Der Wind hat sich gedreht hier in Nordirland. In den letzten acht Tagen hatten wir steifen Nordwind, direkt aus dem Polarkreis. Auch mir wurde bewusst, dass ich jetzt wirklich im Norden bin. Ich habe sofort aufgehört mein Morgenbad im Atlantik zu machen. Denn: Nass aus dem Wasser raus, das ging gar nicht mehr. Alleine der Weg über den Strand wäre schon grauenhaft kalt gewesen. Natürlich musste ich auch über mich selbst lachen und mich als „Weichei“ beschimpfen, denn die Iren, die gehen bei jedem Wetter und jeder Temperatur noch schwimmen …

Es wurde alles ein bisschen ungemütlicher und vor allem wurde es krass kalt. Nach einer feuchten Nacht inclusive Nebel war am nächsten Morgen alles mit Eis glasiert. Wie eine dünne Schicht Lack sah das aus: Alles war eingefroren. Leider schaute ich nicht erst genau auf die Landschaft draussen, bevor ich das Haus verliess. Also zwei Schritte raus und es haute mich direkt der Länge nach hin. Knallhart der Boden… gut, dass ich mich nicht ernsthaft verletzte. Ich lag noch, als ein netter Mann auf mich zu schlitterte und mir helfen wollte. Aber ich winkte ab – er war ja selbst nicht sicher auf den Füssen! So kroch ich auf allen vieren zurück zur Haustür und blieb drinnen an dem Tag. Natürlich hoffte ich auch ein bisschen, dass kein Autofahrer in meinen Mini rutschen würde. Aber ich sah grundsätzlich fast niemanden draussen fahren oder gehen. Das wollte niemand riskieren.
Und jetzt drehte sich der Wind gestern. Der Himmel riss auf und zeigte sein schönstes Blau. Der Südwind war ganz lau, es wurden über 10 Grad und alle liefen wieder am Strand, ohne Mütze und Handschuhe wie die letzten Tage.

Auch für mich wird sich der Wind wieder ein bisschen mehr drehen. Morgen werde ich aus meiner Einsiedelei ausbrechen und von Belfast nach London und dann weiter nach Hamburg fliegen. Dort mit meiner Freundin auf ein lang ersehntes Konzert gehen mit tausenden anderen Menschen. Das macht mir ein bisschen Kopfzerbrechen. Auch wenn es nur für zwei Tage ist: Kann ich noch mit so vielen Leuten? Wie kann ich da ganz ruhig bleiben? Oder wird es mich überwältigen?
Wie gut, dass ich letzte Woche ein grossartiges Gespräch mit einem Shaolin Meister gehört habe. Shi Heng Yi. Das ganze Interview kann ich jedem ans Herz legen, der sich mal zweieinhalb Stunden Zeit nehmen will. Da sagt Shi, dass wir eben nicht zu sehr involviert sein dürfen in das Aussen und bei uns selbst bleiben müssen. Wie wohltuend, wenn man bedenkt, dass das eine echte Lösung sein kann. Ich weiss seit Jahren, dass der Verzicht auf TV und News mir gut tut. Bin ich doch einmal konfrontiert mit dem, was andere Menschen sagen, dann weiss ich, wie schnell es mich packt und ich meinen inneren Frieden verliere.
Aktuell zum Beispiel meint ein Komiker er könne sich ein Land zu eigen machen, das sich dafür gar nicht interessiert. Sehe ich die Schlagzeilen, ja leider, dann nervt mich das sofort und ich habe eine Meinung dazu, die mich in eine Emotion bringt. Aber was habe ich damit zu tun? Nichts. Kann ich daran etwas ändern? Nein. Kann ich dem Typen sagen er soll den Mund halten? Nein. Na gut. Ich kehre zu mir zurück. Denn mein Leben ist woanders. Um konkret zu sein: Im Moment an der Nordküste von Nordirland.
Wenn der Wind sich dreht, ist es gut, wenn man einen inneren Kompass hat, der uns den Weg zu uns selbst zurück weist. Und noch eins kann man machen: Man kann sich auch vornehmen, alles im Leben zu geniessen. Damit meine ich nicht das Lesen der News. Sondern: Wo bist Du gerade, wenn du mit den News konfrontiert wirst? Wer ist bei dir? Wie fühlst du dich?
Ich habe das Experiment gemacht. Habe den Laptop aufgeschlagen. Die Newsseite angesteuert (weil ich wissen wollte ob der Airport Hamburg wieder landefähig ist). Da sprang mir die Headline mit dem Komiker entgegen. Ich ärgerte mich, sofort. Dann klappte ich den Laptop zu. Spürte, dass ich bequem mit einer Tasse irischen Tee hier an meinem Tisch sass. Mit Blick auf den Atlantik. In meinem geliebten Irland. Beim Sturz hatte ich meine Balance etwas verloren aber heute ist alles wieder fein. Ich sah, was vor mir liegt. Auch die nächsten Tage. Wiedersehen mit meiner Freundin. Grossartiges Konzert. Endlich mal wieder deutsch sprechen in seiner schönsten Form. Abenteuer London am Donnerstag und Rückkehr hierher nach Hause am Donnerstagabend. Ach ja und das ausgedruckte Manuskript liegt neben mir.
Kein Komiker weit und breit in meinem persönlichen Lebensraum. Und Grönland – zu weit weg, um dort hin zu schauen.
Der Südwind ruft mich, ich fahre an den Strand.
La vie est belle! Das Leben ist schön.