Und dann bin ich auch wieder im Wind gelandet. Im April war ich bei einem orkanischen Sturm auf dem indischen Ozean und wir waren ein Spielball der Winde, ausgeliefert und trotzdem: Mit Kraft und Geschicklichkeit durch gesegelt und mit unserem Schiff voran geflogen.
Dann war es ein paar Wochen still. Und jetzt hat er mich wieder. Gleich bei der Überfahrt nach Jersey bliess es ordentlich und die Fähre schaukelte intensiv. Alle Fahrzeuge mussten mit kleinen Blöcken gesichert werden, keiner der Passagiere lief auf dem Deck herum. Die meisten von uns schlossen die Augen und liessen sich schaukeln und redeten es sich ein: Dass der Wind schön ist und zum Kanal zwischen Frankreich und Grossbritannien gehört.
Kaum gelandet auf der kleinen Insel im grossen Meer ging es los, heute mit einer Spitze von 73 km/h. Mich macht Wind glücklich. Ich liebe es, wenn er an mir zieht, mich bewegt innen und aussen und fest durchbläst. Ein bisschen ist das symbolisch: Der Wind reisst ab, was nicht fest angebunden ist. Auch von uns. Kaum ein Wetterphänomen kann das so gut wie der Wind: Die Führung übernehmen und machen was er will. Man kann und muss sich hingeben und die Kontrolle abgeben.
Unvergleichlich so ein Augenblick: Wenn man da steht und den Wind spielen lässt. Ich kann mich mit dem ganzen Körper nach vorne hängen und dennoch wird er mich aufrecht stehen lassen wenn ich im Gegenwind stehe.
Ich erinnere mich an meinen nordischen Adler, der hier vor neun Jahren seine Rede auf Grosnez Cliffs hielt: Er schrie fast, hatte sich halbnackt in den eiskalten Nordwind gestellt. Acht lange Minuten war seine Rede. Am Ende konnte ich kaum mehr die Kamera halten, so sehr fror ich.
Und die wuselige herrliche Adlerin der Lebensfreude, mit der ich im vergangenen Jahr am windigen Strand tanzte. Die Wolken flitzten über unseren Köpfen, wir feierten das Leben, lachten, sie rannte und schlug Kapriolen. Der ganz ganz strenge Westwind hat uns damals gepackt und mitgerissen in die Euphorie.
Dann habe ich vor einigen Jahren auch noch einen sehr speziellen Wind erlebt, der viele Touristen früher oder später in den Wahnsinn treiben will: Der Mistral. Obwohl der Mistral mit seiner Kraft und Unberechenbarkeit die Provence oft herausfordert, verleiht er dieser einzigartigen Region auch eine unverwechselbare Magie. Er formt die Landschaft, lässt die Pflanzen und die Architektur im Wind tanzen und schenkt den Menschen klare, strahlende Tage. Der Mistral ist mehr als nur ein Wind – er ist ein Symbol der ungezähmten Natur und ein treuer Begleiter des provenzalischen Lebens. Wer ihn einmal erlebt hat, wird ihn nie vergessen, denn er ist Teil des faszinierenden Rhythmus, der die Provence zu dem macht, was sie ist: wild, wunderschön und voller Leben.
Vor sehr vielen Jahren habe ich einmal einen Wind erlebt, der uns in „Windeseile“ von der Umwelt abgeschnitten hat. Damals lebten wir nahe Boston/USA und eines Tages erlebten wir einen spektakulären Wind: Einen Blizzard.
Ein Blizzard ist ein extrem starker Schneesturm mit viel Schnee, viel Wind und sehr schlechter Sicht, der hauptsächlich in Nordamerika vorkommt. Damit es ein Blizzard ist, muss der Sturm bestimmte Bedingungen erfüllen: sehr starker Wind (mehr als 56 km/h), heftiger Schneefall, der die Sicht auf unter 400 Meter reduziert, und das Ganze muss mindestens drei Stunden lang andauern. Ein Blizzard kann das Leben auf der Straße und in den Städten zum Stillstand bringen, Stromausfälle verursachen und ist gefährlich, weil man sich im Schnee kaum noch orientieren kann. Wie herrlich war dieser Wind! Wir sassen bequem am Kamin und es fegte um unser Haus herum. Am liebsten wäre ich rausgerannt und hätte es vollständig aufgesaugt dieses Erlebnis.
Ein paar Jahre später hatte ich einen wundervollen Coachee, der mich einmal bat, am Urner See anzuhalten und wir stellten uns mit weit aufgerissenen Jacken in den Wind und hofften, wir würden losfliegen. Ein Moment für die Ewigkeit.
Ach, ich liebe den Wind. Hier auf Jersey kann ich ihm intensiv begegnen und jeden Tag verschlägt er mir die Sprache, verteilt meine ungesagten Worte überall auf der Insel und macht mich leer und glücklich.
La vie et le vent sont beaux ! Das Leben ! Und der Wind – sind schön.


