Sweet little Lieblichkeit

Das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf und wiederholt sich in Endlosschleife in meinem flachen Schlaf. Ich war am winzigen Flughafen auf Jersey und beobachtete, dort meinem nächsten Besuch entgegen freuend, die Ankommenden. Die kleine Ankunftshalle hat wenig zu bieten, kaum je mehr als 20 Menschen warten dort. Man kann die Schleuse sehen, aus der die ankommenden Passagiere kommen, nachdem sie ihr Gepäck vom einzigen Gepäckband geholt haben. Da die Menschen auf dieser Insel, meinem Gefühl nach, ganz besonders liebenswert sind, sieht man allerlei herzliche Szenen und hört schöne Worte, die sie einander laut zurufen, noch bevor sie sich allesamt in die Arme schliessen. Ich muss dort immer schmunzeln und bin jedesmal beglückt. Nicht nur weil ich dort selbst ausnehmend schöne Menschen abhole, sondern auch über all die Szenen, die ich dort beobachte.

Ich beobachtete einen langhaarigen coolen Surferboy, den seine Mam abholte die er warmherzig umarmte, alte Menschen, die sich in die Arme fielen weil sie froh waren begrüsst zu werden, Kinder die ihrem Papi entgegen sprangen, ein junges Paar, die sich nicht mehr loslassen wollten.

Und dann eine wirklich schöne ältere Dame, vielleicht in ihren Siebzigern. Schon vor der Ankunftshalle war mir ein dazu passender Herr aufgefallen, der super attraktiv war. Er fuhr seinen BMW Cabrio schnittig auf den Parkplatz und stieg mit einem riesigen Lächeln aus. Ich schaute ihn an, weil er so eine tolle Ausstrahlung hatte. Und dann kam seine Lady durch die gläserne Schleuse. Sie fiel mir vor allem auf, weil sie einen fantastischen Haarschnitt hatte und ihr Körper trotz des Alters noch eine schöne Grundspannung zeigte. Und sie war chic angezogen, stilvoll und lässig. Sie sahen einander. Die Lady liess ihre Tasche los und sprang auf ihn zu. Er war sehr gross und schlank, sie etwa 20 Zentimeter kleiner. Ich musste ein bisschen schmunzeln, als sie die Arme nach oben streckte während sie schnell auf ihn zulief. Dann, mit einem Satz, sprang sie ihm in die Arme und wickelte ihre Beine um seine Hüften und er hielt sie lachend. Setzte sie anschliessend sanft auf den Boden auf und nahm selbstverständlich die Tasche in die eine Hand und seine Liebste in den anderen Arm. Sie gingen beschwingt aus der Halle. Ich musste mir ein paar Tränchen weg tupfen. Ich liebe es, die Liebe zu sehen.

Es bewegte mich und ich dachte einmal mehr, wieviel Liebe hier auf dieser kleinen Insel im grossen Meer gefunden werden kann. Jeden Tag sehe ich hier skurile und kleine wunderbare Szenen und erlebe wirklich Menschlichkeit. Einen Tag vorher noch hatte ich wieder einmal erlebt, wie aufmerksam Menschen hier miteinander umgehen. Ich war vom Strand gekommen und auf dem Slipway war viel Sand geweht worden. Da meine lädierte Hüfte mich ein bisschen steif werden lässt ging ich langsam und vorsichtig über den rutschigen Untergrund. Sofort sprangen zwei Männer, die gerade von der anderen Seite kamen, auf mich zu und gaben mir Hand und Arm und zogen mich auf den sicheren Asphaltweg. Ich bedankte mich überschwänglich und der eine freundliche Zeitgenosse sagte, dass sei ein Akt der „Gentleness“ und eine Selbstverständlichkeit, das zu tun.

Die ganze Insel ist hier voller Liebe. Und das sehe ich nicht das erste Mal. Es lässt mich immer wieder zurück kommen. Ich geniesse es, hier Mensch unter Menschen zu sein. Die vielen liebevollen Worte zu hören. Die „Süssigkeit“ in der Sprache. Hier sprechen Menschen noch in Telefonzellen, feiert man die Flut mit hoch gestreckten Armen, bedankt man sich für alles, was einem Gutes wiederfährt (auch bei allen Menschen an der Kasse, dem Parkwächter, dem Passanten der einem Platz macht), man spricht sich mit „love“, „darling“ und „sweetheart“ an, ganz natürlich und in allen Altersgruppen. Und man macht sich Komplimente, einfach so, beim Vorbeigehen. Am Morgen, manchmal am Abend, treffe ich eine kleine Gruppe ältere Ladies, mit denen ich in den eiskalten Atlantik springe, immer quiekend wegen dem Kälteschock und immer frisch fröhlich.

In der vergangenen Woche sass ich einmal auf einem kleinen Mäuerchen am langen Strand und beobachtete versonnen die Szenerie. Es waren viele Menschen unterwegs am Strand, sassen zusammen, Kinder spielten. Klappstühle waren aufgeklappt worden, Gläser in der Hand, die Menschen kamen zusammen und sprachen miteinander. Weit und breit niemand zu sehen der sein Smartphone vor der Nase hatte. Drachen steigen in den immer windigen Himmel. Jugendliche spielen Fussball, Hunde rennen sich nach, während die Frauchen lachend schwatzen. Ich sass auf meiner Mauer und schmunzelte und lachte beglückt mit. Da lief ein älterer Herr an mir vorbei, sah mich an und sagte „Hello my love, I wish you a good afternoon“. Natürlich habe ich das gerne erwidert. Er lief weiter, ich sass weiter und beide hatten wir ein gutes Gefühl, weil wir einander begegnet waren.

Der kleine Kosmos hier auf Jersey dreht sich um Begegungen. Die Welt ist noch heil. Ich könnte ewig bleiben.

Denn hier mehr als irgendwo anders auf der Welt und auch auf meiner Reise um die Welt sehe ich es: La vie est belle – Das Leben ist schön.

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