Der Seebär

Ich bin eine Woche mit einem Seebären gesegelt und das war wirklich ein Traum.

Es ging schon sehr bezaubernd los. Er wünschte sich von uns vier Teilnehmern des Törns, dass wir die Smartphones höchstens eine Stunde pro Tag anschalten und nur wenn wir privat kommunizieren möchten. Die Smartphones sollten nicht an Deck wandern, er wollte das von keinem von uns sehen … Wir sollten auf keinen Fall jemals den Standort an jemanden schicken oder melden. Denn: Es ging auf die Secret Islands.

Nach unserem allerersten Ankerplatz von dem wir den Namen noch kannten, segelten wir von Insel zu Insel. Manchmal auch stundenlang über das offene Meer, in dem wir Delfine und Rochen sahen, viele bunten Fische und unendlich viele kunterbunte Korallen. Greg, unser Skipper und Seebär, möchte diese Orte vor dem Zustrom zu vieler Touristen schützen (und tatsächlich sahen wir auch nur wenige). Drei von uns Gästen, Du ahnst es schon – alle ausser mir – wollten auch tauchen oder schnorcheln und sprangen immer wieder in das aquamarinblaue Wasser und gingen unter die Oberfläche in den kristallklaren, oft einsamen Buchten.

Abends sassen wir zusammen an Bord, denn die Inseln hatten auch keine Gastronomie. Wir kochten oder grillten und dann – strickten wir Seegarn. So nennt man das Geschichtenerzählen auf der See. Da wir !zu keinem Zeitpunkt! die Smartphones in der Nähe hatten, waren wir wirklich absolut anwesend und präsent miteinander. Was für ein Vergnügen! Ungeteilte Aufmerksamkeit! Kein schnelles Googlen, keine Fotos zeigen, kein Nachschlagen von irgendwelchen Informationen. Und vor allem keinerlei Ablenkung von uns allen. Wir sassen und lauschten. Und nahmen UNS wirklich wahr.

Reihum erzählte jeder von uns eine Geschichte. Es ging tief. Denn das war auch Greg’s Wunsch: Wir mussten ganz tief in unsere Herzkammern absteigen und aus tiefstem Inneren erzählen. Es war ein solches Vergnügen, zu erzählen. Es zu teilen. So wie für jeden von uns sieben. Wir hörten Trauriges, Tragisches, Lustiges, Unterhaltsames und Romantisches. Die Auswahl fiel mir sehr schwer. Da ich gerade an meinem Buch schreibe, hatte ich viele spannende Geschichten präsent. Ich entschied mich für eine lange Geschichte aus meinem reichen Repertoire an Liebesgeschichten.

Jeden Abend baten wir um Greg’s Geschichte und endlich endlich am letzten Abend erzählte er sie uns. Greg kommt aus Tasmanien, einer Insel vor Melbourne. Ein haariger, lustiger, wetter gegerbter Typ in den besten goldenen Jahren, zäh und gross, mit stahlblauen Augen und weissen Haaren. Ein Original. (das Fotografieren hat er uns auch verboten, entschuldige bitte dass es keine einzige Aufnahme gibt). Greg war lange verheiratet, bis seine Liebste vor 12 Jahren über die Regenbogenbrücke ging. Er erwähnte sie voller Wärme, aber das war nicht die Geschichte, die er uns erzählte. Seit Maureen’s Tod fährt er zur See. Seine schöne Yacht hat er als schwimmendes Hotel umgebaut, zwei feste Crewmitglieder angeheuert und cruised zwischen Australien und Indonesien im indischen Ozean auf allen Inseln und den schönsten Plätzen der Wasserwelt. Lädt Menschen wie uns aufs Schiff, um neue Freunde zu finden, besondere Erlebnisse zu bieten, seiner Leidenschaft zu frönen und damit Geld zu verdienen.


