Leichtes Gepäck

In der vergangenen Woche lernte ich eine Dame kennen, die mit zwei riesigen Koffern für zwei Wochen Ferien angereist war. Tag für Tag überraschte sie mehrmals mit neuen Outfits, dem passenden Schmuck, schönem Make-up und allerlei Kopfbedeckungen. Wir anderen standen in immer den gleichen Klamotten da und waren ein bisschen erschlagen von der Fülle der Dinge, die man so haben kann. Und nicht genug damit: Beim Abreisen schaffte die besagte Dame es kaum, die Koffer zu schliessen, denn inzwischen hatten sich neue must-haves angesammelt.

Und es gab ja auch viel zu erzählen, Story an Story zu reihen und immer viel zu plaudern und zu fragen und zu kommentieren. Ich war ein bisschen überfordert von all dem schönen Singsang und den spannenden Geschichten. War ich doch hier um meinen Kopf leer zu bekommen und eigentlich – auch mein Leben.

Denn ich hatte ja nicht umsonst einen Ort am Ende der Welt gewählt, mich von so vielem verabschiedet. Ich dachte eigentlich, es gäbe nichts mehr loszulassen. Und dann erinnerte die Lady mich daran, dass es nun auch Zeit war, die Geschichten loszulassen. Die Heldinnentaten. Die Erfolge. Die Verantwortungsgefühle. Die Pflichten sich zu melden oder eben auch nicht. Und die Bindungen, die meinen Koffer bis zum Zusammendrücken gefüllt hatten.

Wie gut, dass mir da eine esoterische Tante sagte, ich solle mal über das Loslassen nachdenken. Erst musste ich schmunzeln, weil ich dachte, den Job habe ich doch vor Abflug gemacht – und dann ging ich noch mal über die Bücher. Denn: Bei der Massage erinnerte ich mich daran, dass mir ein Yogalehrer mal gesagt hatte, man solle immer den Unterkiefer loslassen, erst dann wäre man entspannt. Ich probierte es. Er war komplett eingerostet, so sehr hatte ich über lange Zeit die Zähne zusammen gebissen. Ich versuchte es etwas mehr und der ganze Kiefer und meine Lippen zitterten.

Das Zittern vom Mund kennen wir alle: Ganz kurz bevor wir weinen müssen zittert der verräterische Mund. Ich habe mich erinnert und bekam einen Sturzflut von Tränen nicht mehr unter Kontrolle. Loslassen also! Und was denn noch? Was denn noch?

Na – vielleicht auch die ganze Vergangenheit? Auch die guten Dinge? Nicht nur das, was ich entsorgt hatte auf der Sondermüll Deponie! Auch meinen Stolz auf das was ich geleistet hatte. Auch meine schönen Geschichten und eben – die Erfolge. Weil es eben vorbei ist. Und das weiter zu tragen meinen Gang nach vorne behindert. Eben so:

Ich muss trotzdem schmunzeln. Weil es in meinem letzten Adlercoaching genau um das ging: Um das leichte Gepäck. Viele Male haben wir den Song auf Jersey gehört. Und erst jetzt fährt er sogar mir ohne Umwege ins Herz:

Eines Tages fällt dir auf
Dass du 99 Prozent nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast und schmeisst ihn weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck

Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst
’n Kabinett aus Sinnlosigkeiten, siehst
das Ergebnis von Kaufen und Kaufen von Dingen
Von denen man denkt, man würde sie irgendwann brauchen, siehst

soviel Klamotten, die du nie getragen hast und die du
nie tragen wirst und trotzdem bleiben sie bei dir
Soviel Spinnweben und soviel Kram
So viel Altlast in Tupperwaren

Nicht nur dein kleiner Hofstaat aus Plastik, auch
die Armee aus Schrott und Neurosen
auf deiner Seele wächst immer mehr, hängt
Immer öfter blutsaugend an deiner Kehle

Wie geil die Vorstellung wär – das alles loszuwerden
Alles auf einen Haufen mit Brennpaste und Zunder
Und es lodert und brennt so schön
’n Feuer, in Kilometern noch zu sehen

Und eines Tages fällt dir auf
Dass du 99 Prozent davon nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck
Mit leichtem Gepäck

Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut: Nur noch leichtes Gepäck

Denn eines Tages fällt dir auf
Es ist wenig, was du wirklich brauchst
Also nimmst du den Ballast und schmeisst ihn weg
Denn es lebt sich besser – so viel besser – mit leichtem Gepäck

All der Dreck von gestern, all die Narben
All die Rechnungen, die viel zu lang offen rumlagen
Lass sie los, wirf sie einfach weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck

Nun, jetzt kommt die Frage aller Fragen: Und was behalten wir dann?

Das reine pure echte wundervolle wilde Leben.

Denn: Das Gegenteil von wild ist nicht kultiviert. Es ist gefesselt.


Das Leben ist schön – La vie est belle.

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