Heute morgen ziehe ich die zweite meiner 33 Bahnen im Pool… drehe mich auf den Rücken und sehe in den blaublauen Himmel, der heute strahlt – und ich werde mir bewusst wie viel Glück ich habe, gerade hier zu sein und wie anders mein Leben jetzt ist als vor einem Jahr, vor einem halben Jahr, vor einigen Monaten. Das beschäftigt mich seit Tagen. Ich fühle mich beschenkt vom Leben. Aber ich bin auch nachhaltig erschüttert.
In der vergangenen Woche sprach ich mit einem Einheimischen und er zeigte mir die Hütte, die er mit seiner Familie (7 Personen) bewohnt. Er sprach davon, wie glücklich er sich schätzen kann, jetzt einer regelmässigen Arbeit nachzugehen und damit alle zu versorgen. Das durchschnittliche Einkommen pro Monat beträgt hier auf der Insel im besten Fall ca. 170,–Euro.
Wie absurd kommt mir hier das Leben vor, das wir in der Schweiz führen. Ich ging ja gerne ins Cafe Odeon zum Frühstücken, oder zu Babu’s in die Theaterstrasse, absurde Preise… Schon ein Frühstück dort, die Parkspesen und ein paar Stunden auf dem Opernplatz mit lieben Menschen, das hätte ein Monatsgehalt von hier gekostet. Natürlich kann man das niemals vergleichen und soll es auch nicht. Aber ich sehe es klar, was unsere Welt mit uns macht. Und was die Welt hier mit den Menschen hier macht.
Das wohl Wichtigste: Die Menschen hier rücken zusammen. Sie helfen sich gegenseitig, schauen aufeinander, sind enorm dankbar.
Das Wohlstandsleben im fernen Zürich kommt mir hier völlig fremd vor. Ich war auch dabei auf dem Spielplatz. Habe es jahrelang beobachtet, es hat mich zunehmend befremdet. Ich möchte keinesfalls schwarz-weiss malen. In meinem Leben, in meiner „Bubble“ gab und gibt es nur wunderbare Menschen. Und ich hatte enorm viel Glück mit meinen Mitmenschen, Coachees, Kollegen, Freunden.
Aber das Leben in Zürich, in der Schweiz… trotz all dem Reichtum, der guten Jobs, dem attraktiven Aussehen, den tollen Autos, dem Haben-haben … ist es wirklich
g l ü c k l i c h ?
Ich erinnere mich an einen lieben Kollegen, der morgens barfuss auf einen Grünstreifen geht und im Winter in T-Shirt und kurzer Hose dort ein paar Thai-Chi-Übungen macht. Er erzählte mir, dass Menschen die Strassenseite wechseln und ihn einmal die Polizei angefragt habe, ob mit ihm alles in Ordnung wäre.
Ist denn noch alles in Ordnung mit uns?
Das geht mir diese Tage durch den Kopf: Wie natürlich leben wir noch? Wo sind unsere Prioritäten? Wie nehmen wir uns und unsere Verbindung mit der Welt wahr? Was fühlen wir? Sind wir sicher, da – wo wir sind? Werden wir genährt? Stehen uns liebevolle Menschen zur Seite? Können wir uns entspannen?
Und: Bist Du in der Lage diese Fragen auch wirklich zu beantworten?
In den letzten drei Monaten, heute ist der letzte Tag des dritten Monats, habe ich nichts anderes getan als mich zu entspannen. Und dabei hätte ich gar nicht gedacht wie extrem angespannt ich war! Ich wurde jeden Tag weicher, dabei war mir nicht bewusst wie hart ich schon war! Ich wurde achtsamer und dabei war mir nicht bewusst wie sehr mein Blick im Tunnel war. Unglaublich.
Was mache ich jetzt mit diesem Blick, dem neuen Blick?
Vielleicht ist das auch eine Begegnung, die ich auf meiner Reise hatte und habe: Die Begegnung mit mir selbst, meinem Leben und meinen Gedanken. Das Wahrnehmen von Sinnlichkeiten, Schönheit, Stille, der Weite. Der weiche Blick, der nirgends fest hält, sondern die Welt und Wahrnehmung erweitert.
Und dabei war ich ja ohnehin schon privilegiert in meiner Selbständigkeit. Hatte viele Wochen pro Jahr einen Perspektivenwechsel auf der kleinen Insel im grossen Meer. Hatte meinen eigenen Rhythmus, meine eigenen Entscheidungen. Tolle Menschen um mich, ein schönes Zuhause, wunderbare Wegbegleiter. Ich war in einem friedlichen Land zuhause, konnte weitestgehend tun was meinem Herz entspricht.
Aber hier kommt noch eine neue Nuance der Freiheit dazu: Dass ich gar nichts muss. Jeden Tag kann ich wählen was ich tue, meinem eigenen Tempo folgen, meine Ideen in mich „einfallen“ lassen, neue Gedanken denken. Und ganz oft kehre ich dann auch glücklich und frei-willig zu den alten Freunden und Menschen zurück, mit denen ich Kontakt haben möchte. Was für ein Glück.
Sollte nicht jede(r) von uns ab und zu so einen radikalen Stop machen um wieder bei sich anzukommen? Also: ALLEIN – all-ein sein?
Wo stehst du gerade? Was ist dir wichtig? Wie fühlst du dich?
Inzwischen ist mein Tag hier fast vorbei, die Sonne steht schon tief, das Meer kommt in sanften Wellen an den Strand. Die ersten Fischer stehen im ruhigen Meer und werfen ihre Angeln aus. Ich sitze mit mir auf der Kaimauer und bin total zufrieden, schreibe meinen Blogeintrag, wünsche dir eine schöne Woche, einen Moment der inneren Einkehr – und ein bisschen Sehnsucht im Herzen, einmal zur Ruhe zu kommen und dich zu fragen, wie gut dein Leben gerade ist.
Denn: La vie est belle – Das Leben ist schön!


