Vor einigen Jahren erzählte mir eine befreundete Juwelierin einmal die Geschichte, wie man wertvolle Schmucksteine kauft. Überaus beeindruckend und deswegen erwähne ich das hier gerne: Kommt man zu einer Mine, in der es zum Beispiel edle Aquamarine gibt, dann zeigt der Händler gerne zuerst seine schönsten Stücke. Er breitet ein schwarzes Samttuch aus, beleuchtet das Sichtfeld mit starkem Spotlicht und breitet seine Schätze darauf aus. Aus einem kleinen Säckchen holt er die allerschönsten brillant glänzenden Steine. Es funkelt und strahlt und man ist versucht auf die feinsten Stücke zu deuten, um sie zu kaufen.
Aber so geht das nicht: Die Steine werden nur im Kilopreis verkauft. Um eins der Juwelen zu bekommen, kauft man einen ganzen Sack Aquamarine. Über 90% der Steine sind da die sogenannten „Schrottseine“. Die, mit denen sich nicht viel anfangen lässt. Meist sind sie weder besonders klar noch makellos. Sie dienen einzig dazu, sogenannte „Trommelsteine“ zu werden: Steine, die man für wenig Geld verkaufen kann und die als Begleiter in Hosentaschen oder Deko in Schalen dienen. Oder in den Armbändchen, die Steinperlen auf Gummibändern um das Handgelenk zieren.
Auch edler Wein wird so verkauft. Zum Beispiel der fantastische Bordeaux von Château Pétrus. Da möchte man ein oder zwei echte Flaschen haben und muss ein 12er Gebinde kaufen, mit 10 Begleitweinen vom gleichen Weingut. Eine Investition, die in riesige Höhen gehen wird.
Aber zurück zu den Steinen: Um also ein oder zwei einzigartige Steine zu bekommen, kauft man einen Haufen Schrott mit, weil eben eine Mine nicht nur die edelsten Juwelen liefert, sondern eben auch sehr viel Beiwerk.
Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit Menschen und Begegnungen.Wie viel gewöhnlichen Smalltalk muss man ertragen, bis man mal zu einem echten Gespräch kommt! Wieviele Menschen lernt man kennen, die an der Oberfläche bleiben oder die sich wirkungsvoll tarnen und ihr inneres Strahlen niemandem offenbaren. Wie viele Begegnungen hat man, die nichts bedeuten, nichts in einem bewegen, nicht inspirieren und nichts auslösen! Und dann kommt jemand um die Ecke und man ist geflasht und berührt und man hat Lust, sich einzulassen, sich der Begegnung hin zu geben, sich zu offenbaren. Echte Juwelen, solche Menschen! Ein Geschenk!
In den vergangenen Wochen habe ich so viele Juwelen bekommen. Die meisten, allermeisten Menschen, die mir begegnet sind waren wirkliche „Schätze“ und keine Schrottsteine. Ganz schnell entfaltete sich vor meinen Augen eine Persönlichkeit, die Charakter, Tiefe und Schönheit zeigte. Ich war wirklich bezaubert, in einer solchen Fülle hatte ich das nie in so kurzer Zeit erlebt.
Und dann – Achtung, dachte ich darüber nach, ob man erst so weit weg gehen muss um eine so reiche „Ausbeute“ zu haben. Ich dachte wieder an die Aquamarin Geschichte. Bereits im Namen wird die Verbindung zum Meer deutlich: „Aquamarin“ bedeutet wörtlich „Wasser des Meeres“ und setzt sich aus den lateinischen Wörtern „aqua“ (Wasser) und „marinus“ (zum Meer gehörig) zusammen. Der Aquamarin gilt auch als die „Mutter der Edelsteine“ und kommt ursprünglich aus Minen aus Brasilien, später auch aus Afrika. Heute findet man ihn in Ländern wie Nigeria, Madagaskar, Mosambik und Sambia.
Muss man also ebenso weit reisen um Juwelen zu finden, die so wunderschön sind?
Nein. Ganz im Gegenteil. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich unendlich viele wertvolle, wunderschöne Menschen kennengelernt. Ich behaupte sogar, alle meine Coachees und Patienten waren schön. Alle! Warum? Weil sich Menschen, die sich öffnen, immer als klar, rein, pur und schön entpuppen. Der Schrott ist nur aussen, die Hüllen um den Mensch sind meistens dicht und auch manchmal dreckig. Schleifft man ein bisschen daran herum, zeigt sich bald vollendete Schönheit.
Mein Job war (und ist) vielleicht das: Den Dreck und die Schutzhüllen abzuschleifen um das wunderschöne Innere frei zu legen. Denn: In jedem von uns schlummert das Juwel. Wie wunderbar wäre es, würden wir uns nicht (nur) mit den Schutzhüllen zufrieden geben, sondern tiefer graben.
Und noch schöner: Die Hüllen einfach fallen lassen und geradeaus in unser Herz, unsere Menschlichkeit schauen lassen. Das kann in einem Gespräch passieren, einer Berührung oder einem Augen-blick.
Vielleicht ist das das Geheimnis der Juwelen meiner letzten Wochen: Wir hatten Zeit uns einzulassen, wir konnten uns im Gespräch begegnen ohne Zweck und ohne Ziel. Es war Zeit da, sich zu begegnen, es war ein Raum da, der es möglich gemacht hat, zusammen ein paar Atemzüge zu nehmen zwischen den Zeilen. Etwas zu spüren oder entstehen zu lassen. Wohlwollen und Zeit haben, Hingabe und Wahrheit. Wie bezaubernd.
Das Leben ist voller Schmuckstücke.
La vie est belle – Das Leben (und Du!) (b)ist schön!