Jeden Tag, so erzählt er uns, schreibt er abends in ein ganz besonderes Log-Buch. Den achten Band hat er bereits voll. Jeden Abend schreibt er einen Brief an seine nächste grosse Liebe. Er freut sich auf eine Frau, der er noch begegnen wird. Er meint: „Ich suche sie! Sie sucht mich! Und ich werde sie finden! Irgendwann wird sie auf mein Schiff kommen oder ich sehe sie beim Tauchen oder in einem Laden, ich werde sie sofort erkennen und sie auch mich.“

Keine Frage, meine Mitseglerin und ich sind dahin geschmolzen, so romantisch fanden wir diese Geschichte! Aber, er konnte uns mit einem Schmunzeln in den Augen versichern, dass wir es beide nicht sind. Das hätten wir natürlich auch selbst gewusst 😉

Unser aller Geschichten gingen um Begegnungen. Und wieviele mehr hätte ich erzählen können. Jeder von uns. Im Grunde geht es um genau das im Leben: Dass jede Begegnung, jede Verbindung uns bereichert, verändert, inspiriert und zu einem Schritt bewegt. Wir haben diese 7 Tage ohne unsere Smartphones verbracht. Immer wenn wir zusammen waren, uns zu den Mahlzeiten setzten, das Steuer übergaben, den Wind feierten, die Tierwelt bejubelten, die Augen-Blicke tauschten, zusammen mit der Kaffeetasse auf dem Deck sassen waren wir vollständig präsent. Einander zugewandt. Und immer sagten wir am Ende nach jedem Gespräch: Thank you for sharing! Danke, dass Du Dich mitgeteilt hast!

Und wir erlebten auch einen nervenaufreibenden Tropensturm auf hoher See, mit riesigen Wellen, spannenden Manövern und ultraschneller Fahrt. Der Regen peitschte mir ins Gesicht, ich hatte mich angebunden und stand/schwankte draussen mit dem Seebären, dem Wetter ausgesetzt, bis in die kleinste Pore gespannt und voller aufregendem Herzklopfen. Wie habe ich das genossen! Ein Moment für die Ewigkeit. Nach einer Stunde war die Sturmzelle vorbei, wir segelten normalen Speed und am Abend ankerten wir in einer stillen Bucht. Greg war super stolz auf uns, weil wir die gefährliche Fahrt so ruhig und in uns gefestigt überstanden hatten. Ich behaupte: Das lag an der Vorbereitung aller Tage vorher. Niemand war abgelenkt. Wir waren total im Moment, auch im Sturm, als einige von uns unten das Interieur festhielten, andere sich selbst in ihren Kojen seekrank an die Wände schmiegten und Greg, Tom und ich oben den Gewalten zusahen.

Ganz ehrlich: Mit dieser Crew hätte jeder von uns weiter segeln wollen. Am liebsten einmal um Australien und Neuseeland herum und dann zurück nach Neuguinea oder Lombok oder Java. Monatelang. Aber es war eigentlich nicht der Törn: Es war das Echte, das Unabgelenkte, die Präsenz, das nackte Da-Sein ohne Abschweifen. Wir haben den Moment genossen, jede Stunde wurde lang, weil sie nicht weg gewischt wurde, nicht gefüllt mit Virtuellem oder Künstlichem. Wir haben die Fotos in unserem Herzen gemacht, uns auch ehrlich und echt ins Herz geschlossen ohne unsere Nummern zu tauschen. Auf keinen Fall wollten wir unsere reale Begegnung in eine Virtuelle wandeln.

Wir wollten: weiter ziehen und weiter sammeln. Geschichten und Verbindungen, Begegnungen und Berührungspunkte. Für immer verbunden sein ohne einander wieder zu verlieren (wieviele ehemals schöne Kontakte habe ich schon gelöscht in den Jahren? – das sollte niemals mit uns passieren)

Wir werden den Seebären in unserem Herzen tragen und jeder von uns freut sich für die nächste grosse Liebe von Greg, dass sie mit ihm segeln darf. Was für ein unglaubliches Geschenk, ihm und meinen Crewmitgliedern zu begegnen. Das wird mein kostbarstes Herzstück von vier Monaten in der Ferne sein. Ganz bestimmt werde ich noch lange, sehr lange, geniessen und daraus lernen, wie wertvoll diese Erfahrung war. Ich platze vor Dankbarkeit.

Ach, und bevor ich es vergesse zu erwähnen: La vie est tres tres belle. Das Leben ist (einfach) (wunder)schön.

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