Fünf Wochen habe ich in einer Rehaklinik verbracht und dabei intensiv beobachtet, wie ein solcher Betrieb funktioniert. Vor allem habe ich die Interaktionen zwischen den Angestellten und den Patienten verfolgt. Und
Ich ziehe meinen (imaginären) Hut! Ich verbeuge mich!
Nicht nur – aber natürlich auch – weil ich keinen dieser Jobs machen könnte weil mir schlicht die Nerven dafür fehlen würden!
Sondern vor allem, mit wieviel Liebe, Geduld und Hingabe die Therapeuten und Fachangestellten Gesundheit das machen. Wie freundlich die Menschen in der Cafeteria und im Speisesaal waren. Wie jeder, der in diesem Haus arbeitet, achtsam mit den Menschen umgegangen ist. Eine gleichbleibende Qualität und freundliche Grundhaltung. Auch untereinander. Niemand war irgendwie genervt oder sichtlich gestresst, obwohl es mehr als genug Arbeit gibt und sich manchmal dringende Notfälle entwickeln.
Ich habe kleine Gesten beobachtet. Ein jüngerer Mann kollabierte zweimal morgens vor seinem Zimmer und atmete schwer. Er bekam Notfallhilfe. Wir anderen gingen oder rollten an ihm vorbei, um ihn nicht mit neugierigen Blicken zu brüskieren. Und ich sah die Fa-Ge, wie sie ihm sanft über den Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. Im Speisesaal sah ich, wie eine Dame der Bedienung um den Hals fiel, um sich zum Abschied zu bedanken und die Angestellte die Umarmung herzhaft erwiderte. Ich sah sanfte Physiotherapeuten, die Mut zusprachen (auch mir) und eine handfeste Frau, die eher ein straffes Regiment führte und motivierte. Ich sah Angestellte, die lange lange unendliche Geduld hatten, wenn ich schon beim Zuschauen oder Zuhören fast explodierte über die Dreistigkeit der Patienten.
Und jede Woche liefen einige glücklich in die Freiheit und eine neue Armada neuer Patienten erschien. Jedes Bett wurde innert Stunden neu belegt und jedesmal begann alles von vorn: Patienten die mit Schmerzen und Beschwerden kamen, schwach und leidend, zerschmettert und angstvoll. Jedesmal wurden sie von den Angestellten liebevoll aufgenommen, gehegt, gepflegt, wieder auf die Beine gestellt.
Ein nie endender Strom von Phönixarbeit: Die Leute fallen ins Feuer und verbrennen und stehen wieder auf in neuem Glanz.
Woher nehmen diese wunderbaren Menschen diese Kraft das immer weiter zu machen? Ich konnte sie nicht fragen. Mit vielen war ich in einem schönen Austausch. Und doch habe ich nicht gefragt, weil ich mich bewusst zurück halten wollte. Ich war nicht als Coach da, sondern als Patient – und Patient heisst nun mal auf englisch: patient. Was so viel heisst wie: Geduldig sein.
Ich war so geduldig wie ich nur konnte. Aber beobachtet habe ich sie trotzdem, die hilfreichen Engel. Und gestaunt weil sie ihren Job so gut orchestriert, so effizient und so zugewandt gemacht haben. Einigen durfte ich ein bisschen über die Schulter schauen und die ein oder andere Hintergrundgeschichte erfahren. Ich glaube ganz fest, dass diese Menschen eine riesige Portion Nächstenliebe bekommen habe. Weit mehr als die meisten Menschen, die ich kenne.
Also noch einmal: Ich verneige mich.
Wie viel besser wäre es, wenn es mehr Menschen gäbe, die diese Qualitäten in ihre Arbeitsbereiche tragen. Es wird mir eine Inspiration für meine Arbeit sein. Und vielleicht habe ich genau das gelernt in der Reha: Geduldiger, freundlicher, milder, toleranter zu sein. Denn, unnötig zu sagen für meine Leser: Ich habe mich jeden Tag viele Male über die zum Teil undankbaren Patienten geärgert. Wenn ich sie aus den Augen der Angestellten sah, wurde ich etwas freundlicher 😉
Ein Loblied also auf alle, die sich den Menschen annehmen, ihre Liebe und Geduld und ihre Unterstützung geben und wirklich mitfühlen.
La vie est belle! Das Leben ist schön.
