Im Sommer in der Ardeche hatte ich diesen Artikel gelesen: „Der Atlantik ist meine Therapie“ und ich hatte gestaunt und mich gefreut, weil der Atlantik auch mich schon so lange und intensiv begleitet. Der Bericht über Al Mennie hatte mich inspiriert und gelockt, ihm zu begegnen. Im Oktober würde ich in Irland sein, den ganzen Winter dort verbringen. Zu meiner grossen Freude sagte er zu. Nach einigen Wochen an der Westküste und schliesslich an der Causeway Coastline in Nordirland war es Zeit für eine Begegnung. Ich hatte sein neustes Buch „Night Swimming“ verschlungen und mich auf seiner Webseite in seine abenteuerliche Geschichte eingelesen.
Wie begegnet man einem Helden des Meeres? Ich wollte eine neue Geschichte bei Al finden. In den Presseartikeln, die seit seinem 14.Lebensjahr über ihn geschrieben wurden, war er eine Legende, voll von Superlativen. Ein Big Wave Surfer, der erste Ire der in einer Nation, die keinesfalls fürs Surfen bekannt war, die riesigen Wellen geritten hatte. In Nazare/Portugal, in Maverick die Monsterwellen bezwungen hatte und schliesslich den Virus nach Irland getragen hatte: Hier hatte er das Surfen etabliert, hatte in Mullaghmore, an den Cliffs of Moher, an der Nordküste von Irland gezeigt, was Big Wave Surfen war. Und er war mit einem Surfboard von Irland nach Schottland gepaddelt.
Schliesslich begann er in 2020 in der Nacht im Atlantik zu schwimmen. Zunächst für 100 Nächte in Folge, jede Nacht, im Winter, bei jedem Wetter. Eine Disziplin, die er noch immer einhält. Er hat einen schwarzen Gurt in MMA und viele athletische Ziele erreicht. Seine sportliche Geschichte ist beeindruckend und bringt einen zum Staunen.
Aber Al ist nicht nur ein Sportler der Sonderklasse sondern auch ein ganz besonderer Mensch. Wie schön kann man sich dem annähern, wenn man sein Buch „Escape“ liest und auch seine sensibel erzählten Kinderbücher, vor allem „Rise“, in dem es darum geht, wie der kleine Al als Junge den Traum hatte, einmal die grössten Wellen der Welt zu surfen. Ein Mutmacher, der auch Kinder dazu bringt, an ihre Träume zu glauben. Mit viel Disziplin, einem brennenden Herzen und riesiger Motivation hat er daran gearbeitet und seither mittlerweile jahrzehntelang alle seine Träume verwirklicht.
Ich treffe Al an einem Morgen, an dem wir mit seinem Hund Blyton einen kleinen Spaziergang machen wollen, um von den Klippen bei Mussenden Temple, oberhalb von Castlerock, seine Schwimmstrecke anzusehen.
Eigentlich hatten wir gewartet, bis der Regen etwas nachliess, aber auf dem Weg zurück regnete es in Strömen, das Wasser durchweichte uns in wenigen Minuten, der Hagel trommelte auf uns ein. Ich glitt etwas aus, seine helfende Hand hatte er in Sekundenschnelle zu mir ausgestreckt und dann wechselte er die Seite, um mich mit seinem grossen Körper etwas vom seitlichen Regen zu schützen. Schon da fällt mir auf, was für ein schönes Herz er hat. Al ist jemand, der sich hingebungsvoll kümmert, später werde ich das in vielen kleinen Gesten bemerken.
Ich muss ein bisschen schmunzeln, als er mir erzählt, dass in einer der letzten Nächte plötzlich eine Formation von Soldaten am Strand postiert standen. Er hatte sich gewundert, wer die Menschen waren, die da plötzlich am sonst immer menschenleeren riesigen Strand aufgetaucht waren. Schon bei seiner Geburt war so ein Phänomen aufgetreten. Am selben Tag war der Sohn eines hohen Politikers geboren worden, im selben Spital und das ganze Krankenhaus war mit Soldaten beschützt worden. Ich glaube ganz fest: Al wird beschützt. Im übertragenen Sinne. Denn seine sportlichen Aktivitäten sind von aussen betrachtet sehr gefährlich. Der Nordatlantik ist kein mildes Mittelmeer, vielmehr ein Ozean, der seine eigenen Gesetze hat. Man darf nicht vergessen: Er hat sich auch das „unsinkbare Schiff“ geholt. Der Atlantik reisst, tobt, schaukelt, spült, nimmt mit, wirft zurück. Ein bewegtes, wundervolles Biest.
