Juwelen des Nordens

Am Wochenende habe ich meine grosse Liebe wieder getroffen. Die Überfahrt von Jersey war einmal mehr friedlich und langsam. Und dann erschienen die Türme von St.Malo im Nachthimmel und die Fähre tutete zur Begrüssung. Ich war zurück in meiner Perle des Nordens. Schon fuhr ich an der langen hohen Stadtmauer entlang, die sich wie ein Ring um die Altstadt zieht. Und rasch ging es auch in mein Übernachtungshotel, das mich seit inzwischen zehn Jahren begrüsst. Mein Kopf fiel auch deswegen sanft auf das Kissen, weil ich wusste dass ich meine liebste Stadt am nächsten Tag wiedersehen würde.

Ich wohne in einem kleinen feinen Hotel, dessen Name ich kaum richtig aussprechen kann: La Villefromoy. La Villefromoy ist ein Hotel, das sich in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert im Stadtteil Paramé in Saint-Malo befindet, nicht in der historischen Altstadt, sondern an der Strandpromenade in der Nähe der Stadtmauern. Die Geschichte von La Villefromoy hängt mit der der Stadt Saint-Malo zusammen, einer historischen bretonischen Hafenstadt, die einst als Zentrum für Freibeuter und Seefahrer bekannt war. So hat das maritime Hotel eine mehr als hundertjährige Geschichte als Herberge zu erzählen und steht stolz und still an meinem liebsten Strandabschnitte: Der Plage Rochebonne.

Saint-Malo ist eine Hafenstadt in der Bretagne, im Nordwesten Frankreichs. Die Altstadt ist von hohen Granitmauern umgeben und war einst eine Hochburg für Freibeuter (vom König gebilligte Piraten). Die Kathedrale von Saint-Malo im Zentrum der Altstadt wurde im romanischen und gotischen Stil erbaut und besitzt Buntglasfenster mit Darstellungen der Stadtgeschichte. Nicht weit entfernt liegt La Demeure de Corsaire, ein Museum im Haus eines Freibeuters aus dem 18. Jahrhundert.

Die Stadt ist sehr alt, sie hat eine Geschichte aus dem 6. Jahrhundert zu erzählen. In der Zeit des zweiten Weltkriegs wurde sie fast vollständig zerstört, schliesslich aber nach alten Bildern und Plänen historisch wieder aufgebaut. Sie ist ein Bijou, ein Schmuckstück und hat viele Geschichten zu erzählen, wenn man sie durch eine der mächtigen Stadttore betritt, die kleinen Gässchen sind ineinander verschlungen.

Seit ich das erste Mal in St.Malo war, bin ich verliebt. Wie verzaubert schlendere ich dann durch die Gassen, kaufe mir in einem der unzähligen Läden kleine Kostbarkeiten und schaue, auf der Mauer sitzend, in das Treiben der Altstadt oder hinaus auf den Ärmelkanal.

St.Malo ist charmant. Und am liebsten gehe ich montags hinein, dann sind die unendlichen Besucherströme der Wochenendtouristen versiegt und es ist alles wieder sehr bretonisch, herzlich, langsam und mit Zeit. Betritt man die Altstadt, dann wird man schnell hineingezogen und kann nichts anderes machen als schlendern und schauen und die Düfte geniessen, die sie zu bieten hat. Nirgendwo sonst habe ich so viele schöne Menschen gesehen. Und nirgends wünsche ich mir mehr, so gut französisch wie englisch zu sprechen, um mit den spannenden Leuten zu reden. St.Malo ist bunt und facettenreich, die Altstadtmauer umschlingt die, die drinnen wandeln, wie ein Mutterbauch. Ich liebe es, dort in einem der zahlreichen Bistrot zu sitzen und Menschen anzuschauen, in eine Menge einzutauchen und dabei zu sein. Es ist ein Heimkommen, sobald ich hineingegangen bin und dennoch verlasse ich die Altstadt nach einigen Stunden auch gerne wieder und tauche in die endlose Weite des Strands ein.

Immer möchte ich draussen wohnen, am langen Strand von Le Sillon. Die Villen von Le Sillon in Saint-Malo sind prächtige Wohnhäuser, die Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhunderts erbaut wurden. Sie liegen am breiten Strand von Le Sillon und zeugen von der eleganten Bäderarchitektur der Belle Époque. Ich staune die Häuser an, träume mich in ihr Innenleben und mein Herz hat den brennenden Wunsch, in einem von ihnen zuhause zu sein.

Am Wochenende bin ich trotzdem fremd gegangen: Ich war an der Smaragdküste und lebte in Cancale. Die Küste um Saint-Malo war schon im 6. Jahrhundert der Anlegeort einiger irischer Mönche. Aus dieser Zeit stammen auch viele Ortsnamen, die auf diese Heiligen verweisen: Saint Malo, St.Brieuc.

Als Côte d’Émeraude (Smaragdküste) wird ein Küstenabschnitt zwischen dem Cap Frehel und der Stadt Cancale bezeichnet. Der Name ist von der grün-türkis Färbung des Meeres zu bestimmten Zeiten abgeleitet. So sass ich auf den Felsen der äussersten Landzunge und konnte mich nicht sattsehen an der Schönheit, die sich offenbarte. Der Wind und die Temperaturen waren mild und ich war wieder schockverliebt in die Bretagne. Wie oft wird mein Herz hier in diesem Dreieck noch hüpfen: Jersey. Bretagne. Irland.

Was für ein grossartiges Jahr, ich platze vor Dankbarkeit.

La vie est belle! Was denn auch sonst!

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