Mother Goose

Als ich in der vergangenen Woche endlich nach Irland übersetzte, landete ich im Süden der grossen grünen Insel. Mein erster Ort war Bantry, ein kleines Küstenstädtchen in der Grafschaft Cork. Ich hatte mich auf ein paar stille Tage eingestellt, weil ich immer noch nicht fit war – und dann traf ich: Mother Goose. (Mutter Gans). Eigentlich ist das eine Comicfigur aus Grossbritannien, längst aber ist sie zu einem running Gag geworden, wenn Frauen eben so aussehen wie die kleine umtriebige Gans.

Meine Mother Goose also heisst eigentlich Mairead O Doole und ist eine süsse kleine Lady. Sie hat wohl eine Körpergrösse von 150cm und ist mager wie ein Kind, mit kurzen flinken Beinen. Und sie hat diesen Gang – schnell und mit kurzen kleinen Schritten und einem nach vorn gebeugten Oberkörper. Ich musste schmunzeln, als ich sie das erste Mal sah: Da kam sie auf mich zugesprungen und umarmte mich mit weit nach oben geöffneten Armen. Wie eine alte Freundin drückte sie mich und plauderte sofort los.

Alles an Mairead ist klein, ausser ihrem Temperament, das ist laut und Raum einnehmend und ihre Neugier ist zügellos. Ich glaube sie hat das Air BnB nur eingerichtet um Menschen mal ordentlich auszufragen. Wie lustig! Wenn sie ihr Smartphone in der Hand hatte, in das sie unentwegt plauderte, sah es wie ein Tablet aus, weil ihre kleinen Hände das Ding kaum halten konnten. Sie sagte, es sei ein Seniorenphone, das sei extragross. Das war wohl eine charmante Lüge des Verkäufers, weil ich doch eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Normalgrösse Modell sehen konnte.

Mairead wurde 1964 in Cork geboren, in eine arme Familie mit acht Kindern, sie war „mittendrin, also war immer was los“. Schon als Kind musste sie sich Gehör und eine Wichtigkeit verschaffen und sie machte das mit ihrem lebhaften Wesen und ihrem Wiesel-Charakter, Mairead war immer überall dabei und wusste zudem alles, weil sie überall ihre Nase hereinsteckte, wie sie mir glaubhaft versicherte.

Die Familie war arm, der Vater arbeitete in einem Produktionsbetrieb und die Mutter sowie nach und nach alle Kinder, packten mit an. Und: Man durfte auch draussen sammeln – Holz in den piccopello aufgeräumten Wäldern, Waldfrüchte wie Kastanien und Eicheln, aber auch Reste auf den abgeernteten Feldern. Und ja, sie gibt es zu, im Sommer gingen sie auch Apfelbäume ernten. Dabei kletterte ein Kind hoch und warf die reifen Früchte in der Mitte der Bäume den Geschwistern nach unten zu. So sah der Baum von aussen immer noch voll aus. Und sie nahmen nur jeweils so viel mit, dass sie eine Wochenration hatten um die Familie damit zu versorgen.

Die Mädchen der Familie mussten alle stricken lernen und abends sass man zusammen und verarbeitete die Schafwolle der Fabrik „Aran“, da gibt es bis heute maschinengestrickte und handgestrickte Pullover und Socken. Als Mairead schliesslich die Schulpflicht hinter sich hat, mit 14, lernt sie das Bäckerhandwerk. Sie lernt Derry kennen, mit dem sie heute noch verheiratet ist. Sie lacht, als sie mir erzählt, dass Derry eben zur Verfügung gestanden hätte. Man müsse in Irland nicht auf “was Hübscheres“ hoffen, die wären ja alle klein und nicht besonders attraktiv – und es wäre okay, ihn geheiratet zu haben, „man gewöhne sich ja an alles“. Während sie das erzählt lacht sie. In den Tagen, die ich bei ihr wohne, höre ich sie ihn immer „Darling“ rufen und sie küssen auch noch, wenn sie sich sehen – so schlecht scheint sie es nicht erwischt zu haben.

Meine Mother Goose also fegt über den Hof, hat eine kleine Bäckerei im Hinterhof aufgebaut und macht Catering für die nahe gelegenen Cafes und Kultureinrichtungen. Ihre Scones waren himmlich, die besten, die ich je probiert habe. Sie hat ihre Freundinnen eingestellt und so schnattern sie jeden Morgen gegen 5 los im Glaspalast, während die Hände ihre Arbeit machen, ein Blech nach dem anderen duftend aus dem Ofen kommt und die die Backwaren liebevoll und sorgfältig in ihre Auslieferung bringen.

Ich hab sie ins Herz geschlossen, die kleine Irin mit den wilden Augen. Ehrlich gesagt, ich glaube sie hatte es faustdick hinter den Ohren, so viel Schalk habe ich selten in einem Menschen versteckt gesehen. Ihre derben Witze haben mich sehr amüsiert, sie hat die Dinge beim Namen genannt und sich selbst am meisten darüber amüsiert. Eine herrliche Begegnung, die ich als Auftakt verstehe und die ein Anfang sein darf einer Reihe von herrlichen Begegnungen, die ich hier auf der Insel haben werde.

La vie est vert ! Et belle! – Das Leben ist grün – und schön!

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