Ich habe einen menschlichen Engel kennengelernt. Nicht der erste, aber auch ein ganz besonders wunderbarer Mensch.
Duminda wurde 1972 in Matara, der südlichen Provinz in Sri Lanka geboren. Es folgten vier Brüder. Die Familie wohnte im Haus des Mannes, inclusive seiner Eltern und Geschwister. Sie hatten es noch „etwas besser“ erzählte er mir. Die Familie gehörte zu der Kaste der Handwerker, die den König beliefern. Sein Vater arbeitete als Konstrukteur und die aufkeimende Wirtschaft liess viele Neubauten zu. Anfangs versorgte der Vater die Familie noch gut, bald aber feierte er kleine Erfolge mit abendlichen Trinkgelagen, die in den kommenden Jahren immer intensiver wurden. Bald war er dem Alkohol verfallen und das Leben mit ihm wurde gewalttätig und roh.
Der älteste Sohn ist in seiner Tradition immer der Beschützer der Mutter und seiner jüngeren Geschwister. Und Duminda nahm diese Stellung sehr ernst. Stets versuchte er, die Ausbrüche des Vaters zu mildern oder abzulenken. Dazu gehörte, dass er oft spätabends oder nachts vom Vater angerufen wurde, weil dieser zwei Zigaretten wollte oder eine Stütze für den Heimweg brauchte. Der kleine Duminda musste also, 8jährig, loslaufen und ein Kiosk finden, in dem es noch Zigaretten gab. Da er Angst hatte vor Motorrädern, den fremden Menschen, den Strassenhunden, lief er immer grosse Umwege und wurde dann vom Vater geschimpft, weil es so lange gedauert hatte. Er hatte auch Angst vor dem Vater, aber eins der Übel musste er in Kauf nehmen. Er bewahrte dennoch – bis heute – sein feines Herz.
Als Duminda 14 war, starb der Vater an den Folgen seiner Trunksucht. Die Schwiegereltern machten seiner Mutter klar, dass sie zwar im Haus weiter geduldet war, aber keinerlei Unterstützung erwarten konnte. Eigentlich dürfen Kinder unter 18 nicht arbeiten gehen, aber ein Onkel gab ihm einen Job in der Schreinerei und so arbeitete er vier Jahre dort nach der Schule, oft bis spät nachts, um die Familie zu ernähren. Das Leben war arm. Ein kaputter FlipFlop hiess, dass es tagelang nur Reis und Blätter gab. Die Mutter musste ab und zu in die Schule kommen und es war Vorschrift, einen Sari zu tragen, für den es kein Geld gab. Also arbeitete er doppelt so hart, manchmal die ganze Nacht, um das möglich zu machen.
Als Duminda 18 wurde, wusste er, dass sich etwas ändern müsse. Ginge das Leben so weiter würde es nur noch härter werden. Über einen Nachbarn bekam er Kontakt zu fremden Verwandten, die in Kuwait auf dem Flughafen arbeiteten.
Er schrieb einen Brief und bekam zwei Wochen später eine Antwort, dass er eine bestimmte Ausbildung und auch den Führerschein machen musste, um angenommen zu werden. Aber woher das Geld nehmen? Die srilankischen Freunde in Kuwait legten alle zusammen und er absolvierte die Ausbildung für die Flugsicherung und erwarb den Führerschein. Und dann ging es für ihn los. Zehn Jahre musste er sich verpflichten zu bleiben. Nach Rückzahlung der Ausbildung schickte er 80% seiner Einnahmen nach Sri Lanka, damit seine Familie auskam und die Brüder eine ordentliche Schule besuchen konnten.
Schon bald wurde es wieder eng. Es gab viel Ärger mit den Verwandten, bei denen Mutter und Brüder wohnten. Duminda sagte, er verzweifelte sehr, aber er würde mindestens 2 Jahre brauchen um das Geld zusammen zu haben für eine neue eigene Bleibe. Auch hier rückten die Sri Lanker wieder zusammen. Sie legten ihre Ersparnisse zusammen und so konnte ein bescheidenes Zuhause für die Familie gekauft werden. Weil nun aber kein Geld mehr zur Verfügung stand, er musste jeden Monat seinen 15 Kollegen etwas zurück geben, konnte er nichts mehr für den Unterhalt senden. Also arbeitete er an seinen freien Tagen als Essens Lieferant für Pizza Hut.
In dieser Zeit war er oft einsam und vermisste seine Kultur, sein Essen, seinen Tempel, seine Familie. Er zog trotzdem durch, war zäh und tapfer. Und: Duminda glaubt ganz fest an Karma. Damit erklärt er sich sein damals hartes Leben. Und wusste auch, dass er gutes Karma ansammelt für sich und alle weiteren Leben und auch für seine Familie.
