Bis vor fünfzehn Jahren habe ich ein Seminar angeboten, das „Spielräume“ hiess. Wir coachten fünf volle Tage in einem wunderschönen Haus über dem Ortasee in der Lombardei. Oh! Und wie exzessiv wir da das Leben feierten und in die Tiefe tauchten! Diese Tage lief mir wieder jemand über den Weg, der mich an die wilden Tage damals erinnerte – und plötzlich stand das Thema Spielräume wieder im Raum meines jetzigen Erlebens. Ich glaube, so ganz habe ich den Spielraum nie mehr verlassen…
Biologen, Psychologen und Neurologen haben seit einigen Jahren bei ihren gesellschaftlichen Untersuchungen fest gestellt, dass die Lebensfähigkeit jedes einzelnen Menschen sowie die Überlebensfähigkeit der Gesellschaft durch die Verdrängung und das Versäumen von Spiel zutiefst gefährdet ist.
Wie das?
Es geht alles in „Ordnungen“ voran, der Mensch hat gelernt seine Funktionalität immer mehr zu rationalisieren, zu perfektionieren. Viele Dinge laufen immer besser, auch der technologische Fortschritt wächst dynamisch und sehr schnell. Wir haben Prinzipien gelernt wie der Mensch funktioniert, wir haben gelernt wie man schneller, höher, weiter kommt, noch reicher wird, den Körper perfektioniert und wie man effizient arbeitet und natürlich haben wir gelernt wie wir uns in unseren Rollen verhalten müssen, um möglichst problemlos voran zu kommen. Inzwischen gibt es sogar Rollenmodelle für Plan B! Ich erkenne seit Jahren, dass Menschen, die ausbrechen wollen in die „Ausbrech-Schienen“ fallen und alle das selbe tun, was sie dann als „crazy“ bezeichnen aber genauso langweilig – weil vorhersehbar ist.
Wir leben in einer Dualität, im Schwarz-Weiss. Das geht, das geht nicht. Wenn man es zu etwas bringen will muss man sich so und so verhalten, die Regeln und Gesetze beachten, immer höflich, brav, lieb, angepasst, konventionell, linientreu, loyal und höflich sein. Wir leben nach dem Wenn-Dann Prinzip, sogar unsere Wahrnehmung ist bereits eingeschränkt, denn die Vielzahl der täglichen Anforderungen, der ständigen Ablenkung, der pausenlosen Lärm-Berieselung, der immer grossen Verfügbarkeit über Handy, Email, Telefon, Arbeitszeiten, Sport- und Hobby halten uns in Trab und unter einer kollektiven Hypnose, die keine eigenen Gedanken mehr zulässt.
Niemand lacht mehr über das Wort „Freizeitstress“.
Niemand stellt mehr in Frage, warum die Mehrzahl unserer Kinder und auch einige Erwachsene angeblich bereits am „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ oder an der Hyperaktivität leiden. Oder warum es immer mehr Amokläufe, Burnouts und Depressionserkrankungen gibt, denn auch dafür gibt es bereits Lösungen, eine Schublade, in die der Mensch und seine „Krankheit“ passt, pharmazeutische Hilfe und der Therapieplan, die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, die öffentliche Meinung ist auch darüber bereits manifestiert und Ärzte und Therapeuten haben ebenso gute Lösungen parat wie die Schulleitungen und die Personalabteilungen der Unternehmen.
Wir fahren alle – immer mal wieder oder beständig – auf einer „Schiene“…
je nach sozialem Status ist unsere Art, sich zu kleiden, wo und wie wir Urlaub machen, was wir essen und trinken, welche Hobbies wir pflegen, wohin wir zum Coiffeur gehen, welche Tageszeitung wir lesen, ja sogar welche Pages wir im Internet aufrufen, schon vor-programmiert denn wir entsprechen ja unserem Image, unserer Klasse.
