich gestellt. Keine Chance einen Arzt oder die Ambulanz zu rufen. Sie werden sich zu helfen wissen, die Menschen dort rücken immer zusammen, wie in der Pandemie gesehen. Aber ich stelle es mir vor: Gefangen im Paradies. Erst mal kein Zurückfahren möglich.

Ich atme ein und tief durch und aus. Wie gut, dass ich jetzt hier sein darf.

Ich denke an das paradiesische Maggiatal und das magisch starke Bavonatal. Den riesigen Wasserfall in Foroglio, an dem wir so oft sassen und dessen beeindruckende Stärke auch bei wenig Wasser gossartig ist. Jetzt überflutet das Wildwasser alles. Ein reissender Fluss, der alles mitnimmt. Die Lieblichkeit, auf den Felsen zu sitzen und zu staunen ist mit einem Mal zum lebensbedrohlichen Szenario geworden.

Das Paradies hat sich gewandelt.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Deep dive

In der vergangenen Woche hatte ich ein fantastisches Erlebnis, das ich Dir gerne sehr ans Herz lege. Ich ging mit einer Freundin zum Gong-Bad. Wir konnten uns beide nichts Genaues darunter vorstellen, dachten an Klangschalen und Yogagestik. Und dann wurde es etwas Unglaubliches.

Nach einer kurzen Einführung liess der Musiker uns auf den Boden legen und uns gemütlich für eine Stunde einmummeln. Und dann ging es los. Er sass im Kreise seiner Gongs, die er nicht einfach nur anschlug, sondern auch mit den Schlägern Kreise strich und die Schwingung der Töne im Tempo und Lautstärke und Ausstrahlung veränderte. Während dessen lagen wir auf Yogamatten, gemütlich mit Kissen und Decken und zum Teil Augenkissen und – lauschten. Liessen die Musik durch uns hindurch rieseln und strömen. Und in jedem und jeder von uns gingen ganz eigene Gefühle und Bilder auf Reisen.

Die Welt ist Klang.

Wie sehr passte dazu, dass Alan, der Musiker vorher sagte, wir sollten nicht schwatzen im Raum. Wir haben unendlich viele Gelegenheiten, sagte er, im Alltag zu reden. Aber nur sehr wenige Chancen die Stille zu erfahren. Und tatsächlich hörten wir unsere eigene Stille hinter diesen Tönen bald sehr deutlich. Alan nennt das „deep dive“ – und so ist es auch. Ein ganz tiefes Eintauchen in das Eigene, die ungeheilten Stellen, das verborgene Glück, das pochende Herz, das Rauschen des Blutes durch unseren Körper. Ich glaube, ich war noch nie im Leben so entspannt. Obwohl diese Klangreise durchaus nicht nur angenehm war. Ganz deutlich zeigen die Bilder, was noch in Dir arbeitet, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt und was noch zu Ende gefühlt werden darf.

Das Auftauchen nach dieser Reise war sanft und still. Tatsächlich sassen wir noch eine halbe Stunde in der Stille miteinander und Alan’s sanfte Stimme holte uns behutsam zurück in die Realität. Was für eine grandiose Erfahrung!

Das war ein sehr besonderer Tag. Am Nachmittag waren wir in dem autobiografischen Film „Bolero“ über das Leben von Maurice Ravel. Ein fürchterlich deprimierendes Werk. Wir verliessen den Film, bevor Ravel den Verstand verlor. Waren aber auch da schon inspiriert, was Klang und Musik mit uns macht.

Ein bisschen erinnerte mich das an einen Film vor 20 Jahren mit dem Titel „Rhythm is it“ mit dem grandiosen Dirigent Sir Simon Rattle. Er sagt damals in einem Interview, dass er schon als Jugendlicher spürte, dass alles, was uns ursprünglich ausmacht, Rhythmus ist. Und – dass er, als er das erste Mal klassische Musik dirigierte, spürte, wie jeder Ton durch seinen Körper hindurch liefe. Der Dokumentationsfilm zeigt ein Ballett Projekt mit Laien, dem grossartigen Choreograph Royston Maldoom und eben – den Berliner Philharmonikern mit Sir Simon und „Le sacre du Printemps“ von Stravinsky.

Eine tolle Vorbereitung also auf das Gong-Bad. Das ganz und gar nichts mit dem superklugen und niemals müden Verstand zu tun hat. Gong hören heisst vor allem: Dich selbst hören. Vor allem aber – ganz tief in Dich abtauchen. Wunderschön, berührend, wertvoll und wahr.

