Ruth Zombie

Ruth ist eine Hexe. Das steht gleich am Anfang ihrer Bildergalerie. Da prangt ein Poster: „This bitch is a witch“. Ich habe es ihr lange geglaubt.

Mittlerweile kenne ich Ruth schon 12 Jahre. Wie ich sie kennengelernt habe, ist eine Geschichte für sich. Aber ich erzähle sie trotzdem, weil ich gerade in Erzähllaune bin, weil ich gerade in dem dunklen Land bin, in dem Storytelling eine Disziplin ist, die fast jeder Ire versteht und die hier Abend für Abend stattfindet.

Ich war 2014 in Killybegs gelandet, einem kleinen Küstenstädtchen mit einem irritierend grossen Hafen. Dort legen die grossen Schiffe an, die Kreuzfahrten machen dort halt und spucken Hunderte von Amerikanern aus, die hier auf ihre „Heritage“ Reise gehen um das Land ihrer Ahnen zu erkunden und den eigenen Wurzeln nachzureisen.

Ich lief bezaubert durch den kleinen Ort, streifte durch den Hafen, schaute mir die nordischen Häuser an und träumte mich in diese Realität. Längst war ich Hals über Kopf neu verliebt in Irland. Auf der Suche nach einem frischen Fisch ging ich der Nase nach um ein passendes Restaurant zu finden, als ich das Stimmen einer Fiddle hörte. Es lockte mich in einen grösseren Pub, in dem ich mit viel Überraschung meine Lieblingsband beim Soundcheck sah: We Banjo 3. Eine Band aus Galway, die aus zwei Brüderpaaren bestand. Fergal, der Fiddler, hatte es mir immer schon angetan. Ich freute mich zu hören, dass sie hier in zwei Stunden spielen würden.

Schliesslich war der Pub brechend voll und ich mischte mich unter die Gäste. Mit einer Mischung aus traditoneller Irish Music und Bluegrass hatten die Bandmitglieder uns schnell in den Bann gezogen. Nach einigen Guiness, denen meine Hemmungslosigkeit zu verdanken war, sprang ich schliesslich vom Barhocker und tanzte, warf den Rock nach allen Seiten, wie ich es bei meinen irischen Freunden gesehen hatte, tanzte wild und glücklich – und übersah, das ich eine der wenigen war, die hier feierte wie es die Iren tun: Laut und ohne Hemmungen, mit losgelöstem Tanzen und Bewegungen im Beat. Ich hatte Augenkontakt mit der Band, mein Körper antwortete auf die Musik, ich vergas wo und wer ich war, eine herrliche lange Zeit. Schliesslich war das letzte Lied verklungen, die Band drehte nochmals ordentlich auf, ich setzte mich nach dem letzten Ton zufrieden und etwas ausgepowert auf den Barhocker zurück und bestellte noch ein Bier.

Fast zeitgleich erhoben sich jetzt viele der Besucher aus dem gestuhlten Innenraum des Pubs und ich realisierte, dass es sich hier um eine Gruppe drehte, die sich wohl ausschliesslich aus Amerikanern auf einer Kreuzfahrt handelte. Sie waren mit dem Schiff hier in Killybegs gelandet und hatten das Konzert im Programm gehabt.

Schmunzelnd bedankte ich mich, als mir einer der älteren Herren einen Schein in die Hand drückte für die tanzende Begleitung. Und nun kam eine ganze Welle der Anerkennung und viele Scheine wanderte in meine Hand, schliesslich in meine Rocktasche, weil ich sie immer wieder leeren musste. Ich lachte. Die Herrschaften dachten ich gehöre zum Bühnenprogramm. Natürlich wollte ich das Geld der Band geben aber sie wollten es nicht annehmen, stattdessen ging ich mit einem Stapel CDs aus dem Pub, die Fergal mir persönlich überreichte. Wie gerne hätte ich stattdessen den schönen Iren mitgenommen!

Die Bandjungs fragten mich, woher ich komme und ich sagte „Switzerland“. Ja, aber woher denn ursprünglich, welcher County? Ich sagte: Ich sei nicht irisch. Sie lachten, umarmten mich stürmisch und behaupteten: Du bist eine Irin durch und durch! Und wenn es nicht deine DNA ist, was wir bezweifeln, dann wenigstens dein Herz!

