Perspektivenwechsel

Wie schnell sich doch eine Perspektive ändern kann! Jetzt sehe ich aus meinem Bett auf eine neue Landschaft. Die Stadt, den See und gar nicht mal so weit die weissen Schneeberge. Die Menschen reden wieder schwyzerdütsch. In den letzten Wochen und Monaten habe ich nicht so viel gesprochen wie hier in einer Woche. Und ich bin langsam, auf den Krücken, von anderen abhängig. Es hat sich alles gekehrt.
Stoisch bleibe ich bei meinem Vorhaben für alles dankbar zu sein, weil mir das hilft, meinen zappeligen Körper und meinen unruhigen, gierigen Geist zu zügeln.

Dankbarkeit ist ausserdem einfach, wenn man nichts mehr alleine machen kann, wenn man viele hilfreiche Hände braucht. Aber auch: Zuspruch. Ich wusste nicht, dass ich das so nötig habe. Ich war es gewohnt, unabhängig und autonom zu sein und berauschte mich jeden Tag an meinen eigenen Entscheidungen, die mich da hin brachten, wo es etwas zu geniessen gibt.

Und jetzt freue ich mich über die Gesten, die Worte meiner Lieben, die guten Wünsche. Ein bisschen scheint es mir, dass sich vor allem eins gedreht hat: Jetzt schauen andere auf mich und nicht mehr ich auf die Welt. Wie überaus spannend!

Wie das Leben so will sammle ich auch hier Eindrücke. Was mich nachhaltig beeindruckt, ist das Management, wie die Dinge hier ineinander greifen, alles mit Checklisten abläuft, jeder weiss was der andere tut und was als Nächstes passieren wird. Ich muss ein bisschen schmunzeln über meine „ordentliche“ Schweiz. Wie habe ich mich darüber amüsiert als ich auf meiner wilden Reise war – und jetzt dreht sich die Perspektive und ich freue mich darüber.

Etwas rückt wieder an die richtige Stelle. Die Puzzleteile ergänzen sich.

Und auch andere neue Erkenntnisse zeigen sich mir jetzt. Wie sich das Leben in einem Rollstuhl anfühlt. Wie es ist in eine CT Röhre geschoben zu werden. Was man sieht, wenn man in einem Bett durch lange Flure geschoben wird. Wie unterschiedlich die Kommunikation von Ärzten läuft. Welche Charaktere die Pflegenden mitbringen. Ich hatte hier einen Nachtengel, die mich in der ersten und schlimmsten Nacht nach der OP bei Laune gehalten hat. Sie sprach wie ein Drogendealer und teilte gerne vom „guten Stoff“ aus. Ich musste immer lachen, wenn sie das so bezeichnete. Eine andere war eher handfest und rustikal, die mochte ich sehr. Sie kommt aus Mazedonien und man fühlte sich sofort wie ein beschütztes Baby bei ihr. Sie nahm burschikos alles in die Hand und fackelte nicht lange.

Ich sammle Eindrücke. Ich amüsiere mich. Ich bin dankbar. Diese drei Aufgaben habe ich jetzt. Zwischendrin aber schliesse ich die Augen und träume mich zurück an den langen weiten Strand von Benone und stehe mit Al am Mussenden Temple in Downhill, um auf den Atlantik zu schauen.
Ich hatte das allerschönste Jahr 2025. Mal sehen, welche Abenteuer dieses Jahr hier auf uns warten. Es bleibt spannend.

La vie est belle – Das Leben ist schön!

Ein Gedanke zu “Perspektivenwechsel

  1. Avatar von almostd112f5a22b almostd112f5a22b

    Liebe Maren,

    als eines Deiner unzähligen „Schäfchen“, denen Du mal hauptberuflich, mal im privaten Umfeld sozusagen durchs Leben hilfst, hab ich an diesem Zeitpunkt unserer Freundschaft das Bedürfnis, Dir noch mal explizit und quasi öffentlich meine Dankbarkeit und meine tiefe Verbundenheit auszudrücken.

    Ich hab so viel von Dir gelernt, so viel Inspiration und Ermunterung bekommen, dass ich nicht anders kann, als Dich zu den „Wissenden“ zu zählen, die Doris Lessing in einem ihrer Bücher als Menschen beschreibt, die im Bewusstsein des globalen Elends, der uferlosen Ignoranz und der systematisch vorangetriebenen Massenverblödung die Fahne der Menschlichkeit, des Verstehens und der Liebe zu allem, was lebt, hochzuhalten.

    Ich denke, dass Dein Netzwerk ganz nebenbei so eine Art Prototyp für unzählige weitere globale Zusammenschlüsse sein könnte, die der geballten Macht der Transhumanisten mit stoischer Gelassenheit ihr Beharren auf Autonomie und Empathie entgegensetzen.

    Und jetzt warten wir alle darauf, dass Du bald wieder laufen kannst, um Deine plüschigen Reisegefährten aus Irland zurückzubekommen …

    Fühl Dich herzlich umarmt von

    Reino

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