Noch nie hatte ich so viel Regen auf Jersey. Auch nachts trommeln die Regentropfen auf das Dachfenster über mir. Ich könnte mich jetzt einkuscheln und das geniessen, das werde ich wohl gleich wieder tun, dann in ein paar Stunden in den eiskalten Atlantik springen und den Tag neu anfangen, in der Hoffnung, dass die Sonne wieder kommt. Und das wird sie auch. Laut Wetterbericht gegen Mittag.
Was mich dazu bringt über Neuanfänge – oder Anfänge ganz im Allgemeinen nachzudenken.
Vielleicht genau das richtige Thema wenn man in den nächtlichen Himmel, in die Astronomie schaut. Laut dem Kalender hatten wir gestern eine Tagundnachtgleiche. Die zweite in diesem Jahr. Am 21.3. wendete sich die Sonne und begann, jeden Tag mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Eine Frühlingstagundnachtgleiche birgt immer viel Hoffnung auf Wachstum, auf das was das Jahr an Gutem entstehen lassen möchte. Frühlingsbeginn heisst für viele: Nach einer langen Zeit der Dunkelheit wieder sehen, dass sich jeden Tag nun das Licht vermehrt.
Die Herbsttagundnachtgleiche hingegen eröffnet eine Saison der Dunkelheit. Von jetzt an wird es jeden Tag dunkler, der Zenith ist überschritten, es geht in die Nacht, jeden Tag werden die Sonnenstunden weniger bis zum Talpunkt am 21.12., den Tag der Wintersonnenwende.
Die Tagundnachtgleichen sind die Tage, an denen sich Sonnenuntergang und Sonnenaufgang etwa genau 12 Stunden voneinander entfernt angleichen. Während wir im Frühling oftmals jubeln weil nun das Licht wieder zurück kehrt, wird es im Herbst schwerer, jetzt ist es wichtig, sich zurück zu ziehen. Drinnen mehr und mehr Lichter anzuzünden und die Wärme im Innen statt im Aussen zu suchen.
Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders, wir haben an diesem Herbstbeginn auch noch Neumond und eine Sonnenfinsternis. Ich lese, dass es eine besondere Zeit der Neuanfänge ist und auch ich lasse mich darauf ein, weil ich Anfänge liebe. Weil ich es seit je her feiere: Diesen Rhythmus der Natur, der uns aufzeigt, wohin unsere äussere – und oft die innere, genau parallel – Reise gehen wird.
Jetzt also: Rückzug. Es wird draussen wieder kälter. Gehen wir mit der Natur, dann ist es jetzt Zeit, die Ernte des Jahres einzufahren. Die Schätze zu sammeln. Die Fülle zu feiern. Den Keller zu füllen mit den Zeichen, dass es ein gutes Jahr war. Nicht nur wegen der Früchte, die wir im Garten gesammelt haben, sondern vor allem das zusammen zu tragen, was uns das Jahr Schönes gebracht hat. Die Dankbarkeit zu fühlen, für die Geschenke des Jahres. Das wird uns den Herbst (hoffentlich einen goldenen Oktober) und auch den Winter über wärmen.
Und wie leicht wäre das: An unseren Händen, an den zehn Fingern abzuzählen, welche Geschenke wir bekommen haben dieses Jahr.
Ich werde wohl mehrere Hände brauchen denn es war bislang ein grossartiges Jahr und ich bin, wie eine Goldmarie im Märchen, bereit mein Kleid auszustrecken und die nächsten Sterne zu sammeln, die vom Himmel fallen. Denn bald geht es auf die grüne Insel Irland, die aufgrund der intensiven Regenfälle genauso saftig und tropischfeucht duften wird wie gerade hier die kleine Insel im grossen Meer.
Vielleicht bist Du bereit, einmal inne zu halten und wahrzunehmen, was es an Wertvollem in Deinem Leben dieses Jahr gegeben hat. Was Du neu beginnen kannst und magst. Wozu Du jetzt neu aufbrechen möchtest. Was Deinen Winter wärmen wird.
Und wenn es Dir schwer fällt, das Offensichtliche zu sehen, dann lass Dich von dem angehängten Video dazu einladen, das Leben zu feiern. So oder so: Es bleibt jeden Tag neu ein Wunder.
Ach, hatte ich es schon erwähnt?
La vie est belle – Das Leben ist schön.


