Zeitreise

In der vergangenen Woche habe ich unheimlich viele Parallelen gefunden zum alten und neuen Leben und vielleicht auch Hinweise auf das was kommt und bleibt. Wenn man sich langsam bewegt und zudem Zeit hat, den Gedanken in Ruhe nachzugehen, dann erscheint irgendwann ein roter Faden, man sieht Eckpunkte des eigenen Lebens, die richtungsweisend waren und Synchronizitäten von Ereignissen und Begegnungen, die in unterschiedlichen Zeiten und Menschen stattgefunden haben. Was für ein Reichtum kann sich dann zeigen!

So habe ich sehr viele Stunden auf der Weide zwischen den Pferden gelegen, die kauend um mich herum schlenderten, ab und zu mal einen Liebesbeweis bei mir liessen und dann weiter zogen. Im schönen grossen Esperito erkannte ich eine Zwillingsseele meines vor zehn Jahren verstorbenen Pferdes. Es war seine fast gleiche Art, wie er sich mir näherte, mich von hinten anschubbste während ich ihn führte und die Art, wie er mich in seinen langen Hals einwickelte.

Mit übervollem Herzen habe ich schliesslich die wunderschöne Ardeche und meine lieben Freunde verlassen. Angereichert mit so vielem Neuem, dass ich satt und glücklich die Weiterreise antreten konnte.

Und auch auf der Reise zurück in die Schweiz – für einen einzigen Tag – fuhr ich an meinem alten Leben vorbei. In Genf erinnerte ich mich an einen obsessiven Coachee, mit dem ich einmal von dort nach Jersey flog. In Avenches kamen mir Bilder von der Prüfung, die mein Pferd damals vor 30 Jahren als junger stolzer Hengst noch absolvierte und dafür seinen Schweizer Brand bekam. In Bern-Forsthaus dachte ich an die irrsinnige Situation, als wir – ich hochschwanger und mit galoppierenden Wehen an der falschen Ausfahrt herausfuhren und drei Stunden später unseren kleinen ersten Sohn in den Armen hielten. In Bern-Grauholz hielt ich zum Tanken und schmunzelte. Vor so vielen Jahren hatte sich eben dieses Goldkind in den nagelneuen Sportwagen meines damaligen Ehemanns erbrochen. Wir putzen das Auto dort, es stank gewaltig und wir kämpften beide mit dem eigenen Brechreiz.

So ging es weiter, die ganze Reise durch die Schweiz. Überall waren Erinnerungen und ich lächelte und es machte mich nachdenklich, manchmal traurig, meistens glücklich. Mir scheint die Schweiz ist geschrumpft, weil sie so voll besetzt mit meinen Bildern ist. Vielleicht soll das Leben ja auch so sein: Ein Bilderbuch mit Flashbacks. Ein schönes Rund, das voll gesammelt ist mit Wertvollem.

Reisen ist auch das: Überraschende Bilder sammeln. Gefühle konservieren. Das Herz in Bewegung setzen, Neues finden. Zu Altem dazu fügen damit sich ein Muster entwickeln kann, das einmal vom Leben erzählt.

Angekommen bei meiner Freundin empfing mich eine lange herzhafte Umarmung. Und auch das ist Reisen: Zurück kommen und willkommen sein, das Neue mit dem Alten verstricken. Und dann wieder weiter ziehen auf dieser herrlich hungrigen Reise, auf der sich die Köstlichkeiten sammeln.

Bei meiner Freundin Carina im Gästezimmer habe ich bei Abreise einen Kalenderspruch gelesen: Wer schöne Erinnerungen hat, lebt doppelt.

Ich glaube, ich habe sieben Leben.

Ach, hatte ich es schon erwähnt?

La vie est belle – Das Leben ist schön.

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