Diese beiden Ladies sind wirklich der Hammer. Jeden Morgen gehe ich zum Schwimmen, vom Bett unmittelbar in meinen Badeanzug und den Surfponcho und trabe in die Bucht. Es ist kalt geworden. Die Nachttemperatur hier ist schon unter 10 Grad gesunken, der Atlantik hat noch 15, 16 Grad. In der vergangenen Woche wehte der Wind stark und ich nahm sogar das Auto mit für die kurze Fahrt, damit ich auf dem Weg zurück nicht zur Eissäule einfriere.
Und jeden Morgen gibt es diese Morgenschwimmerinnen. In der vergangenen Woche durfte ich Charlotte und Micky kennenlernen. Die Damen sind um die 70, gertenschlank und gut gebaut. Ich war schon im tosenden Meer, paddelte noch etwas verhalten herum und überlegte, ob ich es zur Boje und zurück schaffen würde bei dem enormen Seegang. Es war Hightide, etwa 12 Meter hoch schwankte das Wasser in der Bucht, als schliesslich die beiden Grazien ins Meer sprangen. Die eine blieb in meiner Nähe und fing das Gespräch an, wie es die britischen Inselbewohner es so gerne tun: Mit einem kleinen Smalltalk über das Wetter. Es war sehr windig und die Sonne blitzte ab und zu durch die jagenden Wolken. Ein grossartiges Spiel am Himmel und wir schaukelten uns im eiskalten Nass.
Die zweite Lady zog los. Mit Schwimmbrille und -Boje ausgestattet zog sie ihre Längen spielerisch leicht zur Mitte der Bucht. Ich staunte, wie sie durchs Wasser pflügte und sprach mit der anderen Dame. Schon bald wurde es lebhaft und spannend:
Charlotte, inzwischen 68, lebt hier oberhalb der Bucht, hat seit über 40 Jahren eine stabile schöne Ehe, zwei Söhne und vier Enkelkinder. Sie kam schon hier auf Jersey auf die Welt, ihre Eltern waren zu Kriegszeiten auf die Insel geflüchtet. Leider hatte es nichts genützt – sie waren zwar den Bomben über Grossbritannien entflohen, aber bald zu Gefangenen der Nazi Besetzung geworden.
Sie arbeitete lange in der Charity Bewegung, organisiert allerlei soziale Engagements, die es hier zahlreich gibt und kümmert sich leidenschaftlich gerne um ihren riesigen schönen englischen Garten, den ich inzwischen bewundern durfte, dazu noch die Familienmitglieder, die Hunde all ihrer Freunde und sie geht etwa 350 Tage im Jahr jeden Tag hier baden. Ich amüsierte mich, als sie mir sagte, man dürfe sich am Morgen gar nicht erst anziehen, dann wäre es gleich vorbei mit dem Vorsatz, vor dem Frühstück schwimmen zu gehen.
Micky ist fünf Jahre älter, eine Dame mit langen weissen Haaren, die sie in einem Dutt zusammenhält. Das Spannende: Sie hat unzählige silberne Ketten um den Hals, trägt schrille Badeanzüge und hat trotz ihrem hohen Alter eine ausladende Tätowierung auf dem Rücken, die sie vor wenigen Jahren machen liess. Ich schmunzle, als sie mir sagt die Tattoo Künstlerin hätte „Wellenbewegungen“ beim Stechen machen müssen, weil sie schon so verschrumpelt sei. Ich war gleich schockverliebt in diese Hippiefrau, die jeden Morgen hier mit Charlotte schwimmt. Sie kam in den Achtzigern auf die Insel. Der Liebe wegen. Die Liebe blieb nicht, sie schon. Sie ist eine Metallkünstlerin sagt sie mir. Richtig ist: Sie macht umwerfende Skulpturen, mit Schweissgerät und schwerem Werkzeug. Nicht mein Ding. Aber wie cool diese Frau ist! In jeder Hinsicht! Sie macht was sie will. Schon immer. Jetzt erst recht, denn sie sagt: Es käme ja nicht mehr drauf an, irgendwem zu gefallen, also könnte sie auch gleich tun, wozu sie Lust hat. Für ihre fünf Enkel ist sie eine Heldin, für mich auch. Weil sie aussergewöhnlich und ein bisschen verrückt aber durch und durch liebenswert ist. Gestern habe ich einen ganzen Nachmittag mit ihr verplaudert und wir haben uns Anekdoten aus unserem Leben erzählt, fast bis die Sonne unterging. Was für eine herrlich dynamische und eigensinnige Frau!
Jeden Morgen trabe ich nun hinunter in die Bucht und warte auf das kleine, altersschwache Auto, das die beiden bringt. Dann klettern wir gemeinsam die umtoste Treppe hinunter und unterhalten uns, während wir bis zur Boje und zurück schwimmen. Letzte Woche war es so windig, dass mich ein bisschen der Mut verliess, es ist so unglaublich anstrengend gegen die hohen Wellen anzuschwimmen. Ich schaffe das nicht so stromlinienförmig wie Micky. Trotzdem müssen wir ja schnell sein, weil das Wasser eiskalt ist und uns schnell auskühlt. Dann ruft sie mir in ihrem lustigen rustikalen Englisch zu: „Come on Maren, you old cookie! Let’s rumble these old bones to get back!“
Inzwischen kenne ich die ganze Bande hier jeden Morgen, sie sind alle super nett und lustig und stehen nach dem Morgenbad gerne noch mit einem Tee in der Hand zusammen und feiern das Leben. Sie sind alle Rentner und haben Zeit. Ich stelle mich dazu und wünsche mir, für immer dazu zu gehören.
Bald geht es weiter. An den noch kälteren Atlantik. Ins grüngrüne Irland. Da wartet das nächste Abenteuer.
Ach – es ist schon so: La vie est belle – Das Leben ist schön!