Ein Beispiel: nennen wir ihn Benedikt, Anwalt in eigener Kanzlei in Zürich, 550.000 Franken p.a., 58, Militärrang des Oberstleutnants, inzwischen unglücklich oder gelangweilt verheiratet, zwei Kinder, beide in akademischer Laufbahn, Mitglied des juristischen Verbandes, der Rotarier und des Lions Clubs, trinkt gerne Barolo und mag die asiatische Küche, vor allem Sushi in der Sushi Bar auf der Bahnhofstrasse, dazu ein Glas Moet&Chandon zum Business Lunch. Spielt Golf, trägt Anzüge von Baldessarini und rahmengenähte Schuhe von Elgg, die er bei Grieder kauft, schenkt seiner Frau das Parfüm Chanel No.5, seiner Geliebten ein Dessous von Beldona oder ein Juwel von Les Ambassadeurs, denkt über ein Haartransplantat nach, liest die NZZ, macht Ferien in Singapur, Bora-Bora oder in einem exclusiven Club auf den Seychellen, fährt einen 93 Chevrolet mit vollverchromten Alu-Speicherfelgen oder einen dunkelgrünen Jaguar E-Type mit beigen Ledersitzen, auf seinem Schreibtisch liegen das Wall Street Journal, die Bilanz und das amerikanische Time Magazin, hinter seinem Schreibtischstuhl moderne Kunst, vielleicht eine Büste von Adorno. Seine Stadtvilla hat er verkauft oder seiner Frau überschrieben, er selbst lebt nun etwas ländlicher, auf der Türklingel steht aus Diskretions-gründen kein Name. Benedikt ist reich, kultiviert, verfügt über tadellose Manieren, einen hohen IQ, ein Golf-Handycap im professionellen Bereich und seinen alternden Körper hält er mit seinem personal Trainer fit.
Benedikt ist so gelangweilt dass es Tage gibt, an denen er nicht mal aufstehen mag. Denn dieses Leben kennt er seit 30 Jahren. Er weiss nichts anderes als das, was er leben muss weil es eben „seinen Kreisen“ entspricht. Dabei wäre er so gerne ganz anders, ganz simpel, aber das traut er sich nicht (mehr).
Das ist keine Idee, das ist ein realer Mensch, der in meinem Coaching war.
Wer nur noch schwarz und weiss sieht, kann die Farben eines Regenbogens nicht mehr wahrnehmen. Auch die fortgeschrittenste Gesellschaft kann weder Luft noch Nahrung noch Liebe und Beziehungen ersetzen und sie braucht Menschen, deren innere Lebendigkeit und spielerische Erfindungskraft noch nicht ganz eingeschlafen sind.
Es geht nicht um Spielerei, wenn wir fragen, inwieweit Leben Spiel sein kann.
Wo kämen wir denn da hin wenn jeder nur noch machen würde, was er will?
Das hat mich vor vielen Jahren eine wütende Dame am Telefon gefragt, weil sie einen Flyer von mir in den Händen hielt…
Ja, wo kämen wir denn da hin?
Vielleicht in den Eigensinn?
Vielleicht in die Kreativität?
Vielleicht sogar auf neue Gedanken?
Vielleicht auf neue Lebenskonzepte?
Vielleicht auf Lösungen, die man gar noch nicht kennt!
Vielleicht sogar auf Lösungen, die wir alle brauchen?
INS SPIEL?
Spiel ist keine Form des blossen Zeitvertreibs, den wir uns leisten können oder nicht. Spiel ist das Grundprinzip des Lebens – und Spielräume sind die Räume, in die hinein sich Leben entfaltet.
Spielen ist – wie im althochdeutschen „spelan“ enthalten – die suchende Bewegung durch die Welt, eine Lebensbewegung, die keinen ungebahnten Weg scheut, Umwege gerade nicht meidet und zugleich immer auf der Suche ist.
