In Irland liegt nichts obenauf.
Alles ist bedeckt von Wind, Wasser, Geschichte. Selbst die Steine scheinen zu warten, bevor sie sprechen. Das Licht verändert sich ständig, alles ist in Bewegung und gleichzeitig auf eine zauberhafte Art still.
In der vergangenen Woche hatte ich eine überaus spannende Begegnung. Bei einer unserer Strandwanderungen hatte ich Al mal wieder von meiner Liebe zur irischen Musik vorgeschwärmt und dann hatte er mir erzählt, dass er einen Trommelbauer kenne. Er lebt in Inishowen, einer langgestreckten Landzunge etwa 50 Meilen von unserem Ort hier in Nordirland entfernt. So machten wir einen Besuch aus und es wurde eine überaus inspirierende Erfahrung.
Der Weg zu seiner Werkstatt führte durch Land, das nie ganz trocken wird. Moor, Gras, niedriger Himmel. Ein Ort, an dem man versteht, dass Festigkeit kein Versprechen ist, sondern ein Zustand auf Zeit. Ich kam nicht her, um etwas zu suchen. Ich kam, weil Irland einen dazu bringt, Dinge zu öffnen, die man woanders ordentlich verschlossen hält.
Er lebt wirklich sehr versteckt in einem winzigen Ort auf einem weitläufigen Gelände, es gab keine Strassennamen und kaum ein GPS Signal. So rumpelten wir schliesslich auf ein altes Gehöft in der Republik Irland, der Hof war etwa 200 Jahre alt und sehr verwittert und in der grossen Scheune war die Werkstatt von Shawn eingerichtet. Es roch nach Torffeuer, dem Meer, der Erde und nach Tieren, aber nicht unangenehm, der Himmel war wie immer in den letzten Tagen verhangen und es war düster – ganz ehrlich, ein bisschen spooky war es auch. In der Scheune empfingen uns zunächst einige Tierhäute, die da wie Landkarten aufgehängt waren. Und dann kam uns lächelnd Shawn entgegen, ein total irischer Typ. Bärtig und rustikal und herzlich und warm.
Wir kamen schnell in seinen Spielraum, er war gerade dabei eine Trommel zu bauen. Der Rahmen war aus dreilagigem Eichenfurnier, trotz dem harten Holz biegsam, weil es dünne Schichten sind, die noch ein bisschen flexibel sind. Und eine feine Ziegenhaut, die er gerade darüber gelegt hatte. „Die Trommel beginnt mit dem Tier, nicht mit dem Klang.“ So ging es los, ich hing ihm an den Lippen. Ich muss auch sagen: Wegen seinem sehr irischen Akzent, der mir immer noch eine hohe Konzentration abverlangt.
Shawn hatte in den Rand der Haut kleine Löcher gestochen und nun fädelte er mit dem feinen Lederfaden Stück für Stück ein.
Er sagte: „Das Trommelbauen ist eine Art Dialog zwischen mir und der Haut. Nicht zu fest, nicht zu schwach. Wir gehen eine Beziehung ein, ich muss mit allen Sinnen dabei sein. Hören, fühlen, sehen. Bitte seid ruhig, wenn ich nicht spreche.“ Wir sassen andächtig bei ihm und ab und zu gab er uns einen Einblick in das, was er tat.
Er führte die Schnüre kreisförmig um die Haut, um den Rahmen und dann ins nächste Loch. Es wurde nicht gezogen, es wurde wie ein Netz gewebt. Es war eine meditative Arbeit. Zwei die schauten, einer der etwas baute. Und so entstand ganz akkurat, ganz gleichmässig, eine schöne Form im Innen und Aussen der Trommel. Schliesslich begann das Spannen, Shawn sagte, das sei der wichtigste Part des Bauens: Ich wartete auf die Kraft. Auf den Moment, in dem er anziehen würde. In Irland wartet man oft vergeblich auf klare Übergänge.
„Man spannt nicht zuerst“, sagte er leise. „Man verteilt.“
Er spannte nicht gegen das Material. Er legte an.
Die Schnüre begannen ein Netz zu bilden, das noch nichts hielt. Das Fell bewegte sich, reagierte. Ich spürte, wie unruhig mich das machte. Ich kenne das Gegenteil. Ich kenne das schnelle Festziehen. Das schnelle Funktionieren.
Das Sich-Zusammennehmen.
„Die Haut hört zu“, sagte er. „Wenn du sie zwingst, vergisst sie.“
Er zog minimal an einer Schnur. Das Fell antwortete mit einem dumpfen Laut. Kein Klang, eher ein Erinnern. Dann an einer anderen Stelle. Immer weiter. Immer im Kreis. Nie an derselben Stelle zweimal. Nie dort, wo es am einfachsten gewesen wäre.
Die losen Enden standen in alle Richtungen.
Es sah aus wie etwas, das nicht abgeschlossen war.
„Warum schneidest du sie nicht ab?“ fragte ich zaghaft.
Er sah mich an, als hätte ich gefragt, warum man dem Wind befiehlt, stillzustehen.
„Weil es sonst reisst“, sagte er. Dann, nach einer Pause:
„Alles, was klingen soll, braucht Spielraum.“
Das Fell spannte sich. Es wurde tragfähig, ohne hart zu werden. Es begann zu halten. Er klopfte mit der Hand auf die Haut. Ein Ton, der nicht in den Raum ging, sondern in die Tiefe. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich ihn schon einmal gehört. Lange vor mir.
„Die Trommel ist älter als das Lied“, sagte er.
„Sie erinnert den Körper an etwas, das er nie gelernt hat.“
Die Trommel war fertig.
Ich verstand:
Nicht alles, was hält, muss fixiert sein.
Nicht alles, was offen ist, ist verloren.
Manches bleibt nur ganz, weil es nachgeben darf und Spielraum hat. Wie wunderbar!
Und schliesslich spielte Shawn noch für uns. Auf einer anderen Trommel. Er schlug einmal fest. Dann sagte er: „Das ist die Einladung.“ Wir waren wach. Dann spielte er und wir lauschten und fielen in eine Art Begegnung. Wir drei in einem Raum und die Haut eines Tieres, das Geschichten erzählt.
Hatte ich erwähnt, dass Irland das Land der Geschichtenerzähler ist?
Nach einer Stunde und einem Tee gingen wir und wir schwiegen den ganzen Weg zurück. Weil wir ergriffen waren, unseren Gedanken nachhingen und irgendwie auch nach Hause gekommen waren in einen Ur-Rhythmus.
La vie est belle – einmal mehr, aber lieber wieder so wie Shawn spricht: Tá an saol go hálainn – Das Leben ist schön.
