Ich habe ein seltenes Juwel in der Schatzkiste meines Lebens. Nein, nicht nur eins. Aber über dieses möchte ich hier schreiben, weil es gerade einmal wieder in meiner Hand lag und ich es bestaunen konnte. Es glänzt betörend grün wie ein Smaragd.
«In den schwebenden Gärten des Smaragdes möchte man endlos lustwandeln und sich unablässig am phantasievollen, sich ständig ändernden Formenreichtum dieser Immergrüner Gewölbe ergötzen!»
Eduard Josef Gübelin
Mein Smaragd ist ein Freund aus Jugendtagen. Damals haben wir zusammen das Gymnasium besucht. Er war schon damals ein eigensinniger und aussergewöhnlicher Mensch. Attraktiv und streitbar, ein messerscharfer Geist und ein schönes feines Wesen.
Inzwischen sind über 43 Jahre vergangen und wir haben immer noch eine wertvolle Verbindung, die ein Geschenk der besonderen Art ist. Ich hatte nicht das Glück, mit einer Familie gesegnet zu sein, die mir Heimat und Ermutigung gewesen wäre und genau deshalb waren mir die gefundenen Freunde ein wichtiger Halt.
Anfangs verbanden wir uns aus Wunsch nach Gedanken und Handlungsfreiheit, wurden getragen aus Distanz und Impulsivität und der Faszination für die Erforschung abstrakter Ideen, geistiger Originalität und Individualität. Wir waren jung, wir hatten Kraft und wir wollten die Welt erobern. Vermutlich hat uns das niemand mehr zugetraut als wir uns gegenseitig.
Was uns wohl ausmacht: Wir haben an uns geglaubt und tun das ungebrochen auch nach vier Dekaden noch. Ich möchte sagen, wir hatten und haben einen Seelen Gleichklang.
Dafür gibt es einen schönen Namen: Resonanz.
Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Widerhall. Wenn man sich einem anderen Menschen öffnen kann und über Gefühle und Gedanken spricht, die Raum im Anderen finden.
Dazu habe ich vor unendlich langer Zeit einmal ein Zitat gefunden:
Sich einem anderen öffnen können im Ozean des Lebens. Sich ausschütten bis Boden entsteht: Das wäre ein Boden zum Stehen.
Wir stehen immer noch, wenn auch mittlerweile etwas wackeliger auf den eigenen Beinen, aber der Boden hält. In diesem Zusammenhang sprachen wir die Tage über die „alten Sorten“. Und wie gut passt diese Analogie zu uns:
Es geht um Äpfel. Und das auch deswegen, weil mein Freund, das Juwel, ein schönes Grundstück besitzt, auf dem er eigenwillige Bäume, seltene Pflanzen und eine riesige Vielfalt an Insekten und Tierchen beherbergt. Hier „wandelt“ er und bestellt sein Stück Land mit Sachverstand und grosser Hingabe. Dort hat es alte Sorten Äpfel, die ihn als Nahrungsmittel durchs Jahr begleiten. Mein alter Freund ist klug und hat viel gelernt in seinem Leben. Aber hier, in seinem persönlichen Garten Eden, hat er die Dinge verstanden, die die Welt zusammen hält. Unermüdlich ist er dabei, die Welt zu be-greifen, zu gestalten und auch, dem Mysterium des Lebens zu begegnen, besser als irgendwo in seiner akademischen Welt.
Der Apfel hat wie keine andere Frucht Eingang in das Brauchtum und die Literatur früherer Kulturen gefunden. Er wird mit Begriffen wie Fruchtbarkeit, Liebe, Leben, aber auch mit dem Tod in Verbindung gebracht. Häufig trägt er wundersame, unerklärliche Kräfte in sich.
Keine andere Frucht kann sich in Bedeutung und Symbolik mit dem Apfel messen. Er ist eines der Basisprodukte unserer Ernährung seit dem Beginn der Kultivierung von Lebensmitteln. Das sagenumwobene Avalon deutet auch auf einen Zusammenhang mit Äpfeln hin: Es wurde im 12. Jahrhundert als die „Insula Pomorum“, die Apfelinsel, bezeichnet.
In der Genesis ist der Apfel das Symbol für die Bewusstseinswerdung des Menschen. Der Apfel galt als Frucht der Verlockung, als Frucht des Lebens, als Todesapfel. Er ist das Symbol der Erbsünde, aber in mittelalterlichen Abbildungen wird der Apfel in der Hand des Jesuskindes zum Symbol der Erlösung. Hiervon leitet sich auch die Bedeutung des „Weltenherrschers“ in Form des Reichsapfels ab, seit Kaiser Konstantin gehört dieser zu den Insignien der geistigen, himmlischen und weltlichen Macht.
Also ist mein alter Freund doch mehr als ein Juwel. Er ist der Hüter der alten Sorten von Äpfeln. Das gefällt mir: Auch nach vier Jahrzehnten reicht er mir ein aromareiches, überraschendes Stück Leben, das immer wieder neu genossen werden kann, das viel erzählt aus der alten Zeit, jedes Jahr neu gebildet wird und doch den köstlichen Geschmack eines gereiften Stückes Lebensmittel trägt.
Wenn man einen Freund hat wie ihn, ist das Leben immer noch ein Stück reicher.
Für heute lege ich den schönen Smaragd in meine innere Schatzkiste zurück. Was für ein Glück, dass er dort, unter weiteren Juwelen, gut aufgehoben und geschützt ist. Wir dürfen uns noch eine Weile länger geniessen.
La vie est belle – Das Leben ist schön.