ES hat noch lange in mir weiter ge-gongt. Dieses Schwingen und Spüren und die Hingabe. Kinderleicht und ganz frisch und neu. Ganz leicht und ganz tief.

Na, was soll ich noch mehr sagen: www.dasgongbad.com

Das darfst Du erleben.

(ich werde es auch noch oft wiederholen, so eine erholsame Stille: Die beste Wellness, die man sich wünschen darf)

Und dann ist da ja auch noch der Sommer, der jetzt kommen will. Heute fuhr ich über einen Pass und sah, dass das sehr lange Berggras mit Sensen geschnitten worden war. Ich konnte nicht anders als anzuhalten und mich ein paar Minuten ins Heu zu legen und mich zu besaufen an diesem wunderbaren Duft. Ich muss wohl ein Glücksschwein sein, dass ich das Leben auf diese intensive Weise erleben darf.

Und DU? Was passiert gerade bei Dir? Hast Du Zeit für Sinnlichkeit?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

… vielleicht spürst du es mal wieder – hier? https://www.youtube.com/watch?v=_e-cwOn5w3A

oder hier…

Der goldene Schnitt

In den letzten Tagen hatte ich das Vergnügen von meinem Lieblingsmenschen begleitet zu werden. Er ist beruflich ein erfolgreicher Landschaftsarchitekt. Und wie die Dinge immer so sind, hatte ich unmittelbar vor seinem Besuch eine Architektin im Coaching (die erste ihrer Art und besonders wertvoll). Wie immer, wenn man mit solchen kreativen, ästhetischen Menschen zu tun hat – verzaubern sie einem die Sicht. Plötzlich sieht man wieder mehr. In dem Fall sehe ich das, was unser aller Augen verzaubern kann: Der goldene Schnitt.

Der Goldene Schnitt (lat. sectio aurea „Goldener Schnitt“, proportio divina „göttliche Proportion“), gelegentlich auch stetige Teilung einer Strecke, ist ihre Zerlegung in zwei Teilstrecken in der Weise, dass sich die längere Teilstrecke zur kürzeren Teilstrecke verhält wie die Gesamtstrecke zur längeren Teilstrecke. Das Konzept ist bereits seit der Antike zur Zeit des Euklid bekannt. Der Goldene Schnitt findet häufige Anwendung in der Kunst, taucht aber auch in der Natur auf. Der Goldene Schnitt ist eine Kombination aus Symmetrie und Asymmetrie und wird deshalb als besonders schön empfunden.

Wandelt man also mit einem Architekten durch die Welt, so sieht man das, was uns sonst oft verborgen bleibt: Die Schönheit in Gebäuden und Bauwerken, die Harmonie von Parks und Strassen, die Anordnung von Strassenbau und Städteentwicklung. Ich habe viel gelernt in den letzten Tagen und auch gesehen: Wie kann man Räume verändern, dass Menschen sich da wohl und geborgen fühlen, sich dort gerne aufhalten und auch – ausatmen können. Wunderbar!

Es gibt Grundlagen in der Architektur, die aufgrund von Form und Strukturen etwas vorgeben, dass das menschliche Verhalten und Empfinden beeinflusst. Wie beeindruckend war zum Beispiel folgende Gegebenheit: Wir besichtigten einen Vertikal Stadt Garten mitten in der nüchternen Bürogegend. Dort wurde vor mehr als 20 Jahren eine Parklandschaft auf kleinstem Raum geprägt, die durch verschieden hohe Ebenen Gelegenheiten zum Ruhen und Verweilen gaben. Die Pflanzen kletterten gerne und gesund nach oben und auch Vögel hatten den Lebensraum angenommen.

Auf meine Frage, ob man denn bei den allerhöchsten Ebenen an Schutzvorrichtungen für zum Beispiel Suizide gedacht hatte, sagte mein Bruder, das sei nicht nötig. Die ganze Bausituation sei nicht brutal genug für eine solche Tat. Und ja, der Boden war aus Glaskies freundlich und weich gestaltet und die Hecken hätten den Sturz aus höchster Höhe abgefangen. Und auf dem ganzen Park liegt eine liebevolle, stille Stimmung die einladend und geborgen anmutet. Wie grandios! Ein Bauwerk, das einen Raum eröffnet.

