In meinem letzten Blog hatte ich noch geschrieben: Mein Herz ist voll.
Das war ein gutes Fundament für die Überraschung, die das Leben noch für mich hatte.
Ich war den ganzen Weg aus Nordirland herunter gefahren an die Südküste, um von dort die Fähre nach Frankreich zu nehmen. Hatte einen letzten Abend in Kilkenny genossen. Noch mal ein Stew gegessen, ein Guiness getrunken und bei „Max the Miller“ mit Benny, dem irischen Musiker, gesungen. Am nächsten Morgen war ich singend aufgebrochen, gut in der Zeit, mit der Voice von Ireland aus den Boxen und ich hatte mich gefreut. Um das Abschiednehmen leicht zu machen, hatte ich mir noch mal diese grossartigen Monate in Irland vor Augen geführt.
Kurz, ganz kurz vor dem Hafen, beschloss ich, nochmals voll aufzutanken, damit ich gleich weiter fahren könnte in Frankreich, nach Ankunft am nächsten Tag. Es regnete. Ich bog ab in die Tankstelle. Und – wurde abgeschossen.
Ein Fahrer mit sehr hohem Tempo raste in mich hinein. Mein Mini drehte seine feine englische Nase um 180 Grad, die Airbags sprangen raus. Es rauchte. Ich schleuderte. Der verengte Innenraum brach mir ein Bein. Ich hatte eine Vollbremsung bekommen. Man befreite mich aus meinem leider demolierten Auto. Ich fiel auf die regennasse Strasse. Um mich herum schrien alle. Der Verkehr wurde geregelt, Polizei und Ambulance gerufen. Ein lieber Handwerker las mich vom Asphalt auf und setzte mich in seinen Van. Da sass ich – im Wollmantel. Nass. Die Brille verloren. Erschrocken.
Und dann rettete mich etwas, das ich von Jed Mc Kenna gelernt habe: Dass meine Reaktion auf egal was – erst mal Dankbarkeit sein würde.
Denn: Ich hatte das überlebt. Wenn man überlegt dass der Typ, der mich als Rammbock benutzt hatte, mit ca. 80 km/h in mich reingedonnert war. Mein kleiner Mini mich beschützt hatte indem er nachgab und nicht stoisch stehen blieb. Der Handwerker mir von der Strasse geholfen und mir die wichtigen Sachen aus dem Wrack geholt hat. Und ich einen Weekender gepackt hatte, eigentlich für die Übernachtung auf dem Schiff, dessen Inhalt mir sehr wertvoll wurde. Und dass die Ambulance schnell da war. Dass die Menschen freundlich waren.
Die kommenden acht Stunden lag ich dann im Flur einer Emergency Station in Wexford und lernte die grüne Insel nochmals von einer ganz anderen Seite kennen. Ich war noch nie in einer solchen Situation und war völlig überwältigt, wie es da zugeht. Es war Stress, ganz ehrlich. Man liegt unter Neonlampen, wird nicht versorgt, kann nicht alleine pinkeln. Und wartet. Auf Röntgen und MRI und Einschätzungen. Mitten in der Nacht brachten sie mich in ein anderes Spital. Ich hatte viel Zeit zum Grübeln. Und verbat mir die Warum-Frage. Warum das noch passieren musste? Warum ich das unbedingt noch erleben musste nach dieser schönen Zeit? Wer weiss?
Wäre echt nicht nötig gewesen! Ja!
Aber was nutzt es da, in den Widerstand zu gehen? Gar nichts. Gar nichts. Auch nicht, als ich um 4:45 schliesslich auf ein Zimmer gebracht und von da an alle 15 Minuten wieder geweckt wurde. Ein Sechsbettzimmer in einem lausigen Krankenhaus, miese Hygiene, Fliessbandbetrieb. Um mich herum – ein Käfig voller Narren. Hätte ich nicht gewusst, dass ich in der Orthopädie bin, dann wäre mein Eindruck gewesen in der Psychiatrie zu sein. Die Patienten wurden hin und her geschoben, verloren alle verfügbaren Körpersäfte, stöhnten und schrien und diskutierten und waren wütend oder ängstlich oder desorientiert. Wow, so viel Wahnsinn hatte ich lange nicht gesehen.
Und dann bekam ich eine Bettnachbarin Illiin aus Tipperary, mit der alles leicht wurde. Wir lachten viel, erzählten, amüsierten uns. Es wurde lustig, ein irischer Craig sozusagen, wie so oft an anderer Stelle erlebt.
Und noch mehr Dankbarkeit war möglich: Meine Krankenkasse, die mich ausfliegen lässt in meine zuverlässige sichere Schweiz, mit einem netten starken Rettungssanitäter, der mir mit allem hilft. Die Versicherungen, die nun um alles kämpfen was mir zusteht. Meine neuen Freunde Ruth und Al, die sich um die Logistik meines Gepäcks kümmern.
Ich informierte nach zwei Tagen alle darüber, die es wissen mussten. In der Not, sagt man, wisse man, wo die Freunde sind. Ich hatte noch nie so eine Not, aber jetzt sah ich sie deutlich. Engmaschig woben sie mir ein Sicherheitsnetz aus Liebe und Zuspruch. Ich wurde aufgefangen. Auch von meinem Smaragdfreund und von meinem Lieblingsgesprächpartner in den Nächten, meinen Freunden in Frankreich, die stundenlang mit mir sprachen, weil sie wussten, dass man die Dinge erzählen muss. Von so vielen, die etwas für mich tun wollen. Von meinen Freunden, Geschwistern und meinen Söhnen, die gedanklich bei mir waren. Alle rückten zusammen, auch meine irischen Freunde und alle hatten helfende Hände und offene Herzen.
Jetzt habe ich verstanden, um was es ging: Ich sollte erkennen, dass es sich lohnt, nach diesem langen fantastischen Jahr in Solitude zurück zu kommen in die Zirkel meiner Lieblingsmenschen. Ich fühle mich mehr als willkommen in der Schweiz, bin dankbar für deren Ordnung und Sauberkeit und Seriösität. Ich werde auf weichen Händen zurück getragen in mein „altes“ Leben. Und das, was ich im letzten Jahr gelernt habe, die Essenz aus allem, die Freude, das volle Herz, es trägt mich. Es hält was aus. Es füllt mich an.
In den Tagen im Sechsbettzimmer habe ich unentwegt Tommy zugehört und die Schlafmaske auf meine Augen gezogen, die mir meine Schwester zu Weihnachten geschickt hat. Ich lag in meinem Spitalbett, hatte Opiate gegen die Schmerzen, überall Nadeln in den Venen, konnte mich kaum bewegen wegen des Schleudertraumas. Und: War glücklich wie viel Liebe mir entgegen kam. Und dankbar, dass mich alle gehalten haben, als ich am verletzlichsten war.
Abgestürzt aus dem siebten irischen Himmel. Und dann wieder aufgestiegen nach der knallharten Landung. Es ist noch ein lange Weg, bis ich wieder tanzen kann. Aber: Mein Herz ist voll.
Also gut, es geht weiter, der Himmel muss noch ein bisschen auf mich warten.
Hatte ich es schon erwähnt? Das Leben ist schön! Was denn auch sonst.
Nicht müde werden, dem Leben, wie einem Vogel, immer wieder die Hand hinhalten nach jedem Sturz aus dem Himmel.
La vie est belle. Tá an saol go hálainn.




Liebe Maren
Ich wünsche Dir eine gute und schnelle Genesung sowie eine gute Heimkehr in die Schweiz.
Alles Liebe
Jolanda
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