George und Harriet

Diese beiden „lovebirds“ sitzen jeden Tag im botanischen Garten und lesen Bücher aus der Bibliothek. Sie sind mir gleich aufgefallen als ich meine Freundin Maria in Samares Gardens besucht habe. Das Paar sitzt dort, hat eine Thermoskanne mit Tee bei sich, belegte Brote und ihre Bücher. Harriet liest Liebesromane und historische Familiengeschichten, George Geschichtsbücher und Kriminalthriller. Sie sitzen fast den ganzen Tag dort, haben eine Jahreskarte, sitzen zwischen Rosenbüschen und in lauschigen Ecken in der chinesischen Gartenanlage.

Auf mein Ansprechen hin erzählten sie, dass sie schon über 80 sind und seit mehr als 60 Jahren ein Liebespaar. Das war keine hohle Phrase, es war eine grosse Zärtlichkeit zwischen den beiden, mehrmals strich George seiner Liebsten über die faltige Wange, stiess sie ein bisschen an beim Aufstehen und hielt ihr den Arm beim Hinsetzen. „Die Athrose“, so sagte er, sei ihr einziger Feind beim Älterwerden.

George wurde auf der Insel geboren, noch während des Kriegs. Mit einem Schmunzeln erzählt er, dass die Eltern während der deutschen Besetzung wohl Langeweile gehabt hätten und in den letzten Jahren des Kriegs viele Kinder geboren wurden. Während der Besetzung war Ausgangssperre, die Insulaner mussten jeden Abend und vor allem die Nacht in den Häusern verbringen, elektrisches Licht oder gar Versammlungen waren verboten, die meisten Pubs geschlossen. So entstanden viele Kinder, auch diese beiden hier, die so gerne leben und auch gerne auf ihr schönes Leben zurück sehen.

Es sind keine reichen Menschen, auch wenn sie jetzt auf dieser wohlhabenden Insel leben. George hat sein Leben lang im Hafen gearbeitet, Harriet war Lehrerin. Sie sind gebildete und vor allem herzliche Menschen, die sehr aufeinander aufpassen und jeden Tag mit Sonne draussen verbringen wollen. Dann ziehen sie los, mit ihren Büchern und dem warmen Wolltuch, dem Essen aus dem mitgebrachten Korb. Eigentlich sei Picknicken im botanischen Garten verboten sagt Harriet, am Anfang haben sie das heimlich gemacht (sie giggelt ein bisschen und zeigt wie sie heimlich in ein Brot beisst). Inzwischen sind sie ein bisschen wie eine weitere Attraktion im Park geworden, weil sie so herrlich schrullig und altmodisch sind und Menschen sie gerne bestaunen und wie ich, fotografieren und ansprechen.

Beide lesen für ihr Leben gern. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Harriet lässt sich gerne verzaubern und in ferne Länder oder fremde Kulturen versetzen, liebt Liebesgeschichten, will mitschwärmen und schmelzen. George verdreht amüsiert die Augen, als sie mir davon erzählt. Sie sagt, in einer Welt, in der alles nicht so heil wäre, würde sie gerne ein bisschen Zuckerguss in den Büchern geniessen und eine Weile davon träumen, dass die Welt so ist wie in den Romanen.

George las anfang,s weil er ein grosses Interesse hat für Geschichte und alles wissen wollte, wie sich die Dinge entwickelt haben. Dann brauchte er auch noch ein bisschen, wie er sagt „männliche Aufregung“, also Heldenepos und Herzklopfen.

Manchmal streiten sie ein bisschen wenn einer schon nach Hause zurück möchte und der andere noch ein Kapitel hat und es gerade so spannend ist. Dann machen sie Kompromisse. Einer vertritt sich schon die Beine, schaut ein bisschen im Park herum oder wäscht sich die Hände, der andere muss sich ein bisschen beeilen damit sie zusammen nach Hause gehen können. Sie wohnen in der Stadt, es ist ein gutes Stück zu gehen und neuerdings müssen sie ab und zu mal absitzen auf dem Weg, weil es etwas schwierig geworden ist, die ganze Strecke auf einmal zu schaffen.

Ich frage sie, was das Geheimnis ihres langen Lebens, ihrer schönen langen Ehe ist. „Humor“ sagt George, sie können über alles lachen, manchmal denken sie sich Stories über die Menschen aus, die sie im Park antreffen und dann kommen absurde Twists heraus, Kapriolen und unmögliche Wendungen. „A little bit Edgar Allen Poe is in everone of us“ sagt George. Sie schmunzeln. George schaut mich an und sagt: „Wenn ich mir eine Geschichte über Dich ausdenken müsste Maren, dann wärst du entweder eine geheime Blumenflüsterin oder eine Agentin, die mit Geheimnissen handelt“… Ich muss nun auch lachen. So weit weg ist er bei der zweiten Vermutung nicht…

Harriet’s Antwort auf das lange glückliche Leben heisst „Zärtlichkeit und Hingabe“. Sie hält seine Hand, er schaut sie liebevoll an. Am liebsten würde ich nun zu meinem Auto gehen, einen Klappstuhl holen und den Nachmittag mit den beiden hier verbringen. Oder sie zu Maria in den Teegarten einladen zu Cream-tea und einem Glas kühlen Weisswein. Aber ich entscheide mich trotzdem zu gehen. Das schöne lange Leben mit Poesie und Zusammengehörigkeit macht mich melancholisch. Ich bin spontan verliebt in die beiden und beschliesse, bald wieder in den Botanischen Garten zu gehen um sie zu sehen.

Es sind diese Begegnungen, die Jersey zu meiner Wahlheimat machen.

La vie est belle – Das Leben ist schön.

Hinterlasse einen Kommentar