Ich war übers Weekend nach Galway gefahren, die musikalischste Stadt an der Westküste Irlands. Das war endlich mal das wilde Irland, das ich kenne. Die Landschaft in Donegal County ist ein Traum und ich geniesse dort die Ruhe, das Mystische, die wunderschöne Küste. Aber jetzt sollte es mal ein bisschen Aufregung sein und die Stadt zog mich auch sofort in ihren Bann. Laut und voller Menschen, an jeder Ecke ein Musiker. Fiddle, Percussion, Gitarre, Banjo und Gesang. Gleich am ersten Abend cruiste ich durch die Pubs, bis ich die Musik fand, nach der mir gerade war. Ein paar Guiness und ein perfekter Abend.
Am nächsten Abend wollte ich wieder los. Aber ich hatte gesehen dass es in meiner Hotelbar mein Lieblingsessen gibt: Beef und Guiness Stew. Ich geniesse das sehr! Also erst mal richtig gut essen, bevor das Guiness wieder direkt in die Adern schiesst. Ich war vergnügt und bestellte mir das köstliche Dinner. Da ich schon seit Beginn des Jahres mehr oder weniger alleine esse, macht es mir inzwischen nichts mehr aus. Aber – schön ist das nicht. Man sitzt alleine an einem Tisch und alle schauen mitleidig. Meistens ziehen Alleinreisende dann das Handy heraus oder nehmen ein Buch mit. Eigentlich noch schlimmer. Ich setze mich also und schaue die Menschen an und lächle vor mich hin, weil ich mich auf einen Abend bei Taafes Bar freue, traditional Irish Music. Die Shows starten um 5:30 oder um 9. Gerade ist es 7, ich habe gemütlich Zeit.
Im nächsten Moment, woher kam er nur? Steht ein Mann vor mir und schaut mich ein bisschen schüchtern an. Er sagt er würde alleine essen und ich sässe auch alleine, ob ich mich vielleicht über Gesellschaft freuen würde? Ach ja! Natürlich! Gawain aus Doolin wäre er, sehr angenehm mich kennen zu lernen. Nice to meet you, was für eine schöne Redewendung.
Er sieht harmlos und ohne eigenartige Absichten aus. Wir kamen schnell ins Gespräch. Er war an ähnlichen Orten gesegelt wie ich, sogar die Strecke Lombok-Papua Neuguinea kannte er. War geritten hier in Irland, hatte einen Hund. Wir kamen ins Erzählen, es war kinderleicht. Mit einem Iren ist es immer einfach, alle sind sie begnadete Storyteller. Ich liebe das. Das Essen kam, wir hatten beide Stew und ein Glas Wein. Und wir lachten und plauderten und erzählten. Beschlossen erst um 10 zu gehen, in den Kings Pub, da geht die Musik erst spät los. Und dann erzählte mir Gawain seine Geschichte.
Er hatte 1989 seine grosse Liebe geheiratet, zwei Söhne bekommen, ein schönes Leben geführt. Er ist Bauingenieur, seine Frau Architektin. Alles war wunderbar, bis sich seine Frau vor zwei Jahren über Unwohlsein beklagte. Der Termin war schnell gemacht. Seit der Diagnose kämpft sie gegen einen bösartigen Krebs. Sie hat Therapie, schont sich, Operationen, gestreute neue Tumore. Inzwischen ist sie erschöpft und die ganze Familie mit ihr. Dieses Weekend hat sie ihn überredet, einmal abzuschalten, sich ein schönes Hotel zu nehmen, Musik zu hören, vielleicht ein Tänzchen zu machen. Er ist dem gerne gefolgt. Gawain sagt, die ganze Lebenskraft ist, wie bei ihr, auch aus ihm gewichen. Aber, hey, jetzt sitzt er hier und spricht mit einer „Swiss lady“, wer hätte das geahnt. Wir sprechen lange und tief und ich freue mich, ihm ein bisschen den Geist erhellen zu können. So ein wunderbar liebender Mann. Und so ein feiner Mensch.
Es wird später und später, wir nehmen noch ein Glas Primitivo. Im Geist hake ich die Guiness Biere ab. Wein und Bier, keine gute Kombi. Es wird 10, dann halb elf und wir sitzen immer noch und schliesslich geben wir auf und bleiben einfach in der Bar, bis sie um 1:30 schliesst. Wir erzählen, lachen, schmunzeln, sind amüsiert und lernen auch Neues im Gespräch. Wir kommen ins Philosophieren, immer sind die Themen weit weg von der Oberfläche. Und dazu kommt, dass wir uns ja eigentlich nicht kennen, keine Absicht irgendeiner Art im Raum steht, also kann man ungeschminkt alles sagen was man denkt. Wir haben einen herrlichen Dialog, spielen uns die Bälle zu, alles ist leicht, auch wenn wir bisweilen kontroverse Haltungen einnehmen.
Schliesslich ist es spät, mein Kopf fällt schon fast nach vorne. Wir haben den Musikabend verpasst – aber einen „craig“ gefunden, eine herrliche Zeit des Erzählens und Austauschens und Miteinanders. Wie schön war das! Die Bar schliesst. Wir gehen zum Aufzug. In der Halle torkeln noch ein paar Typen, die in den vielen Pubs zu tief ins Glas geschaut haben. Aber wir stehen Seite an Seite. Ich schaue ihn mir an, ein überraschend attraktives Exemplar von einem Iren, etwas grösser und immer noch athletisch gebaut, gepflegt und mit schönem vollen grauen Haar. Dieser Mann ist sehr geliebt worden, wird immer noch sehr geliebt, auch wenn eine grosse Traurigkeit bei ihm ist. Für mich spiegelt er Irland wieder – eigensinnig, natürlich, wild, schön, etwas melancholisch und ganz auf dem Boden der Welt stehend. Er gefällt mir.
Auf dem Weg nach oben werden wir plötzlich still und stehen nur einen Kuss voneinander entfernt. Ich trete aus dem Aufzug, er muss noch weiter nach oben, hält seine Hand an die Lifttür und wir lächeln schüchtern: „In an other life…“ – yes.
Mit oder ohne Partner. Mit oder ohne Musik: La vie est belle – Das Leben ist schön.

