Sie hat mich ausgesucht. So geht das bei den Pferden. Niemals sucht ein Mensch das Pferd aus. Würde er es tun, dann würde es schief gehen. Ähnlich wie bei uns Menschenpaaren gibt es solche, die sich vom schönen Schein blenden lassen. Das ist jedem schon passiert. Und wir haben es alle bereut, nicht wahr?
Nun aber zurück zu diesem ganz speziellen Exemplar von Pferd. Sie ist eine eher robust gebaute Schönheit mit einem herben, eigensinnigen Charme. Es gibt weitaus elegantere und anschmiegsamere Stuten in der Herde, aber Harissa hat: Charakter. Seit einigen Wochen ist sie verliebt. In einen schönen stolzen Wallach, der neu in die Herde kam und der ihr nun nicht mehr von der Seite weicht. Sie sind beide total in Love. Aber Harissa gibt deswegen ihre Eigenarten nicht auf, sie bleibt sich treu.
So auch bei unserer ersten Begegnung. Sie verbindet sich mit meiner Energie und wir gehen in einen schönen Moment miteinander. Zwei Stuten, die sich beschnuppern, nur das ich eben auf zwei Beinen stehe. Wir haben Zeit uns kennenzulernen und nähern uns zaghaft an, sind aber bald einig, dass wir uns mögen. Und jetzt kommt auch der stolze Herr an ihrer Seite, der wissen will, mit wem Harissa jetzt ins Schmusen kommt. Sie spürt ihn kommen, legt die Ohren an und fletscht die Lippen. Er versteht das sofort und wendet sich schnell ab. Harissa hat ihren Raum verteidigt, den sie gerade mit mir teilt. Ich schmunzle. Ich habe die Botschaft verstanden: Harissa ist nicht blind vor Liebe und gibt alles her, was sie hat. Sie nimmt sich ihren Platz, will alleine in Verbindung gehen und verzichtet dafür einen Moment auf ihren Paartanz, den sie nach unserer Begegnung fortsetzt.
Harissa hat auch eine Geschichte. Irgendwann einmal ist das Halfter gerissen, das sie, in noch anderen Menschenhänden, als junges Pferd trug. Der starke Gurt schnitt ihr in Gesicht und Hals. Seitdem will sie nicht mehr „gezäumt“ werden. Sie hat eben ihren eigenen Kopf.
Als Herdentiere leben Pferde in einer hierarchischen Sozialstruktur und verfügen über einen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Sie leben absolut im Augenblick. Sie überprüfen jede Sekunde aufs Neue die Situation und entscheiden, ob sie flüchten, Schutz suchen oder die Lage als neutral bewerten.
Mit dieser hochsensiblen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung begegnen sie auch den Menschen. Mit ihrer feinen und ausgeprägten Intuition reagieren sie ohne Zögern auf deren Gefühle, das Verhalten und die Körpersprache. Sie sind total ehrlich und reagieren auf das, was gerade ist bei dem Menschen. Sie spiegeln uns und unsere Persönlichkeit kompromisslos.
In den vergangenen Tagen habe ich auch mit den anderen Pferden der Herde Kontakt aufgenommen – oder sie mit mir. Aber es war klar – Harissa und ich sind die Seelenverwandten. Ich schmunzle, wenn ich sie betrachte. Schon von unserer ersten Begegnung habe ich viel gelernt, jetzt zeigt sie mir Nuancen der selben Lektion:
Es ist okay seinen Raum zu verteidigen, auch wenn man noch so himmelhochjauchzend verliebt ist.
Es ist völlig natürlich dem Partner Nähe und Führung zu überlassen, oder diese zu übernehmen wenn es wieder ans Tanzen geht.
Es ist schön und entspannend, sich auszuruhen wenn ein anderer in dieser Zeit wacht.
Jeden Tag entscheiden die Pferde neu, ob sie in Verbindung gehen möchten. Das ist vor allem hier bei Carina und Beat möglich, weil die Pferde frei und auf einem Trail unterwegs sind. In einem für die Pferde natürlichen Lebensraum. Ohne „Tüttel-i-Tüü“ so wie ich es aus den diversen Pensionsställen kenne, in denen ich mein Pferd gehalten habe.
Hier sehen uns die Zauberwesen, kommen für Futter oder die Fliegenmasken, eine Streicheleinheit oder ein ausgiebiges genüssliches Kratzen zu uns. Manchmal drehen sie uns das Hinterteil zu und jetzt müssen wir erkennen: Sie wollen nicht ausschlagen, sie wollen, dass wir ihnen die Pobacken kratzen, weil die Insekten sie da gebissen haben und sie nicht gut dran kommen. Oder sie kommen kurz, schauen was es gibt und schlendern dann weiter, was heisst: Ich habe heute keine Lust auf Dich Zweibeiner. Und dann gibt es solche wie Habibi, die nicht genug küssen und kuscheln kann und manchmal vergisst, dass sie das Fünffache von uns wiegt. Jeden Tag ist jede Begegnung neu. Und immer wieder wird neu entschieden ob – und wie – wir uns begegnen.
Was für eine Bereicherung diese Zeit hier mit der Herde. Ich bin wirklich sehr beschenkt.
La vie est belle – Das Leben ist schön.