Ich liebe solche Räume. Im Sommer arbeite ich gerne mitten auf dem Opernplatz in Zürich. Da sitzen wir in bereitgestellten Stühlen, die aneinander gekettet sind. Der Ort bietet Platz und Abstand, die beiden Sitzgelegenheiten Zusammenhalt und Intimität. So wie die Insel Ufenau, die Insel der Stille, mitten im See. Sie ist ein in sich geschlossener Kosmos mit viel Blau im Aussen und im Oben. Im Winter arbeite ich in Nischen, zum Beispiel im Cafe Odeon und in Hotelhallen. Für manche Gespräche braucht es Anonymität, für einige Lebhaftigkeit und für andere einen sicheren Hafen. Der Raum hilft beim Gestalten und ob der Klient sich einlassen kann.

Ein lieber Coachee sagte einmal, die Coachingreise nach Jersey sei „orchestriert“ – also eine Komposition von sinnlichen Eindrücken, Raum, Rhythmus und tiefer Arbeit. Architektur und Umgebung kann das von ganz alleine. Es ist wichtig, den Raum für das Leben zu definieren und zur Verfügung zu stellen.

Ja – also: Der goldene Schnitt. Die Architektur als sinnliches Erleben im Aussen und als Resonanz für das Leben im Innen. Räume können Stimmung und Psyche positiv wie negativ beeinflussen. Auch auf die physische Gesundheit kann sie Einfluss haben. Architektur hat also für jeden Menschen eine sehr konkrete Bedeutung und bestimmt das alltägliche Leben viel stärker als Musik, Literatur oder Malerei.

Ein Hoch auf die Schönheit!

Ein Hoch aus den Lebensraum!

Vielleicht kannst Du diese Woche einmal dazu nutzen, genau hin zu schauen und hin zu fühlen wo Du Dich befindest – und was es mit Dir macht…. denn Du weisst ja:

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

Influencer

Ich habe jahrelang niemanden mehr im Auto mitgenommen und vermutlich hätte ich es auch diesmal gelassen, denn mein Auto war vollbeladen und ich hatte 650km vor mir, in denen ich mein Hörbuch hören oder singen wollte. Und doch – beim Kaffeetanken und Pause machen fiel mir die junge Frau auf. Eine junge, hübsche Französin. Mein Mutterherz sagte mir, ich kann sie nicht da stehen lassen. Und nach Tours sind es nur noch knappe 200 Kilometer. Ich fragte sie, ob sie mit sehr wenig Platz auskäme und den Rucksack zwischen die Beine klemmen könnte, denn mein Auto war schon mehr als voll.

Am Anfang waren die Gespräche nicht ganz einfach. Mein miserables Französisch – und sie schien sich nicht recht zu trauen, englisch zu sprechen. Irgendwann dann bat sie mich, einfach mal zu erzählen woher ich jetzt gerade komme und wohin ich fahre. Ich erzählte ihr von Jersey und meinen Coachings und plötzlich sagte sie, mich hätte wohl der Himmel zu ihr geschickt. In erstaunlich gutem Englisch berichtete sie mir, dass sie gerade aus einer amourösen Fehlentscheidung geflüchtet sei und ich sozusagen ihre Fluchthelferin wäre. Es stellte sich heraus, dass sie ihre „Amour fou“ gerade auf dem Rastplatz zurück gelassen hatte. Wir mussten beide lachen.

Es entspannte sich ein langes und tiefes Gespräch über die Irrungen und Wirrungen der Liebe und was emotionale Abhängigkeit mit uns machen kann. Und ich konnte ihr ein paar gute Impulse geben, wie sie da wieder heraus kommt und was sie daraus lernen kann. Ich fuhr sie dann direkt in die Stadt Tours, obwohl ich eigentlich schnell weiter musste bis zu meinem nächsten Etappenziel. Sie fiel mir um den Hals und sagte: Du musst eine Influencerin sein! Mit diesem Gespräch hast du mich so wichtig beeinflusst und jetzt weiss ich wieder weiter!

Es war eine schöne Begegnung und das Wort „Influencer“ lief mir nach. Vielleicht, weil in der vergangenen Woche diese schöne junge Frau bei mir im Coaching war, die sich aus den Stricken der ungesunden Beeinflussung ihrer Eltern so mühsam heraus winden musste. Ihr ganzes Leben war von deren Denken geprägt. Und gleichzeitig merkte sie schon immer, dass es niemals ihr Weg sein könnte, dem zu folgen, was ihre Eltern ihr vorgeschrieben hatten. Sie wollte ausbrechen – und ist es auch. Wunderbar stark und tief entschieden.

