In der vergangenen Woche habe ich ein lustiges Paar kennengelernt. Das heisst, erst lernte ich sie kennen. Sie: quirlig, lustig, extrovertiert, hungrig, lebendig und raumeinnehmend. Wir redeten schon eine ganze Weile, bis er auf der Bildfläche erschien: Überlegt, in sich ruhend, freundlich, wohlwollend. Es stellte sich heraus, dass die beiden seit 44 Jahren zusammen sind. Sie erzählte fröhlich, sie haben jung geheiratet, damit er nicht in den Kriegsdienst eingezogen wird.
Er blieb dennoch lange weg von zuhause, fuhr zur See, arbeitete schliesslich als Chemiker mit Karriere, sie bekamen Kinder und Enkelkinder, bauten Häuser, machten Urlaube, haben viele Freunde und wanderten vor zwei Jahren in die Karibik aus. Vom Auswanderort müssen sie jetzt ab und zu in die Ferien gehen, um Neues zu erleben, vor allem wegen ihr, eine wilde Hummel, die mit beiden Armen weit in die Welt greift und sich nicht leicht mit etwas zufrieden gibt.
Die beiden sind sehr unterschiedlich und trotzdem konnte ich sehen, wieviel Freude sie noch aneinander haben. Sie übertreibt alles ein bisschen und will immer noch viel Action und Abwechslung, er würde am liebsten einfach auf der Karibikinsel bleiben und mit den Delphinen dort schwimmen, jeden Tag einfach geniessen. Aber ihr ist die Insel zu klein, die Welt zu verlockend.
An einem Abend habe ich aber besonders das erlebt: Dass sie sich gegenseitig alles lassen und nicht aufeinander einwirken, keine Erziehungsmassnahmen irgendeiner Art, keine Massregelungen, nicht einmal gut gemeinte Tips oder Rat-Schläge. Wunderbar! Mitten am Abend steht sie auf und sagt: Diesen Anruf muss ich annehmen. Als sie schnell verschwindet sagt er: Das kann jetzt Stunden gehen. Aber er rollt nicht mit den Augen, atmet nicht geräuschvoll aus. Er lacht und schmunzelt. Ich sage ihm: Wie toll ihr miteinander umgeht und Euch Raum lasst! Und er: Jeden Morgen wenn ich aufwache und meine Frau ansehe denke ich: Ich hab alles richtig gemacht.
Am nächsten Tag schaue ich ihm zu, wie er umher tigert. Er läuft ans Meer, zurück, steht mal hier, mal dort, macht einen kleinen Plausch mit den Angestellten, kommt wieder, fragt sie ob sie etwas trinken möchte? Ich auch? Danke ja, er bringt unsere Getränke und tigert weiter. Ich frage sie, ob es ihr nichts ausmache, dass er nicht bei ihr sitzt und sie lacht. „Vierundvierzig Jahre sitzt er jetzt schon bei mir! Er guckt ja nur, ist gerne in Bewegung, ist doch toll! Manchmal nervt er mich auch, wir nerven uns. Aber ich liebe ihn. Ich will keinen anderen Mann haben, auch wenn ich das manchmal so flapsig sage.“
Was die beiden mir gezeigt haben: Grosszügigkeit. Sie gehen grosszügig mit den Launen des anderen um. Sie schauen grosszügig über Unterschiede hinweg. Sie gehen grosszügig auf die Wünsche des Partners ein. Sie geben sich Raum, zeigen sich einverstanden, sind fürsorglich und gleichzeitig auch autonom. Und vor allem: Sie verzeihen sich auch Schrulligkeiten. Er erträgt ihr exzessives Wesen und Sprechen, sie seine Besonnenheit und seinen Gleichmut (statt Übermut).
Über das Thema Grosszügigkeit habe ich oft nachgedacht in den letzten Wochen. Als Gegenthema zu Eifersucht und Neid. Ich denke, ich halte Grosszügigkeit für die schönste Form der Liebe. Und damit meine ich auf keinen Fall nur die materielle Grosszügigkeit, wobei die auch sehr lieb sein kann, wenn es von Herzen kommt.
Aber: Den anderen so sein lassen wie er ist, nicht eingreifen, nicht versuchen zu erziehen, nicht massregeln, nicht zurecht weisen. Wie oft habe ich das erlebt, diese klugen Rat-Schläge in meinen Partnerschaften, jedes Mal ist damit meine Liebe mehr gestorben. Denn: Grosszügig sein heisst auch: Die Dinge so lassen wie sie sind. Nicht recht haben wollen. Nicht (ver-)urteilen. Man muss auch nicht alles ansprechen, nicht überall mit dem Finger darauf zeigen. Und schon gar nicht: Der andere muss so sein wie ich das will. Das ist wohl das grösste Problem bei den meisten Partnerschaften, dass sie aneinander rum (er-)ziehen um den anderen passender zu machen. Solchen Menschen rate ich gerne zu Solitude. Dann lieber alleine bleiben, sich selbst alles recht machen und dem anderen seine Ruhe lassen 😉
Wie gerne denke ich da an einen lieben Freund von mir, der einmal auf eine äusserst zweifelhafte Eigenart von mir aufmerksam gemacht wurde. Und mein Freund sagte: Na und! Ich finde sie toll und sie kann so verrückt und kopflos handeln wie sie will. Ich sehe das Juwel (letzter Blog) und nicht die Schrottsteine. Danke dafür!
Zurück auf das Paar. Ich habe sie drei Tage beobachtet, es hat mir sehr gefallen wie gelassen er mit ihrem aufwühlenden Wesen umgegangen ist. Viele Male hat sie seine Loyalität provoziert. Er blieb immer: Wohlwollend, dankbar, wertschätzend, liebevoll und zärtlich. Ich musste ihm das sagen und ihn zu seinem schönen Wesen beglückwünschen. Er lächelte nur und sagte: „Happy wife, happy life“.
Oder wie ich es sagen würde:
La vie est belle – Das Leben ist schön.