Wie gut, das auch ein anderer auf ihn aufpasst: Der
Manannán mac Lir – eine zentrale Figur der keltischen , Mythologie, ein Meeresgott, Herrscher der Anderswelt und mit der Insel Man verbunden, was sich in seinem Namen „Sohn des Meeres“ widerspiegelt; er ist ein Beschützer der Seefahrer, Krieger und nutzt übernatürliche Gaben und magische Gegenstände wie einen Nebelmantel (der Manannán kann sich unsichtbar machen, genau wie Al) und ein magisches Schwert (wenn das kein Symbol für einen Soldaten ist).
Aber Al geht nicht ins Meer um der Gefahr ausgesetzt zu sein. Er geht um ganz und gar zu leben. Das Leben intensiv zu erleben und zu erspüren und ganz mit ihm zu verschmelzen. Das Wort „intensiv“ ist in sein Herz eintätowiert. Und das spürt man, wenn man mit ihm zu tun hat: Er brennt.
Einen Abend später darf ich ihn zum Nachtschwimmen begleiten. Er hat es schön geplant, mich mit Sicherheit geführt, den Treffpunkt ausgemacht, mir Licht mitgebracht. Und dann sehe ich, wie er sich freut. Als wir zum Startpunkt des Schwimmens laufen, es ist eine herrlich dunkle Nacht, dreht er sich immer wieder am endlos weitem Strand, zeigt mir das spiegelnde Wasser im Zwielicht und die riesige Weite. Er jubelt, breitet seine weiten Arme aus und umarmt die Landschaft. Und dann geht er zum Meeressaum und verschwindet in der Schwärze des Ozeans. Gibt sich hin, verschmilzt. Ich laufe langsam zurück und stelle mir vor, wie es sich anfühlt, jetzt in der eiskalten Brandung zu schwimmen. Wie er durchzieht, sich in den Flow begibt und vom Meer ganz und gar aufgenommen wird.
Als er schliesslich wieder auftaucht, lässt er mich mit einem Pfiff aus seiner Trillerpfeife wissen, dass er wieder da ist, lange bevor ich ihn sehen kann. Er kommt aus der Dunkelheit zurück ins Licht, ist euphorisch und glücklich und ich bewundere ihn. Was für ein Abenteuer! Das kann ich so gut verstehen! Ich laufe neben ihm her und kann sein Glück sehen, das hier jede Nacht entsteht.
Wir fahren zurück vom Strand und ich drücke ihn zum Abschied. Sein ganzer Körper ist Kraft und Dynamik. Ich glaube, so eine Energie habe ich noch nie umarmt. Aber was auch zu fühlen ist: Al ist eine Seele von Mensch, aufmerksam, zugewandt, bewusst, caring und sensibel. In der Zwischenzeit hatte ich mehrere Gelegenheiten, ihn zu erkennen. Ich muss ein bisschen lächeln – in fast allen Berichten über ihn wird er als „Gigant“ dargestellt, immer bezieht sich das auf seine stattlichen Zweimeter Körpergrösse. Aber tief innen, da ist er noch viel mehr ein grosses Juwel.
Ich freue mich, dass ein Mensch wie Al sich schenken kann. Mit seinen Büchern, seinen Charity Projekten, der Arbeit mit Kindern und als Speaker gibt er etwas weiter, das er in der Freiheit des Meeres findet – die Liebe zum intensiven Leben.
Dass er mit dem Meer tanzt, wie er schreibt, kann man fühlen, wenn man ihm begegnet. Ich bitte Manannán darum, ihn immer wieder zu umarmen und zu beschützen, mit ihm zu spielen. Ihn aber auch immer wieder zurück ans Land zu bringen, damit die Menschen ihn geniessen können.
La vie est belle – Tá an saol go hálainn! Das Leben ist schön!
Instagram: swimthroughdarkness und al_mennie
und hier noch ein Film: https://www.youtube.com/watch?v=AvFOP19XMTc

Wow. Was für Begegnungen!
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