Am nächsten Tag ging ich aus einer Laune heraus, sehr spontan und sehr glücklich, nach Donegal Town und fragte nach einem Tattoo Studio. Und ich traf auf die „Zombie Dolls“. Es gruselte mich gehörig, als ich eintrat. Alle Wände schwarz, sehr spooky Dekoration und mit Abstand die hässlichsten Gothic girls, die ich je gesehen hatte. Ich schaute an mir herunter. Wie immer trug ich Pastellfarben, weisse Sneaker, blondes Haar, blaue Augen. Im Vergleich sah ich aus wie ein – „gottverdammter Engel“ – so wurde ich begrüsst. Wäre der Wunsch nicht so gross geworden, hätte es mich schnell aus dem Laden heraus getrieben. Aber so fragte ich schüchtern nach einem Tribal Band, mein allererstes Tattoo. Ich sagte ich hätte gerne einen keltischen Ring um den Unterarm und darauf sollte stehen: Mein Herz ist irisch. In Irisch, damit mein zukünftiger Mann mich erkennt. Die Zombies rollten die Augen. Romantik geht gar nicht.

Zwei Tage später wurde ich von Ruth gestochen, mit der musikalischen Begleitung von Marilyn Manson, absolut grässlichem Metalrock. Ruth hatte ein Tribal mit zwei Adlerköpfen herausgesucht. Ich fragte sie, woher sie wisse, dass ich es mit den Adlern habe, da sagte sie: „Ich hab deine Seele gestohlen, als du reinkamst“. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Dennoch – irgend etwas war da zwischen uns. So dass ich einige Jahre später auch meinen Sohn zum Tättowieren brachte. Ruth ist eine Künstlerin mit sanfter Hand.

Dieses Jahr war es wieder soweit. Zu meinem runden Geburtstag sollte es der nächste keltische Tribal werden. Ich suchte die Zombie Dolls, Ruth war umgezogen. Zu meinem riesigen Erstaunen befand sich das Studio jetzt in einem wunderschönen hellen Gebäude aus dem 19.Jahrhundert, einer alten Fischhalle. Die Böden waren blitzblankes Parkett, die Musik lieblich irisch und die Wände weiss. Ruth kam mir entgegen, immer noch Gothic. Aber ihre Energie war völlig anders. Sie begrüsste mich wie eine alte Freundin und wir verbrachten einen herrlichen Nachmittag. Wir sprachen über dies und das und Ruth offenbarte sich als druidische Heilerin. Als sie mir erzählte, dass sie weder Fleisch ist, noch Alkohol trinkt, fragte ich sie, was sie für eine Hexe sein könne, wenn sie so „clean“ sei und wir lachten schallend.

Ruth Kavanagh, so heisst sie, inzwischen in den 50ern, man schätzt sie Jahrzehnte älter, war ursprünglich Goldschmiedin, hat fantastische Hände und zeichnet mit sehr feinem Pinselstrich. Ich frage sie, wie sie zum Tattoo gekommen ist und sie sagt etwas, das mich schon lange bewegt: Dass es um Heilung gehe, dass manchen Menschen eben das Leben unter die Haut gehe und es dann nur richtig ist, sich damit zu schmücken. Wir reden lange über das Leben, das unter die Haut geht und wir kommen ins Storytelling, lachen, tupfen uns ein paar Tränchen, sind uns einig, bewegen uns gegenseitig mit Geschichten, die das Leben uns in die Haut geschrieben hat. Am Ende lädt sie mich ein. Erst zu einer Lesung „Music and Poetry“ am Abend, in der es um erstaunlich poetische Texte geht und eine himmlische sentimental-irische Herzensmusik gespielt wird.

Schliesslich zum grossen Ritual „Samhain“, am 31.10., in dem Ruth wieder ganz in ihrem Element ist, an dem Abend fliegen sie, die guten Hexen, Songs werden gesungen, das Feuer entfacht, das keltische Neujahr gefeiert. Ich bin geflasht von Ruth, auch als sie am nächsten Tag ein Gongbad in ihrem Studio anbietet. Ich bin dabei. Und werde sie noch oft sehen. „Out of the darkness“ – das scheint mein Motto der nächsten Wochen zu sein. Zur dunkelsten Zeit bin ich in mein geliebtes nördliches Irland gereist. Und die Menschen hier glänzen „fecking bright like a diamond“. Ich sammle noch ein paar Seelen ein. Man weiss nie, wozu das gut ist.

Das Leben hier ist nicht immer schön, aber – die Iren, die verstehen was davon, es schön zu machen.

Slainte!

…was für ein Glück, in Irland zu sein! La vie est belle. So oder so.

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