Heute fällt es mir ein bisschen schwer, den Blog für die vergangene Woche zu schreiben. Weil ich gerade so glücklich in Nordirland bin. Aber ich schreibe immer aus der letzten Woche und in der vergangenen Woche hatte ich den Blues. Der wollte gehört werden und den möchte ich besprechen, obwohl er so gar keinen Spass macht.
Jedes Jahr ereilt mich der Mistkerl. Sobald mein von mir verhasster Monat November kommt. Es gibt nur etwas Gutes im November. Eine meiner Besties hat Geburtstag. Aber da sie am 2.11. ihr Wiegenfest hat, kann ich den Rest des Novembers schamlos hassen. Denn: Die Blätter sind von den Bäumen gerissen, alles Bunte verschwindet. Es wird nass, kalt, dunkel, neblig. Die ganze Natur zieht sich zurück in den Winterschlaf. Und die Schwärze kommt, die lange Schwärze. Alles wird langsam und man zieht sich mit dem Leben zurück. Meine Krisen habe ich immer im November, da muss ich gegensteuern, sonst zieht es mich runter.
Sogar dieses Jahr, in meinem Jubeljahr! hat mich der Novemberblues ergriffen. Denn ich hatte nicht gut aufgepasst. Mir das falsche Haus gebucht. Ende Oktober war ich nach Bruckless, nahe Donegal, gezogen. In ein kleines sehr kaltes Cottage, das in einer riesigen Parkanlage stand. 18 Hektar Land um mich herum. Aber keine Menschen. Und schon gar keine Lieblichkeit. Der direkte Zugang zum Meer entpuppte sich als matschiger Moor, die alten Bäume tropften jeden Tag vom nicht endenden Regen. Sogar die Schafe auf den Weiden machten einen trostlosen Eindruck. Und es war kalt, sehr kalt im Haus.
Die ersten Tage fuhr ich noch fröhlich singend durch den County Donegal und sah den schönen goldenen Herbst. Dann aber musste ich mein Auto abgeben in der Garage, weil eine Sicherheitslampe glühte. Es dauerte lange, bis sie das richtige Teil hatten. Eine Woche war ich gefangen in der dunklen Hütte. Ich verbrannte sehr viel Holz. Ging sogar einmal zwei Tage nach Galway mit dem Bus, um dem Cottage zu entfliehen. Dann kam ich zurück. Das Haus war ausgekühlt, der Regen hatte alles aufgeweicht. Mit voller Wucht haute mich der Blues aus den Schuhen.
Ich sass gefangen auf dem Gelände, so fühlte es sich an. Denn wenn ich mit dem Bus nach Donegal fuhr und am späten Nachmittag zurück, dann war es dunkel und ungastlich, obwohl ich Lampen und Duftkerzen laufen liess während ich weg war.
Das Leben brach über dem Dach zusammen.
Das Spannende ist: Es geht ja nicht nur mir so – und nicht nur wegen einer wohnlichen Fehlentscheidung. Das ging mir auch früher schon so, im schönsten Haus und mit den liebsten Menschen oder meinen Vierbeinern um mich herum. Der Novemberblues ist ein Phänomen, das viele trifft. Und das ist Jahreszeiten abhängig so: Es ist die Abwesenheit des Lichts, die hier stresst. Weniger Licht heisst mehr Melatonin und weniger Serotonin und das heisst: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen.
Das Nervensystem läuft langsamer, Konzentration, Motivation, alles braucht viel mehr Kraft. Gleichzeitig verändert sich der innere Rhythmus. Der Körper will Rückzug und ruhen (die Bären machen das einfach: Der Winterschlaf in der Höhle steht an). Der Alltag verlangt, dass wir weiter machen, weiter laufen und weiter funktionieren. Ein riesiges Spannungsfeld entsteht. Wir ermüden uns selbst, weil wir weiter machen.
Aber auch ohne das Funktionieren drückt uns die Dunkelheit aufs Gemüt. Wir wissen, dass der lange kalte dunkle Winter kommt, die Tage kurz werden. Das geht noch bis zum 21.12., der Wintersonnenwende, so.
Ich erinnere mich an einen Novembertag vor etwa 15 Jahren. Ich war in der Praxis, hatte bequem erst um 9 Uhr angefangen, einen Patienten nach dem anderen bedient, hatte beruflich eigentlich einen guten Tag. Aber dann war um 16:30 das Tageslicht weg. Ich starrte in die Nachtschwärze auf den Zürichsee. Und fing an zu weinen, weil ich nicht warten konnte bis am nächsten Tag das Licht wieder kommen würde. Meine Patientin war erschüttert. Ich auch. Ich brauchte also einen Notfallplan für kommende November.
Was können wir also tun?
Licht tanken so oft es geht. Also Pausen draussen und diese auch intensiv nutzen. Oder: Rotlicht in der Wohnung installieren und jeden Tag etwas hinein schauen. Viele Kerzen anzünden oder ein Lagerfeuer draussen machen.
Bewegung. Euphorisches Tanzen ist besonders gut. Ich habe dafür eine CD eingelegt: Laughing drums. Zehn Minuten extatisches Tanzen, das reicht schon um die Dopamine auszuschütten.
Blutzucker stabilisieren mit gutem Essen, jetzt ist keine Zeit für Diät! Vor allem Essen mit Tryptophanen, das ist eine Aminosäure, die den Serotoninspiegel hebt: Haferflocken, Bananen, Nüsse, Linsen, Eier, Kichererbsen, Fisch, Geflügel und schwarze Schokolade. Tryptophan braucht aber Kohlenhydrate, um im Gehirn anzukommen, also gut kombinieren!
Ausserdem Vitamin B und D, Magnesium und Zink zuführen, das gibt Power.
Na ja und dann gibt es ja auch noch: Soziale Kontakte. Unbedingt viel davon. Und Berührungen! Und natürlich: Küssen.
Na, ich schau mal, wo ich da etwas finden kann, was mir gut tut. Vorerst bei mir: Einen sonnigen Tag an der Küste in Nordirland geniessen. Das dunkle Cottage habe ich verlassen und bin nach Portrush umgezogen. Um 17 Uhr fahre ich nach Hause in mein schönes Strandhaus, zünde Kerzen an und schaue auf das Meer und träume von einem chicen Nordiren, dem ich die Bedeutung von Serotonin und Endorphinen sehr nahe bringen kann. Halleluja!
Der November geht auch vorbei, dann kommt der Lichtmonat.
Und ganz wichtig, nicht vergessen: La vie est belle! Das Leben ist schön.
