Schach und Matt

In der vergangenen Woche hatte ich einen schönen Menschen hier auf Jersey. Ich habe meine Reise ein bisschen pausiert und mal wieder gearbeitet. Die Woche vor ihm war auch eine Perle da, aber ich lasse sie in ihrem schönen Küsten-Nebel unerwähnt, weil sie sich so am besten bewegen kann.

Nun also der Schattenmann. Ich nenne ihn hier mal „Pi“. Seine Geschichte ist bemerkenswert. Seit ich ihn vor vielen Jahren kennenlernen durfte, versuchte er mir einzureden, dass er „ganz schön bösartig sein könne“ und ich nur seine warmherzige Seite kenne, die er angeblich nicht sehr oft auslebte. Aber ich habe ihm das nie geglaubt. In den vielen Jahren meiner Arbeit habe ich gelernt, den Illusionen nicht zu lauschen, sondern den Menschen nackt zu sehen. So gerne sehe ich den Menschen hinter ihre Masken, ganz egal wie gut getarnt sie sind. In Pi’s Fall sah ich eine feine Seele. Tiefe, Traurigkeit und auch viel Liebe.

Dass Pi oft ausrastete hatte Gründe. Es war eine Sprache, die er seit Kleinkindalter gelernt hatte. Nachdem er als Stammhalter geboren und sehr willkommen war, wendete sich das Blatt leider zu schnell. Der Vater verfiel dem Alkohol und dem Glücksspiel und war für die Familie wenig präsent. Und ausserdem hagelte es dem kleinen Jungen gegenüber Vorwürfe, weil er eben nicht so war, wie der Vater es sich gewünscht hatte. Schliesslich fing auch die Mutter mit dem Streiten an. Pi stand dazwischen, musste aushalten, brav sein, mitspielen und die Attacken der beiden gegeneinander über sich ergehen lassen.

Er flüchtete – zuerst ins Bett und damit den Schlaf, also die Lethargie. Und schliesslich in die Ohnmacht, die in ihm einen riesigen Schmerz verursachte. Den Schmerz betäubte er dann wiederum mit Aggression. Pi rastete oft aus, weil es zu gewaltig wurde, den Schmerz in sich hinein zu schreien. Schon bald vermisste er echte Nähe. Authentisches Sprechen über Gefühle. Ein unguter Kreislauf aus Ver-schweigen, sich zurück ziehen und distanzieren, Kälte und Streiten nahm von ihm Besitz.

In der Folge vermauerte sich Pi immer mehr. Er liess niemanden nah an sich heran, versuchte die Nähe einzig im Sex. Hatte viele Liebschaften, lebte intensiv und leidenschaftlich. Und klug war er. Als Kompensation zu dem verlangten Männerbild seines Vaters kultivierte er seinen scharfen Geist, wurde ein Schachmeister und kletterte die Karriereleiter unangestrengt nach oben. Alles hätte gut gehen können, wenn er nicht immer diese innere Einsamkeit mit sich herum getragen hätte. Und wenn es die jähzornigen und vulkanischen Ausbrüche nicht gegeben hätte, die ihm seine Beziehungen zerstörten.

Vor einigen Jahren also machten wir die ersten Sessions miteinander. Die Symptome wurden geheilt, die Wurzel allen Übels aber schwelte weiter und nun war er bereit, sich auf Leben und Tod vollständig einzulassen. Ich musste schmunzeln, als er mir bei seiner Ankunft sagte, er habe eigentlich keine grossen Erwartungen, er sehe den Trip einfach als eine Art Erlebnisferien. Er wusste nicht, was ihn erwartete, ich schon.

Und so ist er dann auch aufgebrochen auf seine Reise. Im wahrsten Sinne des Wortes: AUF – GEBROCHEN. Nach einigen milden ersten Stunden ging es bald zur Sache und nun war er in der Lage, sich komplett dem Prozess hinzugeben. Wir lachten extrem viel über seine klugen Ausweichmanöver. Ein bisschen war es wie Schachspielen zwischen uns. Er war sich siegessicher, ich auch. Ich durchblickte seine Bewegungen und seine klugen Moves. Und irgendwann dann durften auch die Tränen fliessen, die Wut in Rage explodieren und die neue Richtung eingeschlagen werden.

Kein Schicksal ist für immer. Wir müssen nicht mit dem Trauma als Drama weiterleben. Wir können auch abspringen aus Mustern, denen wir schon jahrzehntelang blind folgen. Der Autopilot muss ausgeschalten werden. Pi ist aufgebrochen in ein Leben, in dem er authentisch sein kann, seine wahren Gefühle fühlen, benennen und aussprechen. Endlich kann er sich ganz geben, sich mitteilen und sich der Welt schenken. Was für ein Vergnügen war es, ihm bei seiner Ent-faltung zuzusehen.

Und wie reich beschenkt bin ich mit meiner Arbeit auf der schönsten Insel im Ärmelkanal.

Ach, hatte ich es schon erwähnt? La vie est belle – Das Leben ist schön.

2 Gedanken zu “Schach und Matt

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