The voice of Ireland!

Gestern habe ich den ganzen Abend geweint. Weil es eben einfach so schön war.

Als ich Tommy Flemming das erste Mal gehört habe, wusste ich sofort: Der singt sich die Seele aus dem Leib. Ich war völlig hin und weg. Seit vielen Jahren höre ich fast ausschliesslich irische Musik. Sie ist meine Seelenmusik, oft meine Therapie, immer mein „Aufsteller“. Und irgendwann erreichte mich auch „The Voice of Ireland“. Tommy ist ein Tenor, der ein breites Crossover aus traditioneller irischer Musik und neuen und alten Songs singt „die zu ihm passen und die er liebt“ – das ist seine Entscheidungsgewalt.

Wie durch einen Zufall geführt, hörte ich auch endlos Tommy zu, als ich in den vergangenen Tagen und Wochen durch Nordirland fuhr. Einer momentanen Intention folgend googelte ich, wo er lebt und ob es Konzerte gibt in der nächsten Zeit. Und zu meinem riesigen Glück gab es ein Konzert in der Nähe Belfast, wo ich mich gerade befinde. Also zweimal schnell geklickt und das Ticket war gesichert. Ich schrieb bei meiner Bestellung noch einen Gruss an Tommy’s Management und dass ich aus der Schweiz komme und Tommy schon ewig höre und bewundere. Ich bekam das Ticket und eine Einladung zum Meet-and-Greet backstage vor seinem Soundcheck. Was für ein Wunder!

Leider hatte ich nur ganz kurz Zeit mit ihm, aber wie sehr genoss ich, ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen und ihn als Mensch wahrzunehmen. Warum er singt wollte ich wissen. Und er: „Ich singe seit ich winzig bin, ich habe gesungen bevor ich gesprochen habe. Mit 7 hatte ich meinen ersten Auftritt. Ich kann nicht anders, es muss einfach aus mir heraus. Ich muss meine Stimme herausschreien, weil so viel Liebe in mir ist für Musik.“ Ehrlich gesagt, ich habe noch nie jemanden gesehen, der seine Antworten so sehr körperlich ausdrücken konnte. Tommy legte eine Hand aufs Herz. Das hat er während des Konzerts immer wieder gemacht. Ich konnte fühlen was er da aus sich heraus explodieren lässt. Und nicht nur ich.

Wie alle Iren ist auch Tommy sehr gläubig und sagte, er habe diese unglaubliche Stimme als Gabe von Gott bekommen und er könne nicht anders, als sie zu geben. Und das trotz aller Widerstände.

Für Tommy aus dem abgelegenen Dorf Aclare in der Grafschaft Sligo war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Wie viele andere auch beschritt er den Weg der verrauchten Hinterzimmer-Gigs, Wohltätigkeitsauftritte und rauen Festival-Tourneen, durchlebte schwere Zeiten und überlebte dank seiner Jugend, seiner Begeisterung und sehr wenig Geld, während er auf den schwer fassbaren „Durchbruch” wartete.

Resilienz ist eine starke Charaktereigenschaft. Tommy Fleming verfügt über diese Eigenschaft im Überfluss und hat sie schon oft genutzt, als seine Karriere ihm zu entgleiten schien. Ein Beispiel dafür ist die Zeit nach einem schweren Autounfall, bei dem Tommy sich aus dem brennenden Auto befreite, sich das Genick brach und eine Zwangspause einlegen musste. Tommy trotzte allen Widrigkeiten, konzentrierte sich auf seine Gabe und kehrte nach einer zehnmonatigen Pause zurück auf die Bühne, die er mit Leidenschaft und Engagement wieder in Besitz nahm.

Und noch ein Schicksalsschlag ereilte ihn. Seine Eltern starben beide innerhalb eines Tages, die Mutter am Morgen, der Vater am Abend. Tommy, der mit drei älteren Schwestern und in einer überaus glücklichen Familie aufgewachsen war, haute es völlig aus den Schuhen. Seine Trauer und Verzweiflung waren so gross, dass er drei Jahre nicht singen konnte. Seine Stimme wollte sich einfach nicht ausdrücken.

Dann kam er zurück. Er hatte einen Song geschrieben, der ihn immer wieder tröstete: „Good bye my old friend“ – und er beschloss, die Verzweiflung nicht mehr wegzudrücken sondern sie als seinen, vielleicht lebenslänglichen, Begleiter mitzunehmen. Auch gestern hat er den Song performed und kein Auge blieb trocken.

Um sich „neu zu fokussieren“, legte er eine Pause ein. Typisch für den leidenschaftlichen Tommy – nicht irgendeine Pause – keine zwei Wochen auf Mallorca für die Stimme Irlands, sondern sein kämpferischer oder vielleicht auch rastloser Geist veranlasste den enthusiastischen Tommy, eine sechsmonatige Pause einzulegen und sich GOAL als Aussendienstmitarbeiter im Südsudan anzuschließen.

Eine demütigende Erfahrung, die seine Überzeugung, das Leben aus einer „halbvollen“ Perspektive zu betrachten, nur noch bekräftigte. Nach seiner Rückkehr eroberte Tommy die irische und britische Szene wie ein Tornado, gewann an Kraft, als er durch die Konzertsäle fegte, sorgte für Furore in den USA und Japan, erreichte mit starkem Rückenwind die Küsten Australiens und hinterliess wie alle guten Stürme seine Spuren. Multi-Platin-Verkäufe – ausverkaufte Tourneen – Fernsehauftritte – Forderungen nach mehr – seine Shows, die sich in wenigen Jahren weiterentwickelt, vergrössert und gereift sind, werden nun von einer kompletten Band und einem Orchester begleitet.

Und doch ist er total bodenständig. Ich durfte nach dem kurzen Treffen, das ich jede Sekunde genossen habe, sein Konzert in der Kathedrale erleben. Er kam ohne Schnickschnack auf die Bühne am Altar, sang los, nahm die Menschen für sich ein und berührte – ganz sicher! – jedes einzelne Herz.

Wie berührend, als er „Hallelujah“ von Leonard Cohen sang … wir alle sangen den Refrain mit. Und dann passierte etwas Unglaubliches: Wir sassen in den Kirchenbänken und sangen mit vollen Stimmen den Refrain der Hymne und dann – legten wir alle unsere Arme um die Schultern der Sitznachbarn. Das war eine kollektive Geste, die ich so noch nie erfahren habe. Ich war tief beeindruckt. Tommy stand vorn und legte sich die Hände aufs Herz. Er erzählte, dass er in den letzten Wochen durch eine schwierige Zeit gegangen wäre. Er habe damit gehadert, ob er in Belfast singen könne. Aber jetzt wüsste er wieder, warum er all das macht, was da zusammen entsteht. Seine Dankbarkeit konnte ich deutlich in seinen Augen sehen. Ein tiefer, wunderschöner Mensch.

Tommy schenkt sich der Welt. Ganz und gar und ohne Rückhalt.

Wie oft kann man sich eigentlich verlieben?

Ich denke: Jeden Tag. Ins Leben.

Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön.

Ein Gedanke zu “The voice of Ireland!

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