Das Erste was bei Christine auffällt ist ihr Lachen, laut und exzessiv, herrlich lebendig und farbenfroh. Und sie bewegt sich sehr speziell, vielleicht wie ein wildes Tier auf der Suche nach reichhaltiger und köstlicher Nahrung. Sportlich, mit einer guten Grundspannung. Die Frau hat eine Ladung im Körper, von der man nicht weiss, wohin sie sich als nächstes wenden wird. Und sie ist voller Genuss und Lebensfreude, vom Scheitel bis zur Sohle.
Erst als ich mit ihr – natürlich! ins Gespräch komme, offenbart sich ihre erstaunliche Vita. Und wir alle am Tisch staunen nicht schlecht, denn vor uns sitzt eine, die ihre eigene Heldenreise geschrieben hat, die aber felsenfest (steinböckisch) auf dem Boden steht.
Christine wird 1969 am Weihnachtstag in der zauberhaften Stadt Wien geboren. Die Eltern lernen sich in der Universität kennen, der Vater ist bald danach schon in einer höheren Position als Betriebswirtschaftler. Die steile Karriere des Vaters zeigt auf, wie sie in den 70ern beispielhaft ist, die Mutter legt zunächst ihre akademsichen Ambitionen zur Seite und zieht die vier Kinder gross. Es ist ein wohlhabender Haushalt mit klarer Rollenteilung und einem Vater, vor dem die Kinder auf den Fusspitzen gehen, wenn er einmal zuhause ist. Die meiste Zeit aber sitzt er im Büro, arbeitet jeden Tag, tagundnacht und die Mutter tut zunächst ihr Bestes, um das Familienleben stabil und korrekt zu halten.
Und Christine hat Glück. Sie wird mit einem sonnigen Gemüt geboren, als Christkind und Nesthäkchen hat sie viele Freiheiten und die, die sie nicht hat, erobert sie sich. Die drei Geschwister vor ihr mussten um jeden kleinen Spielraum kämpfen, bei Christine ist alles ein bisschen eingespielt und sie erobert auch ihr Terrain. Schon mit 16 sitzt sie auf dem Moped mit kurzem Röckchen und tut, was sie will. Da sie eine Vorzeigeschülerin ist, kann man ihr die kleinen Kapriolen verzeihen. Die Leistung stimmt – also darf sie auch eine Kür tanzen.
Als sie 12 ist geht die Mutter zurück an die Universität, macht hopplahopp ihr Jura Studium und die Anwaltszulassung und lässt die kleine Christine als Schlüsselkind aufwachsen. Wenn diese jetzt nach Hause kommt, dann ist es seltsam still im Haus und sie beginnt das TV anzudrehen und amerikanische Serien zu schauen. Dann MTV und schliesslich FAME – ein Highschoolfilm aus den 80ern, in dem die Schüler nicht nur fleissig lernen sondern spektakulär durchs Leben tanzen. Christine’s Herz schlägt donnernd laut: DA will sie hin! In die USA! Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Eine neue Welt erobern und raus aus Wien und dem Schoss der Familie.
Sie trällert den Titelsong von Fame …
Baby, look at me
And tell me what you see
You ain’t seen the best of me yet
Give me time, I’ll make you forget the rest
I got more in me
And you can set it free
I can catch the moon in my hands
Don’t you know who I am?
Remember my name
Fame! I’m going to live forever!
Fame! I’m gonna learn how to fly!
Jede Zeile des Songs wird Christine’s Weg beeinflussen.
Christine will in die Welt! Weit weg, nach oben, nach vorne, voran. Sie ist hungrig und hat Ambitionen die bis in den Himmel reichen.
Mit 18 hat sie die Matura bestanden und hat das Ziel Wirtschaft zu studieren in den USA ins Auge gefasst, schon bald hat sie das Ticket in der Hand. Auf ein College nördlich von Chicago für ein Wirtschaftsstudium soll es gehen. Sie sitzt alleine im Flieger, mit ihren zwei Koffern im Bus und schliesslich in ihrem Zimmer auf dem Campus. Und jetzt geht es los, schnell und intensiv. Eins ist klar: Auf keinen Fall will sie zurück. Das ist ihre Zeit und ihre Chance und sie will jede Möglichkeit nutzen.
Sie fiebert den Kursen über Aktien und Trading entgegen, ist eine Mathekünstlerin, brilliert im Studium. Schon nach drei statt vier Jahren hat sie den Bachelor in der Tasche. Und nebenbei schaut sie jeden Abend die Bill Cosby Show, um auch noch den amerikanischen Sprachwitz zu lernen. Schon im Studium beginnt sie zu arbeiten in den Sommermonaten, sie will an die Wallstreet und sie schafft es auch: Sie schreibt einfach ehemalige Studenten ihres Colleges an, die jetzt in New York City arbeiten und wird Junior Analystin in einer Investmentbank. Eine Männerdomäne! Sie ist 21, blutjung, klug, geistreich UND witzig und sie bekommt die Stellen, die sie will.