Der spielerischen Qualität und Haltung des Lebens haben wir eine gesellschaftliche Struktur und Ordnung entgegen gesetzt, die Spielräume gar nicht ertragen kann, oder diese zugebaut/gemauert hat – oder zugestuhlt hat damit kein Bewegungs-, eben kein Spielraum mehr besteht.
Wir alle träumen den Traum eines bewegten, abenteuerlichen, lustvollen, spontanen, freien, lustigen Lebens, wir alle träumen davon, das Leben selbst zu gestalten, vielleicht sogar ein Stück weit für die Gesellschaft anders zu gestalten, neue Spielräume zu erobern, auszubrechen aus den Schienen, der Langeweile, der vorgezeichneten Konzepte. Ich behaupte sogar, wir alle träumen davon, aus der ORDNUNG auszusteigen und in die Selbstwirksamkeit – und damit weiter! Zu kommen.
Wer sich frei durch Räume bewegt, ist schwer kontrollierbar. Werden wir wohl deswegen alle so gerne von der Karrierelaufbahn, den gesellschaftlichen Normen, der Medienlandschaft, Netflix und Co., TikTok und Social Media, dem Internet, dem sitzenden Spiel vor der Playstation betäubt? Damit wir ruhiggestellt sind und unseren inneren und äusseren Bewegungs- und Eroberungsdrang unter Kontrolle haben?
Schaut mal in die Ämter des öffentlichen Rechts, alles sitzende Wichtige. Für sie scheint die Eroberung der Spielräume wie eine Art der Anarchie!
Ich behaupte: Der Verlust unserer Spielfähigkeit und der Fähigkeit der Entdeckung und Eroberung von gegenteiligen neuen Lebensformen hat eine körperliche, geistige und emotionale Panzerung zur Folge. Wir sind ja schon alle völlig ungeschmeidig vom vielen Sitzen! Und das Paradox: Viele von uns sitzen sogar gerne!
Scham, Angst, Schuld, sitzen uns im selbst gewählten Gefängnis fest im Nacken. Es hält uns vom Ausbrechen ab. Allmählich wird so jede Lebens-Bewegung schmerzvoll abgestellt und selbst da, wo Spielräume und Veränderungs-Möglichkeiten greifbar sind, werden sie nicht genutzt und mit den unglaublichsten Begründungen sogar abgelehnt.
Wir alle also sitzen auf unserem Geld, dem Eigentum, der „Regeln“, auf unseren Beziehungen, auf unseren Meinungen und Weltanschauungen, auf unseren Positionen und Verdiensten samt Diplom, Medaillen und Orden. Ist das die vermeintliche Sicherheit, auf der wir sitzen? Anstatt zu leben sitzen die meisten von uns ihr Leben aus. Und dann ärgern wir uns krank, wenn das Leben sich nicht an unsere Bedingungen und Erwartungen hält.
Ich behaupte: Wir alle wollen zurück ins Spiel. Und wir alle wollen zurück zur Liebe. Nur ist unser Panzer schon so dicht geworden, das nichts Leichtes mehr durchdringen kann.
Aber wir können doch beginnen den Panzer aufzubrechen und zu schauen was drin ist. Zu schauen was an Leben, Leidenschaft, Leichtigkeit, Lebenslust, Liebe, Aufregung, Freude, Euphorie und Ekstase noch da ist.
Leben ist Beziehung und muss sich in Räumen gestalten, die auch einen Spielraum aufweisen, in den hinein sich etwas Neues entwickeln kann. In jedem Raum ist Spielraum! In jedem Raum ist Spielraum!
Schaffen wir uns also eine eigene Welt in dem wir die unsinnigen und nicht mehr notwendigen Ordnungen, Normen, Grenzen und Beschränkungen nieder reissen und mit hemmungsloser Spontaneität ausprobieren wer und was wir eigentlich sind.
Das können wir überall! Auch in einer sterbenslangweiligen Rehaklinik.
Ob ich dieses herrlich wilde Seminar wieder anbieten sollte?
Lust dazu hätte ich!
Vor allem: La vie est belle! Das Leben ist schön!
