Sebastian war schon immer verrückt nach dem Meer. Seine Mom Lauren erzählte mir, wie er schon als Zweijähriger wenig Interesse für die Sandförmchen und Schäufelchen hatte, die sie mit zum langen Strand nahm. Statt dessen warf er sich mit dem Bauch auf den nassen Sand und ruderte … sein Dad missverstand das und hob ihn hoch um mit ihm Flieger zu spielen, er solle doch nur seine kleinen Ärmchen ausbreiten, dann könne er fliegen. Aber Seb schrie aus Leibeskräften, bis der Vater ihn wieder auf die Beine stellte. Sofort liess er sich wieder auf seinen kleinen Babybauch fallen und ruderte.
Erst ein Jahr später verstanden die Eltern: Der Kleine wollte paddeln, auf dem Bauch liegend. Sie kauften ihm sein erstes Swimming Board. Er lernte schnell. Schon bald danach schwamm er. Und er wollte immer an den Strand. Sein liebstes Wort war nicht etwa Mom oder Dad sondern „Beach“. Kaum angekommen rannte er los. Aber: Der Atlantik ist nun mal kalt und die Brandung auch nicht ungefährlich. Es war anstrengend für die Eltern, den Kleinen ständig zum Schwimmen zu begleiten. So meldeten sie ihn zur Schwimmschule an. Dreimal in der Woche konnte er nun trainieren, meistens im Lido Havre des Pas. Später aber auch im Meer. Seb wollte alles – schwimmen, surfen, mit dem kleinen „Optimist“ Segelboot segeln lernen. Und er durfte auch alles. Für ihn war klar: Er würde Lifeguard werden. Erst, seit er 14 war, freiwillig, später sollte es sein Beruf werden. Bademeister und Lifeguard, am liebsten immer am Five-miles-Beach in St Ouen.
So oft es ging klemmte er sein Brett unter den Arm und surfte. Seine Clique bestand nur aus Surfern, sie träumten von den grossen Wellen, fuhren ab und zu mit der Fähre über den Kanal und dann an die Hotspots in der Bretagne. Sie lebten den Traum. Als er 19 war liess er sich auf den Rücken „Ripcurl“ tätowieren, den Namen seines Wetsuits. Ich fragte Lauren, ob sie denn nicht Angst gehabt hätte um ihren Sohn, der so riskante Manöver surfte, sich in den wilden Ozean stürzte, mit den Gezeiten spielte. Aber sie fragte mich, welche Art von Mutter sie denn dann gewesen sei, wenn sie wegen ihrer eigenen Angst ihrem Sohn das Liebste genommen hätte, das er hatte.
Es kam anders und jetzt wird es tragisch. Nach einem abendlichen grossartigen Surf mit seinen Freunden tranken alle noch aufgekratzt und glücklich einen heissen Tee und machten ein kleines Barbecue am Strand. Sie feierten, wie so oft, das Leben, die Wellen, den Tag. Ohne Alkohol, aber mit ganz viel Euphorie im Blut. Sie waren jung, wild und bezähmten täglich die Wellen. So sollte es ewig weitergehen. Nachdem es nachtschwarz wurde, räumten sie zusammen, stiegen in ihre Autos. Sebastian fuhr als erster los. Gemächlich, im gechillten Modus liess er sein Auto über die Schotterpiste rollen und wollte nach rechts abbiegen als es zu einem infernalischen Lärm kam. Seine Jungs sprangen aus ihren Wagen und rannten. Von links war ein unbeleuchtetes, gestohlenes Auto gekommen, mit einem betrunkenen Mann, der weder Fahrerlaubnis noch Versicherungskarte hatte. Er war ungebremst ist Seb’s Seite gefahren.
Weil Sebastian so schwer verletzt war, wurde sofort der Rettungshelikopter angefordert und er wurde auf die grosse Insel geflogen, in eine Traumaklinik nahe London. Sie kämpften um ihn. Seine Kopfverletzungen waren dramatisch, es bestand fast von Beginn an keine Hoffnung, dass er nochmals genesen würde. Und so kam es dann auch. Es war schnell klar, dass er es nicht schafft. Sie liessen ihn gehen.
Sie liessen seinen Körper verbrennen und die Asche nahmen die Jungs mit auf den Brettern in den Ozean. Lauren und Stan baten die Freunde, weiter zu surfen, sich das nicht nehmen zu lassen. Es gibt diese Bank am langen Strand, hier auf Jersey, die seine Freunde für ihn machen liessen. Ich sitze da ab und zu eine halbe Stunde bei ihm, dort habe ich auch Lauren kennengelernt. Noch immer ist der Strand wunderbar und mit unendlich vielen Surfern bevölkert. Die Wellen sind bei manchen Sturmfluten haushoch.
Ich muss auch an Ueli Steck denken, diesen verrückten und wilden Speed Kletterer aus der Schweiz. Gestern Abend habe ich eine Dokumentation über ihn auf Netflix gesehen. Er starb bei einem Trainingslauf und wurde nur 41 Jahre alt. Den Abend vor seinem Tod soll er euphorisch und glücklich gewesen sein. Ueli sagte, er hätte lieber einen Moment des wilden Herzklopfens in Gefahr, als hundert Jahre in der Gleichtönigkeit eines langweiligen Alltags.
Ich nenne Menschen, die die Sicherheit dem wilden Leben vorziehen gerne die Bordsteinmenschen. Sie stehen auf dem sicheren Bordstein und verlassen den eingetretenen Weg nicht. Vielmehr fürchten sie die Gosse (in die sie vielleicht treten werden) und vor allem die Fahrbahn, die so viele Gefahren birgt. Das kann man so machen – aber glücklich macht es eben wahrscheinlich nicht. Ohne Neues, ohne das Fremde, das Risiko, das Leidenschaftliche – gibt es keine Entwicklung, keine Kreativität und auch keine Euphorie. Man kann so leben und die allermeisten tun das auch so. Aber es gibt eben auch die anderen, die die Kopf und Kragen riskieren und deren Herz unbändig laut klopft und explodiert und die grossen Höhen der eigenen Belastbarkeit ausreizt.
Was richtig ist?
Lauren hat mir gesagt, sie sei vor allem glücklich für ihren Sohn Sebastian. Weil er die allermeiste Zeit seines Lebens glücklich war. Und auch die letzten Momente seines realen Lebens geliebt und gefeiert wurde. Ich habe sie umarmt und bewundert und ich bin dankbar, dass ich sie kennengelernt habe. Denn: Seit er gegangen ist lebt sie bewusst und liebt ohne Rückhalt. Ihren Mann, die zwei weiteren Söhne und auch die Freunde ihres Sohnes. Inzwischen sind über 20 Jahre vergangen. Aber von ihm bleibt: Lebensfreude. Und – sie surfen alle noch für ihn weiter.
Manchmal ist das Leben bitter. Aber meistens – ist es schön: La vie est belle.

