Menschliche Wärme

Ich könnte jetzt sagen in der letzten Woche hatte ich keine besondere Begegnung. Aber das wäre gelogen, weil ich doch jeden Tag Beat und Carina begegnet bin. Also wirklich: Begegnet. Denn wir haben Aufmerksamkeit füreinander. Sind immer wohlwollend und interessiert und neugierig und jeden Tag passiert etwas Neues, offenbart sich eine weitere Ge-schichte (im Sinn von vielen Schichten, die sich entfalten). Und dann sind da noch dieser weise weisse Wolf namens Aya, die frechen Katzen Ludilu und Ricola. Und die Pferde, natürlich.

Aber da sind auch: Die charmante Postbotin, die mir Samstag ein kleines Paket brachte. Der dünne schlacksige und lustige Claude, der seine Waren in einem winzigen rollenden Einkaufswagen in die entfernten Orte bringt. Der feinsinnige Remi, der seine magischen Hände über unsere Körper massierend bewegt. Die schönen schönen Menschen auf dem Markt in St.Felice. Die rotbackige Lady, die uns in der Bäckerei die köstlichen Croissants verkauft. Die aparte Dame im Antiquitätenladen, die zärtlich die kleinen Juwelen einpackt, die Carina gefunden hat.

Nach acht Monaten ziehe ich das erste mal Revue. Wo habe ich die schönsten Menschen gesehen? Alle sind hier im Blog verewigt, der zarte Duminda in Sri Lanka, die schönen Begegnungen in Bali, Nova auf Lombok, den Seebär und meine Segelfreunde durch den Indischen Ozean. Olivier und Valerie in der Bretagne, Ida und Richard, George und Harriet auf Jersey. Meine Liebsten in Deutschland und der Schweiz. Und jetzt also: Die Franzosen in der Archeche. Ich bin geneigt zu sagen, dass ich nirgends so viele wertvolle Begegnungen hatte wie hier.Weil alleine das Beobachten so köstlich ist. Auf dem Markt in St.Felice sah ich sie überall und genoss ihre Präsenz, die obligatorischen drei Küsse auf die Wangen, die ich beobachtete – nicht wie früher in der kühlen Schweiz Luftküsse – ganz im Gegenteil: Dicke Schmatzer und echte Umarmungen. Und überall: Freude sich zu treffen, freundliches Miteinander.

Und dann sitzen sie schnell beisammen auf dem Marktplatz, auf einen Pastis oder ein kühles Glas Rose und Pierre sitzt mit seiner Gitarre und singt französische Chansons. Bei „Oh Champs Elysee“ singen sie alle mit, klatschen begeistert, feiern ihr Leben. Das ist:

Savoir Vivre

Die Kunst, das Leben zu geniessen!

Hier geht das noch: Im heissen Department in der Rhone Gegend. Menschen rücken zusammen. Sind freundlich und liebevoll und schauen einander an. Nirgends sonst auf meiner Reise habe ich so wenige Handys gesehen. Und so viel echte menschliche Begegnungen. Ähnlich wie meine französischen Lieblinge, die Bretonen, und doch ganz anders. Irgendwie noch wärmer, noch echter und noch berührbarer.Frankreich ist wunderbar.

Nur: ich bewege mich natürlich in einer Seifenblase. An den feinen und ländlichen Orten, weg von der Zivilisation, von den Städten, den sozialen Brennpunkten, den politischen Bewegungen. Das war überall so. Ob es nun die singalesischen und indonesischen Kreise waren, die Wüstenkinder im Oman, die glücklichen Menschen in der Bretagne und auf Jersey. Oder hier, die Community aus fröhlichen, einfachen Menschen in der Ardeche: Es sind alles Menschen ausserhalb der grossen globalen Probleme.

Das Gute ist: Es gibt sie noch die schönen Menschen. Und dieses köstliche Jahr ist voll davon. Noch habe ich ein weiteres Drittel. Meine Reise wird mich noch nach Irland bringen, nach Schottland, in die keltische und mystische Welt. Wie ich es geniesse, die Edelsteine einzusammeln, die mir – und meinen Lesern – immer zeigen können: Menschen sind wunderbar. Vermutlich überall. Aber man muss auch Zeit haben, sie wahrzunehmen.

Und, was ich ja immer schon sage:

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Ein Gedanke zu “Menschliche Wärme

Hinterlasse einen Kommentar