Von den öffnenden Blüten

Ich wüsste nicht, wie ich die Begegnungen der letzten Woche zum Erzählen auswählen sollte, denn ich hatte eine Fülle von grossartigen Menschen um mich herum. Bevor ich meinen kurzen Aufenthalt in Hamburg antrat, war ich etwas eingeschüchtert bei der Vorstellung, wieder unter viele Menschen zu gehen. Hier in Nordirland lebe ich die totale Einsiedelei, habe mit einigen wenigen Menschen Kontakt und versenke mich jeden Tag ins Schreiben, Lesen und Recherchieren.

Und dann ging es sofort los. In Belfast hatte ich den falschen Flughafen angesteuert und war in einen Strudel aus Stressmomenten gekommen. Trotzdem lachte ich mich kaputt. War ich ein Jahr durch die ganze Welt gereist, an den abenteuerlichsten Flughäfen abgeflogen, mit Kringeli-Schrift und Fremdartigkeiten und jetzt scheiterte ich daran, ob ich in der kleinen Stadt Belfast den International statt den City Airport gewählt hatte! Als ich durch die diversen Abschrankungen des Airports nicht heraus kam, half mir ein Mann vom Bodenpersonal. Er beruhigte mich auch. Legte seine Hand auf meinen Unterarm, sah mir (mit seinen wunderschönen blaublauen Augen!) in meine Augen und sagte: „Lady, just breathe a bit! Everything will be okay!“ Everything war dann auch okay. Auf dem Flug nach London traf ich eine spannende Frau, mit der ich munter plauderte und die ich gerne wieder sehen werde.

Und dann sammelte ich Juwelen. Die beiden Damen auf dem Flug nach Hamburg, eine Opernsängerin und eine Professorin für Nachhaltigkeit. Meine liebe Freundin seit 30 Jahren, die mich abholte. Und dann natürlich Xavier Naidoo, der uns alle mit einem grossartigen Konzert umhaute. Und ich lernte die neue Liebe meiner Freundin kennen, ein wahres Goldstück. Was für ein schöner Mensch! Wie sehr freue ich mich für meine Freundin, dass sie wieder so glücklich ist.

Zurück über London lernte ich einen Drehbuchautor kennen, der mich vollends verzauberte, über den ich zu gegebener Zeit einmal erzählen werde. Und dann zurück hier nach Portrush. Am Fenster stand mein Blumentopf und zeigte mir das erste Schneeglöckchen.

Schneeglöckchen waren für mich immer schon ein Symbol für das neue Jahr, ganz ehrlich, für mich beginnt das Leben erst, wenn sie aus dem Boden spriessen und mir zeigen, dass die lange kalte Nacht, der Winter, vorbei ist. Jetzt beginnt das Aufbrechen, das neue Leben. Auch für mich. In den kommenden Wochen heisst es, wieder in die südlichen Gefilde zu reisen. Nicht ohne mein eines Bein hier zu lassen. Nordirland bleibt mein „zweites Standbein“, das ist ganz sicher.

Ich habe viel über das Aufbrechen nachgedacht die letzten Wochen. Nicht nur, weil ich ein entsprechendes Buch geschrieben habe. Sondern weil ich sehe, was es mit Menschen macht, wenn sie es nicht tun. Dabei erinnere ich mich besonders an eine Managerin, die ich vor sehr vielen Jahren gecoacht habe. Sie war stahlhart. Undurchdringlich. Unzugänglich.

Weil ich damals gerne im Wald statt in der Praxis arbeitete, ging ich auch mit dieser Lady zu einem schönen Forst in der Nähe. Sie preschte sportlich voran und ich musste sie bremsen, wir waren nicht auf einem ihrer geliebten Marathon Läufe, sondern in einem kontemplativen Gespräch um in ihre Tiefe zu kommen. Sie verteidigte ihre knallharte Oberfläche und liess sich nicht ein. Da sah ich eine alte Baumnuss auf dem Boden liegen, die vom Herbst zuvor übrig geblieben war. Ich schüttelte sie, dann legte ich sie der Coachee in die Hand. Forderte sie auf die Nuss zu schütteln, die jetzt wie eine Rassel klang. Dann knackte ich sie. Die Frucht war winzig und stahlhart. Die Hülle natürlich auch. Ich zeigte ihr das Teil. „Wenn sich die Nuss nicht öffnet, oder nicht aufgebrochen wird, dann wird die köstliche Frucht schliesslich vertrocknen und ungeniessbar werden.“. Damit konnten wir arbeiten.

Wie ein Mantra könnte ich das 24/7 sagen: Raus aus der Komfortzone! Raus aus dem Bekannten! Raus aus dem Vertrauten! Trau Dich!

Auch ich hatte es mir hier in meinem Strandhaus wieder bequem gemacht und die selben kleinen Zirkel gezogen, als es so dunkel und kalt war. Und auch ich musste wieder ausbrechen aus meinen liebgewonnenen kleinen Routinen. Manchmal ist das schwer, weil es eben gerade so gemütlich geworden ist und man vertraut ist mit allem. Ich muss mich dann überwinden das zu verlassen. Aber ohne den Schritt nach aussen erweitert sich unser Blick, unser Geist, unser Leben nun mal nicht.

Bevor ich meine Reise antrat, haben mir viele gesagt es sei mutig, dass ich aufbreche und die Dinge hinter mir lasse. Wenn ich jetzt mit einem Erfolg zurück kehre, dann werden alle sagen: Es hat sich gelohnt. Würde ich aber nicht mit einem sichtbaren Erfolg zurück kommen, dann würden sie von Übermut reden.

Warum fürchten wir uns nur so sehr von dem Unbekannten, dem Neuen?

Ich habe in diesem grossartigen Jahr, dessen Bonusmonat ich gerade noch geniesse, so viele interessante Menschen und Orte gefunden! So viele neue wertvolle Freundschaften geschlossen, Ideen bekommen, Einblicke gehabt, Zauber erlebt. Ich könnte es gar nicht genug aufzählen oder gewichten. In seiner Fülle war es kunterbunt, fremd, tief und amüsant, schockierend, völlig absurd, gefährlich, magisch, aber vor allem bereichernd. Als ich zum Jahresende ein Resümee geschrieben habe, dachte ich, das war das beste Jahr meines Lebens. Ein Riesen Geschenk.

Vielleicht aber auch, war es „nur“ der Anfang. Das Schneeglöckchen ist aufgegangen und sagt mir klar und deutlich: Wart nur mal ab, es geht gerade erst los.


Weil:

La vie est belle – Das Leben ist schön!

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