Wir alle beeinflussen uns. Die Welt beeinflusst uns. Wir stehen immer im Dialog mit der Umwelt, unseren nächsten Menschen. Und manches kann gut für uns sein, uns weiterhelfen, uns inspirieren und sogar befreien. Anderes – Haltungen, Meinungen, Konventionen, moralische Zeigefinger und vorgelebte Normen – können uns einengen und uns unserer Möglichkeiten rauben.

Ich habe als kleines Kind schon deutlich gespürt, dass das, was mir vorgelebt und auch vorgegaukelt wurde, unmöglich mein Weg sein könnte. Das Lösen aus diesen Fesseln war unheimlich hart. Und das immer immer wieder Herauswinden aus den neuen Fangseilen und Zwangsjäckchen ist eine Lebensaufgabe, die viel Kraft kostet.

Das Einzige was hilft: Frag dich, ob dein Herz, dein Bauch damit einverstanden ist mit dem, was du gerade entscheidest, denkst, wie du handelst und was du wählst. Ich behaupte: Meistens ist es das nicht. Aber unser Leitfaden, die innere Stimme, die innere Weisheit, die gefühlte Wahrheit ist eben leise und fein, während die suggerierten scheinbaren Wahrheiten lautstark brüllen, je nachdem wie oft wir damit gedanklich geimpft wurden und werden.

Und – ach herrjee – die Beeinflussung durch unsere eigenen gesammelten Glaubensmuster ist auch nicht zu verachten. Ich muss fast schmunzeln – das ist eine andere Geschichte: Als ich in Jersey auf die Fähre fuhr, bat man mich, die Alarmanlage meines Autos zu blockieren. Ich habe keine Ahnung, wo sich dieser geheimnisvolle Knopf befindet. Also lies ich das Auto offen, es waren ja noch hunderte andere Autos da und meinen Beutel mit Pass und Geld und Handy nahm ich mit. Zurück im Auto nach der Überfahrt suchte ich in meinem Rucksack, der auf dem Beifahrersitz geblieben war, nach meinem Euro-Geldbeutel. Und fand ihn nicht. War vollkommen sicher, dass ich ihn in die Aussentasche gesteckt hatte. Los ging die wilde, erfolglose Suche. Ich fuhr von der Fähre und war verstimmt. So ein blödes Ende meiner Reise. So schade. Ich verbrachte 650km mit diesem latenten Ärger. Und hundertmal fluchte ich über Condor und die Frechheit, dass sich da jemand bedient hat… noch am Abend jammerte ich darüber herum. Am nächsten Morgen im Hotel packte ich meine Übernachtungssachen ein. Und fand – zwischen Socken und Tshirt – den Euro-Geldbeutel.Wie war er da hingekommen? Ich freute mich wie verrückt, dass nun doch alles gut gegangen war.

Aber: Warum hatte ich so negativ gedacht? Warum den Mitarbeitern der Fähre so schnell die Schuld hingeschoben? Mich innerlich beschwert, warum ich immer so leichtsinnig war? Mich dafür verurteilt dass ich zu viel Vertrauen in die Menschheit habe? Alles völlig absurde Gedanken, die ich sonst nie denke. Da waren sie wieder, die Beeinflussungen meiner Eltern und vieler Freunde, die gerne sagen: Du musst aufpassen auf deine Sachen und Du darfst niemandem trauen.

Ich entsorge diese Gedanken jetzt gerne wieder und übe mich darin, meine eigene tiefste Wahrheit zu leben: Dass das Leben immer gut zu uns ist. Und wir uns nur von Zeit zu Zeit verwirren lassen.


Denn: Aller Beeinflussung zum Trotz haben wir etwas, das immer wahr ist: Unser eigenes Herz, unsere eigene innere Überzeugung. Die ist frei von Beeinflussung. Und ich wette, sie ist immer authentisch, klar und pur.

Hör auf Dein Herz. Lass Dich nicht verwirren. Auch nicht von dem neuen Berufsbild Influencer. Sei dein eigener Influencer. Du kennst deine Wahrheit, deine Bedürfnisse und deine Überzeugungen, aber hinhören wirst du müssen. Zur Ruhe kommen und reinspüren. Ganz einfach.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. Cèst la vie.