Schon bald sieht sie, dass sie eine weitere Ausbildung braucht, den CFA Abschluss muss sie haben, den Chartered Financial Analyst, auch diesen Schein hat sie bald in der Tasche. Und sie will noch mehr. Sie will sich behaupten in der Welt der Anzüge, ist noch immer ambitioniert und hungrig und – sie will unbedingt Senior Aktien Analyst bei einem der Key-Player der Branche werden. Schon bald arbeitet sie unglaublich viele Stunden, bekommt von der Firma ein kostenloses Abendessen, weil sie so lange bleibt. Und das Unternehmen lässt ihre Angestellten auch mit ein Chauffeur nach Hause fahren, wenn sie bis 22 Uhr arbeiten. Privatleben kennt Christine die nächsten Jahre nicht, aber es macht ihr nichts aus, noch immer brennt das innere Feuer lichterloh.
Jetzt möchte sie die Green Card, schon längst ist klar, dass sie in den USA bleiben will. Und sie möchte ihren Platz in der Aktien Analysten Welt, sie will Investments analysieren und dabei sein, wenn auf dem Finanz-Spielplatz gespielt wird. Nicht irgendwo, bei einem der grossen Fünf soll es sein. Dafür verlässt sie NYC noch einmal und macht das Masterstudium MBA an der angesehenen Wharton University in Philadelphia. Nur 6%! der Studenten, die eine Bewerbung abschicken, werden hier angenommen. Und als Frau in der Wirtschaftswelt ist Christine hier auch federführend.
Schon im Abschlussjahr der Wharton hat sie den Platz bei einer der grössten prestigeträchtigen Fondmanagement Unternehmungen der Welt. Hier wird sie in den nächsten 13 Jahren eine unglaubliche Karriere machen. Bald schon, 26jährig, sitzt sie an den Tischen der Konzernleitungen weltweit und lässt sich die Wirtschaftsdaten vorlegen und davon überzeugen, dass es eine nachhaltig erfolgreiche Investition sein wird. Und sie hat einen guten Riecher, betreut ihr eigenes Portfolio mit sehr vielen „Nullen“ hinter der 1 und wird ein „Crack“ auf ihrem Gebiet.
Als sie 39 ist, sieht Christine, dass sie eigentlich alles hat, ausser einem privaten Leben, es verlangt sie nach anderem, sie ist neugierig und will wissen, was die Welt sonst noch zu bieten hat. Längst hat sie bei den vielen Geschäftsreisen einen Geschmack für Asien bekommen, hat Yoga und neue Kulturen kennengelernt, ist interessiert an Kreativem und Interior Design. Sie steigt aus der Branche aus – sehr zum Entsetzen aller Kollegen und Mitmenschen. Eine solche Karriere zu beenden, dafür braucht man Mut, denn es würde ja mühelos so weitergehen.
In den kommenden Jahren wird sie ein Unternehmen für Interior Design gründen und führen, verschiedene Aufsichtsratsitze ausfüllen, sich zur Yoga Instruktorin ausbilden, um die Welt reisen, endlich eine lange liebevolle Beziehung führen und die Familie und Freundschaften pflegen. Sie probiert sich aus und ist entspannt und sie verwandelt alchemistisch alles zu Gold, was sie beginnt.
Inzwischen ist sie in einem Zirkel von Menschen, der in Startups investiert. Nur 3% aller Startups die mit Venture Capital versorgt werden sind von Frauen gegründet worden. Hier sieht sie neue Chancen, sich in Position zu bringen und etwas für andere mutige Frauen zu tun.
Aber jetzt steht sie wieder „an der Kante“, wie sie sagt: Sie will noch mal etwas Grosses machen! Das letzte Kapitel schreiben in ihrer unglaublichen Heldenreise. Nur was? Wo? Wie? Darüber hat sie jetzt genug Zeit, nachzudenken.
Ich freue mich sehr über diese Begegnung. Christine ist eine Frohnatur. Ein Freigeist. Eine die immer wieder gesagt hat: Ich werde das schon schaffen! Ich will meinen eigenen Weg! Mit Leidenschaft, Disziplin und Fleiss hat sie ihre Träume gejagt und alle Ziele selbst erreicht. Und dabei ist sie niemals abgehoben, sie ist fröhlich und locker, antastbar und saftig. Was für ein Vergnügen!
Ich wünsche ihr, dass sie noch einen weiteren goldenen Weg findet, der ihrem lebendigen und aufgewühlten Herzen entspricht, auf dem sie dann noch mal Vollgas geben kann. Sie ist ein schönes Beispiel für eine Frau, die ihren eigenen Weg gefunden hat. Für mich: Eine moderne Heldin.
Oder, um es ganz kurz zu machen:
La vie est belle! Das Leben ist schön!
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