Delirium

Wenn man zu eilig unterwegs ist, verpasst man vielleicht manchmal den Moment. Das habe ich oft gehört in meinem Leben. Mein Lebenstempo war immer hoch und die Schatzkiste der Eindrücke immer prall gefüllt. Schon ein paar Tage hatte ich mich zur Ruhe gezwungen und gedacht: wenn ich in Irland bin, dann lege ich mich einen Tag ins Bett und lasse alles mal sacken. Und dann kam es doch anders.

Mit fliegenden Federn war ich ans andere, das westliche Ende der Bretagne gefahren. Zweihundert Kilometer? Ein Klacks! Auf der Fahrt hatte ich nicht gesungen wie sonst üblich, sondern schon nach Irland hinüber geschielt. Hatte nicht die letzten, grossartigen Tage Revue passieren lassen, sondern schon ausgemalt wie ich am Montag den Ring of Kerry machen würde. Angekommen in Roscoff, dem kleinen Küstenstädtchen in dem die Fähre gehen würde, hatte ich gar nicht richtig ankommen wollen. Zum einen, weil ich dieses Jahr schon viel Zeit in Roscoff verbracht hatte. Aber auch: weil ich gedanklich schon weg war.

In den wenigen Stunden, die zur Verfügung standen, ging ich lieber nochmals an den wunderschönen Strand nach Cleder und staunte über das bretonische magische Licht, das es dort so verlässlich zu finden gibt. Die Blautöne aus Meer und Himmel bezauberten mich. Ich ging am Strand entlang, führte ein Telefongespräch und hörte dann noch Debussy’s „La mer“. Aber: ich spürte ein Kratzen im Hals und Kopfschmerzen schlichen sich über das Genick in den Hinterkopf. Ich hatte das Hotelzimmer bis abends, weil die Fähre erst um Mitternacht gehen sollte, also fuhr ich zurück, nahm eine heisse Dusche, legte mich nochmals ins Bett – und kam nicht mehr hoch. Ich wurde so richtig krank. Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Hustenattacken. Einmal stand ich noch auf und dann kapitulierte ich: Ich konnte nicht mehr gerade stehen.

Es folgten fast drei Tage in denen ich flach und bei abgedunkeltem Fenster im Bett lag, hustete, fieberte und in denen es mir richtig mies ging. Schon Jahre war ich nicht mehr krank gewesen, ich habe eine Rossnatur. Aber jetzt: Flach. Keine Bewegung mehr möglich.

Was köstlich war: Mein Kopf sortierte die Bilder im Kopf. Ich war nochmals auf der Fähre von Jersey kommend, mit Abschiedsheimweh. Dann in der malerischen kleinen Stadt Cancale. Und an einem grossartigen Ort: La Pointe du Grouin. Dort auf den Felsen hatte ich gesessen und in die Weite der Smaragdküste gestaunt. Hatte den Wind um mich herum spielen lassen und die Schönheit bewundert. Und damit nicht genug. Ich war auch nochmals in meiner Lieblingsperle St.Malo gewesen und in der kleinen Abbaye Mont St. Michel. So viele Bilder und Eindrücke! Meine Reise hatte vielleicht ein bisschen zu viel Tempo gehabt, obwohl ich langsam laufe und doch „eigentlich“ jeden Moment aufsauge.

Am besten aber wurde ein Fiebertraum, da flog ich ab vom Pointe du Grouin und spannte meine Flügel und glitt über den blaublauen Atlantik. Viele Jahre war ich nicht mehr im Traum geflogen. Wie herrlich, diese Zeit im Fieberdelirium. Wie nötig hatte es mein Kopf gehabt zu verweilen. Viel zu schnell unterwegs und keine Zeit zum Atmen. Ich habe hingehört und verstanden.

Von jetzt an also: Langsamer und mit noch mehr Ruhe reisen. Einen Schritt nach dem Anderen. Ich bleibe noch zwei Tage in Roscoff und werde diese kleine süsse Stadt jetzt nochmals extra umarmen. Dann etwas später nach Irland übersetzen. Dort eine Unterkunft im Norden haben, ab Ende Oktober, in der ich denke, lange zu bleiben und zu ruhen, zu schreiben und mein Jahr Revue passieren zu lassen, das mich an so viele wunderschöne Orte hat kommen lassen. Meine Schatzkiste ist wieder prall gefüllt. Ich werde alle Steine, einen nach dem anderen, heraus holen, betrachten und bewundern, polieren und abküssen und dann zurück gleiten lassen. Ein rundes Jahr, von dem ich noch nicht weiss, wie ich es beende. Ich lasse mir Zeit, das heraus zu finden.

Unser Körper ist schon mächtig schlau, manchmal braucht es eine Vollbremsung und das ist dann auch genau richtig. Nichts geschieht ohne Grund. Und hey. Jetzt hat er mich wieder verlässlich wie immer an einem Montag um 3 Uhr in der Früh geweckt, damit ich meinen Blog eintippen kann. Ist es nicht ein Wunder!

La vie est belle! Das Leben ist schön!

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