In Kuwait war es damals extrem heiss. Oft 52 bis 60 Grad Celsius. In den Städten wurden die Temperatur auf grossen Displays angezeigt. Es gab eine strikte Weisung, nicht auf die Strasse zu gehen. Aber, so sagte Duminda, die Flugzeuge kamen ja trotzdem an, und jemand musste die grossen Fieger an den Abflug- oder Landeplatz schleppen. So sass er in seinem Safetycar, ohne Dach und ohne Klimaanlage und tat seinen verantwortungsvollen Job. Auch wenn die Sandstürme kamen im Winter und der Sand in jede noch so kleinste Ritze flog und die Landebahn in eine Wüste verwandelte.
Nach zehn unendlich langen Jahren, die Brüder hatten nun alle Schule und zum Teil Studium bestanden, hatte er einen längeren Urlaub in seiner Heimat. Nach zwei Monaten wollte er zurück kehren, um sich für weitere zehn Jahre zu verpflichten. Duminda war inzwischen 30 und hatte keine Frau gewählt, kein eigenes Leben gehabt. Er sass im Bus aus Colombo nach Matara, eine Fahrt von fünf Stunden in sengendheissem Klima. Eine junge Frau setzte sich neben ihn. Sie kamen ins Gespräch und der Liebesgott hat seine Pfeile gesandt.
Duminda ging nicht zurück nach Kuwait. Nach Befragung der Eltern, der Kasten und der Astrologen durften die beiden heiraten. Eine Liebesheirat. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er es mir erzählte. Zwei wunderbare Söhne wurden geboren, die beide Ingenieur werden wollen. In diesen Tagen feiert er mit seiner schönen Frau 20 Jahre Hochzeit. Voller Stolz zeigt er mir die Fotos, von seinen schönen Söhnen, von der Feier. In allen Bildern sehe ich Liebe und Zusammenhalt.
Inzwischen leben sie alle in einem schönen Haus. Die alte Mutter, denn als Ältester ist er für seinen Schutz für sie zuständig, seine Frau und die Söhne und seit kurzem auch Hunde. Im Dezember stieg Duminda aus dem Bus und war auf dem Weg nach Hause, als er eine heulende Hündin antraf. Die Frau daneben wollte ihn weiterschicken aber er interessierte sich für einen Karton, den sie in der Hand trug und an dem die Hündin hochspringen wollte. Er sagte er wolle sofort wissen, was da drin sei und die Frau sagte, er solle weitergehen, es sei etwas Bissiges darin. Aber er liess sich nicht abwimmeln und öffnete den Karton, in dem sich 7 kleine Welpen befanden, die die Frau an diesem Tag aus dem Weg räumen wollte. Entschieden nahm er den Karton an sich, die kläffende Hundemutter wurde von ihrer Besitzerin festgehalten.
Als er nach Haus kam, sagt er mit einem grossen Lachen in den Augen, habe seine Frau erst herumgeschrien, aber dann alle Welpen einzeln heraus genommen. Sie hat sich trotz aller innerer Widerstände, in die Hündchen verliebt. Sie wurden kastriert, aufgepäppelt und werden gut gefüttert. Und jetzt möchte die Frau keinen einzigen mehr weg geben.
Duminda ist ein lachender, glücklicher Mensch. Jede Faser seines Körpers strotzt vor Liebe und Lebensfreude. Er ist nicht gebrochen, sieht sich nicht als Opfer seiner Umstände. Bei einem gemeinsamen Tempelbesuch mit ihm sagte er mir, er sei reich beschenkt worden vom Leben, könnte gar nicht genug Danke sagen. Auch im Gebet opfert er Kerzen und Blumen und bedankt sich bei Buddha, dass er es so gut mit ihm gemeint hat. Er sagt: Ich muss ein gutes Karma haben. Mir ist immer alles geglückt. Ich habe eine wunderbare Frau, zwei Kinder, kann mich um meine Mutter kümmern, wir sind alle gesund. Und 2004, als der Tsunami in Matara 36.000 Menschenleben kostete, wurde ich rechtzeitig davon abgehalten hinunter an den Markt in Strandnähe zu fahren, obwohl ich das immer so gemacht habe und genau an diesem Tag von einer Köchin ins Gespräch vertieft wurde.
Ich laufe neben Duminda zurück zum Auto. Auf dem Weg sehen wir eine alte, magere Frau. Duminda zückt sein Portemonaie und gibt ihr 1000 Rupies (ca. 3 Euro). Davon, sagt er, kann sie eine Woche essen. Ich frage ihn, wie er denn entscheide wem er etwas gibt. Er sagt: „Hier gibt es arme Menschen und solche die Hunger haben. Ich gebe allen die Hunger haben. Das habe ich auch meinen Söhnen so gesagt. Ich weiss, wie Hunger aussieht. Das habe ich viele Jahre selbst erfahren.“
Es gibt sie noch, die menschlichen Engel.
La vie est belle – Das Leben ist schön.
